Der günstige Augenblick zum Beginn unseres Abmarsches in nordöstlicher Richtung war schwer zu bestimmen; wir mußten etwas auf das Kriegsglück bauen. Sollte ich etwa zu früh abmarschieren und noch auf eine der feindlichen Kolonnen stoßen, so war immerhin Aussicht, sie vereinzelt zu schlagen. Zunächst aber galt es, wieder sicher über den Likungofluß zu kommen. Die vorhandenen Nachrichten über die Furten waren sehr unsicher. Um nicht dieselbe Furt wie beim Hermarsch zu benutzen, marschierte ich mit dem Gros der Truppe am 4. Juli abends nach einem weiter südlich gelegenen Übergange ab. Leutnant d. Res. Ott stellte aber bei einer von ihm unternommenen Erkundung fest, daß sich an der angegebenen Stelle überhaupt keine Furt befand. Dagegen war aus Eingeborenenaussagen sowie den aufgefundenen Spuren zu entnehmen, daß am gleichen Tage eine englische Patrouille sich in dieser Gegend aufgehalten hatte. Die Lage konnte unangenehm werden. Um keine Zeit durch Erkundungen zu verlieren, rückte ich längs des Westufers des Likungoflusses zu unserer alten Furt. Leider hatte ich von dieser die bisherigen Sicherungen fortgezogen und wußte nicht, ob sie frei war. Ich war deshalb recht froh, als am 5. Juli die Durchkreuzung des Flusses ohne weitere Störung glücklich vor sich gegangen war. Die Abteilung Koehl war noch bei Namacurra geblieben und folgte als Nachhut.
Als wir nun wieder in der Kolonne „zu Einem“ quer durch den Busch marschierten, war die große Länge der Marschkolonne lästig und für den Fall eines Zusammentreffens mit dem Feinde bedenklich und gefährlich. Wir suchten deshalb die Marschkolonne zu verkürzen und kamen darauf, in zwei, später in noch mehr Parallelkolonnen durch das Pori zu marschieren. Diese Anordnung hatte zwar den Nachteil, daß, statt früher einer, jetzt mehrere Kolonnenanfänge erst einen Weg durch den Busch treten und Dickungen frei schlagen mußten. Aber die Vorteile der Marschverkürzung überwogen diesen Nachteil.
Gefallen
⇒
GRÖSSERES BILD
Die Meldungen unserer Patrouillen und die von Eingeborenen erhaltenen Nachrichten zeigten, daß der Marsch der feindlichen Kolonnen in südwestlicher Richtung doch nicht so weit vorgeschritten war, wie ich vermutet hatte. Sowohl zwischen dem unteren Monigafluß und dem unteren Likungofluß als auch bei Mujeba wurden feindliche Truppen gemeldet, bei einigen die südwestliche Marschrichtung festgestellt. So kam die merkwürdige Lage zustande, daß die feindlichen Truppen in mehreren Kolonnen in südwestlicher Richtung marschierten, während wir zwischen diesen Kolonnen hindurch in entgegengesetzter Richtung, nach Nordosten, gingen. Diese Tatsache konnte dem Feinde nicht lange verborgen bleiben, um so weniger, als es bald zu Patrouillenzusammenstößen kam und feindliche Truppen, die auf der Telephonstraße von Mulevalla nach Mucubella zu marschierten, unsere Marschspuren kreuzten. Wir zogen weiter, auf Ociva zu, warfen westlich dieses Ortes eine schwache portugiesische Abteilung zurück und besetzten Ociva selbst am 14. Juli 1918. Leider fanden sich in dieser Station nicht die erwarteten reichen Bestände an Verpflegung und Munition vor; augenscheinlich waren durch die zahlreichen feindlichen Truppen die Verpflegungsgebiete der Gegend sehr ausfouragiert worden, oder man hatte die ursprünglich hier vorhanden gewesenen Bestände schon fortgeschafft. Einer nach Muatama entsandten Kampfpatrouille unter Vizefeldwebel Hüttich gelang es, dort eine kleinere feindliche, aus Engländern und Portugiesen gemischte Abteilung zu überraschen; da es leider unmöglich war, die in dieser Station vorhandenen Bestände abzutransportieren, mußten die Magazine verbrannt werden.
Inzwischen rissen die Verhandlungen mit den Eingeborenen darüber, wo Verpflegung zu finden sei, nicht ab; die Ergebnisse weiterer Patrouillen, die auf Murua zur Aufklärung über die Verpflegung entsandt waren, konnten nicht abgewartet werden. Verschiedene Patrouillengefechte zeigten uns, daß der Feind über die veränderte Kriegslage mittlerweile Klarheit erlangt und dementsprechend seine Kolonnen hatte Kehrt machen lassen. Der Verpflegungsmangel zwang uns zum Weitermarsch, und der Angriff einer gemischten portugiesisch-englischen Kolonne bei Ociva gegen unsere Nachhut unter Hauptmann Koehl konnte nicht zu einem vollen Erfolge ausgebaut werden, da sich unser Gros bereits auf dem Weitermarsche befand. So hielten wir uns einige Tage in der leidlich reichen Landschaft zwischen den Ortschaften Ociva und Murua auf. Beutepapiere zeigten uns, daß eine englische Patrouille unseren Weg genau verfolgt hatte.
Es war interessant zu beobachten, daß die gefangenen Engländer, die wir mit uns führten, die Beschwerden der großen Märsche, der zahlreichen Flußübergänge und die vielerlei Unbequemlichkeiten bezüglich der Verpflegung und Unterbringung im allgemeinen als selbstverständlich hinnahmen; sie sahen ein, daß wir Deutschen ja genau die gleichen Strapazen zu ertragen hatten, außerdem aber noch eine Menge Patrouillengänge, Gefechte, die Verpflegungsbeschaffung und den Wachtdienst zu leisten hatten, also viel mehr belastet waren als sie selbst. Sie ertrugen alles mit einem gewissen Humor, und es war ihnen augenscheinlich interessant, den Krieg auch einmal vom Standpunkt der „Germans“ aus kennen zu lernen. Völlig anders die portugiesischen Offiziere. Sie waren freilich in keiner beneidenswerten Lage; zum großen Teil waren sie syphilitisch und wurden von den englischen Gefangenen streng gemieden. Sie waren auch wirklich keine Feldsoldaten. Sie hatten aus der Beute von Namacurra ihren reichlichen Anteil zugewiesen erhalten, aber nicht gelernt, sich damit einzurichten. Das wertvolle Öl hatten sie sofort mit Reis zusammen verbraucht, und es war zuviel verlangt, daß die Deutschen ihnen jetzt mit ihren eigenen, knapp bemessenen Portionen aushelfen sollten. Das Laufen wurde ihnen auch unbequem, ihre Stiefel waren zerrissen, — kurz, ihr Sprecher, der bei Namacurra gefangene Generalstabsoffizier, beklagte sich dauernd bei mir über Unbequemlichkeiten, die ich beim besten Willen nicht ändern konnte. Er kam dann immer wieder darauf zurück, freigelassen zu werden. Ich hätte ihm das an und für sich auch gern zugestanden, wenn er die Verpflichtung eingegangen wäre, nicht weiter gegen uns zu fechten; das aber wollte er nicht. Von mir konnte aber nicht verlangt werden, die Leute ohne irgendeine Gegenleistung laufen zu lassen und sie in den Stand zu setzen, sofort von neuem auf uns zu schießen.
Die Verpflegungsrücksichten trieben uns weiter. Nachdem sich die auf die Gegend von Ociva gesetzten Erwartungen bezüglich der Verpflegung nicht erfüllt hatten, faßte ich den Plan, das Gebiet östlich des Ligonjaflusses zu erreichen, welches auf der Karte als dicht bevölkert und gut angebaut bezeichnet war. Auf dem Wege in diese Gegend nahm die Vorhut unter Hauptmann Müller rasch die Boma Tipa, wo mehrtägige Verpflegungsbestände, besonders an Erdnüssen, gelagert waren, die so in unsere Hand fielen. Die schwache portugiesische Besatzung leistete nur geringen Widerstand und floh sofort; der Postenführer, ein portugiesischer Serganto, wurde als einziger gefangen genommen.
In der schnellen und geordneten Verteilung der Beute hatten wir eine große Fertigkeit erlangt; das Gros erlitt kaum eine Marschverzögerung, und ich sehe noch das schmunzelnde Gesicht eines der gefangenen Engländer vor mir, die ganz und gar vergessen zu haben schienen, daß die Portugiesen ja eigentlich ihre Verbündeten seien. Offensichtlich hatten sie ihren Spaß daran, wie den Portugiesen von uns eine ihrer Stationen nach der anderen mit ihren Lebensmittelvorräten ohne viel Umstände fortgenommen wurde. Die erbeuteten Papiere des Feindes gaben uns wiederum wertvolle Aufklärungen. Zwei Tage von Tipa entfernt lag eine andere Boma, namens Namirrue, wo außer der portugiesischen Besatzung auch eine englische Kompagnie zur Verstärkung eingetroffen war. Anscheinend lagerten an diesem Ort also bedeutende Verpflegungsbestände. Wenigstens waren nach unseren Informationen Verpflegungskolonnen angesetzt, um sich bei Namirrue aufzufüllen. Die englischen Truppen, die sich dort befanden, gehörten wahrscheinlich zu einem neu auftretenden Gegner, der aus der Richtung von Mozambique her angekommen war. Unser bisheriger Feind, der jetzt in der allgemeinen Marschrichtung Südwest-Nordost anzunehmen war, konnte unmöglich einen solchen Vorsprung vor uns gewonnen haben. So marschierte die Vorhut sogleich mit unserem Geschütz weiter nach Namirrue (das kleinere Geschütz war bei Namacurra unbrauchbar gemacht und zurückgelassen worden, nachdem seine paar Schuß verschossen waren). Hauptmann Müller mußte zusehen, was bei Namirrue zu machen war und dementsprechend selbständig handeln. Das Gros der Truppe verblieb zunächst bei Tipa, auf dem Ostufer des Moloqueflusses. Es sollte Verpflegung beschaffen und den von Südwesten her nachdrängenden Feind so lange hinhalten, daß Hauptmann Müller bei Namirrue genügend Zeit hatte. Es dauerte nicht lange, so erschienen kleine feindliche Streifabteilungen bei Tipa, am Westufer des Ligonjeflusses, der dort kein nennenswertes Hindernis bildet. Es kam zu einer ganzen Reihe unbedeutender Patrouillenzusammenstöße, auch auf dem Ostufer des Flusses. Die Nachhut unter Hauptmann Koehl lieferte eine große Zahl hinhaltender Gefechte in den zum großen Teil vorher längs der Straße Tipa-Namirrue erkundeten Stellungen. Da ich mir noch nicht klar darüber war, ob das Gros die beste Gelegenheit zum Eingreifen bei der Abteilung Koehl oder bei Namirrue finden würde, so folgte ich mit ihm der Abteilung Müller zunächst nur langsam. Da traf von Hauptmann Müller die Nachricht ein, daß sich eine feindliche Abteilung von etwa Kompagniestärke auf dem Felsenberge bei Namirrue verschanzt habe, und daß er ihr auch mit seinem Geschütz nicht recht beikommen könne. Dagegen sei es sehr wahrscheinlich, daß zur Unterstützung dieses Feindes englische Truppen aus nördlicher oder nordwestlicher Richtung heranrücken würden. Die Gelegenheit für uns sei günstig, diese dann in freiem Felde zu schlagen. So marschierte ich denn mit dem Gros auf Namirrue ab und überschritt am 22. Juli den Namirruefluß etwa 4 km oberhalb des von dem Feinde besetzten Felsenberges. Am Ostufer des Flusses wurden Lager bezogen, und es kam sogleich zu einigen Patrouillenzusammenstößen. Ich selbst ging mit Leutnant Besch in einem Bogen um den Felsenberg herum zum Hauptmann Müller, der dicht südöstlich desselben lagerte. Die feindliche Stellung war durch Patrouillen und Maschinengewehre umstellt worden. Oben auf dem Berge konnte man einzelne Pferde erblicken, ab und zu auch Leute. Zeigte sich ein günstiges Ziel beim Feinde, so erhielt es Feuer, um den Gegner daran zu hindern, Leute vom Berge herunter zum Wasserschöpfen zu schicken. Es schien aber, als ob der Feind aus einem uns unbekannt gebliebenen Wasser seinen Bedarf zu entnehmen imstande war.