Karl Gleichen wird den Hans Werther eine lange Weile begleiten, deshalb ist so ausführlich über seine Eltern geredet; denn aus deren Schuld und Art entstand sein Wesen, das in allem anders war wie Hansens Wesen. Karl war ein anmutiges und liebenswürdiges Kind, jeder Güte zugänglich und leicht nachgebend bei scharfem Zureden, offenherzig und gutmütig, und gern hätte er Allen geschenkt; sein Verstand faßte leicht auf und behielt schnell, und ohne Mühe zog er Schlüsse: jeder hatte ihn lieb und war gütig gegen ihn, weil er ein so begabtes, gut geartetes und sonniges Kind schien; aber er war erzeugt durch Schwäche und Selbstsucht, und ein ernster Mann hätte in seinen Vorzügen vielmehr Fehler gesehen. Seine Güte entsprang nicht aus einer Stärke, sondern aus einer Kraftlosigkeit, weil er sich nicht wehren konnte gegen den Einfluß fremden Willens und schnell gerührt wurde und mitlitt; seine leichte Auffassung entstand dadurch, daß in ihm selbst nichts Eigenes und Starkes war, das sich gegen die fremden Gedanken wehrte, sondern leicht hielten diese fremden Gedanken bei ihm ihren Einzug, nahmen Besitz von den Kammern seines Verstandes und zeugten hier Kinder; zwar blieben sie immer nur Fremde, und wenn eine neue Einwanderung kam, so mußten sie bald weichen. So geschah es, daß er selbst Auswendiggelerntes nach längerer Zeit, wenn er es nicht gebraucht, plötzlich spurlos verloren hatte, als habe er es nie gehabt. Seine Offenheit hatte denselben Grund, denn weil nichts Eigenes und Unbewegliches in ihm war, so entwickelte sich nicht die Scham des Gedankens, die oft scheinbar törichte Äußerungen von sich gibt, aber auch bei der größten Torheit immer Eignes und Starkes anzeigt. Solche Menschen sind dann leicht anmutig, weil sie so ohne Zwang und Not im Innern leben, und liebenswürdig sind sie, weil sie sich einem freundlichen Entgegenkommen sogleich öffnen. Auf solcher Schwäche ruhen aber zuletzt die Selbstsucht wie die Eitelkeit, denn weil die nötige Kraft nicht genügend vorhanden ist, muß ein solcher Mensch mit seinem Wollen haushalten, um nur bestehen zu können; während dagegen ein starker Mensch überflüssige Kraft hat und daher selbstlos ist, indem er in Stolz und Freude von seiner Kraft andern mitteilt, mag er in äußeren Dingen dem Oberflächlichen auch karg scheinen, weil er keine leichte Hand hat. Aber Liebe bei den Menschen haben mehr die Kinder vom Schlage Karls; Hans war verschlossen, unliebenswürdig, ängstlich im Verkehr, hart, hielt seine Sachen fest und spendete nicht, lernte schwer und zog schwer Schlüsse aus dem Gelernten, und außer seiner Eltern befolgte er niemandes Ermahnungen.

In des Pastors Studierstube saßen die beiden Jungen. Hans übersetzte, mit oft stockender Stimme und in großer Anstrengung, die Stirn finster faltend; Karl dachte träumend an Hansens Kaninchen und bedachte bei sich, ob der Oheim ihm wohl erlauben werde, daß er sich auch ein Pärchen halte; denn wenn er nur die erste kleine Erlaubnis hatte, so wollte er wohl mit der Zeit noch mehr bekommen und einen Stall haben, der viel schöner wäre wie Hansens.

An den Wänden herum standen auf den Gestellen viele alte Bücher, denn der Pastor war ein Freund ehrwürdiger Folianten in Schweinsleder und Pergament; da waren des teuren Gottesmannes Luther sämtliche deutsche Bücher in acht Foliobänden, des Tabernämontani Kräuterbuch und Gesneri Tierbuch; daneben Spangenbergs Adelsspiegel und Mansfeldische Chronika, und noch manche andre alte Chronik. Das war ihm eine Freude, wenn er dem kleinen Hans diese Bücher zeigte; langsam holte er den Band aus dem Börd, strich liebkosend über den gepreßten Pergamentdeckel, auf dem etwa ein sächsischer Kurfürst oder eine menschliche Tugend abkonterfeit war; dann öffnete er die Schließen und schlug den Band auf vor Hans, dem das Herz klopfte. Oft wunderte er sich, woher der Junge diese Freude an Büchern geerbt habe, denn der stammte von Förstern und Bergleuten ab und nicht wie er, der Pastor, von einer langen Reihe von Gelehrten und Dienern des Wortes; war doch in den Lutherschriften vorn eine Eintragung eines Vorfahren, der auch Pfarrer gewesen, und hatte diese Schriften gekauft und binden lassen, und kam ihn der Band auf einen Karolin zu stehen nach damaliger Münze, was für einen armen Pfarrherrn mag eine stattliche Ausgabe gewesen sein. Dafür aber hatten so viel Jahrhunderte diese Bücher in den Studierstübchen der Nachkommen gestanden und hatten viele geistliche Moden erlebt, Bärte und Perücken und rasiertes Gesicht und eignes Haar; und die letzten Pfarrherren waren alle starke Raucher gewesen, davon die Bücher endlich ganz mit Tabakrauch durchdrungen waren, also daß er einem in die Augen biß, wenn man sie aufschlug.

Noch andre Freuden hatte der Pastor, die er mit Hansen teilte, weil der so nachdenklich war. In einem Glasschrank stand ihm ein Straußenei und eine Kokosnuß und viele fremde Muscheln; dazu Pfeile von wilden Völkern, ein großer Bergkristall und die Fingernägel eines vornehmen Herrn in Siam; denn die adeligen Siamesen beschneiden ihre Nägel nicht, aus Stolz, sondern lassen sie lang wachsen, daß sie wohl fünf Zoll erreichen und mehr und sich wunderlich krümmen. Zu Winterzeiten hielt der Pastor allwöchentlich eine Missionsstunde ab, in welcher er vieles erzählte von dem Leben der Wilden, daß die nackt herumlaufen, wie sie Gott geschaffen hat, und sich gegenseitig verzehren und Götzen anbeten, die sie selbst gemacht aus Stein oder Holz; so elend ist der natürliche Mensch. Da zeigte er dann auch seine Seltenheiten herum, das Straußenei und die Kokosnuß, die Pfeile und die grausamen Fingernägel aus Siam; und war um diese Missionsstunden eine große Liebe für die armen Heiden in der Gemeinde, und viel wurde geopfert. An Hans hatte der Pastor eine große Freude, daß er so offenen Herzens war für alle solche Kenntnis, und deshalb erzählte er ihm vieles, was ihm auf dem Herzen lag. Er erinnerte ihn aber ganz an seinen Vater, den Förster. Der war zu ihm gekommen, wie er selbst Student war, als ein armer Junge, der eine Waise war und schon in den Wald gehen mußte auf Arbeit, um das Brot für sich und seine Mutter zu verdienen; denn das Gnadengeld, das die Mutter bekam für ihren toten Mann, betrug nur zehn Silbergroschen die Woche, und das reichte nicht aus für die beiden; hatte also den Studenten gebeten, er möge ihm Stunden geben in der Mathematik, des Abends, wenn er aus dem Wald nach Hause käme, weil er nicht Arbeiter bleiben wollte, sondern wollte einmal Förster werden, und gestand, daß er nur einen halben Groschen zahlen könne für die Stunde. So war er denn ins Pfarrhaus gekommen um acht Uhr in der Dunkelheit und hatte sich in des Studenten Dachstübchen an den Tisch gesetzt und gelernt. Aber weil es warm war in dem Studierstübchen, und er hatte den Tag über fleißig gearbeitet in der Kälte, so wurde er müde, und die Augen fielen ihm zu wider Willen, mitten während eines Beweises. Da hatte der Student Mitleiden gehabt mit dem armen Jungen, hatte ihn schlafen lassen und derweilen, eine lange Pfeife rauchend, in Bengels Gnomon studiert, bis der wieder aufwachte, sich besann und weiterhin aufmerksam folgte, wie sein Meister lehrte. So lange war das nun her, und jetzt wollte der Sohn dieses armen Jungen selbst einmal Student werden und später ein Prediger, und das geschah darum, weil der Junge von damals so fleißig und treu gewesen war. Auch für des Pastors Blumen hatte Hans viel Liebe und Staunen. Vornehmlich an Topfpflanzen hatte sich der Pastor gefreut, wenig am Garten, als ein rechter Stubenhocker, der den lieben Sonnenschein so recht genoß durch die kleinen Scheiben seiner blumenbestandenen Fenster und zu Winterszeiten im warmen Schlafrock sein geheiztes Stübchen liebhatte.

Da standen merkwürdige Pflanzen, besonders viele Kaktuspflanzen; dabei war auch eine Königin der Nacht, die nur einmal im Jahr blühte, und dann nur eine Nacht. Wenn diese Nacht war, so lud der Pastor den Förster, den Lehrer und den Amtmann zu sich ein, die Frau Pastorin setzte Wein und Torte vor, und dann wurde abgewartet, wie sich die Blume öffnete. Eine ganz sonderbare Geschichte erzählte der Pastor von einer andern Pflanze, die er „japanische Rose“ nannte. In früheren Jahren hatte er einen solchen Topf von einem Amtsbruder geschenkt bekommen, der zwei Stücke besaß, die er selbst aus Stecklingen großgezogen. Lange Jahre wuchs, grünte und blühte das Gewächs; aber mit einem Male fing es an zu kränkeln, nahm ab und ging endlich ein; und zu der gleichen Zeit starb der Amtsbruder, von dem der Pastor den Topf erhalten. Diese Geschichte durfte Hans nicht weitererzählen wegen der menschlichen Schwachheit, weil Manche in der Gemeinde sich noch mit abergläubischen Gedanken trugen.

Der Pastor war ein Letzter einer langen Reihe, und weil er mit seiner Frau keine Kinder hatte, so schien es, als wolle die Natur nicht, daß er seine Art fortführte. Was so viele Generationen seit Jahrhunderten in innerlicher Arbeit erstrebt hatten, das war in ihm ein wirkliches Bild geworden; er wußte nichts von Schlechtigkeit oder bösem Wesen, und kam ihm etwas Schlimmes nahe in seiner Gemeinde, so machte er ein erschrecktes und betrübtes Gesicht, und dann lächelte er ungläubig, und seine Mienen zeigten an, daß er vor einem Fremden und Unverständlichen stand und keinen Rat wußte; bald aber fand er sich wieder und meinte, ein Irrtum sei das und eine falsche Auslegung der Wirklichkeit. Zwar, er predigte von der Erbsünde und von der natürlichen Bosheit des Menschengeschlechtes; aber in seinem Herzen wußte er nichts von diesen Lehren, er sprach da nur Worte, die er nicht verstanden. Mitten unter einer harten Bevölkerung lebte er, unter kleinen Bauern und Holzarbeitern, die wohl tüchtige und ordentliche Leute waren, unter denen keine Liederlichkeit oder Faulheit vorkam; aber ihr Leben floh hin bei dürrer Berechnung von Besitz und Erwerb, bei zähem Halten am kleinen Vorteil, der nicht ohne geringe Betrügereien war, wie sie bei solchen Leuten als ordnungsmäßig betrachtet werden. Die fanden bald heraus, daß der Pastor vom wirklichen Leben nichts wußte und keine Ahnung hatte von dem, was in ihnen vorging; deshalb hielten sie ihn für dumm, oder wie sie sich das vorstellten, für „überstudiert“; und in dem sie nun mit allem, was sie unmittelbar anging, sich fern von ihm hielten, vermehrten sie noch seine Täuschung über die Wirklichkeit, die ihn umgab.

Aber auch in der Seele solcher Menschen, die ganz beschränkt auf Irdisches und Bürgerliches sind, gibt es doch ein höheres Leben. Zwar gewinnt es scheinbar keinen Einfluß, denn es wird rasch bedeckt durch das Überwuchern des Wirtschaftlichen; aber vielleicht ist das ganz gut so, und wenn es anders wäre, würden solche Menschen Schwätzer und scheinheilige Salbader. Deshalb hatte der Pastor doch eine große und segensreiche Bedeutung für seine Gemeinde; sie wußten alle, daß er nicht an sich dachte und das Evangelium vom Rock erfüllt hatte; ja es gab sogar eine Geschichte über ihn von einem Paar neuer Stiefel und einem wandernden Handwerksgesellen; sie wußten, daß hier keine Lüge, keine Gier, kein Betrug war, keine Habsucht und kein unlauteres Wesen, sondern ein reines und frommes Herz und ein klarer und guter Sinn; und in dem bedrängten und beladenen Leben, das sie führen mußten, bei harter Arbeit und schweren Sorgen um das tägliche Brot und Kämpfen um die Ehrbarkeit des Wandels hatten sie an dem Pastor ein Bild wie das eines glücklichen und frohen Engels, der auf Erden wohnt, nichts weiß von Sünde und Schuld und Sorge und mit dem Finger zum Himmel weist, als zu einem freien und leichten Leben, das als Ziel uns allen vorschweben sollte. Und was bedeutet das für einen beladenen Menschen, der mühselig dahin geht, den Blick auf die Erde gerichtet! Aber es ist gut für uns, daß solche Menschen selten sind.

In ihrer Art ebenso merkwürdig wie der Mann war die Frau Pfarrerin.

Sie war frühzeitig Waise geworden und hatte von ihren Eltern ein ziemliches Vermögen geerbt; ihres jetzigen Mannes Vater, der alte Pastor, der ein entfernter Verwandter war, wurde ihr als Vormund bestellt und nahm sie zu sich ins Haus, sie mit seinen Kindern zusammen zu erziehen.

Schon als kleines Mädchen faßte sie eine Neigung zu dem ernsten Ältesten, weil er ein liebes und gutes Wesen hatte und in vielen kleinen Dingen besorgt werden mußte wegen seiner Zerstreutheit. Das hatte ihm eine Schwester einmal gesagt, da war er rot geworden und schämte sich, denn er dachte, sie wolle ihn hänseln. So behielt sie ihre stille Neigung, wie er von Hause fortkam auf die Schule, und wie er erwachsener wurde und auf die Universität ging; aber weil sie eine herbe und verschlossene Natur war und ohne Zutunlichkeit, so verspürte niemand etwas von dem, was sie heimlich bei sich dachte. Und auch der Student seinerseits, der durch seine Jahre selbstbewußter geworden war, wie er als Junge gewesen, dachte viel an sie mit Liebe und Hoffnung, nur hatte er noch so viel Schüchternheit, daß er ihre Begegnung mied, und spann sich noch mehr in seiner tabaksqualmigen Dachstube ein, wie er es sonst getan hätte ohne seine liebende Gesinnung.