Unsere Empfindungen waren sehr gemischt; ich persönlich, der ich von den wirklichen Verhältnissen in Deutschland keine Kenntnis hatte, glaubte an einen günstigen oder zum mindesten für Deutschland nicht ungünstigen Abschluß der Feindseligkeiten.
Die vorausgesandte Abteilung Spangenberg mußte schnell benachrichtigt werden, und ich setzte mich sogleich mit einem Begleiter, dem Landsturmmann Hauter, aufs Rad und fuhr ihr nach. Auf halbem Wege kam mir die Radfahrpatrouille Reißmann der Abteilung Spangenberg entgegen und meldete, daß Hauptmann Spangenberg bei der Chambezi-Fähre eingetroffen sei. Wenn ich auch die Richtigkeit der englischen Nachricht vom Waffenstillstand nicht bezweifelte, so war unsere Lage doch ziemlich heikel. Wir befanden uns in einem Gebiet mit wenig Verpflegung und waren darauf angewiesen, unseren Standort von Zeit zu Zeit zu wechseln. Schon aus diesem Grunde war es notwendig, Übergänge über den Chambezifluß zu erkunden und für uns zu sichern. Wurden die Feindseligkeiten wieder aufgenommen, so mußten wir erst recht einen gesicherten Uferwechsel haben. Diese Frage war brennend, da die Regenzeit und damit das Anschwellen der Flüsse unmittelbar bevorstand. Stärkere Gewitter setzten bereits ein. Es war also vieles mit Hauptmann Spangenberg an Ort und Stelle zu besprechen und mit dem englischen Offizier, der voraussichtlich jenseits des Chambezi stehen würde, zu regeln. Auf alle Fälle mußte der Aufkauf und die Beschaffung von Verpflegung energisch weiter betrieben werden. Zu diesem letzteren Zweck ließ ich meinen Begleiter zurück und radelte selbst mit der Patrouille Reißmann zur Abteilung Spangenberg.
Wir trafen gegen 8 Uhr abends, bei völliger Dunkelheit, ein; Hauptmann Spangenberg war noch unterwegs auf einer Erkundung, aber Unterzahlmeister Dohmen und andere Europäer versorgten mich, sobald sie von meiner Ankunft erfuhren, reichlich. Ich konnte mich überzeugen, daß das Magazin von Kasama auch Haferflocken, Jam und andere gute Dinge enthalten hatte, die mir bis dahin unbekannt geblieben waren.
Hauptmann Spangenberg meldete mir bei seiner Rückkehr, daß auch er inzwischen durch die Engländer Nachricht vom Waffenstillstand erhalten hatte. Als ich mich in seinem Zelt zur Ruhe gelegt hatte, brachte er mir gegen Mitternacht ein durch die Engländer übermitteltes Telegramm des Generals van Deventer, das über Salisbury gekommen war. Nach diesem hatte Deutschland die bedingungslose Übergabe aller in Ostafrika operierenden Truppen unterzeichnet; Deventer fügte hinzu, daß er die sofortige Befreiung der englischen Kriegsgefangenen und unseren Marsch nach Abercorn verlangte. In Abercorn wären alle Waffen und Munition abzuliefern, doch dürften die Europäer zunächst ihre Waffen behalten. Der vollständige Text dieses Telegramms lautete:
13. XI. 18. To Norforce. Karwunfor via Fife.
Send following to Col. Von Lettow Vorbeck under white flag. War office London telegraphes that clause seventeen of the armistice signed by the German Govt. provides for unconditional surrender of all German forces operating in East Africa within one month from Nov. 11th.
My conditions are. First, hand over all allied prisoners in your hands, Europeans and Natives to the nearest body of British troops forthwith. Second, that you bring your force to Abercorn without delay, as Abercorn is the nearest place at which I can supply you with food. Third, that you hand over all arms and ammunition to my representative at Abercorn. I will however allow you and your officers and European ranks to return their personal weapons for the present in consideration of the gallant fight you have made, provided that you bring your force to Abercorn without delay. Arrangements will be made at Abercorn to send all Germans to Morogoro and to repatriate German Askari. Kindly send an early answer giving probable date of arrival at Abercorn and numbers of German officers and men, Askari and followers.
General van Deventer.
Diese eine Nachricht besagte, wenn sie sich bestätigte, genug und zeigte die Notlage des Vaterlandes; niemals würde es sonst eine ehrenvoll und erfolgreich im Felde stehende Truppe preisgeben.
Ohne die Gründe im einzelnen nachprüfen zu können, mußte ich mir sagen, daß die von uns verlangten Bedingungen eben unvermeidlich seien und loyal erfüllt werden müßten. Bei einer mit dem britischen Commissionar, der von Kasama zur Chambezi Rubber Factory übergesiedelt war, am 14. November morgens 8 Uhr am Fluß vereinbarten Zusammenkunft übergab ich diesem ein Telegramm an Seine Majestät, in dem ich das Vorgefallene meldete und hinzufügte, daß ich entsprechend verfahren würde. Der Commissionar teilte mir mit, daß die deutsche Flotte revoltiert habe und auch sonst in Deutschland Revolution sei; nach einer ihm offiziell bisher nicht bestätigten Nachricht habe ferner der Kaiser am 10. November abgedankt. Alle diese Nachrichten schienen mir unwahrscheinlich, und ich habe sie nicht geglaubt, bis sie mir nach Monaten auf der Heimreise bestätigt wurden.