Allmählich schloß Abteilung Koehl auf das Gros auf. Dieses hatte die große Straße Alto-Moloque-Inagu an einer Europäerpflanzung mit reichen Truppenverpflegungsbeständen erreicht und von hier aus auf der feindlichen Fernsprechleitung mit Alto-Moloque, von wo zuerst ein Portugiese, dann aber Hauptmann Müller geantwortet hatte, Verbindung aufgenommen. Hauptmann Müller meldete, daß nur wenig Munition erbeutet worden wäre; diese sei vielmehr durch mehrere Trägerkarawanen noch gerade rechtzeitig in südwestlicher Richtung abtransportiert worden. Starke Patrouillen folgten sofort den Spuren derselben. Als das Gros am 16. Juni bei Alto-Moloque eintraf, fanden wir hier sehr schöne massive Europäerhäuser vor. Recht anmutig lagen sie auf einer kleinen Höhe und boten einen meilenweiten Umblick über die umgebenden Wälder auf die mächtigen und schroffen Felsengebirge in der Ferne. Tausende von Apfelsinenbäumen standen gerade in voller Reife und gaben der Station bei den Farbigen sofort den Namen „Boma ja machungwa“ (Apfelsinen-Boma).
Die zahlreichen Karten und Schriftstücke aller Art, die in der Station vorgefunden wurden, gaben uns ein leidlich anschauliches Bild über das in der Richtung auf Quelimane zu gelegene Gebiet. Wir konnten daraus ersehen, daß von Alto-Moloque über Ili eine Drahtlinie bis nach Quelimane führte. Am Einfluß des Lugella in den Likungofluß war der Sitz einer großen Gesellschaft, der Lugella-Gesellschaft. Dort befanden sich große Plantagen und Fabrikanlagen und lagerte viele Verpflegung. Überhaupt schien an diesem Sitz der Lugella-Gesellschaft ein Hauptreservoir an Verpflegung und Munition für größere Truppenmengen in Vorbereitung zu sein. Wollte man die Chancen, die eine solche Lage für uns bot, ausnutzen, so mußten die Unterführer sehr schnell handeln und durften durch keine allzu bindenden Vorschriften eingeschränkt werden. Das Bild, das ich mir machte, beruhte eben doch vielfach auf nicht erwiesenen Annahmen. Unsere verfolgenden Patrouillen mußten sich schnell und selbständig anpassen können, wenn das ursprünglich gemachte Bild sich nachträglich nicht bewahrheitete. Zeit durften sie nicht verlieren; sonst war es dem Feinde möglich, seine Bestände rechtzeitig abzutransportieren. Er wurde darin durch eine Eisenbahn, die nicht weit südlich des Sitzes der Lugella-Gesellschaft ihren Anfang hatte und von dort nach Süden, zum Namakurafluß führte, und durch die auf diesem Flusse verkehrenden Dampfer unterstützt.
Wie es so manchmal geht, haben unsere verfolgenden Patrouillen und Kompagnien gelegentlich etwas versagt. Es darf aber nicht vergessen werden, daß außer vielem anderen ein sehr gereiftes taktisches Urteil dazu gehört, um selbständig zu entscheiden, wann die sehr aufreibende, weitere Verfolgung des fliehenden Feindes mit allen Kräften noch weiter fortzusetzen oder wann sie abzubrechen ist. Um die Gunst der Lage aber doch nach Möglichkeit zu ergreifen, entsandte ich noch am Tage meines Eintreffens in Alto-Moloque die ganze Abteilung Müller, deren Gros bis dahin von mir festgehalten worden war, zur Verfolgung. Bei verschiedenen Patrouillen und kleinen Streifzügen wurden in der Gegend von Alto-Moloque vereinzelte portugiesische Askari aufgegriffen, die sich teilweise in den Dorfschaften der Gegend aus eigener Machtvollkommenheit als kleine Tyrannen niedergelassen hatten und uns von den Eingeborenen gemeldet wurden.
Die Gegend von Alto-Moloque erwies sich, wie erwartet, als sehr reich. Wir waren daher in der Lage, der Abteilung Müller einen größeren Vorsprung bei der Verfolgung des Feindes zu lassen. Eine der Patrouillen dieser Abteilung hatte bei Ili ein feindliches Magazin erbeutet; eine feindliche Trägerkolonne, die von einer, mehrere Tagemärsche östlich von Alto-Moloque stehenden, englisch-portugiesischen Abteilung entlassen worden war und ohne eine Ahnung von unserer Anwesenheit zu haben, den Ort Alt-Moloque passieren wollte, war unserem Intendanten sehr willkommen zum Abtransport der bei Ili erbeuteten Verpflegung. Dieser beabsichtigte Abtransport glückte bedauerlicherweise nur zum Teil, da bei Ili eine neue englische Abteilung eintraf, anscheinend von Inagu her, und unsere Patrouille vertrieb.
Der Weitermarsch unseres Gros auf Ili zu wurde durch größere feindliche Patrouillen belästigt, die sich von Norden her der Straße Alto-Moloque-Ili genähert hatten. Eine dieser Patrouillen wurde sofort energisch verfolgt und in ihrem Lager überfallen, aber ich gewann doch den Eindruck, daß sich stärkere Kräfte des Gegners von Norden, von Ili und Alto-Moloque her uns näherten. Ich hatte nicht die Absicht, mich aufzuhalten, sondern wollte im Gegenteil möglichst bald auf die Abteilung Müller, die sich auf dem Marsche nach Lugella befand, aufschließen. So marschierte ich südlich um Ili herum und nahm die portugiesische Station Nampepo in Besitz. Von den portugiesischen Gesellschaften sind in dieser Gegend in etwa Tagemarschentfernungen kleine, sauber gebaute Stationen errichtet worden, um die herum die Felder liegen, welche die Gesellschaft bewirtschaftet. Eine ganze Reihe dieser Stationen und der dazugehörigen Magazine waren während des Marsches in unsere Hände gefallen. Auch Nampepo war eine solche Niederlassung, nur größer als gewöhnlich, und in einem außerordentlich reichen Gebiet gelegen. Eine Spezialität des Lagers von Nampepo bildete die Jagd auf zahme Schweine. Diese liefen in großer Zahl verwildert im Pori umher, so daß wir hier außer Schweinebraten und Sülze auch eine prachtvolle Blutwurst zu essen bekamen. Ein deutscher Pflanzer aus der Gegend von Morogoro, Hauter, der während des Krieges viel Wurst nach Morogoro geliefert hatte, hatte sich in der Zubereitung derselben genügende Kenntnis verschafft, die uns hier zu statten kam. An Stelle des Rinderdarmes nahm er den Schweinemagen, und der Genuß dieses ungewohnten Leckerbissens war so groß, daß wir uns auch durch die in unserem Lager einschlagenden Geschosse nicht stören ließen.
Es näherte sich nämlich eine stärkere feindliche Kolonne von Norden her der Boma Nampepo, die Hauptmann Spangenberg mit unseren Vorposten besetzt hielt. Man konnte von der Höhe aus deutlich den Anmarsch einer großen feindlichen Kolonne bemerken. Da die Gelegenheit zu einem Angriffsgefecht für uns außerordentlich günstig war, so wurde der Feind in seinem Anmarsche nicht gestört. Er griff uns aber wider Erwarten nicht an. Die in einer Entfernung von etwa 1500 m aus dem Busch aufsteigenden Rauchsäulen verrieten uns, daß er dort Lager bezogen hatte. Patrouillen, die den Feind umgingen, näherten sich nachts dem Lager und schossen in dasselbe hinein. Die Abteilung Koehl war inzwischen aufgeschlossen, und ich marschierte mit dem Gros weiter, um der Abteilung Müller in der Richtung auf Lugella zu folgen. Hauptmann Spangenberg blieb mit der Nachhut am Feinde und folgte uns dann mit Tagemarsch-Abstand.
Der Abteilung des Hauptmanns Müller war es inzwischen gelungen, den Likungofluß bei der Einmündung des Lugella in einer Furt zu durchschreiten; es gelang ihr, ein portugiesisches Bataillon, das von Süden her zum Schutze heranrückte, ziemlich gründlich zu schlagen. Einige Maschinengewehre wurden erbeutet. Die großen Bestände der Lugella-Gesellschaft fielen in unsere Hand; es konnte reichlich Verpflegung und Kleidungsstoff ausgegeben werden; die zur Verteidigung eingerichteten Gebäude und etwa 300000 kg Verpflegung wurden verbrannt. Hauptmann Müller hielt danach seine Aufgabe, da ein weiteres, lohnendes Ziel nicht bekannt war, zunächst für erledigt, ging auf das östliche Likungoufer zurück und erwartete dort mein Eintreffen.
Ich befürchtete, daß die reiche Beute der letzten Wochen einzelne unserer Europäer verleiten würde, sich Sachen ungerechtfertigterweise anzueignen, und nahm Gelegenheit, auf das unrichtige einer solchen Handlungsweise hinzuweisen. Es wurde daran erinnert, daß Kriegsbeute dem Staate gehört und daß der einzelne ein Beutestück, welches er benötigte, anzumelden habe. Dieses wurde dann abgeschätzt und von dem Betreffenden bezahlt. Es war mir wichtig, die Moral der Truppe unbedingt sauber zu halten, um an das Ehrgefühl appellieren und Leistungen verlangen zu können.
Munition war hier und da auch erbeutet worden, sogar ein kleines portugiesisches Geschütz war in unsere Hände gefallen, aber die erhoffte und angestrebte große Beute an Patronen hatte sich nicht gefunden. Es war mir überhaupt fraglich, ob in Alto-Moloque und Ili so große Bestände gewesen waren, ob es sich nicht vielmehr nur um Übertreibungen nach Eingeborenenart handelte. Es war nicht notwendig, daß dabei böser Wille der Leute vorlag; im Gegenteil, die Eingeborenen waren uns wohlgesinnt. — Einen der gefangenen portugiesischen Offiziere, der uns fortgelaufen war, brachten sie uns z. B. aus eigenem Antriebe wieder, einige deutsche schwarze Boys, die wohl geplündert hatten und von den Eingeborenen festgenommen und verhauen worden waren, brachten sie uns ebenfalls wieder an und entschuldigten sich damit, daß sie sie für Portugiesen gehalten hatten. — Wie schwer ist es schon für den Europäer, beispielsweise die Stärke einer marschierenden Abteilung zahlenmäßig zutreffend einzuschätzen! Der Eingeborene steht aber größeren Zahlen noch viel unsicherer gegenüber, und der von ihm gebrauchte Ausdruck „mingi“ (viel) oder „kama majani“ (wie das Gras) kann ebensogut 50 wie 5000 bedeuten.