Wie sie vor die Herrschaften gebracht waren, klagten die Brüder mit geläufigen Worten über Hans, der habe das Spiel schon von Anfang an gestört, dann sei er brummig zur Seite geblieben, und endlich habe er ohne Grund sie überfallen. Hans stand niedergeschlagen da, denn das war alles richtig, was die sagten, und er wußte selbst nicht, weshalb er plötzlich so wütend geworden war. Der Herr Graf sagte zu seinen Söhnen, sie würden gewiß schuld haben, aber wenn sie denn nun einmal keinen Frieden untereinander halten könnten, so solle der Försterjunge nach Hause gehen. Nun dachte Hans, daß er sich wohl erst bedanken müsse; aber das konnte er nicht; deshalb drehte er sich um und ging langsam einige Schritte; und wie er dachte, daß er weit genug sei, lief er aus Leibeskräften, bis er atemlos nach Hause kam.
Hier fand er nur die Großmutter vor; er ging zu ihr in die Stube und weinte in ihren Schoß.
Wie der Vater nach Hause zurückkehrte, wußte er schon von dem Geschehenen, rief den kleinen Hans zu sich und fragte ihn. Der antwortete, daß alle sehr artig gewesen seien und besonders die kleine Komtesse, aber ihn habe plötzlich eine Wut gepackt, er wußte nicht woher, daß er habe den einen schlagen müssen. Mehr konnte er nicht sagen, und keine weitere Vorhaltung nutzte etwas. Endlich fragte ihn der Vater, ob er wisse, daß er sehr ungezogen gewesen sei und Hiebe verdient habe. Da sagte er ja, holte auch die neunschwänzige Katze herbei. Wie ihn der Vater schlug, bezwang er sich zuerst und muckste nicht, nachher aber weinte er doch, denn die Katze tat sehr weh.
Am Abend setzte er sich in der Dunkelheit ans Fenster; der Vater saß still in der Sofaecke. Da stand er leise auf, ging zu seinem Vater, stieg dem auf den Schoß und weinte an seiner Brust. Der Vater dachte, er müsse ihn trösten der Schläge wegen und sagte, er sei doch ungezogen gewesen, und einem Vater tue das selbst weh, wenn er seinen Jungen schlagen müsse, und das wisse er doch selbst, daß er die Schläge verdient habe. Da nickte Hans und sagte: „Das ist es nicht, das hat manchmal schon weher getan.“ Wie ihn der Vater nun weiter fragte, faßte er sich zuletzt ein Herz und sprach: „Nicht wahr, du lügst doch nicht?“ Hierüber wurde der Vater ganz erstaunt, antwortete, daß er allerdings nicht lüge und fragte dann, wie Hans auf solche Gedanken komme. Hans schluchzte von neuem und erzählte endlich, was die beiden Jungen auf der Fahrt und nachher gesprochen hatten. Der Vater wurde recht nachdenklich und begütigte ihn, indem er ihm sagte, daß die jungen Grafen vorlaute Jungen seien, die überall zuhörten, auch wo es ihnen verboten sei, und nun in ihrer Dummheit allerhand falsche Meinungen ausheckten. Damit gab sich Hans am Ende zufrieden, hörte allmählich auf zu weinen und schlief zuletzt auf seines Vaters Schoße ein. —
Der Großmutter war es den Winter hindurch schlecht gegangen; sie klagte über ihre Beine, daß die sie nicht mehr recht tragen wollten und fürchtete sich vor Zug; abends ging sie früher zu Bett wie sonst, und am andern Morgen erzählte sie, daß sie nicht habe schlafen können. Dafür geschah es, daß sie am Tage unversehens einschlief, wenn sie in ihrem Lehnstuhl am Ofen saß und strickte; das Strickzeug sank ihr in den Schoß, und sie wachte auch durch lautes Geräusch nicht auf. Man mußte aber tun, als ob keiner etwas merkte hiervon, sonst wurde sie böse; wenn sie die Augen wieder aufschlug, so sah sie sich um, ob jemand sie beobachtete, und dann nahm sie ihr Strickzeug vor das Gesicht.
Gegen den Frühling kam der Tischler, der die Fenster in Ordnung bringen sollte, denn deren unterer Riegel war faul geworden, und das Wasser lief auf die Fensterbank. Mit dem sprach die Großmutter über Särge, fragte, was die verschiedenen Arten kosteten, und wunderte sich, daß alles so teuer geworden war, und erkundigte sich genau nach der Haltbarkeit. Es zeigte sich, daß bei Särgen sehr viel Betrug unterlief, denn die Handwerker hatten keine Furcht vor Gott und keine Scham und glaubten, bei einem Begräbnis müßten sie mehr verdienen wie bei andern Arbeiten.
Als die Kraft der Sonne zunahm, stand sie oft am Fenster und sah, wie der Schnee in sich zusammensank, und dann kam Tauwind und Regenwetter, und in den Schlittenspuren auf der Landstraße schoß das Wasser bergab. Jetzt sagte die Großmutter oft: „Nun schlagen die Bäume bald aus“; sie dachte aber bei sich, wenn die Bäume ausschlügen, so würde sie sterben; auch sagte sie: „Die Schneeglöckchen erlebe ich noch.“ Das sprach sie alles für sich hin, wenn sie allein in der Stube war oder nur der kleine Hans auf seinem Fußbänkchen still saß. Einmal faltete sie die Hände und sagte: „Des Menschen Leben währet siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“
Wie sie noch Kind war, hatten ihre Eltern sie in eine Sterbekasse eingekauft, und achtzig Jahre lang hatte sie ihre Pfennige gesteuert. Jetzt las sie viel in dem alten, abgegriffenen Quittungsbuch, in dem vorn die Satzungen der Kasse abgedruckt standen und hinten auf leeren Blättern so viele Jahre hindurch der Empfang des Beitrags bescheinigt wurde; sie las und rechnete für sich alle Kosten und Ausgaben zusammen.
Ein schöner Frühlingstag kam. Das Stubenfenster stand lange auf, und eine Frühlingsluft drang herein, eine frische und sonnenscheindurchtränkte. Draußen war es schon ganz trocken, und die kleinen Vögel machten allerhand Zwitschern, Pfeifen und Tirilieren; die Großmutter saß lange am Fenster und hatte diesmal gar keine Furcht vor der Erkältung. Dann sprach sie mit der Mutter wegen des Grabes ihres toten Mannes, das um diese Jahreszeit besorgt werden mußte, und endlich sagte sie, daß sie sich jetzt zu schwach fühle, um noch aufzubleiben; sie wolle sich legen; aber auf ihrer Kammer sei es ihr zu einsam; ihr Bett solle hier in der Stube aufgeschlagen werden, in der Ecke, wo ihr Lehnstuhl gestanden.
Die Mutter verspürte wohl, was sie meinte, und daß sie wußte, sie werde von diesem Lager nicht wieder aufstehen; so antwortete sie, daß heute abend, wenn der Mann zu Hause sei, alles so gemacht werden solle, wie die Großmutter es wünsche.