Um 12 Uhr mittags war ich gerade im Lager eingetroffen, als plötzlich Minenwerferfeuer in großer Nähe erscholl, zweifellos zwischen uns und der Abteilung Koehl. Unmittelbar darauf war die Fernsprechverbindung dorthin unterbrochen. Jetzt blieb keine Wahl, als sofort vom Koromalager her mit allen Kräften auf diesen neuen Gegner vorzumarschieren, wobei ich die stille Hoffnung hatte, daß es trotz der Ungunst des Geländes vielleicht gelingen würde, ihn zu überraschen und entscheidend zu schlagen. Nach einer knappen Stunde trafen wir am Timbaniberge ein und warfen vorgeschobene feindliche Abteilungen schnell zurück. Einige versprengte Leute von uns meldeten, daß der Gouverneur und die Bagage des Hauptmann Koehl vom Feinde überraschend angegriffen und alle Lasten verloren seien. Der Gouverneur selbst sei mit genauer Not entkommen, andere sagten, er sei gefangen genommen worden. Der Feind schoß ziemlich lebhaft mit mehreren Minenwerfern und wurde durch unsere Kompagnien von mehreren Seiten angegriffen. Er hatte aber eine gute Stellung eingenommen, in der er sich verschanzt und einen Teil der erbeuteten Lasten geborgen hatte. Leider nahmen wir ihm nur wenige wieder ab. Aber die feindliche Stellung wurde doch umstellt und unter konzentrisches, für den Feind recht verlustreiches Feuer genommen. Nach einer später erbeuteten Nachricht haben die I. King’s African Rifles allein hierbei etwa 200 Mann verloren.

Bei dieser Einschließung des Feindes unterstützten uns mehrere Kompagnien und Patrouillen des Hauptmanns Koehl. Auch dieser hatte sich mit seinen Hauptkräften gegen den neuen in seinem Rücken auftretenden Feind gewandt und hoffte, denselben schlagen zu können, während eine starke Patrouille, mit der Front nach Nordosten, seinen bisherigen Gegner hinhielt. Diese Patrouille war aber viel zu schwach. Sie wurde zurückgedrängt und mußte von neuem durch Truppen der Abteilung Koehl verstärkt werden. Wenn der Feind auch zweifellos im ganzen erhebliche Verluste erlitten hatte, so war ein durchschlagender Erfolg für uns doch nicht erreichbar. Das Gefecht wurde bei Eintritt der Dunkelheit abgebrochen, und wir rückten in das von mir erkundete günstige Gelände zwischen Timbani- und Koromaberg ab.

Im Lager am Koromaberg hatte sich inzwischen der Gouverneur eingefunden. Er hatte bei dem Abenteuer sämtliche Lasten verloren und wurde durch Unteroffizier Reder, dem bewährten und umsichtigen Führer einer Kolonne, verpflegt. Auch ich steuerte dazu bei, dem Gouverneur aus seiner Verlegenheit zu helfen und verehrte ihm ein paar blaue Strümpfe, die seine Gattin mir im Anfang des Krieges angefertigt hatte, die aber leider abfärbten.

Außer dem sehr fühlbaren Verlust von etwa 70000 Patronen hatten wir auch den Verlust eines größeren Bestandes von Papiernoten — ich glaube, es waren 30000 Rupien — zu beklagen. Meinem Wunsche, statt mit Papiernoten zu bezahlen, lieber Requisitionsscheine auszugeben und dadurch eine Menge Sicherheitstransporte zu ersparen und unnötige Verluste zu vermeiden, war früher nicht stattgegeben worden. Es waren Millionen Rupien Papiernoten gedruckt worden. Das Mitschleppen derselben war in dem jetzigen Stadium des Krieges eine besondere Last. Um in der Zukunft wenigstens weitere Verluste zu vermeiden, hat auf meine Anregung dann der Intendant einen großen Teil der früher mühsam hergestellten Noten wieder vernichtet.

Dritter Abschnitt
Im Gebiet des Lurio- und Likungoflusses

Am 23. Mai wurden vom Koromalager auf einem quer durch den Busch nach Koriwa abgesteckten Wege der Rest unserer Lasten und der Hauptteil der Truppe in Bewegung gesetzt. Der Hauptteil unserer Trägerkolonnen und die Kranken waren vorangegangen. Die Nachhut unter Hauptmann Otto blieb noch einige Tage am Koromaberge und wies dort mehrere Angriffe des Feindes erfolgreich ab. Es schien, als ob der Gegner wieder einmal nach der Beendigung einer konzentrischen Operation dort bei Timbani den Hauptteil seiner Truppen vereinigt hätte und vor Antritt des Weitermarsches einiger Zeit zur Regelung seines Nachschubs bedurfte. Zurückkehrende Patrouillen meldeten starken Autoverkehr auf der Straße Nanungu-Timbaniberg. Andere Patrouillen berichteten von dem Vormarsch feindlicher Kräfte von Osten her auf dem nördlichen Lurioufer.

Vom Feinde unbelästigt marschierte ich zunächst in die reiche Gegend von Kwiri, südlich Mahua, und dann von dort aus weiter zum Luriofluß. Dabei stellte es sich aber heraus, daß ein Teil unserer Schwerverwundeten und Kranken diese mehrtägigen Märsche in ihren „Maschillen“ (Tragbahren) nicht würde durchhalten können. Da war es nicht leicht, für ärztliche Pflege zu sorgen. Es waren zu wenig Pfleger da, um die Kranken einzeln von Fall zu Fall zurücklassen zu können. So blieb nichts anderes übrig, als die Kranken von Zeit zu Zeit zu sammeln und dann gemeinsam unter einem Arzt als vollständiges Lazarett zu etablieren und sich endgültig von ihnen zu trennen. Auch der Chefarzt der Schutztruppe, Generaloberarzt Dr. Meixner war bei Kwiri mit einem solchen Lazarett liegen geblieben. Von Leutnant d. Res. Schaefer, der uns bei den Vorbereitungen zum Gefecht von Jassini so ausgezeichnete Dienste geleistet hatte, und der jetzt an Schwarzwasserfieber schwer erkrankt war, nahm ich bei dieser Gelegenheit Abschied. Der erfahrene Afrikaner war sich über seinen Zustand vollständig klar, war freundlich wie immer und sah seinem unvermeidlichen baldigen Ende mit Ruhe entgegen.

Nördlich des Lurio wollte ich mich nicht lange aufhalten; ich glaubte, daß dieser Fluß, der noch vor kurzem hoch angeschwollen war, ein großes Hindernis sein würde. Es kam mir darauf an, dieses mit unserem zahlreichen Troß schnell und ungestört zu überwinden. Als wir am Luriofluß ankamen, stellte es sich heraus, daß um diese Jahreszeit zahlreiche Furten einen bequemen Uferwechsel gestatteten. Ohne Nachteile befürchten zu müssen, beließen wir einen Teil unserer Truppen auf dem Nordufer und bezogen mit dem Gros am Südufer Lager. Das Land war sehr reich, die Bewohner zutraulich; von den früheren Unternehmungen der Patrouillen und Streifabteilungen hatten sich gute Beziehungen gebildet; eine meiner Ordonnanzen wurde von alten Bekannten freudig begrüßt.

Mir kam es darauf an, daß die Engländer hier anbissen und veranlaßt wurden, immer mehr Truppen heranzuziehen. Wich ich dann langsam genug aus, so würden meiner Überlegung nach die starken feindlichen Truppen voraussichtlich folgen, wegen der großen Schwierigkeiten des Nachschubs aber nichts ausrichten können. Auf diese Weise konnte, was die Hauptsache war, genügend Zeit gewonnen werden für Unternehmungen gegen schwächere, weiter südlich gelegene feindliche Lager und Postierungen. Ein solches Lager wurde durch die nach Süden vorausgesandte Abteilung des Hauptmanns Müller bei Malema festgestellt, demselben Orte, wo unsere Truppen früher schon erfreuliche Erfolge erzielt hatten.

In mehrtägigen Gefechten nahm Hauptmann Müller die Boma Malema ein. Sie war von einem englischen Halbbataillon besetzt gewesen, das nachts in südlicher Richtung abzog. Gleichzeitig war eine portugiesische Patrouille von der Boma Malema aus nach Norden vorgegangen und zurückgekehrt. Hauptmann Müller hielt diese für die abziehenden Engländer, griff sie während ihres Marsches an und war sehr erstaunt, in den Gefallenen Portugiesen zu erkennen.