Das geschah auch, und nun war die Großmutter unten in der Stube im Bett; sie hatte viele Kopfkissen im Rücken, so daß sie halb saß; deshalb vermochte sie auch noch zu stricken wie früher. Wenn der Vater abends nach Hause kam, ging er erst zu ihr, gab ihr die Hand und sprach ein paar Worte. Es war, als sei sie jetzt viel wichtiger geworden wie vorher; die Mutter fragte sie um manches, davon sie ihr sonst nichts mitgeteilt, und recht oft erhielt sie ein besonderes Leckerbißlein, das die andern nicht bekamen.

Einmal rief die Großmutter die Mutter zu sich ans Bett. Die kam und fragte, was sei. Da sagte die Großmutter nach einer Pause: „Ich wollte dir nur sagen, daß du immer gut zu mir gewesen bist, so sind nicht alle jungen Frauen. Ich bin gewiß manchmal wunderlich gewesen, aber ich habe es immer gut gemeint.“ Da sah Hans, wie seiner Mutter die Tränen kamen, daß sie die Schürze vor die Augen nahm und schnell fortging.

Dem kleinen Hans erzählte die Großmutter jetzt viel; und wiewohl er gern draußen war und mit dem schmelzenden Schnee spielte, Flüsse leiten und Dämme bauen, daß sich große Teiche bilden, und dann wieder Kanäle graben und Wasserfälle machen, so blieb er doch viel lieber in der Stube bei der Großmutter und hörte ihre Erzählungen aus der alten Zeit.

Sie sprach aber von ihrem Vaterhaus, das schilderte sie ganz genau von außen und innen und zählte die Stuben und Fenster und Türen, und die Öfen beschrieb sie, und die Treppe und die Haustür; und alles wurde prächtig und märchenhaft in ihrer Erinnerung. Dann sprach sie von der Wiese, und wie sie alle ins Heu gingen mit großen Hauben aus Kattun, und vom Garten erzählte sie und von den Obstbäumen; da war ein Apfelbaum, der trug Borsdorfer, solche Äpfel gab es nicht mehr; und von Kirschen hatten ihre Eltern alle Sorten, und im Herbst, wenn die Abende länger wurden, dann holten sie immer eine große Schüssel Pflaumen vom Boden, die wurde auf den Tisch gesetzt. Der Urgroßvater war Silberbote gewesen, das war ein Bergmann, auf den man besondere Stücke hielt, der mußte zweimal in der Woche das ausgebrachte Barrensilber zur Münze bringen. Da ging er denn abends zum Herrn Bergrat, der packte die Barren in einen Tornister, den versiegelte er; dann kam er wieder nach Hause und verschloß den Tornister in seinem Koffer und nahm den Schlüssel in die Tasche; denn früh am andren Morgen um drei Uhr mußte er sich auf den Weg machen und acht Stunden weit gehen durch den dicken Wald: zur Winterzeit war oftmals der Weg verschneit und keine Trappe Bahn; dazu war damals der Wald noch gefährlich wegen der Wölfe, und in der Franzosenzeit gab es auch Räuber. Deshalb holte der Vater die Bibel und das Gesangbuch aus dem Schapp und las vor, ein Stück aus den Evangelien, von dem Mann, der unter die Räuber fiel, oder ein andres, dann knieten alle nieder und beteten zum lieben Gott, daß er ihn beschützen möge, und am Ende sangen sie ein frommes Lied. Wenn die Kinder dann am andern Morgen aufwachten, so war der Vater schon lange auf dem Wege; und erst am Abend um neun kam er wieder mit dem leeren Felleisen und der Quittung, das mußte ein Kind beides gleich zum Herrn Bergrat bringen. Wenn es aber um die Zeit war, daß der Vater heimkehren mußte, so harrten alle in Angst, und oftmals gingen sie ihm entgegen, weil sie Furcht hatten, es möchte ihm etwas geschehen sein. Aber Gott hat ihn immer behütet, und er hat ein hohes Alter erreicht.

In diese Erzählungen mischte die Großmutter Mahnworte und fromme Reden, indem sie begann: „Und wenn ich tot bin, so vergiß nicht, was ich dir jetzt sage.“ Sie erzählte aber, sie habe gefunden, daß in heutiger Zeit die Menschen mehr Angst hätten um ihr tägliches Brot wie früher und sich viele Sorge machten um Irdisches. Als sie ein Kind gewesen, haben die Menschen andre Gedanken gehabt; indessen sei es möglich, daß die Ursache der Sorgen in dem beschlossen sei, daß die Menschen heute nicht mehr so ordentlich und gut seien wie früher. Es sagt aber der Psalmist: „Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch nie gesehen den Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen.“ Diesen Satz gab sie dem kleinen Hans ganz besonders und schärfte ihn dem Kinde vielmals ein und fügte hinzu: „Strebet zuerst nach dem Reiche Gottes, so wird euch dieses alles zufallen“, und sagte nochmals: „Hieran denke, wenn ich tot bin, und vergiß nicht meine Worte.“

Weiter erzählte sie von ihrem Großvater, den sie noch gekannt als einen eisgrauen kleinen Mann, der schon ganz in die Erde gewachsen war. Der war weit in der Fremde herumgekommen als ein Bergmann, in Ungarn und Böhmen, aber dann wieder in die Heimat gekehrt mit seinem Ersparten und hatte das Haus gekauft und die Wiesen. Der las viel in einem alten Buche, das hieß die „Insel Felsenburg“, darin waren Lebensbeschreibungen von allerhand Menschen und merkwürdige Schicksale, Reisen und Schiffbrüche, bis alle endlich zusammenwohnten auf einer einsamen Insel im Meer, wo sie in Ehrbarkeit und Sitte lebten, sich freiten und Kinder kriegten und die Insel bevölkerten. Sie, die Großmutter, hatte er am liebsten, die damals noch ein kleines Mädchen war und zu seinen Füßen saß auf dem Fußbänklein, „gerade wie du, mein lieber Hans. So vergehen die Jahre, und die Menschen werden groß, und die Alten sterben, und junge kommen auf, und ist mir, als sei es gestern gewesen, daß ich aufhorchte, wie er mir erzählte von den Silbergruben in Ungarn und von den großen Meerschiffen. Und ist zu denken, daß auch mein Großvater dereinst als kleines Kind aufgeschaut hat zu seinem Ahn, und geht die Reihe der Geschlechter fort durch die Jahrhunderte, und auch du, mein liebes Kind, wirst einst Kinder haben, und Enkel werden zu deinen Füßen sitzen und du wirst denken: ‚War es nicht gestern, daß ich hörte, wie die Großmutter mir erzählte?‘ Aber dann werde ich schon lange in der Erde liegen neben deinem Großvater, der so jung hat sterben müssen, daß er deinen Vater nicht mehr gesehen hat, und habe ich an fünfzig Jahre die Stelle betrachtet, wo ich einstens neben ihm liegen werde.“

Der kleine Hans saß still und horchte auf der Großmutter Worte. Noch verstand er nicht, was sie meinte, denn ein Kind kennt nur den Tag und ist wie ein Schmetterling in der Sonne, der nichts weiß von gestern und morgen; aber er verschloß ihre Reden treu in seiner Seele, und später haben die ihn getröstet und beschützt, als er keinen Trost von Menschen hatte und keinen Schutz. Auch sagte die Großmutter: „Du bist zwar noch ein Kind, aber du sollst doch schon jetzt wissen, was du sonst später erfahren hättest, denn du bist ja mein Blut und meines lieben Mannes. Deshalb will ich dir erzählen, wie ich und dein Großvater uns lieb gewonnen haben; denn auch du wirst einmal ein Mädchen lieb gewinnen und heiraten.“

Die alte Großmutter, die jetzt mit ihren achtzig Jahren strack in ihrem Bette saß, mit schneeweißem und glattem Scheitel, die Augen nach vorwärts gerichtet in ein neues Land, war einst ein junges Mädchen gewesen, hochgewachsen und schlank wie ein Tannenbaum, mit gelbem Ringelhaar und lustigen blauen Augen. Da sie so schön war und ihre Eltern eingesessene Leute, die ein Stück vor sich gebracht hatten, so fehlte es ihr nicht an Bewerbern. Nach der Art der jungen und unerfahrenen Dinger, die nicht wissen, wie das Leben ein gar schweres Wesen ist, erschien ihr das als ein Scherz und Spiel und vermeinte, sie dürfe stolz sein auf solche Menge der Freier, und äußerte den Stolz in allerhand Mutwillen, den sie mit ihnen trieb aus Gedankenlosigkeit; denn sie hatte noch nicht erfahren, was Liebe ist. Ganz besonders war ihr aber zugetan der junge Jägerbursche, der später ihr Mann werden sollte, der war ihr indessen zu ernsthaft, wiewohl ihre Eltern es gern sahen, daß er sich um sie bewarb. An einem Abend ging er mit ihr zusammen einen Weg nach dem Dorfe zu, und wie sie auf der Anhöhe standen und unter sich die Lichter blinken sahen, sprach er zu ihr, daß er sie lieb habe, und wenn sie wolle, so werde er sie heimführen als seine Frau und sie lieben und ehren, wenn sie ihn lieben und ihm gehorsamen wolle; aber er sei noch nicht angestellt, und es sei recht möglich, daß sie ein paar Jahre warten müßte, bis sie heiraten könnten.

Auf dieses erwiderte sie schnippig, denn sein ernster Ton hatte sie verdrossen, und daß er sprach von Gehorsamen. Sie sagte aber, daß sie einen Mann nicht nehmen möge, der schwarzhaarig sei, sondern sie wolle einen Blonden; und zudem begehrten sie so viele zur Frau, daß sie nicht nötig habe, zehn Jahre zu warten als Braut, sondern wenn sie wolle, so könne sie schon übers Jahr heiraten. Da sagte er, sie spreche wie ein unverständiges Kind, und vielleicht sei sie auch noch zu jung, um schon eine rechte Meinung in solcher ernsten Sache zu haben. Aber ihre leichte Art habe ihn sehr gekränkt, und deshalb bitte er, sie wolle denken, seine Worte seien ungesprochen. Aber wenn er sie nicht zur Frau bekommen könne, weil sie ja nicht wolle und auch er ein so gedankenloses Wesen nicht in sein Haus führen möge, so solle sie doch immer auf ihn rechnen, weil er sie trotz allem lieb habe, denn die Liebe kehrt sich nicht an die Vernunft, ja sie streitet mit ihr. Es sei aber sehr möglich, daß sie später einmal seine Hilfe irgendwie gebrauchen könne; und auch einen Groll wollten sie nicht auf einander behalten. Dieses stieß ihr wieder an die Krone, so daß sie noch törichter antwortete und ihn gänzlich von sich abwies.

„Aber merke dir, mein liebes Kind,“ sprach sie von ihrem Bett zu dem kleinen Hans, der vor ihr saß, „wir Frauen sind andern Wesens wie die Männer; und wenn du nicht vergißt, was ich dir jetzt erzähle, so sparst du dir später viel Herzeleid und Kummer. Vorher habe ich deinen Großvater nicht lieb gehabt, aber wie ich ihm so leichtfertig antwortete, und er war ernst und streng, aber zugleich doch gut zu mir, da kam plötzlich die Liebe zu ihm in mein Herz. Nur daß mich die Schamhaftigkeit hinderte, ihm davon zu sagen; ja es war, als triebe es mich, ihn jetzt gerade zu kränken. Das merke dir, denn wir Frauen sind ein schwaches Geschlecht, und die Männer sind stärker als wir, und gerader.“