Nach dem Gefecht veränderte Hauptmann Müller seinen Lagerplatz. Oberleutnant von Schroetter, der malariakrank war, war dabei für kurze Zeit zurückgeblieben und wurde von einer plötzlich auftretenden englischen Patrouille gefangen. Als diese Patrouille zur Boma Inagu abmarschierte, gelang es ihm zu entkommen und unter Verlust seiner sämtlichen Sachen, ohne Kopfbedeckung — und das will in der Tropensonne viel besagen — schließlich die Unsrigen gänzlich erschöpft wieder zu erreichen.
Nach Eingeborenen- und Patrouillenmeldungen konnte kein Zweifel mehr bestehen, daß starke feindliche Kräfte, die bei Mozambique gelandet waren, nach Westen auf die Boma Malema zu vorrückten und schon bis auf wenige Tagemärsche in deren Nähe gelangt waren. Zugleich wurden auch von Westen her, aus Richtung Malacotera, Truppen auf dem Vormarsch in Richtung auf die Boma Malema gemeldet. Der von Norden folgende Gegner erreichte nach einigen Tagen den Luriofluß, so daß wir dessen Nordufer räumten. Nach erbeuteten Papieren und nach den noch auf dem Nordufer gelieferten Gefechten zu urteilen, war dieser Feind aber doch stärker, als ich es vermutet hatte. Vermittelst leichter Automobilkolonnen war es ihm möglich, uns mit seinem gesamten Nachschub sowie mit einer Truppe, die ich auf etwa 3 bis 4 Bataillone mit Hilfswaffen schätzte, schnell zu folgen.
Das Gelände längs des Malemaflusses, in dem unsere Lager sich befanden, war ganz außerordentlich reich. Der Mtama stand in voller Reife, und es gab reichlich Tomaten, Bananen, Süßkartoffeln (Bataten) und andre Früchte. Die Verpflegung war auch sehr vielseitig. Wild und Fische waren ausreichend vorhanden. Die Eingeborenen kannten die deutschen Truppen von früher her und waren sehr zutraulich. Als ich einmal von der einen Abteilung zur anderen ritt, kamen die Frauen aus ihren Hütten angelaufen, um das ihnen ganz unbekannte „Njama“ (Tier, Wild, Fleisch) zu sehen: ich ritt nämlich ein Pferd! Das reiche Verpflegungsgebiet war so ausgedehnt, daß wir es nicht annähernd ausbeuten oder schützen konnten. Es war gar nicht zu verhindern, daß es außer für uns auch für die großen Massen von Askari und Nichtkombattanten des Feindes den Lebensunterhalt lieferte. Wir konnten dem Feinde nicht die Möglichkeit nehmen, sich gleichfalls auf dieses reiche Gebiet von neuem in großem Maßstabe zu basieren und die Länge seiner Verpflegungslinie zu verkürzen. Das Land war für unsere Verhältnisse eben zu reich, und wir waren nicht imstande, es vor unserem Abrücken, wie in früheren Fällen, so weit auszufouragieren, daß es für die Verpflegung der feindlichen Massen unzureichend wurde. Dazu kam, daß wir im Augenblick sehr beweglich waren; durch den mehrwöchigen Aufenthalt waren die Verwundeten und Kranken so weit wiederhergestellt, daß alle, auch die Insassen der Feldlazarette, gut marschfähig waren.
Verwundet
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GRÖSSERES BILD
Dieser Vorteil wäre durch größere Gefechte wieder verloren gegangen. Ich faßte den Entschluß, die Gegend trotz ihrem außerordentlichen Reichtume allmählich zu räumen und den Ring, durch den mich die feindlichen Kolonnen in dem fruchtbaren Gebiete des Malemaflusses einkreisten, zu verlassen. Es war dabei meine Absicht, diese feindlichen Kolonnen durch den kleineren Teil meiner Truppen soweit hinzuhalten und zu beschäftigen, daß sie die Sache ernst nahmen und an meine Nachhut wirklich anbissen. Die Direktiven des englischen Befehlshabers, die in unsere Hände gefallen waren, taten mir bei dieser Überlegung sehr gute Dienste. Er wollte sich nicht zum zweiten Male, wie bei Koriwa, von uns „foxen“ (hinters Licht führen) lassen und hatte deshalb angeordnet, daß stets, sobald irgendwo mit uns Fühlung gewonnen würde, einige Abteilungen uns sogleich im Umkreise von 5 bis 6 englischen Meilen zu umgehen hätten. General Edwards, dem ich dies später einmal erzählte, war außerordentlich amüsiert, daß ich von diesen seinen Absichten Kenntnis erlangt und meine Maßnahmen danach getroffen hatte. Es lag auf der Hand, daß bei einer genügenden Staffelung meiner Truppen nach der Tiefe die feindlichen Umgehungsabteilungen in die größte Gefahr kommen mußten, zwischen meine Abteilungen zu geraten und auf diese Weise von meinen rückwärts gestaffelten Abteilungen in der Flanke oder im Rücken überraschend angefaßt zu werden. Leider gelang mir die Ausführung dieser Absicht nur unvollkommen. Man hatte in dem sehr dichten Busch eben doch, auch wenn man Lagerfeuer und Staub sehr genau beobachtete, zu geringe Anhaltspunkte, um eine Kolonne richtig anzusetzen, und es war für eine Kolonne sehr schwer, ihre Richtung innezuhalten. Hierzu gesellten sich aber noch eine Menge Störungen infolge dichten Busches, Sümpfen und Wasserläufen. Trotz alledem gelang es, ab und zu eine der feindlichen Umgehungskolonnen zu fassen und überraschend unter Feuer zu nehmen. Die unvermeidlichen Störungen bei Bewegungen getrennter Kolonnen im dichten Busch waren auf englischer Seite wohl noch größer als auf deutscher. Bei einem Zusammenstoß ergab sich oft ein Durcheinander, in dem Freund und Feind nicht wußten, wen sie vor sich hatten. So ging einmal die Abteilung des Oberleutnants von Ruckteschell, die zunächst dem Feinde gewesen war, auf die rückwärts gestaffelten Teile der Truppe zurück. Hierbei traf sie im Busch auf etwa 30 Schritt Entfernung auf eine Streifabteilung, die als feindlich erkannt wurde. In aller Ruhe und unter den Augen dieses Feindes wurden die Maschinengewehre in Stellung gebracht, und der Gegner, der die Unsrigen für Engländer gehalten hatte, darauf aus nächster Entfernung wirksam unter Feuer genommen und im Augenblick in die Flucht getrieben. Ebenso gerieten unsere eigenen Patrouillen häufig mitten zwischen die feindlichen Truppen. Vizefeldwebel d. Res. Schaffrath ließ bei einer solchen Gelegenheit seine Patrouille in dem dichten Gras niederlegen und eröffnete dann auf das Ende der vormarschierenden, feindlichen Kolonnen ein wirksames Feuer. Dann versteckte er sich wieder. So gelang es ihm im Verlaufe einiger Stunden noch mehrfach, dem Feinde empfindliche Verluste beizubringen und Beute zu machen.
Durch diese hinhaltenden Gefechte wollte ich Zeit gewinnen, um mit dem Gros in das weiter südlich gelegene, nach den vorhandenen Schilderungen als reich anzunehmende Land einzufallen und die dort vermuteten, kleineren feindlichen Besatzungen zu schlagen und zu vertreiben. Als nächstes Objekt kam dafür die portugiesische Boma Alto-Moloque in Betracht. Diese war nach einer erbeuteten Karte im Frieden der Sitz einer höheren Verwaltungsstelle und eines über den Rahmen einer Kompagnie hinausgehenden, höheren Militärkommandos gewesen. Dort mußten also Eingeborene und Verpflegung zu finden sein. Zwischen uns und Alto-Moloque lag das hohe Gebirge von Inagu. Der Weg, der von der Boma Malema westlich um die Inaguberge nach Alto-Moloque führte, war durch ein englisches Bataillon gesperrt, das bei Inagu in einem befestigten Lager lag. Es war also wahrscheinlich, daß unser Vormarsch auf diesem Wege gestört worden wäre, und das wäre mir bei der Größe unserer Trägerkolonnen unangenehm gewesen. Zum mindesten hätte unser Marsch Aufenthalt erlitten, und das beabsichtigte, überraschende Auftreten bei Alto-Moloque wäre vereitelt worden. Mir lag aber gerade daran, zu überraschen, da bei Alto-Moloque Beute an Munition und Waffen zu vermuten war.
So ließen wir den Feind in seinen Befestigungen bei Inagu unberücksichtigt und marschierten um die Inaguberge östlicher herum auf Alto-Moloque zu. Die operative Lage war etwas merkwürdig und wird durch die Äußerung eines alten Südafrikaners gut charakterisiert, der in seinem noch nicht ganz reinen Hochdeutsch meinte: „Is das eine komische Orlog (Krieg); ons lopt achter de Portugies an, und de Englanders lopt achter ons an.“ — Wir marschierten auf Negerpfaden oder auch quer durch den Busch. Mehrere größere Ströme mußten auf unserem Marsche durchschritten werden. Auch dieses Gebiet war reich, und wir stießen bald auf starke Menschenspuren, die in Richtung auf Alto-Moloque zogen, sowie auf Lagerbauten, wie ich sie in dieser Art zum ersten Male sah. Es waren dichte und sehr ordentlich gebaute Grashütten. Die Feuer glimmten teilweise noch, die umherliegenden, abgeschnittenen Hühnerköpfe waren noch frisch. Auch Schießereien mit portugiesischen Patrouillen fanden statt, und einige Gewehre mit Munition wurden erbeutet.
Es galt, keine Zeit zu verlieren; die durch Befreiung von allem Troß besonders beweglich gemachte Abteilung Müller marschierte voraus und fand in Alto-Moloque nur wenige portugiesische Offiziere und Unteroffiziere vor, die auf der Veranda des sehr schönen Europäerhauses gerade Kaffee tranken und gefangen genommen wurden. Mit dem Gros folgte ich jetzt langsam; die Nachhut unter Hauptmann Koehl hatte eine ganze Reihe kleinerer Zusammenstöße, die im ganzen dem Feinde eine nicht unerhebliche Reihe von Verlusten beigebracht haben. Eine unserer Askaripatrouillen war beim Einsammeln von Verpflegung durch eine stärkere feindliche Patrouille überrascht und gefangen genommen worden. Sie war Zeuge, wie dann diese feindliche Patrouille mit einer anderen englischen Abteilung ein recht verlustreiches Gefecht im Busch hatte und konnte bei dieser Gelegenheit wieder entwischen. Die Unvorsichtigkeit, mit der manche unserer Europäer trotz allen Mahnungen immer wieder verfuhren, hatte für uns einige unnötige Verluste zur Folge. Ein Askari, dessen Vater, der alte Effendi Plantan, schon zu den Zulu-Askari von Wißmann gehört hatte, war ein besonders zuverlässiger und intelligenter Mensch, den ich gern auf Patrouillen mitgenommen hatte. Von einem ganz überflüssigen Botengange ist er nicht zurückgekehrt und wahrscheinlich abgefangen worden. Es ist eine allgemeine Erscheinung, daß ein großer Teil der Kriegsverluste in Ostafrika überflüssig und durch Gedankenlosigkeit an den Haaren herbeigezogen war.