Um vier Uhr des Morgens weckte die Frau den Mann; der öffnete dann die Kammerfenster und rief die Knechte und die Magd wach; darauf sagte er, daß er erst wieder warm werden wolle und ging ins Bett zurück, aus dem er dann nicht vor sieben Uhr aufstand. Da pflügten die beiden Knechte schon lange auf dem Acker, und die Magd hatte längst gemolken; wenn aber des Herrn Auge nicht wacht, so geht der Pflug nicht tief und wird das Euter nicht leer, und vieles wird vertan und verworfen in der Wirtschaft. Die Frau ging in die Küche und sagte, sie fühle sich so schlecht im Magen, ihr sei, als müsse sie etwas Besonderes genießen; und so briet sie schon am frühen Morgen sich allerhand Leckerbißlein, davon sie auch, als eine kleine Person, dick und rund wurde, indessen der Mann mit dem verschlafenen Gesicht mager und lang war.
Wohl sahen sie selbst ein, daß sie auf diese Weise immer mehr zurückkamen, und namentlich an den Quartalsterminen wurde ihnen das klar. Aber sie vermochten nichts an ihrem Leben zu ändern; wenigstens muß man rühmen, daß sie sich nicht gegenseitig Vorwürfe machten. Nur heimlich klagten sie wohl einem andern ihr Leid, und zu solchem Vertrauen erwählten sie sich ihren Kostgänger Hans. So rief ihn etwa die Frau in die Küche, briet eine schmackhafte Gänseleber, schob ihm die zu und sprach: „Iß, sie ist mit ungesalzener Butter gebraten“, und erzählte dann von ihrem Leben, daß sie viele Anbeter gehabt habe, die sie zur Frau gewollt hätten, aber sie habe nun zu ihrem Unglück diesen Mann genommen; der sei zwar gut zu ihr und trinke auch nicht, aber er sei träge und schlafe zu viel, und sie könne allein das Wesen nicht halten, so viel Mühe sie sich auch gebe; dazwischen erzählte sie, daß sie in die Nudeln, mit denen die Gans gestopft wird, buchene Asche nehme, rühmte auch wohl die gebratenen Kartoffeln und erzählte, von welchem Landstück man die Kartoffeln zum Braten nehmen müsse, und von welchem sie als Salzkartoffeln oder in der Schale am besten schmeckten; und am Ende weinte sie in die blaue Schürze und sagte, wenn sie noch einmal heiraten sollte, was ja Gott verhüten möge, denn ihr Mann sei ja gesund und wohl, aber unmöglich sei doch nichts, so werde sie sich besser in acht nehmen. Und der Mann rief den Hans zu sich, nahm die kurze Pfeife aus dem Mund, tippte ihm damit auf die Brust und erzählte, was er für ein Kerl gewesen sei in seinen jungen Jahren, und was er für Mädchen hätte heiraten können, lobte dann seine Frau, daß sie ja gut sei und auch flink, aber sie sei zu sehr auf das Essen und Trinken, und darüber gehe das Haus zugrunde. Aber, meinte er, man könne ja nicht wissen, wenn seine Frau einmal sterben sollte, so werde er sich in seiner zweiten Ehe ganz besonders vorsehen; und so waren beide schon recht in die Jahre gekommen und meinten doch, nach unbedachter Leute Art, daß sie ihr Leben immer noch vor sich hätten und es nach ihrem Gefallen lenken könnten.
Die Tochter der beiden war wenige Jahre älter wie Hans, gutmütig und still, und hatte der beiden Eltern Eigenschaften in sich vereinigt, schlief viel und aß gern und war in ihren jungen Jahren auch schon artig aufgegangen zu einem kugelrunden und zufriedenen Fräulein.
Hans aber hatte es gut in der Familie und wurde rechtschaffen gefüttert für seinen Taler.
In der Schule war ihm das Einleben recht schwer. Da bestand eine allgemeine Verschwörung gegen die Lehrer: alle Schüler hielten zusammen, logen sich gegenüber dem Lehrer heraus, betrogen diese auch, untereinander aber logen und betrogen sie nicht. Hätte einer sich dieser Ordnung nicht gefügt, so hätten sie ihn alle verachtet.
Karl fügte sich sehr schnell in die Verhältnisse, sah in seines Nachbars Hefte und hatte beim Abfragen ein Buch unter der Bank liegen; und wie der Lehrer einmal eine Aussage von ihm wollte, log er mit offener und heiterer Miene. Hansen war es nicht möglich, sich so zu geben, gleichwohl aber sah er wohl ein, daß er nicht gegen die andern auftreten konnte, und so stritten das alte Pflichtbewußtsein und das neue, das er hier bekam, eine lange Zeit in ihm miteinander, bis er endlich einen Ausweg fand, indem er selbst zwar keine Betrügereien mitmachte, aber willig seine Hefte und Bücher hergab, wenn die andern sie benutzen wollten. Als einmal sein Nachbar beinahe ertappt wurde und der Lehrer ihn befragte, wurde er sehr rot und verlegen und sagte ängstlich, er wisse von nichts.
Die Lehrer hatten allerhand Spitznamen, mit denen die Schüler sie unter sich nannten; allmählich gewöhnte er sich auch daran, sie so zu nennen, immer aber behielt er dabei noch eine gewisse Scheu und Unbehaglichkeit.
Zwar nahmen die Schüler im ganzen und großen seine Art ruhig hin ohne besonderes Nachdenken, einmal aber kamen sie doch auf den Gedanken, sie möchten ihn hänseln, weil er anders war wie sie, und fiel ihnen ein, sie wollten ihn auf den Klassenschrank setzen. Da wich er erst zurück und zog seine Arme fort, an denen sie ihn anfassen wollten, aber wie sie ihn endlich umringt hatten, und weil er sich aus Verlegenheit nur ungeschickt und schwach wehrte, da hoben sie ihn bald unter lautem Geschrei auf den bestimmten Thron. Wie er da saß, standen ihm vor Kummer die Tränen in den Augen, aber wie er auch Karl unter der Schar seiner Peiniger erblickte, da faßte ihn ein heftiger Gram, und es überkam ihn eine besinnungslose Wut, und er ergriff eine zusammengerollte Landkarte mit Stäben, die da oben lag, und hieb unbarmherzig mit aller Kraft auf die Köpfe unter ihm ein. Die Jungen schrien auf, und der Schwarm wickelte sich schnell auseinander, er aber sprang mit seiner Waffe vom Schrank herunter und verfolgte die andern, die vor ihm flohen, bis sie zuletzt alle zur Tür hinausliefen und diese von außen zuhielten, damit er ihnen nicht nachkommen solle, denn sie waren in heftige Furcht gekommen. Nach diesem Vorkommnis ließen sie ihn in Ruhe, ohne sich übrigens besondere Gedanken über den Grund zu machen; er aber überlegte sich das Ganze reiflich und kam zu dem Schluß, daß einer, wenn er sich nicht fürchtet, gar keine Gefahr läuft und wohl dreißig in die Flucht schlagen kann.
Fünf Jahre mußte er auf dem Gymnasium verbringen, das waren die fünf schlimmsten Jahre seines Lebens. Damals fühlte er wohl den Druck und hatte das unbestimmte Gefühl, als sei er Gefangener in einem Zuchthaus, aber weil alle um ihn herum in derselben Weise lebten und dieses Leben ganz natürlich und angenehm fanden, so kam ihm sein Unglück nicht zum Bewußtsein, und er litt nur dumpf. So hatte er es später leichter, wie er schwere Zeiten durchmachte, in Gewissenskämpfen und Sorge um das tägliche Brot, denn da fühlte er sich innerlich doch immer froh, wenn er dachte, daß das alles, was man als das Schlimmste hinstellt, doch nicht so schlimm war wie dieses Leben in der Schule, das damals allen natürlich und angenehm erschien, wenn auch alle litten gleich ihm.
Vieles wurde gelehrt, was ein jugendliches Herz wohl hätte begeistern können; aber was die Lehrer sagten, und was gelernt werden mußte, war gleichgültig und eine gemeine Arbeit ohne Sinn, wie sie ein Holzarbeiter verrichten mag, der denkt: am Sonnabend habe ich meinen Lohn verdient; und einen andern Sinn hat seine Arbeit nicht für ihn. So war auch in der Schule alles Arbeiten nur aus dem Zwecke zu verstehen, daß man solche Dinge wissen mußte, wenn man das Examen bestehen wollte; das mußte man aber bestehen, sonst durfte man nicht studieren; deshalb freuten sich auch alle auf die Universität, denn sie hofften, daß sie da das Zweckvolle und Sinnreiche sehen würden. Aber weil die Arbeit allen zuwider war, und weil alle das gleiche wissen mußten, Kluge und Dumme, so kam zu dem noch hinzu, daß die Dinge, die man wissen sollte, so lange wiederholt wurden und breitgetreten, bis sie auch bei dem Dümmsten und Gleichgültigsten festsaßen. Traurig und matt saßen die Jungen auf ihren Bänken, sahen sehnsüchtig aus dem Fenster, wo die Schneeflocken wirbelten und eine frische Kälte war, oder starrten auf die tintenfleckigen und zerschnitzten Tische und die beschmierten Bücher, indessen die gelangweilte Stimme des Lehrers schläfrig an ihr Ohr klang, der nun schon seit Stunden eine einfache Konstruktion erklärte, die jeder sofort verstanden hätte, wenn er nur Lust hätte bekommen können, sie zu verstehen; den einen oder andern ermahnte der Lehrer, er solle aufpassen und nicht träumen, und wenn er dann einen fragte, ob er jetzt die Sache wiederholen könne, so zeigte sich der gänzlich verständnislos, und die Erklärung mußte von neuem angefangen werden. So wurde an einem einzigen Satz von Cicero eine ganze Stunde übersetzt.