Notgedrungen mußten wir einen Teil unserer Kranken und Verwundeten, auch die kranken Gefangenen, unter einem englischen Sanitätsoffizier zurücklassen und traten um 9 Uhr vormittags in mehreren Kolonnen den Weitermarsch nach Norden an. Führer hatten wir nicht; das Gelände war ganz unbekannt, und nur ganz allgemein konnte ich dem Führer der Vorhut bezeichnen, daß ich an einem der nördlich vorgelagerten Berge vorbeizumarschieren beabsichtigte. Bald war bei der Vorhut Gefechtslärm hörbar. Im Busche wurde es erst nach und nach klar, daß unsere Vorhut sich gegen einen Feind gewandt hatte, der von links rückwärts her gegen sie erschienen war. Die Geschosse desselben schlugen auf nahe Entfernung und ziemlich zahlreich bei dem Kommando ein, das dem Gros vorausmarschierte.

Ein von mir zurückgeschickter Askari sollte den Anfang des Gros an die Stelle, an der ich war, heranführen. Die Lage war zweifellos günstig, um den Feind zwischen unserer Vorhut und unserem Gros einzuklemmen und gründlich zu schlagen. Ich wartete, aber unser Gros kam nicht. Da lief ich schließlich zurück und sah an den Spuren, daß unser Gros falsch geführt und längst seitwärts an uns vorbei marschiert war. Dagegen sah ich den Anfang der Abteilung Stemmermann, zu der der größte Teil unserer Kolonnen und unserer Kranken gehörte, ahnungslos im Begriff, in den Feind hinein zu marschieren. Gerade eben konnte ich die Abteilung noch abdrehen. Ich selbst erreichte nun die vordersten Abteilungen Müller und Goering, die sich inzwischen weiter nach Norden in Marsch gesetzt hatten. Sie folgten einer Straße, die auf die Berge hinaufführte, sich oben aber gänzlich verlor. Dem Gefechtslärm, den ich von Zeit zu Zeit weiter rückwärts hörte, maß ich keine weitere Beachtung bei. Erstaunt bemerkte ich am Spätnachmittag, daß der Rest der Truppe den Abteilungen Müller und Goering nicht gefolgt war, sondern rechts von uns im Tale marschierte. Ich ahnte nicht, daß inzwischen unsere Marschkolonne von einem neuen Gegner, der von Osten gekommen war, nochmals beschossen wurde, und daß hierbei ein großer Teil eines Feldlazarettes in Feindes Hand gefallen war.

Um die Truppe wieder zu vereinigen, suchte ich wieder von meinem Berge herunterzukommen. Der Abstieg erwies sich aber nicht als möglich; die Felsen waren steil, fast senkrecht. Auf einem Negerpfade marschierten wir weiter, und der Abend brach herein, als Hauptmann Müller mir meldete, daß auch dieser Abstieg an einem Abgrund endete. Glücklicherweise fand sich noch ein kleiner Seitenpfad. Wir folgten diesem, und es glückte, hinabzuklettern. Auch hier war es an einigen Stellen steil, aber die nackten Füße gaben den Trägern Halt, und auch ich kam, nachdem ich die Stiefel ausgezogen hatte, hinunter. Es wurde stockdunkel, und wir hatten kein Wasser. Schließlich fand sich aber auch dies, und mir fiel ein Stein vom Herzen, als wir auf den Rest der Truppe stießen, der unter General Wahle gleichfalls die Vereinigung gesucht hatte. Wir hatten am 30. und 31. August 6 Europäer, 23 Askari an Toten, 11 Europäer, 60 Askari an Verwundeten, 5 Europäer, 29 Askari an Vermißten, 5 Askari an Gefangenen verloren; 48000 Patronen, wichtige Medikamente und Verbandszeug, wichtiges Büchsenmachergerät und die gesamte Bagage der Abteilung Müller waren verloren gegangen. Auch die feindlichen Verluste waren schwer, wie aus einer später erbeuteten Verlustliste des 1. Bataillons der I. King’s African Rifles hervorging. Außer diesem Bataillon hatten Teile des 3. Bataillons dieses Regiments und die II. King’s African Rifles gegen uns im Gefecht gestanden.

Unsere Truppe hatte sich glänzend geschlagen; einem Teil der Träger, von denen über 200 vermißt wurden, war das überraschende Feuer allerdings etwas in die Glieder gefahren. Von der Abteilung Koehl fehlte Nachricht, aber unsere Führer waren inzwischen so erfahren und gewandt im Buschkrieg geworden, daß ich mir keine Sorge zu machen brauchte. Am nächsten Tage überraschten wir bei unserem Eintreffen im Lager eine englische Verpflegungskolonne.

Dann passierten wir die Straße Cutea-Malema, an der sich bald auch feindliche Truppen zeigten und überschritten den Luriofluß bei Mtetere. Ein englischer Aufkaufposten floh und einige Verpflegung wurde erbeutet. Abteilung Koehl traf hier wieder beim Gros ein. Sie war dem uns verfolgenden Feinde nachgezogen und hatte festgestellt, daß er mehrere Bataillone stark war. Wir rückten dann den Lurio abwärts in die reiche Landschaft Mpuera. Sol (Feldwebel) Salim, der hier gelegentlich einer früheren Patrouille seine Frau geheiratet hatte, die ihm treu gefolgt war, ließ sie, da sie ihrer Niederkunft entgegen sah, bei ihrem Vater, dem dortigen Jumben, zurück.

Die Truppe war gesundheitlich etwas mitgenommen; alles hustete, und es zeigten sich die Anfänge einer recht unangenehmen Lungenseuche, die uns in den nächsten Wochen viel Leute kosten sollte, von den Ärzten aber als verschieden von der spanischen Influenza angesehen wurde. Da in dieser Gegend reichliche Verpflegung vorhanden war, so gönnte ich der durch die Ereignisse der letzten Zeit recht angestrengten Truppe einen Ruhetag, der auch wegen der zahlreichen Kranken erforderlich war. Hauptmann Koehl war mit seiner Kompagnie ohne Bagage zurückgelassen worden, um dem Feinde von rückwärts her möglichst viel Schaden zuzufügen. Er meldete das Eintreffen stärkerer feindlicher Truppenmassen in der Gegend von Mtetere und östlich von diesem Orte. Es war klar, daß der Feind im Augenblick uns noch mit Anspannung aller seiner Kräfte verfolgte und zu diesem Zweck seine Truppe zusammenhielt. Die Gelegenheit zu einem Teilerfolg schien mir schon deswegen nicht günstig, weil er nicht ausgenutzt werden konnte und ein Gefecht uns Verwundete gekostet hätte, die wir nicht mitnehmen konnten. Da es in meiner Absicht lag, demnächst die Gegend nördlich von Luambala aus Verpflegungsgründen aufzusuchen, wollte ich den Abmarsch dorthin nicht weiter verzögern.

Während des Ruhetages am 5. September war in dem reichen Gebiet von Mpuera die Verpflegung ergänzt worden, und am 6. September früh wurde der Abmarsch in nördlicher Richtung angetreten. Es war anzunehmen, daß der Feind in mehreren Kolonnen flußabwärts, also in nordöstlicher Richtung marschieren würde; unsere Truppe zog daher in voller Gefechtsstaffelung durch den Busch, und ich erwartete jeden Augenblick, auf die nördliche der feindlichen Kolonnen zu stoßen; aber wir überschritten deren wahrscheinliche Marschstraße, ohne Spuren von ihr zu entdecken. Gegen Mittag näherten wir uns unserem Marschziele, einer am Hulua-Berge gelegenen Wasserstelle. Da fielen bei der Vorhut die ersten Schüsse, und bald entwickelte sich ein lebhaftes Gefecht. Hauptmann Müller, der Führer der Vorhut, war auf das Ende einer feindlichen Kolonne gestoßen, die spitzwinklig zu unserer Marschrichtung nach Nordosten marschierte. Schnell hatte er das am Ende befindliche 2. Bataillon der II. King’s African Rifles angegriffen und in die Flucht geschlagen, das Feldlazarett des Gegners und seine Eselkolonne genommen.

Die Abteilung Goering entwickelte ich rechts neben der Abteilung Müller; auch sie warf Teile des Feindes schnell zurück, ging dann aber nicht weiter vor, als der Gegner stärkere Truppen — das 1. Bataillon des II. King’s African Rifles und anscheinend auch Teile des 3. Bataillons dieses Regimentes — entwickelte. Unser linker Flügel, der im Vorgehen auf ansteigendes, offenes Gelände geraten war und dort gleichfalls auf frische feindliche Truppen stieß, war wenige hundert Meter zurückgegangen und hatte eine sanfte Anhöhe mit mehrere hundert Meter großem Schußfeld besetzt. Über diese Verhältnisse gewann ich erst Klarheit, als ich vom rechten Flügel, wo ich Abteilung Goering angesetzt hatte, wieder auf den linken Flügel ging.

Das Gefecht wurde ziemlich heftig und kam im großen und ganzen zum Stehen. Von der Nachhut, unter Hauptmann Spangenberg, her, deren Eintreffen ich jetzt erwartete, war Minenwerferfeuer gehört worden. Die Nachhut hatte bei Mpuera den Angriff einer anderen feindlichen Kolonne abgewiesen und Teile derselben in regellose Flucht geschlagen. Um 7 Uhr morgens war sie, der ihr erteilten Anweisung entsprechend, dem Gros gefolgt. Sie traf gegen 5 Uhr nachmittags auf dem Gefechtsfelde ein, und ich erwog, ob ich nicht durch Einsatz aller Reserven versuchen sollte, hier am Hulua-Berge heute noch die II. King’s African Rifles entscheidend zu schlagen. Ich habe diesen Gedanken aber fallen lassen; die Zeit war sehr knapp, denn es war nur eine Stunde bis zur Dunkelheit, und ich rechnete bestimmt darauf, daß am anderen Tage sehr früh frische Teile des Feindes auf dem Gefechtsfelde eintreffen würden. Zudem würde die Durchführung eines entscheidenden Gefechtes uns sicher erhebliche Verluste kosten, und diese Verluste wollte ich bei der geringen Zahl von 176 Europäern und 1487 Askari, die unsere Stärkenachweisung vom 1. September 1918 angab, vermeiden. Oberleutnant zur See Wenig, der mit seinem Geschütz bei der Abteilung Goering Verwendung gefunden hatte, meldete mir, daß er als einziger noch gefechtsfähiger Offizier den Befehl dieser Abteilung übernommen hatte. Bald wurde Hauptmann Goering mit schwerem Brustschuß, Oberleutnant Boell mit schwerem Kopfschuß auf den Verbandplatz gebracht.

So setzte ich die Reserven nicht in das Durcheinander eines nächtlichen Buschkampfes ein, sondern rückte nach Aufräumen des Gefechtsfeldes in nordwestlicher Richtung weiter. Bald trat völlige Dunkelheit ein, und der Marsch ging im dichten, hohen Grase nur sehr langsam von statten. Nach 5 km wurde Lager bezogen. Die Gefechtsverluste des 6. September waren 6 Askari, 4 Maschinengewehrträger gefallen, 13 Europäer, 49 Askari, 15 andere Farbige verwundet, 3 Europäer, 13 Askari, 12 Träger vermißt, 3 Askari, 3 Träger gefangen. Beim Feinde waren etwa 10 Europäer, 30 Askari als getroffen beobachtet worden, 8 Europäer, 45 Askari wurden gefangen genommen; die zum Teil kranken und verwundeten Gefangenen und unsere eigenen Schwerverwundeten waren unter der Pflege englischen Sanitätspersonals auf dem Gefechtsfelde zurückgelassen worden. Später bei Mwembe erbeutete Papiere gaben an, daß „Kartucol“ (abgekürzter Ausdruck für: Kolonne der IV. King’s African Rifles) am 6. September schwere Verluste hatte und zeitweilig bewegungsunfähig war.