Nach einer Tasse Kaffee bei Hauptmann Müller begaben wir uns weiter um den Berg herum und begegneten dem Leutnant d. Res. Kempner und anderen Patrouillen, die eifrig erkundeten. Wir mußten uns der Deckung wegen teilweise durch den dichten Busch hindurcharbeiten, gerieten dabei aber in zahlreiche Juckbohnen; die Berührung mit dieser Pflanze verursacht ein geradezu unerträgliches Hautkratzen. Wir befanden uns gerade in der Mitte eines solchen Dickichtes, als vom Lager unseres Gros her lebhaftes Feuer ertönte. Gleichzeitig gab der Feind auf dem Felsenberge Salven ab, offenbar als ein Signal für seine Freunde. Ich hatte sofort die Überzeugung, daß hier eine nicht allzustarke feindliche Abteilung heranrückte, ohne Kenntnis vom Eintreffen unseres Gros zu haben. Es regte sich sofort in mir der Wunsch, diese seltene Chance sogleich mit allen Kräften auszunutzen. Eiligst suchte ich zum Gros zu laufen, kam in dem hindernden Dickicht aber nur langsam vorwärts, und dazu juckte es zum wahnsinnig werden. Schließlich langten wir im Lager noch eben vor Einbruch der Dunkelheit an. Mein Vertreter, Major Kraut, hatte zunächst schwache Teile eingesetzt. Bei dem hellen Mondschein durfte ich hoffen, auch die hereinbrechende Nacht zu einem erfolgreichen Kampf ausnutzen zu können. Alle vorhandenen Kräfte mit Ausnahme einer im Lager als Deckung zurückbleibenden Kompagnie wurden sofort entwickelt. Auf dem rechten Flügel machte Hauptmann Goering, der zu einer Umfassung angesetzt war, eine vollständige Umgehung bis in den Rücken des Feindes. Da hörte er Hundegebell, ging darauf los und fand den englischen Führer Colonel Dickinson mit seinem Adjutanten und Sanitätsoffizier am Telephon in einer Schlucht und nahm sie gefangen. Hauptmann Goering griff nun sogleich weiter an, und die in der Front und auf dem linken Flügel eingesetzten Abteilungen der Hauptleute Spangenberg und Poppe griffen ebenfalls fest zu. In kürzester Zeit wurde der aus einem Bataillon bestehende Feind über den Haufen geworfen und in wilder Flucht zurückgejagt. Alle Abteilungen drängten scharf nach, aber bei der herrschenden Dunkelheit und in dem dichten Busch ging die Fühlung mit dem Feinde verloren, von dem man nicht wußte, woher er eigentlich gekommen war.
Erst später wurde klar, daß die feindlichen Truppen parallel mit uns marschierend, den Namirruefluß gleichzeitig mit uns etwas oberhalb passiert hatten. Bei der durch die dauernden Bewegungen der Truppenkörper von Tag zu Tag wechselnden Lage, bei der Unübersichtlichkeit des Buschgeländes und der großen Anzahl seiner marschierenden Kolonnen war es dem Feinde trotz der andauernden Arbeit seiner Funkenstationen eben einfach nicht möglich, sich ein klares Bild von der Gesamtlage zu machen und seinen Unterführern dauernd über alle Veränderungen rechtzeitig Nachrichten zukommen zu lassen. So war hier eine Kolonne vereinzelt und noch nicht einmal mit allen ihren Kräften auf uns geplatzt; sie hatte nur mit einem Bataillon den Fluß überschritten. Dieses war in einer exponierten und recht gefährlichen Lage durch unser Gros übel zugerichtet worden.
Eine zur weiteren Verfolgung des fliehenden Feindes angesetzte Kompagnie kehrte am nächsten Tage ergebnislos zurück; auch hier, nach dem so günstig verlaufenen Gefecht, waren Unterführer und Truppe nur schwer dazu zu bewegen, wirklich rücksichtslos und mit Einsatz aller Kräfte hinterher zu hauen, um den errungenen Erfolg auch ganz auszunutzen. Oberleutnant von Schroetter, der dann mit seiner Kompagnie die Verfolgung mehrere Tage lang doch noch so aufnahm, wie es die Lage wirklich gebot, konnte außer einigen Patrouillenplänkeleien nichts mehr ausrichten. Der Feind hatte in der Zwischenzeit einen zu großen Vorsprung gewonnen. Nur die sehr schleunige Flucht des Gegners wurde bestätigt.
Mit den Hauptkräften der Truppe blieb ich halten; die Ausnutzung des Erfolges lag weniger in der Verfolgung des geschlagenen Feindes als vielmehr in den Chancen, welche die Lage des anderen, von uns auf dem Felsberge eingeschlossenen Gegners bot, nachdem die ihm zugedachte Hilfe fürs erste unwirksam gemacht worden war.
Zum ersten Male in diesem Kriege hatten wir einen Minenwerfer mit Munition erbeutet. Die verschiedenen Teile desselben wurden nach und nach auf dem Gefechtsfelde gesammelt und die 17 vorhandenen Schuß verwendungsbereit gemacht. Schießversuche mit nicht scharfen Minen waren befriedigend verlaufen und für den Nachmittag um 4 Uhr konnte die Beschießung des auf dem Felsberg eingenisteten Feindes angesetzt werden. Mit der Führung gegen diesen wurde Hauptmann Müller beauftragt, dessen Abteilung am Tage vorher nicht im Gefecht gewesen war und von diesem nicht einmal etwas gemerkt hatte. Dazu kam die im Lager zurückgebliebene Kompagnie des Oberleutnants von Ruckteschell. Der Minenwerfer wurde auf der einen Seite, unser Geschütz auf der anderen Seite des Berges in Stellung gebracht; unsere Maschinengewehre befanden sich rings um den Berg herum in Bereitschaft zum Eingreifen. Um ¾-4 Uhr empfahl sich Oberleutnant von Ruckteschell von dem gefangenen englischen Oberst Dickinson, der ihm zur Bewirtung zugeteilt worden war, und sagte ihm, daß er nach einer Stunde zurück zu sein gedenke. Um 4 Uhr schlug der erste Schuß unseres Minenwerfers mitten in der feindlichen Stellung ein. Der Führer des Gegners überlegte gerade, ob er nicht in der nächsten Nacht ausbrechen sollte. Im Augenblick wurde der Berg lebendig, und überall zeigten sich die Leute, die die Hänge herunter und wieder hinauf liefen. Sie wurden unter Maschinengewehr- und Geschützfeuer genommen. Sehr bald zeigte der Feind die weiße Flagge, schoß aber weiter.
Oberleutnant von Ruckteschell kam, wie er gesagt hatte, nach einer Stunde zu seinem Gast zurück, leider aber mit zerschossenem Bein. Seine Ordonnanz, die ihn bei seiner Verwundung aus dem Gefecht tragen wollte, war unter ihm gefallen. Hauptmann Müller hatte inzwischen von der anderen Seite den Berg erstiegen und das Lager im Sturm genommen. Es war von einem Zuge berittener Infanterie des Goldküsten-Regimentes und einer halben Kompagnie zu Fuß besetzt gewesen, von denen fast niemand entkam. Auch die Pferde waren fast ausnahmslos gefallen. Auf unserer Seite war der tapfere Leutnant d. Res. Selke kurz vor Einbruch in die feindliche Stellung einer Kugel des Gegners erlegen. Er wurde auf dem Gefechtsfelde bestattet. Die Beute an Material war nur gering, aber die beiden Gefechtstage hatten dem Feinde eine gehörige Einbuße an Personal gebracht. Seine Abteilungen, die an Kopfzahl kaum geringer waren als die auf unserer Seite am Kampf beteiligten Abteilungen, wurden buchstäblich zertrümmert. Hier, wie früher bei Namacurra, stellte es sich heraus, daß die Engländer Schwarze aus Deutsch-Ostafrika, vielfach auch alte deutsche Askari, zwangsweise in ihre fechtende Truppe eingestellt hatten.
Unsere gründliche Arbeit bei Namirrue war dadurch erreicht worden, daß die schwache, nur 3 Kompagnien starke Abteilung Koehl Störungen fernhielt. Abteilung Koehl ging von Tipa aus nur ganz schrittweise aus Namirrue zurück und hatte täglich Nachhutgefechte zu bestehen gegen den mit äußerster Anstrengung nachdrängenden Feind. Jetzt war sie bis auf einen halben Tagemarsch an Namirrue herangerückt, und ich zog sie auch auf das Ostufer des Namirrueflusses. Ausgeschickte Patrouillen hatten inzwischen aus den Eingeborenen soviel herausbekommen, daß bei Pekera ein feindliches Magazin mit einer Besatzung sei. Diese Nachricht erschien mir recht wahrscheinlich, weil Pekera bereits in dem als volkreich und sehr fruchtbar bezeichneten Gebiete östlich des Ligonjaflusses liegt. Unsere Berechnungen bestätigten sich, als wir nach 2 Tagemärschen bei Pekera anlangten. Der dort stationierte berittene Zug des Goldküstenregiments wurde gleichfalls aufgerieben, mehrere Motorfahrer abgefangen. In gleicher Weise setzten wir uns schnell in den Besitz der Boma Chalau und einer Reihe anderer Stationen, wo die Portugiesen reiche Vorräte, besonders sehr viel Erdnüsse, aufgestapelt hatten. Unsere Patrouillen streiften bis Angoche, und wir waren in kürzester Zeit Herren des weiten und außerordentlich reichen Gebietes. Ein Teil der gefangenen portugiesischen Offiziere entwich eines Nachts und gelangte glücklich zu den feindlichen Truppen in Angoche zurück. Anscheinend hatten sich unter den Herren einige befunden, die die Gegend aus ihrer Friedenstätigkeit gut kannten.
Die nun folgende Zeit der Ruhe während des Aufenthaltes in der Gegend von Chalau ermöglichte die Wiederherstellung unserer Kranken und Verwundeten, die durch die langen Transporte sehr mitgenommen waren; auch den Gesunden tat einige Schonung wohl. Alle hatten unter den unausgesetzten Märschen und Anstrengungen der letzten Zeit doch etwas gelitten. Es war bemerkenswert, wie die Erfolge der letzten Zeit unter den Trägern, die ja meist ein sehr gutes und zuverlässiges Personal darstellten, kriegerischen Geist hervorriefen. Eine Menge derselben meldete sich zum Eintritt als Askari. Auch mein alter Koch hatte nicht übel Lust, zur Waffe zu greifen.
Am 5. August fing die Verpflegung an knapper zu werden, und es gab in der Hauptsache als Nahrung nur noch bitteren Muhogo. Verschiedene feindliche Patrouillen, die sich aus nordöstlicher Richtung her näherten, zeigten mir an, daß die aus Südwesten folgenden feindlichen Kolonnen uns während unserer Ruhepause tatsächlich überholt hatten und sich nunmehr zu einem Angriff auf uns bei Wamaka, einem nordöstlich unseres Lagers belegenen Ort, zu sammeln im Begriff waren.