Bei strömendem Regen mußten wir im Busch Lager beziehen. Am nächsten Tage war das beobachtete Zeltlager geräumt, die Boma Regone ziemlich stark besetzt. Ein Anlaufen gegen sie über den kahlen Hügel hinweg bot keine Aussicht auf Erfolg, und wir beschränkten uns auf Unternehmungen mit Patrouillen und einzelnen Abteilungen. Der Feind hatte, wie ich aus seinen Papieren ersah, Anweisung gegeben, uns bei Regone ungestört anbeißen zu lassen, um dann mit starken Reserven, die außerhalb lagen, uns in der Flanke oder im Rücken anzugreifen. Es war daher besondere Vorsicht geboten, und die Initiative, mit der die Kompagnie des Oberleutnant Boell trotz aller dieser Bedenken gegen die Boma vorging, hätte gefährliche Folgen haben können. Einige außerhalb der Befestigungen sich zeigende feindliche Lager und Kolonnen wurden überraschend beschossen und Verpflegungsvorräte erbeutet. Die vorgefundenen Papiere bestätigten die Annäherung stärkerer feindlicher Kolonnen von Süden und Südosten her gegen Regone. Aber auch im Norden standen Truppen; ob diese sich nun in der Gegend Lioma-Malacotera befanden oder bei Malema, war nicht auszumachen. Festgestellt war aber, daß sie vorhanden waren, und es war wahrscheinlich, daß auch sie, und zwar von Norden her, sich Regone nähern würden.

Da ein Handstreich auf Regone keine Aussicht auf Erfolg bot und eine länger andauernde Unternehmung wegen der von außen zu erwartenden Störungen gleichfalls nicht auf eine glückliche Durchführung rechnen durfte, so beschloß ich, weiter zu marschieren. Wegen der Fluß- und Sumpfbarrieren südlich des Nyassasees erschien mir die früher von mir in Betracht gezogene Marschrichtung nach Westen nicht ratsam, zumal auch deshalb nicht, weil der Feind dorthin mit Hilfe von Dampfschiff und Eisenbahn sehr leicht Truppen zusammenziehen und auch ernähren konnte. Zweckmäßiger erschien mir der Weitermarsch nach Norden, östlich am Nyassasee vorbei; es war wahrscheinlich, daß der Feind durch unsere Rückkehr nach Deutsch-Ostafrika sehr überrascht sein und die natürliche Hauptstadt dieses Gebietes, nämlich Tabora, für das Ziel unseres Marsches halten würde. Unter diesem Eindruck würde er dem Hauptteil seiner Truppen den Landmarsch nach Tabora, und die schwierigen Nachschubverhältnisse eines solchen ersparen, seine Truppen vielmehr nach den Küstenplätzen von Portugiesisch-Ostafrika zurückziehen, von dort mit Schiff nach Daressalam und dann weiter mit der Bahn nach Tabora selbst schaffen. Diese meine Berechnungen haben sich im großen und ganzen als zutreffend erwiesen. Der Gedanke lag nahe, daß ich schließlich nicht nach Tabora, sondern, am Nordende des Nyassasees angekommen, in anderer Richtung, wahrscheinlich nach Westen weitermarschieren würde. Zunächst kam es jedenfalls darauf an, das Nordende des Nyassasees zu erreichen. Bis dahin mußte mehr als ein Monat vergehen, und es konnte sich vieles ändern.

Bei Regone wurde der Anmarsch und die Versammlung stärkerer Truppenmassen beobachtet, die unmittelbar nach unserem Abmarsch unsere Lagerplätze absuchten, uns dann aber nur langsam folgten. Das Gelände war mit seinen zahlreichen Schluchten und Wasserläufen für unsere Nachhutstellungen besonders günstig. Auf dem Wege nach Lioma wurde ein größeres feindliches Magazin mit viel Tabak erbeutet. Die Abteilung Müller, die nach Lioma vorausgeschickt war, brachte bald Meldung über dessen Besetzung, konnte aber über die Stärke derselben nichts Näheres feststellen. Ich erreichte diese vorausgeschickte Abteilung mit dem Gros am 30. August. Die Lage der feindlichen Befestigungen war in dem dichten Busch immer noch nicht genau auszumachen gewesen. Anscheinend war der Feind erst kürzlich eingetroffen und hatte seine Schanzarbeiten noch nicht vollendet. Deshalb griff ich sogleich an. Die Abteilungen Müller und Goering umgingen den Feind zunächst, um von Norden anzugreifen. Inzwischen marschierte das Gros nach und nach in mehreren Schluchten im Walde auf.

Ich selbst konnte mir bei dem Mangel an Aufklärung kein genaues Bild machen. Da wurde von rückwärts her, wo unsere Trägerkolonnen sich noch im Marsche befanden, plötzlich lebhaftes Feuer gehört. Eine stärkere feindliche Patrouille hatte unsere Träger überraschend beschossen. Ein großer Teil unserer Lasten ging verloren. Hauptmann Poppe, der mit 2 Kompagnien zu meiner Verfügung stand, wurde hiergegen eingesetzt. Er fand bei seinem Eintreffen die Patrouille nicht mehr vor, folgte aber ihrer Abzugsrichtung und traf auf ein verschanztes Lager, das er sogleich im Sturm nahm. Vizefeldwebel Schaffrath erhielt hierbei einen schweren Schuß. Von diesen Ereignissen erhielt ich durch Hauptmann Poppe persönlich Meldung, als er, durch Brustschuß schwer verwundet, zurückgetragen wurde. Er meldete mir, daß der Feind völlig geschlagen und reiche Beute an Waffen und Munition gemacht worden sei. Die Kompagnien der Abteilung Poppe waren dem fliehenden Gegner gefolgt und auf ein neues größeres Lager gestoßen. Auf das gleiche Lager stieß von Norden her die Abteilung Goering, so daß der Feind unter wirksames Kreuzfeuer genommen wurde. Ein neu auftretender Gegner, der aus nordöstlicher Richtung heranrückte, wurde inzwischen durch die Abteilung Müller hingehalten.

Über diese verschiedenen Vorgänge erhielt ich erst spät nach Einbruch der Dunkelheit eine einigermaßen klare Übersicht, die mir meine persönlichen Erkundungsgänge nicht verschafft hatten. Bei einem dieser Gänge fuhr eines der zahlreich einschlagenden Infanteriegeschosse durch die Hose eines meiner Begleiter, des Landsturmmannes Hauter, traf den anderen Begleiter, Leutnant z. See a. D. Besch, in den Oberschenkel und verletzte die Schlagader. Glücklicherweise war der Verbandplatz in der Nähe. So konnte ich mich von unserem bisherigen Intendanten, der zugleich auch die Geschäfte eines Ordonnanzoffiziers versah, mit dem Bewußtsein verabschieden, daß er durchkommen würde. Seine geringe Habe überließ er seinen Kameraden, denen er für die Zukunft alles Gute wünschte. Auch mir verehrte er eine Handvoll Zigaretten. Ich hatte nämlich die Gewohnheit, in ernsteren Gefechten andauernd zu rauchen.

Mitten im Busch traf ich auch den Oberleutnant von Ruckteschell mit einigen Trägern und seiner Tragbahre, deren er sich wegen seines noch nicht wiederhergestellten Beines zeitweise bedienen mußte; er hatte die Kolonne während des schwierigen Anmarsches nach Möglichkeit zusammengehalten und strahlte jetzt, das Gewehr in der Hand, vor Freude darüber, am Gefecht gegen die feindlichen Patrouillen teilnehmen zu können, die sich in der Flanke und in unserem Rücken zeigten. In dem dichten Busch hatte sich ein Teil unserer Kolonnen verlaufen und fand sich erst nach Stunden wieder zu uns heran. Nach Einbruch der Dunkelheit hatte sich der in einer Schlucht liegende Verbandplatz mit Verwundeten gefüllt. Es wurde gemeldet, daß Oberleutnant von Schroetter und Oberleutnant z. See Freund gefallen waren. Bei einer nochmals unternommenen Patrouille gerieten Vizefeldwebel Bolles und Hüttig versehentlich dicht an die feindlichen Schützen und wurden überraschend beschossen; Bolles fiel, Hüttig wurde schwerverwundet gefangen genommen. Vizefeldwebel Thurmann war bis auf 5 Schritt an den feindlichen Schützengraben gelangt und beschoß, ein vorzüglicher Schütze, von einem Termitenhaufen aus immer wieder erfolgreich die Ziele, die der Feind im Innern seines Lagers zeigte, bis auch er einen tödlichen Schuß erhielt.

Einen Sturm auf das Lager hatte Hauptmann Goering als aussichtslos nicht versucht und nach Einbruch der Dunkelheit deshalb nur Patrouillen am Feind belassen, den Rest der Truppe zurückgezogen. So sammelte sich das Gros in mehreren Gruppen nördlich des feindlichen Lagers, und ich beschloß, am nächsten Tage nach Aufräumung des Gefechtsfeldes weiter zu marschieren.

Operation im Feldlazarett


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