Da die Frau Gräfin ihm auftrug, daß er der kleinen Komtesse alles zeigen sollte, was zu sehen wäre, so faßte er die bei der Hand und ging mit ihr aus der Stube; sie war wohl ein Jahr jünger wie er, aber er war fest entschlossen, sie mit „Sie“ anzureden; solange es ging, wollte er sich indessen um die Anrede drücken, weil er doch nicht wußte, ob es nicht komisch war, wenn er „Sie“ sagte. Sie sprach zuerst und erzählte, daß sie ihr weißes Kleid nicht schmutzig machen dürfe. Sie hatte ein weißes Kleid, das war ganz aus Spitzen, wie aus Luft, und in der Mitte war ein blauseidenes Band. Er wußte nicht recht, was er antworten sollte, da fielen ihm seine Manschetten ein, die zog er von den Händen und zeigte sie ihr; das war ihr sehr merkwürdig, und sie sagte, daß bei ihren Brüdern die Manschetten aus einem Stück seien mit den Hemden, aber so, wie er es habe, sei es gewiß viel vernünftiger, weil man sich dann nicht so schrecklich viel umzuziehen brauche.

Nun führte er sie in den Stall, die Treppe hinauf, zum Heuboden. Hier hatte er im Heu sich einen langen Gang gegraben, und am Ende hatte er eine Höhle, deren Decke war mit Brettern gestützt, daß sie nicht einstürzte. Eigentlich war das eine Höhle der alten Deutschen, aber man konnte hier auch Mann und Frau spielen, dann war die Höhle der Raum, wo die Frau blieb und Mittagessen kochte, oder flickte, und der Mann kam nach Hause aus dem Wald. Die Komtesse war einverstanden, daß sie so spielen wollten. Deshalb kroch er erst in den Gang hinein, und wie er hinten in der Höhle saß, rief er ihr, daß sie nachkommen sollte, damit er ihr das Innere zeigte, das war freilich ganz dunkel. Sie kroch auch ganz tapfer nach, wie sie aber in der Mitte des Ganges steckte, hielt sie plötzlich still und fing ganz jämmerlich an zu weinen, weil sie mit einem Male Angst kriegte. Er tröstete sie und sagte, die Mädchen hätten immer Angst, und sie solle nur weiter kriechen, dann käme sie zu ihm; aber sie weinte immer lauter und rief nach ihrer Mama. Da kroch er zurück, und sie schob sich auch rückwärts aus dem Gange, und wie sie draußen standen, sahen sie recht unordentlich aus und waren voller Heu. Dann wurde beschlossen, sie sollte den Mann vor dem Hause erwarten, denn es müßte Sommer sein, und in der Stube müßte es heiß sein. Deshalb ging er fort, die Treppe hinunter, aber mit dem Kopf durfte er nicht verschwinden, sonst wollte sie wieder weinen, dann kam er wieder, trampelte laut mit den Füßen, rief: „Kusch, Pollux!“ und sagte: „Guten Tag Frau, was macht der Junge?“ Sie antwortete: „Er ist artig gewesen, darum muß er auch einen Kuß kriegen.“ Diese Antwort brachte ihn aus dem Konzept, weil sie ihm ungewohnt war, deshalb fragte er weiter: „Hast du auch was Gutes gekocht?“ — „Nein,“ sagte sie, „ich habe in der ‚Semaine des Enfants‘ gelesen.“ Nun wußte er wieder nicht weiter, deshalb sagte er: „Ach, das ist ein dummes Spiel, wenn du nicht so eine Heulliese wärst, so könnten wir jetzt durch die Heuluke durchklettern in die Kuhkrippe.“ Da versprach sie ihm, daß sie auch ganz gewiß nicht wieder weinen wollte, und dann machte er die Heuluke auf, sie legten sich auf den Boden und sahen, wie unten die Kuh in die Höhe guckte, mit den Lippen bettelte und durch die Nasenlöcher pustete. Das war so komisch, daß sie lachen mußte. Hans zeigte ihr, wie man sich durch die Luke in die Krippe niederlassen konnte; die Kuh pustete neugierig und leckte mit der Zunge ihn an, weil sie dachte, er sei ein Heubündel; das war noch komischer wie das andre; aber mit in die Krippe steigen mochte die Komtesse doch nicht.

Unten bei der Kuh waren Hansens Kaninchen. Die wollte die kleine Komtesse gern sehen. Sie gingen hinunter, und die Komtesse bewunderte den langen, kleinen Gang an der Wand, der aus Brettern gezimmert war, und das Schlupfloch, das ein Arbeiter schön blau und rot bemalt hatte. Hans fing ein ganz weißes Kaninchen und reichte es ihr an den Ohren hin; es hielt ganz still, wie sie streichelte, und plötzlich fing es stark an zu zappeln, daß sie zuerst erschrak; nachher mußte sie aber selber lachen über ihre Furcht, wie sie die niedlichen roten Augen sah. Dann nahm Hans das Brett am Ende des Laufganges weg, wo das Nest war; da lagen sechs kleine Kaninchen bei ihrer Mutter, die waren ganz zahm und ließen sich auf die Hand nehmen, und ihre Mutter machte ein Männchen und schnupperte nach oben. Über das alles war sie so entzückt, daß Hans zuletzt strahlte vor Stolz und Freude; und nachdem er sich lange überlegt, ob er wohl nicht Zanke bekäme von der Mutter, wenn er ihr ein Geschenk anböte, fragte er, ob sie ein Pärchen haben wolle. Da war sie ganz glücklich, und mit immer neuem Vergnügen suchte sie sich zwei von den kleinen Tieren aus, nahm sie in ihr Kleid und sprang zu ihrer Mutter in der Stube. Die sagte mehrmals, die Tiere seien sehr schön, aber als das Kind sie bat, ob es sie mitnehmen dürfe, antwortete sie, daß es doch zu Hause keinen Raum hätte, wo es sie lassen könne; und die Kleine, die schon wußte, daß auch noch eine leichtere Ablehnung endgültig war, gab dem Hans mit Tränen in den Augen und ohne Worte die Tierchen wieder zurück und setzte sich dann still ans Fenster. Die Frau Gräfin sagte dann, sie sei wohl recht wild gewesen, und sie müsse jetzt artig sein, ihre Brüder würden bald kommen. Hans stand da mit den beiden kleinen Kaninchen, eins in jeder Hand, und wußte nicht, wo er hingehen sollte; in seiner Verlegenheit bot er sie der Komtesse noch einmal stumm an; die schüttelte das Köpfchen und sah durchs Fenster. Seine Mutter stand auf, öffnete die Tür, schob ihn hinaus und sagte ihm, er solle die Kaninchen wieder in den Stall bringen; das tat er auch; und weil er nicht recht wußte, wie er wieder in die Stube gehen solle, so blieb er draußen unter der Toreinfahrt, steckte die Hand in die Hosentaschen und pfiff mit erkünsteltem Gleichmut ein Lied. Ganz wohl war ihm nicht, denn er hatte wohl gesehen, wie die Frau Gräfin böse geworden war, nur daß sie es nicht so zeigte, wie seine Mutter es pflegte.

Nach einer Weile aber kam die kleine Komtesse wieder heraus, trat neben ihn hin und sagte: „Ich danke dir auch schön, und du mußt nicht böse sein; wenn wir einen Raum hätten für die Kaninchen, so hätte ich sie nehmen dürfen.“ Dann zog sie ein Albumbildchen hervor, das stellte Dornröschen dar, wie der Prinz es gerade wachküßt, das schenkte sie ihm. Er steckte das Bild gleichmütig in die Tasche. Sie sagte dazu: „Ich hätte es gerne selber behalten, unser Küchenmädchen hat es mir geschenkt, aber dir will ich es geben.“

Indem sie noch so sprachen, fuhr ein andrer Wagen vor, in dem saß der Graf und die beiden Jungen, die ungefähr in dem Alter waren wie Hans; und auch der Förster saß im Wagen. Der Vater sprang schnell heraus und war der Herrschaft behilflich beim Aussteigen. Der Herr Graf faßte die kleine Komtesse beim Zöpfchen, sie warf sich ihm in die Arme und hätte wohl gern noch einmal gebeten wegen der Kaninchen, wenn sie gewagt hätte.

Nun trat die Frau Gräfin aus dem Haus und gab der Försterin freundlich die Hand. Die kleine Komtesse umfaßte ihren Rock und bat: der kleine Hans soll mitfahren. Sie bat so herzlich, daß die Frau Gräfin fragte, ob die Eltern das erlaubten; die sagten natürlich ja, die Mutter zupfte Hans noch einmal zurechte, und dann stiegen alle ein. Die Kinder durften in dem einen Wagen für sich bleiben, nachdem sie dem Kutscher auf die Seele gebunden waren, der Graf war mit seiner Gemahlin in dem andern, und nun ging die Fahrt fort in den Wald.

Dem Hans war sehr befangen zumute, denn er hatte das Gefühl, daß er ganz anders saß und sich bewegte und sprach wie die jungen Grafen; die sahen so aus, als dachten sie gar nicht an ihre Bewegungen, und er meinte, daß sie wohl heimlich über ihn lachen möchten. Das Mädchen erzählte von den Kaninchen, und wie reizend die gewesen seien; da sprachen die beiden Brüder geringschätzig und meinten, Kaninchen seien gar nichts Besonderes, und wenn sie nur wollten, so könnten sie Hunderte haben; und wie die Kleine erzählte, daß sie die beiden geschenkten Jungen nicht hatte mitnehmen dürfen, da lachten sie und sagten, sie verstehe das nicht, wie man seinen Willen erreiche; da müsse man so lange heulen, bis einem erlaubt werde, was man wolle. Hans kriegte runde Augen über diese Ansichten und sagte zwar nichts; die Brüder aber merkten wohl, daß ihm ihre Reden unrecht vorkamen, deshalb machten sie sich gefaßt, ihren Spaß mit ihm zu treiben, denn sie hielten ihn für einen Duckmäuser.

Sie sagten nicht „Vater“ und „Mutter“, sondern „der Alte“ und „die Alte“, und rühmten, welche Taten sie mit ihrer Schnappschleuder begingen, wie sie da den Bauern die Fensterscheiben entzweischossen, ohne daß jemand merkte, von wem der Schuß kam. Noch nahmen sie scheinbar keine Notiz von Hans, weil sie keine rechte Anknüpfung hatten, aber sie knufften sich heimlich, um sich auf ihn aufmerksam zu machen, wie er dasaß mit seinen hellen Augen in dem blankgescheuerten Gesicht. Wie ihre Schwester von den Manschetten erzählte, prusteten sie los mit Lachen und sagten, das seien Sparröllchen, wie sie Herr Müller trägt, der Hofmeister; gestern hatten sie gehört, wie ihre Mutter zum Vater gesagt hatte, Herr Müller mit seinen Sparröllchen sei doch zu unterirdisch.

Hans wurde feuerrot und schämte sich sehr und hätte fast angefangen zu weinen; aber er bezwang sich noch. Der älteste von den Brüdern fragte ihn: „Kannst du auch schon reiten? Wir haben jeder einen Pony, auf dem lernen wir reiten, ich darf schon allein.“ Hans schüttelte den Kopf; dann erzählte er, daß ihre Elsbeth einmal wochenlang jeden Tag zweiundzwanzig Liter Milch gegeben habe. Da prusteten die Brüder wieder los, das kleine Mädchen aber sagte zu ihm: „Du mußt dich nicht ärgern über sie, das sind dumme Jungen.“ Ihm aber war, als ob sie im Einverständnis sei mit den beiden, die ihn auslachten, und das kränkte ihn am meisten; aber er wußte nicht, was er antworten sollte.

Indessen erzählten die andern weiter, wie sie schon geraucht hatten und sich Geld borgten von den Leuten; und wie den einen der Vater einmal zur Rede gestellt, hätte er einfach alles abgestritten, und der Vater hätte gelacht und gesagt, er könne sich gut herauslügen, aber er, der Vater, merke doch die Wahrheit; aber getan hätte er ihm nichts. Dann fragten sie Hans, ob sein Vater seiner Mutter auch zuweilen etwas vorlog. Er schüttelte mit dem Kopf. Sie antworteten, er sei noch zu dumm, da merke er das nicht. Da kam ihm plötzlich ein neues Gefühl in die Bewunderung der Ruhmredigkeit der andern, die Stimmung von Zuhause und der Stolz, den er gegenüber den Tagelöhnerkindern hatte, und er sagte: „So einen Vater wie ich hat auch keiner.“ Der älteste von den beiden antwortete überlegen: „Das denkt man immer, solange man noch klein ist.“ Dann fragten sie, ob sein Vater ihn schlug, und Hans erzählte, daß er eine Peitsche hatte mit neun Riemen, das war die neunschwänzige Katze, mit der kriegte er, wenn er ungezogen gewesen war. Da kam ihm wieder vor, als sei bei ihm zu Hause alles dumm, und er selbst sei ganz dumm, und die beiden erschienen ihm wieder hoffnungslos überlegen. Die Wagen fuhren zu einer Waldblöße, die war von allen Seiten eingeschlossen durch die hohen Tannen, und war der Boden etwas abhängig und mit braunem Gras bedeckt von vorigem Jahr; schon kamen die ersten grünen Grasspitzen aber hervor, und die Primeln blühten. Auf dem untern Teil hatten sich einige Birken angesiedelt, die etwa mannshoch waren; über denen schwebte eben ein hellgrüner Hauch. Aber an der trockensten und sonnigsten Stelle lag ein großer flacher Stein. Auf diesem deckten die Leute, denn die Herrschaften wollten im Freien vespern. Die Kinder durften im Walde spielen. Hans war aus Schüchternheit ungeschickt; weil er bei dem kleinen Mädchen die einzige Zuneigung verspürte, so hielt er sich immer zu dieser, wiewohl er dadurch das Spiel oft störte. So versteckten sie sich hinter den Bäumen, und es war in seiner Nähe kein starker Baum, und er blieb hinter einem ganz dünnen stehen, obwohl er selbst wußte, daß ihn die andern gleich sehen mußten. Wie er selbst suchen sollte, war er zu schüchtern, die Jungen zu fangen, die er fand, und ließ sie entkommen, wiewohl er sich heftig ärgerte über diese Schüchternheit; hinter dem kleinen Mädchen dagegen lief er sehr eifrig her. Über alles dieses wurden die Jungen ärgerlich und zankten mit ihm; er aber lächelte bloß entschuldigend und konnte sich nicht verteidigen, und die beiden kamen zu dem Schluß, er sei dumm. Daß er sich immer an ihre Schwester heftete, merkten sie bald, und da verspotteten sie diese, sie habe einen Verehrer bekommen, der Dumme sei in sie verliebt. Darüber wurde die ärgerlich und war kurz gegen Hans; und wie der, obgleich er das merkte, doch nicht abließ von seiner Art, sagte sie ihm endlich ganz grob, er solle sie in Ruhe lassen, er sei dumm. Da stand er traurig für sich allein da und sah zu, wie die andern spielten, und mußte mit aller Gewalt die Tränen zurückhalten. Mit einem Male aber kam es über ihn, nämlich plötzlich, bei einer ganz geringen Gelegenheit, als es ihm schien, der ältere Bruder sehe spöttisch nach ihm hin, da lief er wütend auf den zu, packte ihn bei den Haaren und schlug kräftig auf ihn ein; der jüngere Bruder eilte herbei und griff Hans an, aber der ließ sich nicht irre machen: fühlte wohl gar nichts von seinem Angreifer. Endlich kamen die Kutscher und trennten die drei.