GRÖSSERES BILD

Nördlich Ssongea wurden wieder einzelne feindliche Nachrichtenpatrouillen aufgegriffen. Tagelang zogen wir durch ehemals besiedeltes, reiches Land. Tausende von Farmern könnten sich dort in gesundem, schönem Klima ansiedeln. Am 14. Oktober kamen wir nach Pangire (Jacobi), einer anmutig gelegenen Missionsstation, in der vor dem Kriege Missionar Gröschel mich bei meiner letzten Friedensreise gastlich ausgenommen hatte. Die Familie des Missionars war fortgeführt worden, aber die zum Wabenastamme gehörigen Eingeborenen waren geblieben und traten uns wie im Frieden zutraulich entgegen. Auch mehrere alte Askari, die aus irgendwelchen Gründen von der Truppe abgekommen waren, meldeten sich wieder. Auch in dieser Gegend wurden einzelne Intelligence-Patrouillen angetroffen und verjagt. In dem viehreichen Lande der Wabena wurden die bis dahin recht geringen Viehbestände der Truppe vergrößert und so eine bewegliche Verpflegungsreserve geschaffen, die wesentlich zur Entlastung des Trosses beitrug. Nach dem Abmarsch von Pangire wurde eine in diesem Ort zurückgelassene Patrouille durch eine feindliche Abteilung beschossen. Bei Ubena wurde unsere Nachhut, Hauptmann Müller, durch mehrere feindliche Kompagnien angegriffen, die von Süden her kamen. Eine stärkere feindliche Kolonne folgte uns also auf der Spur. Die freien, ganz offenen Steppen von Ubena waren für unsere Kriegführung nicht günstig, da sie auf weite Entfernung durch Gewehr- und Artilleriefeuer beherrscht wurden. Verschiedentlich wurde zudem der Anmarsch stärkerer feindlicher Kräfte von Mwakete her auf Ubena gemeldet; diese Meldungen erwiesen sich teilweise als unrichtig und führten zu einem kurzen Gefecht zweier deutscher Patrouillen gegeneinander.

Der Schiffstransport feindlicher Truppen zum Nordende des Nyssasees und ihr Vormarsch auf Ubena oder weiter nördlich war recht wahrscheinlich und hat sich später auch als zutreffend erwiesen. Wollte ich die Marschrichtung auf Tabora abbrechen und zwischen dem Nyassa- und Rukwasee und später zwischen dem Nyassa- und Tanganjikasee hindurch nach Rhodesien marschieren, so rückte jetzt der Zeitpunkt zum Abbiegen heran, und ich durfte keinen Tag verlieren, um so mehr, als die schroffen Züge des Livingstonegebirges sowie die Berge um Mbeja die Bewegungsfreiheit sehr beschränkten. Bei der Festlegung der Marschroute war zu berücksichtigen, daß die Verpflegungsbestände der Kompagnien stark zusammengeschmolzen waren und ergänzt werden mußten. Die Möglichkeit hierzu bot, nach Eingeborenenaussagen, die Gegend von Kidugala und Gombowano, während in Ussangu, insbesondere bei Neu-Utengule, Hungersnot sein sollte.

Am 17. Oktober marschierte ich mit dem Gros von Ubena ab, ließ dort den General Wahle, zwei andere Europäer und einige Askari krank oder verwundet zurück und erreichte Kidugala; Abteilung Koehl folgte am 18. Oktober. An diesem Tage wurde die Boma Ubena durch etwa 100 feindliche Askari besetzt, 200 bis 300 gingen nach Norden zur Iringastraße vor. Aus erbeuteten Zeitungen entnahmen wir, daß am 29. September Cambrai gefallen war und die Belgier bis 3 km westlich Roubaix gekommen waren. Wir lasen vom Aufhören der Feindseligkeiten in Bulgarien, vom Rücktritt des Grafen Hertling und der Einnahme von St. Quentin und Armentières. Aber die Aufgabe von Stellungen und Ortschaften konnte so verschiedenartige Gründe haben, daß ich diesen Nachrichten keine entscheidende Bedeutung beimaß.

Der Weitermarsch führte bei Gombowano und Brandt durch recht viehreiches Gebiet. Missionen und Schulen waren verlassen, aber die Gartenfrüchte, besonders Maulbeeren und Pfirsiche, waren uns hoch willkommen. Auch fanden wir im Pori große Massen wilder Feigen und anderer wohlschmeckender süßer Früchte. Kleinere Patrouillenzusammenstöße zeigten uns an, daß feindliche Truppen vom Nyassasee her direkt nach Norden in die Gegend von Brandt kamen. In Ruiwa fanden wir große englische Magazinanlagen vor; einen ganzen Schuppen mit Leder mußten wir vernichten. Dann ging es weiter zur Mission Alt-Utengule, die mir gleichfalls vom Frieden her wohlbekannt war; sie lag jetzt verlassen. Dann erreichten wir die Mission Mbozi. Dorthin hatten die Engländer die Männer aus der Landschaft bestellt, sie untersucht und nach Neu-Langenburg geschickt, wahrscheinlich, um dort Askari aus ihnen zu machen. In Mbozi war ein großes englisches Magazin, das unter anderem 75 Lasten Salz und 47 Lasten Kaffee enthielt.

Es war schwer, sich durch das Gebiet richtig hindurchzutasten. Meist war es uns wenig bekannt, und seit Jahren hatte es der Feind durch Anlage von Magazinen und Transportstraßen verändert. Zu vorherigen Erkundungen fehlten uns Zeit und Kräfte, und das Moment der Überraschung wäre weggefallen. Die Eingeborenen waren den Engländern recht feindlich gesonnen und leisteten uns gute Dienste, aber ihre Angaben waren doch oft wenig klar. Während wir in Mbozi einen Ruhetag machten und dort die Verpflegung ergänzten, waren unsere Patrouillen weithin unterwegs, die eine nach Galula (Mission Sankt Moritz), eine nach Itaka, eine in Richtung auf Neu-Langenburg und eine in Richtung auf Fife. Die Abwesenheit von einigen derselben würde Wochen dauern; ihre Meldungen konnten nicht abgewartet werden.

Immerhin wurde so viel klar, daß an Mbozi vorbei eine Hauptetappenstraße des Feindes von Fife über Rwiba nach Neu-Langenburg lief. Mehrere an dieser befindliche Magazine und auf ihr verkehrende Verpflegungskolonnen wurden erbeutet oder ihre Bestände zerstört. Das Vorhandensein dieser Straße bewies, daß in der Gegend von Fife ein größeres englisches Magazin liegen mußte. Wahrscheinlich war dies bei schnellem Zufassen zu nehmen, bevor stärkere Kräfte des Feindes dort eintrafen. Am 31. Oktober vormittags war eine Kampfpatrouille auf Fife abgesandt worden. Eingeborene und Patrouillen meldeten am gleichen Tage abends den Vormarsch stärkerer feindlicher Kräfte auf der Straße Neu-Langenburg-Rwiba. Am 1. November früh marschierte ich mit der gesamten Truppe zunächst zum Rwibaberge ab. Dort zeigten die Spuren, daß eine stärkere feindliche Kolonne den Rwibaberg in Richtung auf Fife kurz vor uns passiert hatte. Dieser Feind war von einer deutschen, zum Rwibaberg entsandten Kampfpatrouille nicht bemerkt worden.

Achter Abschnitt
Einmarsch in Britisch-Rhodesien

Unsere am 31. Oktober nach Fife entsandte zweite Kampfpatrouille hatte sich am Rwibaberge aufgehalten. Ich mußte nun mit der ganzen Truppe sofort nach Fife weitermarschieren, um dieses vor dem Feinde zu erreichen oder, falls unsere erste Patrouille dort im Gefecht stehen sollte, einzugreifen. Der zehnstündige Marsch (reine Marschzeit) von Mbozi nach Fife war eine ganz gewaltige Anstrengung für die Truppe, aber die Meldungen unserer Patrouillen, die Spuren des Feindes und seine an Bäumen vorgefundenen Zettel bewiesen einwandfrei, daß der Feind alles daransetzte, Fife noch am gleichen Tage, am 1. November, zu erreichen. Bei der Größe auch seines Marsches war man zu der Annahme berechtigt, daß unsere Kampfpatrouille, die ich am 31. Oktober, spätestens am 1. November früh bei Fife vermutete, den Feind den 1. November über an der Besetzung des Magazins von Fife hindern würde. Im Laufe des Nachmittags beschossen wir einige Patrouillen, ohne unseren Marsch aufzuhalten. Am Spätnachmittag wurden schwächere Abteilungen des Feindes in den Bergen nahe bei Fife schnell zurückgeworfen. Ich selbst ging mit der Abteilung Spangenberg, die rechts von der Straße abgebogen war, auf einen Bergrücken, auf einen Punkt vor, wo wir das Lager von Fife vermuteten.

Das Gelände wurde offener und war in der Hauptsache mit kniehohem Buschwerk und Gras bedeckt, als wir auf wenige hundert Meter vor uns Leute herumgehen und dicht stehende Zelte sahen. Die Leute benahmen sich so harmlos, daß ich fast glaubte, es wäre unsere eigene Kampfpatrouille. Aus 200 m erhielten wir dann aber ein sehr heftiges und anfangs auch recht gut gezieltes Gewehr- und Maschinengewehrfeuer. Glücklicherweise wurde es von unseren Schützen nicht erwidert, da ich vor diese geraten war und zwischen beiden Parteien lag. Nach einiger Zeit fing der Feind, der sich augenscheinlich selbst wild gemacht hatte, an, hoch zu schießen. Es begann dunkler zu werden, so daß meine Patrouille sich zu unserer Schützenlinie zurückziehen konnte. So war wenigstens Klarheit über die Lage geschaffen: ein Feind von mehreren Kompagnien lag vor uns in verschanzten Stellungen mit gutem Schußfelde. Seine vorgeschobenen Abteilungen waren zurückgeworfen worden. Die Magazine lagen zum Teil außerhalb der Schanzen und fielen später in unsere Hand. Den verlustreichen Sturm auf diesen Feind wollte ich nicht ausführen, dagegen schien mir die Gelegenheit günstig, den Gegner in seinem eng zusammengedrängten Lager mit unserem Minenwerfer und von erhöhter Stelle aus mit unserem Geschütz und dann, wenn er sich zeigte, auch mit Gewehr- und Maschinengewehrfeuer zu beschießen. Unsere Maschinengewehre wurden in der Nacht dicht an seine Stellung herangeschoben und verschanzt. Die Erkundung für eine günstige Geschützstellung wurde auf den nächsten Vormittag verschoben.