Am nächsten Tage, dem 3. Juli, wurde unsere Kanone mit vieler Mühe wieder in Ordnung gebracht. Glücklicherweise war sie von dem gleichen Modell wie die von Hauptmann Müller erbeuteten Geschütze, und so konnte durch Auswechslung der einzelnen brauchbaren Teile aus diesen drei Kanonen ein verwendungsbereites Geschütz hergestellt werden. So war Aussicht, die vorgestern erbeuteten 200 Schuß wirksam anzubringen. Am Nachmittag sollte das Geschütz auf wenige hundert Meter Entfernung das Feuer gegen den Bahnhof eröffnen. Ein anderes, kleineres Geschütz von 4 cm Kaliber war bereit, in der vordersten Infanterielinie, also auf etwa 100 m Entfernung, ein die Schußlinie des anderen Geschützes kreuzendes Feuer zu beginnen. Alle Maschinengewehre wurden bereit gehalten. Ich selbst war am Vormittag wieder in den Faktoreigebäuden zur Besprechung gewesen und hatte den dortigen Zivilpersonen sagen lassen, sie brauchten sich nicht weiter zu ängstigen, wenn nachmittags etwas geschossen würde. Die weißen Frauen und Kinder waren durch die Gefechte sehr beunruhigt und zum Teil in den Busch geflohen.
Reichlich müde hatte ich mich zum Lager begeben, als der Gefechtslärm am Bahnhof plötzlich aufhörte. Telephonisch wurde gemeldet, daß vorn am Bahnhof ein größeres Geschrei und Hurrarufen zu vernehmen sei. Nach und nach stellte sich nun Folgendes heraus: Der Feind war durch das wohlgezielte, konzentrische Feuer, das seit dem 2. Juli nachmittags auf ihn abgegeben wurde, anscheinend etwas mitgenommen. Jetzt schlugen auf einmal aus zwei Richtungen die Artilleriegeschosse bei ihm ein, und sobald er sich nur rührte, erhielt er Maschinengewehrfeuer. Seine jungen Truppen hielten das nicht aus und wurden unruhig. Unsere Kompagnien erkannten diesen schwachen Augenblick und nutzten ihn in vortrefflicher Initiative in der gleichen Sekunde aus. Sie gingen sofort mit lauten Hurra darauf los und waren im nächsten Moment in der feindlichen Stellung. Der Gegner fing an, fortzulaufen; die Engländer behaupteten, sie wären hierbei durch die Portugiesen angesteckt worden. Jedenfalls liefen sie weg, und unsere Kompagnien drängten sofort aufs schärfste hinterher. Da kam der fliehende Feind an den Namacurrafluß, der dicht hinter seiner Stellung entlang strömte, zog rasch seine Stiefel aus und stürzte sich ins Wasser. Hierbei ertrank der Hauptteil der feindlichen Truppen, dabei auch ihr Führer, der Major Gore-Brown.
In der Zeit vom 1. bis 3. Juli waren beim Feinde 5 Europäer und 100 Askari gefallen, 4 Europäer und etwa 100 Askari ertrunken, 421 Askari gefangen genommen worden. Von den außerdem gefangenen Europäern, 5 Engländer und 117 Portugiesen, wurden 55 Portugiesen abgeschoben, 46 Portugiesen krank und verwundet im Lazarett Kokosani zurückgelassen. Wir hatten 8 Askari und 1 Maschinengewehrträger gefallen verloren, 3 Europäer, 11 Askari und 2 Maschinengewehrträger waren verwundet. Wie groß die Mengen an Munition und Verpflegung waren, die wir am Bahnhof erbeuteten, ließ sich im ersten Augenblick nicht annähernd übersehen. 7 schwere, 3 leichte Maschinengewehre und 2 Geschütze fielen in unsere Hand; die letzteren beiden waren unbrauchbar gemacht worden.
Immer neue Lasten erbeuteter Munition trafen in unserem Lager ein. Der Intendant, Leutnant z. S. a. D. Besch, war verzweifelt, weil er nicht wußte, woher er die Träger zum Transport dieser Mengen beschaffen sollte. Dazu kamen über 300000 kg Verpflegung und die Bestände der Zuckerfabrik Kokosani. Aus der Beute konnte jeder unserer Farbigen so viel an Kleiderstoffen erhalten, wie er haben wollte, und mein Boy Serubili sagte zu mir: Dies wäre doch eine ganz andere Sache als bei Tanga; jedermann bekomme hier ja so viel Zucker, wie er sich wünsche. Tatsächlich war der ganze Lagerplatz mit Zucker besät; jeder der Schwarzen wurde so reichlich mit Verpflegung aller Art und Kleidung versehen, daß die Leute wie auf Kommando aufhörten, zu stehlen, und das will immerhin bei den Schwarzen etwas besagen. Auch viele Europäerverpflegung und Konserven wurden erbeutet. Jeder unserer Europäer konnte auf Monate hinaus versehen werden. Leider war es uns nicht möglich, die große Beute an vorgefundenen guten Weinen vollzählig mitzuführen. Nachdem eine hinreichende Menge davon als Stärkungsmittel für die Kranken ausgesondert war, mußte der Rest in der Hauptsache an Ort und Stelle ausgetrunken werden. Die hierdurch hervorgerufene sehr große Fidelitas wurde gern in Kauf genommen und jedermann nach so langen Entbehrungen ein einmaliges Sich-gehen-lassen von Herzen gegönnt. Auch ein guter Schnaps stand in einer großen Menge von Fässern in der Fabrik von Kokosani für die englischen Truppen bereit. Trotz besten Willens war es aber nicht möglich, auch diesen ganz auszutrinken, und so mußte eine große Menge in den Namacurrafluß gegossen werden.
Aber immer neue Trägerkarawanen mit Beute trafen ein, und immer größer wurde die Verzweiflung des Intendanten. Sie erreichte ihren Höhepunkt, als vom Bahnhof her telephoniert wurde, daß soeben ein Flußdampfer angekommen sei. Ohne Ahnung von den Vorgängen bei Namacurra entstieg ihm ein englischer Stabsarzt, und eine nähere Untersuchung des Bootes ergab das Vorhandensein eines größeren Patronentransportes von über 300 Lasten.
Wir hatten insgesamt etwa 350 moderne englische und portugiesische Gewehre erbeutet, ein willkommener Zuwachs, um unsere Bewaffnung wieder einmal den Verhältnissen anzupassen. Gewehre Modell 71 wurden fast ganz ausgeschaltet und die überzählig werdende Munition 71 durch Abhalten von Gefechtsschießen nutzbar verwandt.
Fünfter Abschnitt
Wieder nach Norden zum Namirruefluß
Nach den aufgefundenen militärischen Anweisungen des Feindes mußte ich damit rechnen, daß uns von Quelimane her in kurzer Zeit stärkere feindliche Kräfte entgegenkommen würden. Das Gelände zwischen Namacurra- und Zambesifluß wies aber eine große Zahl von Flußbarrieren auf, so daß ein Weitermarsch auf den Zambesi zu für uns mit großen Schwierigkeiten verknüpft gewesen sein und uns in unserer Bewegungsfreiheit außerordentlich behindert haben würde. Das südlich und südwestlich von unserem jetzigen Aufenthaltsort gelegene Gelände war also für unsere Kriegsführung ungünstig. Spätestens am Zambesi würden wir festsitzen, ohne in der Lage zu sein, den Übergang über diesen gewaltigen Strom zu bewerkstelligen, der von feindlichen Kanonenbooten beherrscht wurde.
Zweckmäßiger erschien es mir, die bisherige Marschrichtung aufzugeben. Aber bei dem gänzlichen Mangel an Meldungen war es schwer zu sagen, wohin ich mich wenden sollte. Nur soviel schien deutlich zu sein, daß uns der Feind nicht unmittelbar gefolgt war, wenigstens waren unsere Nachhut und die von ihr auf dem Marsche zurückgelassenen Patrouillen in keiner Weise vom Gegner bedrängt worden. Es war wahrscheinlich, daß feindliche Truppen, falls sie uns überhaupt gefolgt waren, gleichlaufend zu unserem Wege zu einer überholenden Verfolgung angesetzt waren. Traf diese Überlegung zu — und sie schien mir durch einige Eingeborenennachrichten bestätigt zu werden — so war anzunehmen, daß der Feind über unsere Lage bei Namacurra ungenügend unterrichtet war und daß auch die aus unserer Gefangenschaft entlassenen portugiesischen Soldaten ihm kein zutreffendes Bild geben konnten.
Es war dafür gesorgt worden, daß diese Leute glauben mußten, wir wollten uns bei Namacurra verschanzen und zäh verteidigen, hätten fernerhin Absichten auf Quelimane. Das unerwartete Mißgeschick von Namacurra mußte die Schritte des verfolgenden Feindes beflügeln. Wahrscheinlich würden seine Kolonnen auf der Verfolgung seitlich an uns vorbei über das Ziel hinausschießen, um so mehr, als sie in Sorge um den so wichtigen Hafen von Quelimane sein mußten. So kam ich auf den Gedanken, bei Namacurra abzuwarten, bis die verfolgenden feindlichen Kolonnen wirklich in Eilmärschen an mir vorbei waren, und mich dann wieder zurück nach Nordosten zu wenden. Im großen und ganzen schwebte mir hierbei der Gedanke vor, daß der Feind durch diese Marschrichtung, die etwa auf Mozambique und damit auf einen Hauptetappenort führte, in Sorge geraten und sofort wieder Kehrt machen würde, sobald er es bemerkte, um die Gegend von Mozambique mit ihren zahlreichen Magazinen zu schützen. Tat er es aber nicht, so hatten wir bei Mozambique freie Hand. Wie sich die Lage auch gestalten würde, dem Feinde wurden auf diese Weise ganz gewaltige und seine Kräfte erschöpfende Marschleistungen zugeschoben, während wir Zeit gewannen, unsere Kräfte schonen und Verwundete und Kranke wiederherstellen konnten.