Unser Weitermarsch wurde durch den Feind nicht belästigt. Hauptmann Koehl war mit seiner Kompagnie westlich von Mpuera zurückgeblieben, um von rückwärts her gegen den Feind und seine Verbindungen zu wirken. Er folgte unserer Spur und hatte am Milweberg leichte Zusammenstöße mit dem 1. Bataillon der VI. King’s African Rifles, das am 8. September von Süden her am Milweberg eintraf. Wir zogen in mehreren Reihen quer durch das Pori, durch wildreiches Gebiet. Sogar einige Büffel wurden während des Marsches erlegt. Bei Kanene kreuzten wir die vom Amarambasee nach Mahua führende Etappenstraße. Der Feind hatte das Magazin von Kanene abgebrannt, aber wir fanden in der Landschaft selbst ausreichend Verpflegung, und die materielle Lage der Truppe würde gut gewesen sein, wenn nicht die Influenzaepidemie immer mehr um sich gegriffen hätte. Etwa 50 Proz. hatten Bronchialkatarrh, und in jeder Kompagnie hatten 3 bis 6 Mann Lungenentzündung; da in der gesamten Truppe nur etwa 80 Kranke getragen werden konnten, so mußten etwa 20 Mann mit leichter Lungenentzündung zeitweise zu Fuß gehen. Eine befriedigende Lösung des Krankentransportes war eben nicht möglich, oder man hätte die Kriegführung beenden müssen; man konnte die Kranken nicht einfach im Pori liegen lassen. Diese Zwangslage mußte die Nerven des vortrefflichen, leitenden Sanitätsoffiziers, Stabsarzt Taute, bis aufs äußerste in Anspruch nehmen. Es war ein Glück, daß dieser in ärztlicher und organisatorischer Hinsicht hochbegabte Mann sich unter dem Gewicht seiner Verantwortung aufrecht erhielt. Seinen Anordnungen und dem durch die Verhältnisse bedingten Wechsel der Gegend und des Klimas ist es zu danken, daß die Epidemie bald zurückging. Eine Anzahl schonungsbedürftiger Askari und anderer Farbiger folgten der Truppe langsam nach; manche von ihnen verloren den Mut, wenn sie unsere Lagerplätze dann immer schon verlassen vorfanden. Eine ganze Anzahl ist aber doch herangekommen, besonders, wenn die Truppe einen der kurzen Märsche machte oder, was allerdings selten vorkam, einen Ruhetag einlegen konnte.

Siebenter Abschnitt
Noch einmal auf deutschem Boden

Aber allzusehr aufhalten durften wir uns nicht. Die Kriegslage erforderte gebieterisch, daß wir die verpflegungsarmen und die durch die letzte Zeit des Krieges stark in Anspruch genommenen Gebiete östlich des mittleren Nyassasees schnell durchschritten. Schnelligkeit war hierbei umsomehr geboten, als der Feind zu Schiff Truppen an das Nordende des Nyassasees verschieben und uns so in der Besetzung des dortigen Gebietes mit starken Truppen zuvorkommen konnte. Als wir uns dem Lujendaflusse näherten, wurde das Gelände bergiger und war vielfach von Flußläufen und Schluchten durchzogen. Die Marschrichtung konnte nach dem Kompaß allein nicht innegehalten werden. Es war nötig, die Wasserscheide zu berücksichtigen und auf den Bergrücken entlang zu gehen. Glücklicherweise fand der Führer der Vorhut, Hauptmann Spangenberg, einige Eingeborene, die ihm als Pfadfinder das Aufsuchen eines guten Weges erleichterten. Aber einiges Hin und Her war nicht zu vermeiden, und das verzögerte unseren Marsch, während der Feind von Malacotera her auf guter Straße schnell nach Luambala Truppen und Verpflegung verschieben konnte.

Ich war etwas in Sorge, ob das Wasser des Lujendaflusses genügend abgelaufen sein würde, um die Furten benutzen zu können. Die Herstellung von Rindenbooten hätte wohl keine Schwierigkeiten gemacht, aber bei der reißenden Strömung würde das Übersetzen der gesamten Truppe kaum glatt vonstatten gegangen sein. Jedenfalls lag mir daran, daß es durch den Feind nicht gestört würde, und auch dies trieb zur Eile an. Glücklicherweise wurde durch vorausgesandte Patrouillen unterhalb von Luambala eine Furt gefunden, und das Durchwaten des Flusses an dieser Stelle machte keine Schwierigkeiten.

Aus einigen erlegten Flußpferden wurde wieder Fett zubereitet, und in der Gegend von Mwembe, das wir am 17. September erreichten, konnte die Verpflegung aufgefüllt werden. Dort wurde nach langer Zeit ein Ruhetag gemacht. Hier, bei Mwembe, erreichte die Lungenentzündung ihren Höhepunkt. Seit Mitte August waren 7 Europäer und etwa 200 Farbige an Lungenentzündung erkrankt, davon 2 Europäer und 17 Farbige gestorben. Die Magazine von Mwembe waren durch die schwache feindliche Postierung zerstört worden, aber die Landschaft bot doch noch ausreichende Vorräte. Bedenklich wurde die Trägerfrage. Die Leute wurden durch die andauernden Märsche, durch die Epidemie und das Tragen der vielen Kranken stark in Anspruch genommen, und wir näherten uns ihren heimatlichen Gebieten. Wahrscheinlich würden die Wangoniträger, sobald sie ihre nördlich des Rowuma gelegene Heimat erreichten, weglaufen. In der Gegend von Mwembe und den gut angebauten Tälern des Luscheringoflusses wurden mehrere feindliche Patrouillen des Intelligence-Department (der Nachrichtenabteilung) angetroffen, die zwar schnell verjagt wurden, aber doch anzeigten, daß der Feind im großen und ganzen über unseren Marsch unterrichtet war.

Fernpatrouillen von uns wurden nach Mitomoni und nach Makalogi gesandt. Südlich des Rowuma führte uns der Marsch nach Verlassen des Luscheringotales quer durch eine außerordentlich wildreiche Steppe, und ebenso war es am Rowuma selbst, den wir am 28. September erreichten. Aber der Wildreichtum hatte auch seine Nachteile; wieder einmal wurde ein Posten von Löwen geschlagen. Wir betraten wieder deutschen Boden und blieben bei Nagwamira zwei Tage; mehrere feindliche Magazine und Transporte, die über unser Erscheinen nicht unterrichtet waren, wurden überrascht. Die Landschaft war außerordentlich reich, und die Truppe konnte sich gründlich erholen. Unsere nach Mitomoni gesandten Patrouillen meldeten dort ein stärker befestigtes Lager und das Eintreffen von Verstärkungen, die von Westen her kamen. Auch Ssongea war vom Feinde besetzt, seine Stärke allerdings nicht festzustellen. Die verschiedenen Nachrichten, sowie die geographische Lage machten es wahrscheinlich, daß auch nach Ssongea, vom Nyassasee her, Verstärkungen unterwegs waren.

Wir marschierten weiter, auf Ssongea zu, und trafen südlich dieses Ortes auf reich besiedeltes Gebiet. Der feindliche Funkerverkehr zeigte an, daß feindliche Truppen in Ssongea standen und daß eine andere Kolonne, wahrscheinlich von Mitomoni her, in die Gegend von Ssongea gelangt war. Am 4. Oktober marschierte ich westlich an Ssongea vorbei weiter nach Norden. Als die Vorhut unter Hauptmann Spangenberg an der großen Straße Ssongea-Wiedhafen anlangte, wurde sie durch drei feindliche Kompagnien mit Minenwerfern angegriffen, die von Westen her gekommen waren. Der Feind wurde ein Stück zurückgeworfen. Wegen des sehr berg- und schluchtreichen, für einen Angriff nicht günstigen Geländes und der späten Tagesstunde war es unwahrscheinlich, noch an diesem Tage einen wirklich durchschlagenden Erfolg erzielen zu können. Morgen aber würde neuer Feind eintreffen. Ich führte deshalb den Angriff nicht weiter durch und marschierte westlich am Feinde vorbei in ein Lager bei der Missionsstation Peramiho.

Beim Weitermarsch durch das Wangoniland entliefen, wie befürchtet, eine ganze Anzahl der Wangoniträger. Es war ja auch Übermenschliches verlangt, daß diese Leute, nachdem sie jahrelang ihre Angehörigen nicht gesehen hatten, jetzt einfach durch deren Gebiet hindurchmarschieren sollten. Dazu ist das Heimatgefühl des Negers zu stark. Auch Samarunga, einer meiner eigenen Träger, ein sehr anhänglicher und zuverlässiger Kerl, hatte sich Urlaub zum Besuch seines in der Nähe befindlichen Dorfes erbeten. Er kam auch ganz ehrlich zurück und brachte seinen Bruder mit. Beide marschierten dann weiter mit uns; auch als der Bruder wieder fortgegangen war, blieb Samarunga noch. Um seine gedrückte Stimmung zu heben, gab ich ihm von meiner Fleischportion, aber am nächsten Morgen war er doch verschwunden, nachdem er meine Sachen noch gut in Ordnung gebracht hatte.

Trägersafari