Aber mögen nun die größeren Munitionsbestände gelagert haben, wo sie wollen, jedenfalls waren sie nicht in unsere Hand gefallen. Es galt, von neuem zu suchen. Daß sie irgendwo in dieser Gegend stecken mußten, darauf deuteten die gesamte Kriegslage sowie die von uns erbeuteten Schriftstücke hin. Es hatte viel Wahrscheinlichkeit, daß die vermuteten größeren Bestände weiter südlich lagerten, sei es, daß sie infolge unseres Anmarsches dorthin abtransportiert worden waren oder aber, daß sie sich schon früher dort befunden hatten. Es war wahrscheinlich, daß diese Vorräte sehr bald weiter zur Küste geschafft wurden und im Notfall von dort aufs Schiff gingen.
Stärkere Patrouillen hatten während unseres Marsches mehr als tagemarschweit die Gegend abgestreift und einige kleinere feindliche Verpflegungsmagazine, aber keine Waffen oder Munition erbeutet. Die Abteilung Müller, mit der wir uns am 27. Juni bei Mujeba vereinigt hatten, marschierte noch an dem gleichen Tage weiter nach Süden; die Eingeborenen erzählten nämlich von einer großen Boma Origa, die irgendwo weiter südlich in der Gegend der Küste liegen sollte und wo viel Munition aufgestapelt sei. Diese Boma sollte die Abteilung Müller aufsuchen. Die Nachrichten darüber waren, wie in allen solchen Fällen, sehr ungenau. Ich war mir klar, daß mit Sicherheit während des Marsches wieder andere und widersprechende Meldungen eingehen würden. Lange Zeit zur Prüfung der Nachrichten hatte man aber nicht. Man mußte darauf vertrauen, daß wenigstens etwas Wahres an ihnen sei. Dieser Lage entsprechend wurde dem Hauptmann Müller größte Freiheit des Handelns gelassen. Sollte sich auf seinem Wege irgendein lohnendes Objekt finden, so sollte er ohne Zeitverlust entscheiden, was zu tun zweckmäßig wäre. Ich würde mit dem nachfolgenden Gros unbedingt zu seiner Unterstützung eingreifen und mich auf jeden Fall mit der durch ihn geschaffenen Lage abfinden. Vor allem dürfte er besondere Befehle und Weisungen nicht abwarten. Ich war mir bewußt, daß hierdurch die Führung unserer Operationen in hohem Maße in die Hand eines Unterführers gelegt wurde; das war nur bei einem sehr guten, taktischen Urteil und großer Initiative dieses Unterführers möglich.
Unsere Vorhut hatte mit ihren drei schwachen Kompagnien gleichzeitig die Aufgabe einer sehr weit voraus zur Aufklärung entsandten Kavallerie und einer mit großer Entschlossenheit geführten Avantgarde zu erfüllen. Unter anderen Umständen hätte ich mich in dieser wichtigen Lage selbst bei der Vorhut aufgehalten und mir dadurch einen größeren Einfluß auf den Gang der Operationen gesichert. Die Erfahrung hatte mich aber gelehrt, daß meine Anwesenheit beim Gros wegen unserer weit auseinandergezogenen Marschkolonnen unerläßlich war, um Stockungen rasch zu beseitigen und bei einer unvorhergesehenen Änderung der allgemeinen Lage eingreifen zu können. Man darf nicht vergessen, daß unser ganzer Vormarsch nur auf Kombinationen beruhte und daß, wie es tatsächlich oft geschehen ist, durch unvermutet aus einer anderen Richtung erscheinende feindliche Abteilungen die Lage sich mit einem Schlage von Grund aus ändern und sofortige neue Anordnungen erforderlich machen konnte. Wir marschierten damals auf den schmalen Negerpfaden oder quer durch den dichten Busch in der Marschkolonne zu Einem. Bei einem Tagesmarsch von 30 km mußte bei der großen Länge unserer Marschkolonne der Anfang schon in der Dunkelheit, also um 5 Uhr morgens aufbrechen, wenn das Ende der Kolonne noch am gleichen Tage, wenn auch erst spät abends, kurz vor der Dunkelheit, den festgesetzten Lagerplatz erreichen sollte. Das war aber notwendig; denn es galt, noch Lagermaterial zu beschaffen, Holz zu hauen, Gras zu schneiden und nötigenfalls für die Kranken Schutzdächer zu bauen. Hieraus ergab sich, daß die gesamte Truppe nicht geschlossen marschieren konnte. Dazu war sie viel zu lang. Die die Vorhut bildende Abteilung Müller marschierte ein bis zwei Tagemärsche voraus; die Nachhut, Abteilung Spangenberg, folgte dem Gros gleichfalls mit etwa Tagemarsch-Abstand. Verbindung wurde durch stehengelassene Relais aufrecht erhalten.
In den Meldungen, die mir durch die Relais der Abteilung Müller übermittelt wurden, erschien nun häufiger der Name „Kokosani“; dort sollten nach den gemachten Angaben größere Depots des Feindes unter starken Bedeckungstruppen lagern. Wo aber lag dies Kokosani? Der Name war auf unseren Karten nirgends zu finden. Erst allmählich stellte sich heraus, daß Kokosani dasselbe war, wie der auf portugiesischen Karten als Namacurra bezeichnete Ort. Nach allen bisher eingelaufenen Nachrichten sowie nach der Lage auf der Karte zu urteilen, mußte Kokosani jedenfalls das lohnendste Objekt sein. Ob es aber möglich sein würde, dieses wahrscheinlich sehr stark befestigte Lager mit unseren verhältnismäßig beschränkten Streitmitteln zu nehmen, darüber fehlte uns jeder Anhaltspunkt, das konnte erst der Versuch klarstellen. Hauptmann Müller war selbständig nach Westen zu dorthin abgebogen. Auf dem Wege stellte sich heraus, daß eine Furt über den Likungofluß, von der die Eingeborenen gesprochen hatten, tatsächlich vorhanden war.
Ich marschierte mit dem Gros nun flott voran, um aufzuschließen und erteilte gleichen Befehl an die Nachhut unter Hauptmann Spangenberg. Am 1. Juli nachmittags war das Gros am Likungofluß angelangt und durchschritt ihn sofort. Das Wasser dieses gewaltigen, etwa 400 m breiten Stromes reichte an den tiefsten Stellen der Furt bis zum Halse. Der Übergang dauerte für den einzelnen etwa eine Stunde. Als die Truppe glücklich auf dem Westufer angekommen war, wurden dort Lager bezogen und am nächsten Morgen den Spuren der vorausmarschierenden Abteilung Müller weiter gefolgt.
Unterwegs begegneten uns etwa 30 Eingeborene. Sie hatten in Kokosani gearbeitet und erzählten uns, daß eine große Zahl Portugiesen und Askari dort lagerten und daß viele Kisten angekommen wären. Die Verständigung mit diesen Leuten, die nicht Kisuaheli konnten, geschah durch Dolmetscher. Mehrere unserer Askari beherrschten die Landessprache oder verwandte Dialekte. Bald kam uns eine wichtige Meldung von der Vorhut entgegen. Hauptmann Müller hatte am Tage vorher den Feind bei Kokosani durch eine Umgehung völlig überrascht. Es war gelungen, am hellen Tage von Norden her durch ein Sisalfeld (kniehohe Agaven) ohne jede Deckung auf die Gebäude der Faktorei losmarschierend in die portugiesischen Befestigungen einzudringen und in einem mehrstündigen, recht erbitterten Nahkampfe die 3 darin befindlichen portugiesischen Kompagnien mit schweren Verlusten für den Feind zu schlagen. Dabei wurden eine Anzahl Gewehre sowie 2 Feldgeschütze mit dazu gehöriger Munition erbeutet.
Ich selbst marschierte dem Anfang unseres Gros etwas voraus und traf vormittags auf weit ausgedehnte und übersichtliche Plantagenfelder. Dann folgte ich weiter einer Feldbahn, die auf der großen Straße mitten durch die Felder ging und nach kurzer Zeit ein Vollbahngleis kreuzte. Dieses führte, wie sich später herausstellen sollte, vom Namacurrafluß aus nach Norden bis in die Nähe von Lugella. Als Hauptmann Müller am Tage vorher an diesem Vollbahngleis eintraf, hielt er dort einen Eisenbahnzug an, der gerade von Lugella her ankam. Man kann sich die große beiderseitige Überraschung denken, als diesem Zuge einige portugiesische Unteroffiziere entstiegen, die Müller bei Lugella gefangen genommen und wieder laufen gelassen hatte.
Beim Eintreffen an den Faktoreigebäuden kam mir Hauptmann Müller ziemlich lahm entgegengehinkt. Er äußerte sein Erstaunen darüber, daß ich mit meiner Abteilung unbelästigt auf der großen Straße direkt nach Kokosani gekommen war und glaubte, daß irgendwo in der Nähe noch 2 englische Kompagnien stehen müßten. Er hatte den Aufenthalt derselben bisher noch nicht feststellen können, aber die vom Hauptmann Müller erbeuteten Schriftstücke wiesen unzweifelhaft auf ihre Anwesenheit in der Gegend hin. Weiter teilte mir Hauptmann Müller mit, daß größere Mengen von Infanteriepatronen bisher von ihm noch nicht gefunden worden seien. Alle waren noch beschäftigt, nach derartigen Beständen zu suchen. Bei näherer Überlegung schien es mir nun das Wahrscheinlichste zu sein, daß die gesuchten Munitionsbestände gar nicht in der Gegend der Faktorei, sondern unmittelbar an der Vollbahn lagern müßten, und zwar an deren südlichem Anfangspunkt. Dort war die Anlage eines größeren Magazines geboten; denn hier mußte der Umladeplatz vom Schiffstransport des Namacurraflusses auf die Bahn sein. Es war festzustellen, ob diese Überlegungen zutrafen. Ich ging sogleich zurück und stieß auf dem Gelände der Pflanzung auf den Anfang unseres Gros. Die vordersten Kompagnien waren wenig erfreut, daß sie Kehrt machen mußten, um dann der Vollbahn weiter nach Süden zu folgen. Wenig schmeichelhafte Worte über meine Anordnung waren nach dem langen anstrengenden Marsche verständlich. Zum Glück für mich habe ich sie nicht gehört.
In ziemlich schlechter Laune trafen die ersten Leute in der Nähe des Bahnhofs ein; sie glaubten ernstlich nicht an einen Zusammenstoß. Plötzlich war er aber doch da; mehrere Askari unserer Spitze fielen durch feindliche Kugeln getroffen auf ganz nahe Entfernung. Die übrigen, gefechtsbereiten Teile des nachfolgenden Gros wurden herangezogen. Bei meinem Eintreffen war die Lage im einzelnen wenig klar; der Feind war offenbar verschanzt, nähere Erkundungen waren erst im Gange. Es entwickelte sich zunächst ein hinhaltendes Feuergefecht. Es fing an zu regnen und war unangenehm kalt, so daß sich alles recht unbehaglich fühlte. Ich selbst begab mich zur Kompagnie des Oberleutnants von Ruckteschell, die den Wellblechgebäuden des Bahnhofes in etwa 70 m Entfernung gegenüber lag und von hohen Termitenhügeln aus auf den Feind ein wohlgezieltes Gewehr- und Maschinengewehrfeuer abgab, sobald sich etwas zeigte.
Meiner Meinung nach war die augenblickliche Lage für einen Sturm auf den Bahnhof nicht günstig. Wir waren gezwungen, durch den dichten Busch, der durch wirksamstes feindliches Feuer beherrscht wurde, gegen die Stellung des Gegners anzulaufen. Das bot aber kaum Aussicht auf Gelingen. Eine Menge Leute wären wahrscheinlich nicht mitgelaufen, und diejenigen, die an die feindlichen Befestigungen nahe herankamen, lagen wahrscheinlich fest und würden nicht weiter kommen. So war also nichts zu erreichen. Dagegen brachte mich meine Erkundung auf den Gedanken, daß auf die zum Teil sehr gut sichtbaren Ziele Artilleriefeuer, besonders von zwei Seiten, wirksam sein, die feindlichen Askari erschrecken und zum Umherlaufen veranlassen würde. Das würde ein günstiger Augenblick für wirksames Maschinengewehrfeuer sein. Aber der Tag war schon zu weit vorgeschritten und unsere Kanone entzwei, so daß heute nichts Entscheidendes mehr unternommen werden konnte. Die Masse der Truppe rückte daher wieder in das Lager, nur die aus 3 Kompagnien bestehende Abteilung des Hauptmanns Poppe blieb dicht am Feinde.