Unsere Truppe, Europäer und Farbige, hatten fest daran geglaubt, daß Deutschland in diesem Kriege nicht unterliegen würde, und alle waren entschlossen, bis zum Äußersten zu kämpfen. Gewiß war es fraglich, ob unsere Kraft reichen würde, wenn der Krieg noch mehrere Jahre dauerte, aber auf mindestens ein Jahr sahen wir allen Möglichkeiten mit Ruhe entgegen; die Truppe war gut bewaffnet, ausgerüstet und verpflegt, die augenblickliche Kriegslage so günstig für uns wie seit langem nicht. Zwar sahen die Askari, daß wir weniger und weniger wurden — wir waren noch 155 Europäer, davon 30 Offiziere, Sanitätsoffiziere und obere Beamte, 1168 Askari und rund 3000 andere Farbige stark — aber als ich gelegentlich mit einer meiner Ordonnanzen darüber sprach, da versicherte er mir: „Ich werde bei Euch bleiben und weiter fechten, bis ich falle“. Ähnliche Äußerungen sind von vielen anderen gemacht worden. Ich bin überzeugt, daß es nicht bloße Redensarten waren.
Am 14. November nachmittags traf ich mit dem Fahrrad wieder beim Gros der Truppe ein, teilte den Europäern das an der Chambezi-Fähre Erlebte sowie meine Absicht mit, die mir offiziell bekannt gegebenen Bedingungen, an deren Richtigkeit ich nicht zweifelte, auszuführen.
Bevor die Gefangenen entlassen wurden, suchte mich der älteste derselben, Colonel Dickinson, auf und verabschiedete sich von mir. Nach seiner Angabe hatte die mehr als dreimonatliche Gefangenschaft ihm einen interessanten Einblick in unser Lagerleben, in die Anlage unserer Märsche und die Führung unserer Gefechte gegeben. Über die Einfachheit unserer Anordnungen und das reibungslose Funktionieren war er des Lobes voll; zweifellos hatte er mit offenen Augen gesehen.
Auch unseren Askari wurde die Wendung der Dinge bekannt gegeben. Es war vorauszusehen, daß ihre Abfindung mit den seit Jahren rückständigen Gebührnissen Schwierigkeiten machen würde, und dasselbe galt für die Träger. Und doch war es für uns Ehrensache, diesen Leuten, die mit so großer Hingabe für uns gekämpft und gearbeitet hatten, zu ihrem Recht zu verhelfen. Die erforderliche Summe — es handelte sich etwa um 1½ Millionen Rupien (im Frieden eine Rupie = 1,33 Mark) war verhältnismäßig gering, und so wurde Leutnant d. Res. Kempner mit Rad vorausgeschickt, um diese Summe von den Engländern oder durch ihre Vermittlung auf dem schnellsten Wege zu beschaffen. Unsere wiederholten Bemühungen sind erfolglos geblieben. Es wurde uns zwar zu verschiedenen Malen mitgeteilt, daß die Frage seitens des War Office in Erwägung (under consideration) gezogen sei, aber dabei blieb es; auch auf meine Telegramme an die deutsche Regierung in Berlin habe ich keine Antwort bekommen. Es blieb schließlich nichts weiter übrig, als Listen über die rückständigen Gebührnisse zusammenzustellen und den einzelnen Trägern und Askari Gutscheine darüber mitzugeben.
Wir marschierten nun in kleinen Märschen über Kasama auf Abercorn zu. Britischerseits wurden uns Einzelheiten über die Waffenstillstandsbedingungen bekannt gegeben. Es stellte sich heraus, daß in diesen nicht „bedingungslose Übergabe“, wie General van Deventer ursprünglich mitgeteilt hatte, verlangt war, sondern „bedingungslose Räumung“ (evacuation). Gegen die Auslegung des englischen Kriegsamtes, daß das Wort evacuation die Übergabe und Entwaffnung einbegriffe, erhob ich mehrfach Einspruch, habe aber weder von den Regierungen der alliierten Länder und der Vereinigten Staaten noch von der deutschen Regierung Antwort erhalten. Ich habe mir überlegt, ob ich bei dieser zweifellosen Entstellung des Wortes evacuation mich auf nichts Weiteres einlassen und zu den Belgiern oder sonst wo anders hinmarschieren sollte. Aber schließlich war im Vergleich zu der Gesamtheit der Friedensbedingungen die die Schutztruppe betreffende Klausel ein so geringer Punkt, daß ich beschloß, nach Daressalam zu rücken, wie General van Deventer es verlangte, allerdings in der Erwartung, daß die Engländer uns von dort den Bedingungen des Waffenstillstandes entsprechend sogleich weiter in die Heimat transportieren würden. Diese Erwartung wurde, wie sich später herausstellte, nicht erfüllt.
Unweit nördlich von Kasama überholten wir den Gegner, gegen den die letzten Scharmützel stattgefunden hatten, das 1. Bataillon der VI. King’s African Rifles. Die Einladung des Colonel Hawkins, des kaum dreißigjährigen liebenswürdigen Führers, die er mir beim Durchmarsch durch Colonel Dickinson für die deutschen Offiziere für einen Imbiß übermitteln ließ, mußte ich ablehnen, so sehr ich mich auch über die hierdurch zum Ausdruck gebrachte Ritterlichkeit freute. Doch ließ es sich Colonel Hawkins nicht nehmen, an einem der folgenden Tage seinen Besuch zu machen und eine recht angeregte Stunde bei einer Tasse Kaffee bei mir zuzubringen. Es ist anzuerkennen, daß die Offiziere dieses Bataillons in der gewiß etwas schwierigen Lage mit großem Takt und mit der Achtung verfahren sind, auf die ein ehrenhafter Feind Anspruch hat. Hawkins teilte mir übrigens mit, daß er aus Verpflegungsgründen nicht hätte weiter folgen können, und wir mußten ihm mit Vieh aushelfen, das wir ja in ausreichender Zahl besaßen.
Nach Abercorn hatte sich Leutnant d. Res. Kempner mit dem Fahrrad vorausbegeben. Nach seiner Rückkehr fuhr ich selbst mit einem vom General Edwards geschickten Auto dorthin. Die Aufnahme bei General Edwards selbst sowie in der Messe seines Stabes war sehr entgegenkommend. Ich präzisierte meinen Standpunkt dem General Edwards gegenüber dahin, daß ich die Verpflichtung zur Abgabe unserer Waffen nicht anerkannte, aber zur Abgabe bereit wäre, wenn ich hierdurch Vorteile nicht für den einzelnen von uns, sondern für die deutsche Regierung erreichen könne. Es wurde mir zugestanden, daß die von uns abgegebenen Waffen und Munition auf die Bestände in Anrechnung kommen würden, welche Deutschland gemäß der Waffenstillstandsbedingungen an die alliierten Regierungen abzugeben hatte. Die Abgabe unserer Waffen sollte ferner auch äußerlich nicht den Charakter einer Waffenstreckung haben.
Über die Askari und Träger wurde mir mitgeteilt, daß die Engländer sie in Tabora in Internierungslagern unterbringen wollten, bis ihre Abfindung mit Gebührnissen geregelt und ihre Repatriierung durchgeführt sei. Die Europäer sollten bis zur Abfahrt des Schiffes, also voraussichtlich nur wenige Tage, in Daressalam interniert werden. Diese Bedingungen sind feindlicherseits nicht innegehalten worden. Sowohl die Askari in Tabora wie auch die Europäer in Daressalam sind 1½ Monate und länger in Gefangenenlagern hinter Stacheldraht eingeschlossen worden.
Am 25. November traf die Truppe in Abercorn ein. Dort war an dem Platze, an dem die Abgabe der Waffen erfolgte, die englische Fahne aufgepflanzt, und es läßt sich nicht leugnen, daß hierdurch der Charakter einer Waffenstreckung nicht ganz vermieden wurde. Es wurden übergeben: ein portugiesisches Geschütz, 37 Maschinengewehre (davon 7 deutsche, 16 schwere und 14 leichte englische), 1071 englische und portugiesische Gewehre, 208000 Patronen, 40 Schuß Artilleriemunition. Die Engländer waren sehr schnell dabei, die abgegebenen Gewehre fortzuräumen. Nicht ein einziges modernes deutsches Gewehr war darunter!!! Die Stärke der Truppe war: der Gouverneur, 20 Offiziere, 5 Sanitätsoffiziere, ein Arzt der freiwilligen Krankenpflege, ein Oberveterinär, ein Oberapotheker, ein Feldtelegraphensekretär, 125 Europäer anderer Dienstgrade, 1156 Askari und 1598 Truppenträger. Das Eintreffen der einzelnen Abteilungen zögerte sich infolge schwerer Regengüsse um Stunden hinaus. Der Lagerplatz für die Askari war mit einem hohen Dornverhau eingefaßt und infolge Ungeschicklichkeit übertrieben eng gewählt. Dies erregte bei vielen unserer Askari heftigen Unwillen, der sich manchmal in Tätlichkeiten gegen die englischen Askari entlud. Aber die Leute fanden sich schließlich mit der unangenehmen Lage ab, und auch General Edwards sah ein, daß hier unnötigerweise ein Anlaß zu Reibungen an den Haaren herbeigezogen worden war. Wir waren ja doch keine Kriegsgefangenen, deren Entlaufen er zu befürchten hatte, sondern wir hatten uns freiwillig in Erfüllung einer unangenehmen Pflicht in seine Hände begeben. Er nahm für den Weitermarsch nach Bismarckburg von ähnlichen Einrichtungen Abstand, und so sind wir mit dem Bataillon Hawkins gemeinsam und ohne die geringste gegenseitige Belästigung nach Bismarckburg marschiert. Am 28. November bezogen wir an dem gewaltigen Wasserfall des Kalamboflusses Lager, 3 Stunden von Bismarckburg entfernt. Hier blieben wir mehrere Tage liegen, da die Abfahrt mit den Dampfern von Bismarckburg aus sich immer wieder verzögerte. Verschiedene Offiziere bestürmten mich, ob wir nicht doch noch weiter fechten wollten. Solche Bestrebungen waren etwas unbequem, da es sowieso schon für mich einer Menge kühler Überlegung bedurfte, um aus unserer doch recht unangenehmen Lage herauszukommen. Aber mehr als diese Unbequemlichkeit empfand ich die Freude über solche Äußerungen gesunden kriegerischen Geistes, der selbst jetzt, nachdem wir alle Waffen abgegeben hatten, nicht davor zurückschreckte, ein feindliches Lager zu stürmen und uns von neuem die Grundlage für weitere Kriegführung zu verschaffen.
Am 3. Dezember empfing ich ein Telegramm des Generals van Deventer, datiert vom 2. Dezember. Es lautete folgendermaßen: