Um den Feind in seinem Irrtum über unser Ziel zu bestärken, marschierte ich am 7. August auf der Straße nach Wamaka vor und bezog drei Stunden nordöstlich von Chalau, in einem guten Verpflegungsgebiet, Lager. Einige feindliche Patrouillen wurden vertrieben. Von Wamaka her erschien ein feindlicher Parlamentäroffizier, der mitteilte, daß der englische Befehlshaber geneigt sei, auf einen Austausch des gefangenen ärztlichen Personals einzugehen. Er bat mich ferner, Ort und Zeit zu bestimmen, wo für die englischen Kriegsgefangenen Ausrüstung an uns abgegeben werden könnte. Diese sehr durchsichtigen Vorschläge bewiesen mir, daß der Feind etwas Ernsthaftes, und zwar von Norden her, vorhatte und bestrebt war, sich die Arbeit dadurch zu erleichtern, daß er mich in eine Falle lockte. Verschiedene feindliche Spione wurden gefangen genommen und bestätigten meine Vermutungen. Ihre Aussage, daß der Feind beabsichtigte, uns in drei Kolonnen anzugreifen, entsprach der üblichen Anlage solcher Unternehmungen.
Als mehrere Patrouillen- und Vorpostengefechte am 10. und 11. August mir anzeigten, daß eine stärkere feindliche Kolonne auf der Straße Wamaka-Chalau im Vormarsch war, nahm ich an, daß mindestens noch eine andere Kolonne parallel zu dieser weiter südlich marschierte: ihr Ziel war voraussichtlich Chalau. Ich beschloß, diese südliche feindliche Kolonne vereinzelt zu fassen. Die Aussicht zum Gelingen meines Planes war allerdings nicht groß, da der Feind häufig unter Vermeidung der Wege durch den Busch marschierte. In Voraussicht einer solchen Entwicklung der Lage hatte ich einen Weg erkunden und bezeichnen lassen. Trotzdem dauerte unser Abmarsch, den wir am 11. August abends antraten, die ganze Nacht hindurch. Erst bei Helligkeit langten wir östlich von Chalau an der von mir gewählten Stelle an. Starke Patrouillen, unter ihnen eine ganze Kompagnie unter Hauptmann Koehl, befanden sich noch unterwegs.
Mein grundlegender Gedanke war ein Abmarsch nach Westen, um mich dann entweder in die Gegend von Blantyre oder östlich des Njassa-Sees wieder nach Norden zu wenden. Ohne vom Feinde belästigt zu werden, überschritten wir bei Metil den Ligonjafluß und kreuzten die Straße Tipa-Namirrue. Das dort befindliche Grab eines Offiziers vom 1. Bataillon der II. King’s African Rifles bewies, daß die feindliche Kolonne, die uns von Tipa aus zunächst auf Namirrue gefolgt war, uns vollständig im Norden bis Wamaka hin umgangen hatte; denn zu den Truppen, die jetzt von Wamaka her kamen, gehörte dasselbe 1. Bataillon der II. King’s African Rifles. Auf dem Weitermarsch nach Ili kreuzten wir die Lager feindlicher Truppen, die von Südwesten her kamen und weiter in Richtung auf Alto-Moloque marschiert waren. Auch sie hatten also große Umwege gemacht und entsprechend große Marschleistungen hinter sich. Es war auffallend, daß alle diese Kolonnen des Gegners auf einmal einen so hohen Grad von Beweglichkeit erlangt hatten; sie hatten die Art ihrer Verpflegung geändert und sich, wenigstens teilweise, vom Nachschub frei gemacht. Wie Gefangene berichteten, schickten sie Fourierkommandos voraus, die von den Eingeborenen Verpflegung beschafften und dann an die Truppe verteilten. Diese Verpflegungsbeschaffung scheint recht rücksichtslos unternommen worden zu sein. Die Zutraulichkeit, welche die Eingeborenen bei unserem, nur kurze Zeit zurückliegenden Aufenthalt in der Gegend von Ili gezeigt hatten, war verschwunden. Sie sahen jetzt in jedem Askari ihren Feind, und einzelne Leute, die auf dem Marsche zurückblieben, wurden mehrfach durch Eingeborene angefallen.
Als wir bei Ili ankamen, wurde der dort befindliche englische Telegraphenposten schnell überwältigt. Die aufgefundenen Papiere gaben brauchbare Aufschlüsse über die feindlichen Truppenbewegungen. Hiernach befanden sich größere Magazine bei Numarroe und Regone, stärkere Truppen sollten von Alto-Moloque und von Mukubi aus uns zu überholen suchen, während eine Kolonne unserer Spur unmittelbar folgte. Der Feind, der bis vor kurzer Zeit im Dunkeln getappt hatte, hatte augenscheinlich seit einigen Tagen zuverlässige Nachrichten über unsere Bewegungen erhalten. Recht schwierig war es, den Weg nach Regone festzustellen, da keine Führer aufzutreiben waren. Aber von Ili aus führte eine neu gebaute Telephonleitung aus Kupferdraht nach Numarroe. Wenn wir dieser Linie folgten, waren wir sicher, unterwegs auf irgendein für uns wertvolles Objekt zu stoßen. Tatsächlich sind Teile der feindlichen Kolonnen, als wir Ili verließen, uns nahe gewesen. Unsere zurückgelassenen Patrouillen trafen sogar an den Gebäuden von Ili mit Askari zusammen, von denen sie glaubten, daß es Freunde wären: sie tauschten mit ihnen Zigaretten und Feuer und merkten erst nachher, daß es Feinde waren.
In diesen Tagen nahm mich eine wirtschaftliche Frage viel in Anspruch. Die Brotbereitung für die kriegsgefangenen Europäer stieß bei den fortgesetzten Märschen auf Schwierigkeiten. Die Leute waren ziemlich ungewandt und nicht imstande, sich selbst zu helfen. Schließlich gelang es aber doch, dem Übel auf den Grund zu kommen und eine größere Menge Mehl durch andere Formationen herstellen zu lassen. Hauptmann d. Res. Krüger, der die Sorge für die Kriegsgefangenen hatte und bald darauf starb, war damals schon schwer krank und durch die Strapazen erschöpft; beim besten Willen hatte er nicht immer Mittel und Wege finden können, die zum Teil sehr weitgehenden Wünsche der Gefangenen zu erfüllen.
Am 24. August morgens überschritten wir den Likungofluß und marschierten weiter in Richtung auf Numarroe. Schon meilenweit sahen wir den Berg und die Gebäude der Boma Numarroe. Bei einer Marschpause wurde in fröhlicher Gesellschaft mit Leutnant d. Res. Ott, Vizefeldwebel d. Res. Nordenholz und den anderen Herren der Vorhut gefrühstückt. Längst hatten wir uns daran gewöhnt, während der Marschpausen ohne viele Umstände etwas Brot und eine Büchse mit Schmalz oder Flußpferdfett hervorzuholen. Oberleutnant z. See Freund besaß sogar noch Butter aus der Zeit von Namacurra her. Auch die Askari und Träger, die früher mit ihrer Mahlzeit bis zum Beziehen der Lager gewartet hatten, nahmen mehr und mehr die „desturi“ (Moden, Gewohnheiten) der Europäer an. Jeder der Schwarzen holte, sobald eine Marschpause eintrat, sein Frühstück hervor. Es war außerordentlich behaglich, wenn so die ganze Truppe in bester Stimmung im Walde lagerte und zu neuen Anstrengungen, zu neuen Märschen und neuen Gefechten die notwendigen Kräfte sammelte.
Wir waren noch 2 Stunden östlich von Numarroe entfernt, als bei der Vorhut die ersten Schüsse fielen. Eine feindliche Kompagnie hatte sich unserer Marschstraße vorgelagert und wich nun geschickt von Kuppe zu Kuppe langsam vor uns in Richtung auf Numarroe aus. Mit Leutnant Ott, der durch Brustschuß verwundet wurde, sah es recht bedenklich aus. Ich bog mit dem Gros, an dessen Anfang die Abteilung Goering marschierte, aus und zog südlich an dem Gegner vorbei, direkt auf die Boma Numarroe los. Noch vor Einbruch der Dunkelheit wurde unser Geschütz in Stellung gebracht und das Feuer auf die Boma und ihre besetzten Schützengräben eröffnet. Abteilung Goering bog ohne Zeitverlust noch weiter nach Süden aus, um unter Benutzung einer Schlucht von rückwärts her dicht an die Boma heranzurücken. Die Vorhut (Abteilung Müller) — das ging aus dem Gefechtslärm hervor — war gleichfalls scharf vorgedrungen. Die feindlichen Schützen schossen nicht schlecht, und trotz der Entfernung von etwa 1000 m schlugen die Infanteriegeschosse in unmittelbarer Nähe ein, sobald sich jemand von uns zeigte.
Bald wurde es dunkel; das Feuer schwoll gelegentlich an und ließ wieder nach, bis plötzlich großer Gefechtslärm aus der Richtung der Abteilung Goering hörbar wurde. Dann trat Stille ein. Abteilung Goering war überraschend von rückwärts in den Feind eingedrungen und hatte dann einige zäh verteidigte Schützengräben im Sturm genommen. Der abziehende Feind war aber von einer anderen deutschen Abteilung nicht als Feind erkannt worden und entkommen. Die Nacht war unangenehm kalt, dazu fiel strömender Regen, und unsere Lasten waren noch nicht herangekommen. Am nächsten Tage wurden drei feindliche Europäer und 41 Askari durch uns begraben; 1 Europäer und 6 Askari waren verwundet, 1 Europäer, 7 Askari und 28 andere Farbige unverwundet von uns gefangen genommen. Unter den Gefangenen befand sich auch der feindliche Führer, Major Garrad, der hier das halbe 2. Bataillon der IV. King’s African Rifles befehligte. Bei uns waren Vizefeldwebel Nordenholz durch Kopfschuß, 6 Askari und 1 Maschinengewehrträger gefallen, 3 Europäer, 18 Askari und 4 Maschinengewehrträger verwundet worden. 40000 Patronen und 2 leichte Maschinengewehre, außerdem Handgranaten, Sanitätsmaterial und größere Bestände an Verpflegung wurden erbeutet. Unter unseren Verwundeten, die in den massiven, sauber gebauten Häusern zurückgelassen wurden, befand sich auch Leutnant d. Res. Ott, der wie immer in sonnigster Laune war. Glücklicherweise war seine Verwundung nicht so schwer, wie zuerst befürchtet wurde, aber es war nicht möglich, ihn mitzunehmen.
Am 25. August wollte ich auf alle Fälle das Lager von Regone erreichen. Aus den erbeuteten Papieren wußte ich, daß nach Regone wertvolle Bestände, dabei auch Minenwerfergranaten, vor uns in Sicherheit gebracht worden waren. Die Besatzung von Regone war im Augenblick wahrscheinlich noch schwach. Bei der Nähe der feindlichen Kolonnen aber war anzunehmen, daß die Lage am 26. August bereits für einen Handstreich zu spät sein würde. Der Weg führte durch den Paß eines steilen Felsengebirges. Unsere Vorhut stieß auf dem Marsche dort bald auf den Feind und beschäftigte ihn, während ich mit dem Gros seitwärts an diesem Feinde vorbei direkt auf Regone zu marschierte. Bei der Kletterei in dem wenig übersichtlichen Berggelände kam es fast zu einem Gefecht zwischen zwei deutschen Abteilungen, die sich gegenseitig für Feinde hielten. Die Maschinengewehre waren bereits in Stellung gebracht, als sich der Irrtum glücklicherweise noch aufklärte.
Dann marschierten wir weiter über die Berge, während unter uns, schon etwas rückwärts, das Maschinengewehrfeuer unserer Vorhut hörbar war. Der Marsch war so beschwerlich, und unsere Kolonne wurde, da wir über die Berge nur in einer Reihe gehen konnten, so lang, daß das von mir für diesen Tag gesetzte Ziel, Regone, nicht annähernd erreicht wurde. Wir wußten ja überhaupt nicht genau, wo Regone eigentlich lag. Nur aus dem Umstand, daß wir von den Bergen aus in weiter Entfernung mehrere Wege zusammenlaufen sahen, schlossen wir, daß dort Regone liegen müsse. Auf halbem Wege nach Regone zeigte sich ein großes Zeltlager, und ich nahm an, daß dies die andere Hälfte des Bataillons war, die auf Regone zur Unterstützung von Numarroe herangerückt war.