Wie er seine Examina bestanden und hoffen durfte, daß er in wenigen Jahren eine Pfarre bekommen werde, da dachte er wohl, daß er nun wagen dürfe, mit ihr zu sprechen über das, was er im Herzen hatte. So geschah es, daß er einst an einem Sonntagnachmittag nach der Predigt mit ihr durch die Felder ging, und auf beiden Seiten stand der hohe Roggen, untermischt mit Kornblumen und roten Kornrosen. Und wiewohl er ihr nur ganz alltägliche Dinge erzählte aus Scheu, so spürte sie doch durch ein geheimes Überfließen seines Herzens, was er sagen wolle; aber da überfiel sie mit einem Male eine namenlose Angst und eine heftige Scham, und das spürte er sofort, und zwar hatte er in seinem Herzen eine Bewegung, die das richtig deutete, und er hatte Lust, sie in seinen Arm zu nehmen und an die Brust zu drücken, aber da überkam ihn aus einem andern Winkel seiner Seele plötzlich ein lähmendes Mißtrauen und eine Furcht, so daß sich alle Gefühle in ihm zurückzogen als erschreckt und ihm ganz starr wurde im Herzen.
So redete er mit stockender Aussprache weiter, was er Gleichgültiges angefangen, und ging neben ihr her; und ihre bebende Hand streifte einmal über das hohe Korn; da sah er, daß ihre Hand bebte, und es begann wieder lebendig zu werden in ihm; aber die Erstarrung war bei dem feinen Menschen zu groß, er wurde ihrer doch nicht wieder Herr, und so blieben die Worte ungesprochen zwischen den beiden, nach denen ihrer Beider Herzen sich sehnten, und sie gingen stumm nach Hause.
Da war aber eine Schicksalsstunde versäumt, die in langen Jahren nicht wiederkam. Sie dachte, daß sie sich wohl geirrt habe in ihrem Gefühl, daß er zu ihr neige, und er habe überhaupt keine wärmere Liebe für sie, nur für die andern; und er meinte traurig, für sie, die große, feste und herbe Jungfrau mit den geschlossenen Lippen sei er zu gering, und sie könne ihn nicht lieb haben, sondern müsse ihre Liebe auf einen andern richten. Ohne Eifer dachte er das und mit tiefer Trauer.
So vergingen Jahre ihnen beiden in stillem Sehnen, bis jenes Unglück über ihn kam mit seiner Schwester. Wie er von Hamburg zurückkehrte, da trieb es ihn, daß er zu ihr gehen mußte, die schon längst für sich gezogen war und allein hauste; sie waren aber nun beide Menschen weit über die vierzig; da erzählte er ihr alles, davon er doch manches gar nicht recht verstand, weder die blinde Leidenschaft der Schwäche seiner kleinen Schwester, noch die rohe Habgier der Schlechtigkeit bei dem Manne. Und wie er geendet und sie anblickte, ohne Rat und Trost, da sah er, daß in ihren Augen Tränen standen, die sie vergeblich zurückhalten wollte. „Weinst du über sie?“ fragte er. „Nein, über dich!“ rief sie in Selbstvergessenheit. Da vergaß auch er alles und fragte, als ob er träume, und lächelte dabei wie ein Kind: „Hast du mich denn lieb?“ Aber eine Erwiderung in Worten wurde nicht gegeben, sondern sie kamen zusammen mit ihren Herzen, und ihr Gesicht, das sonst unbeweglich und fest war, lag an seiner Brust und wurde von vielen Tränen überströmt.
So hatten sich die beiden gefunden, nachdem sie des Lebens Höhe schon überschritten und sich seit frühen Jahren nacheinander gesehnt; und als sie sich dann heirateten, da war es, als ob alles Glück, das für sie bestimmt gewesen und nicht verbraucht war in den langen Jahren, als ob das sich angesammelt habe und nun um sie sei, und verging kaum ein Tag, daß sie nicht darüber staunten, wie glücklich sie waren, und machten sich selbst aufmerksam auf dieses oder das in ihrem Leben, und freuten sich über sich selbst.
Und das war sonderbar, daß, wer die beiden allein sah, hätte gemeint, diese ernste Frau mit dem festgeschlossenen Mund müsse dem kindlichen Mann überlegen sein, auf dessen reiner Stirn nur die einfachen Gedanken zu lesen waren, die ihn bewegten; und sie konnte auch nicht gut mit Kindern umgehen, während dem Mann alle Kinder anhingen und ganz mit ihm sprachen wie mit ihresgleichen, welches der stärkste Ausdruck kindlicher Zuneigung ist. Wenn aber die beiden zusammenstanden, dann kam niemand mehr auf den Gedanken, der Mann könne schwächer sein wie die Frau, sondern das natürliche Verhältnis von Mann und Weib war offenkundig vorhanden, obwohl sie in vielen Dingen für ihn sorgte, daß er hätte ganz unselbständig scheinen müssen; so schnitt sie ihm bei Tisch das Fleisch vor.
Das Pfarrhaus hat für die Leute auf dem Lande etwas Festtägliches, durch die Ruhe, die wenigen Menschen in den vielen Räumen, die blitzenden Fensterscheiben mit den weißen Gardinen dahinter, die sandbestreute Diele und die frommen Sprüche, die im Flur angebracht sind. Und die beiden Leute waren festtägliche Leute dazu, das empfanden die Arbeiter und Bauern; und noch mehr empfand es der kleine Hans. Wenn sich die Haustür in der Pfarre hinter ihm geschlossen hatte und die Klingel lange nachschellte und er auf den Zehenspitzen über die Diele ging mit dem knirschenden Sand, der ein so lautes Geräusch zu machen schien, so schlug ihm jedesmal das Herz; und in Freude verwandelte sich die Ehrfurcht erst dann, wenn er dem freundlichen Pastor die Hand gab. Was sollen wir viel erfahren von dem, was äußerlich vorging in diesen Jahren? Auf Hans wirkte das Wesen der Alten, und das Wesen Karls hatte Einfluß auf ihn, zu den Wirkungen und Einflüssen, die er zu Hause hatte und im Wald; ganz wenig wirkten auf ihn die Jungen in der Schule und die Schule überhaupt, obwohl die einen großen Raum in seinen Erlebnissen einnahm; aber was er hier hatte, war nur ein Kennenlernen der Dinge, die ein Mensch gebraucht zu seinem äußeren Leben; diese aber sind für unsere Absichten gleichgültig.
Wie Hans in sein zwölftes Jahr kam, mußte er des Pastors Unterricht verlassen und in die Stadt gehen, das Gymnasium zu besuchen; mit ihm ging Karl Gleichen.
Hans wurde auf den Löwenhof gebracht, zu einem Ackerbürger, namens Löwe. Hier bekam er ein Dachkämmerchen mit einem Bett zum Schlafen, den Tag über mußte er sich in der Wohnstube der Leute aufhalten, an deren Tisch aß er auch; nur die Woche über war er hier. Sonnabends, wenn die Schule beendet war, pilgerte er durch das alte Stadttor hinaus, durch die Felder hinauf in den Wald nach Hause, und Montag früh ging er wieder zurück in die Stadt. Seine Mutter hatte abgemacht, daß sie für die Woche einen Taler bezahlen wollte an die Wirtsleute, den trug er Montags in der Tasche bei sich.
Diese Löwes waren alteingesessene Leute, deren Voreltern fleißig und sparsam gewirtschaftet hatten, bei ihnen aber ging alles auf, und es war wohl zu sehen, daß sie ihrer einzigen Tochter einst nichts hinterlassen würden. Das geschah aber so, daß sie nicht eigentlich liederlich waren, auch nicht wirklich verpraßten; nur war der Mann von langsamer Art und ein Schläfer, und die Frau, wiewohl flink und gewandt, liebte sehr das Essen, mehr aus Liebe zur Kochkunst wie aus Leckerei, denn es freute sie am meisten, wenn es andern schmeckte. Sonst aber waren sie ordentliche und gute Leute.