Es ist zu sagen, daß diese Bildung der Schule weder unsern Hans noch irgend einen andern Jungen gebildet hat, sondern nur die Bedeutung eines Wissens von allerhand Dingen bekam, das zum Teil sehr schnell wieder vergessen ward, und so erhielten alle diese Schüler ihre wahre Bildung neben und außer der Schule, weshalb über diese sowohl wie über die Lehrer hier weiter nichts zu sagen ist.
Kinder sehen die Dinge nahe, scharf und gewissermaßen in einer einzigen Fläche; aber wenn ein Junge in die Zeit kommt, die man die Flegeljahre nennt, so ändert sich unmerklich dieses Sehen, und damit werden auch die Gefühle verändert, die er in sich hat; denn es legt sich ihm ein Schleier über alles, daß die Umrisse verschwinden und die Dinge, die früher allein standen, sich zu einem einheitlichen und untrennbaren Bild zusammentun, und dieses Bild bekommt dann Tiefe, Vordergrund und Hintergrund, seine Seele aber erfüllt sich nun mit einer unbestimmten und undeutlichen Sehnsucht, welche die Bilder immer weiter in den Hintergrund treibt, damit sie dort goldigere Farben annehmen und duftigere Umrisse; er kriegt Erinnerung und Hoffnung, und der Gegenwart vergißt er, und weil so vieles eine neue Bedeutsamkeit erlangt hat, die er früher nicht geahnt, so geht ihm nun oft bei einer Kleinigkeit das Herz auf als bei einem tiefsinnigen Symbol, dessen Bedeutung ihm nicht in Begriffen beifällt, sondern nur in einem dunkeln Gefühl; und kommt alles das rein und ungestört durch Äußeres aus dem Innern heraus, bei dem einen so, bei dem andern so. Außerdem, während das Kind noch das Gefühl hatte, daß alle andern Kinder, ja selbst die Tiere, ihm gleich seien und deshalb noch keine Scham kannte, überfällt jetzt den Jungen eine heftige Schamhaftigkeit, weil alles Neue nur ihm allein gehört, und kann sich diese Schamhaftigkeit aber nicht äußern, wie es ihr entsprechen würde, weil der Junge sie selbst nicht versteht, deshalb kommt sie zutage als Trotz, Ungezogenheit und auch als Lüge; so nennt unsre liebe keusche Muttersprache dieses Alter recht schön die Flegeljahre.
Welche von den vielen Zügen, in denen sich diese Wandlung äußerte, soll der Erzähler nun wohl herausheben? Es ist etwa zu erzählen, wie Hans an einem Mittwochnachmittag in der Stube seiner Wirtsleute sitzt, wo hinterm Ofen der Bauer im Halbschlaf träumt, und hat eine alte Zigarettenschachtel, die er geschenkt bekommen, die klebt er an allen Seiten sorgsam mit Kleister zu, daß kein Licht hinein kann, und träumt in der Art wie einst, da er zu Hause unterm Tisch saß, wie heimlich es wäre, ganz klein zu sein und in solcher verklebten Schachtel zu sitzen. Wäre ein andrer in der Stube gewesen und nicht bloß der verschlafene Wirt, so hätte er sich geschämt, solches Spiel zu treiben.
Durch Schule und Umgang werden derartige Neigungen auf bestimmte Wege gelenkt, und so kam Hans darauf, sich eine Pflanzensammlung anzulegen. Dazu hatte er den stärksten Trieb im Frühling, denn wenn der Rasen noch überall vergilbt und schmutzig war, so erschienen die gelben Blumen des Huflattich, die dann im Sommer die großen Blätter nachtreiben, darauf kamen die Schneeglöckchen, und endlich begrünten sich die Wiesen, erst an den feuchten Stellen, wo die Dotterblume ihre dicken Knospen aufbrach und glänzende Blätter entrollte; und wie es überall grün war, da beblümte sich die Wiese mit Marienblümchen, Veilchen, Männertreu, Vergißmeinnicht, Hahnenfuß, Frauenmantel, Löwenzahn, Schaumkraut und Storchenschnabel, in den Wäldern aber wuchsen die Zankblümchen, Maiglöckchen und blauen Leberblumen. Das alles war so, daß das Herz weit wurde, und schien, als könne diese Zeit nie aufhören und müsse die Wiese immer weiter blühen, und der Fuchsschwanz sich heben und Sauerampfer stehen und Kälberkropf sich breiten, und es werde niemals gemäht. Alle diese Blumen kannte Hans schon früher, aber jetzt sagten sie ihm eine Sehnsucht und eine Freude, die ihm bis dahin unbekannt gewesen, und einmal, wie er ganz allein war, und niemand ringsum zu sehen inmitten der blühenden Wiesen, da wagte er es, daß er aufjauchzte; aber der Ton war ihm so sonderbar, daß er gleich wieder verstummte, aus Schrecken.
Aus dieser Zeit blieb ihm ein Erlebnis für sein ganzes Leben in der Erinnerung, das äußerlich zwar nichtig schien: er war ausgegangen, Pflanzen zu suchen und trat aus dem Wald und sah vor sich ein Bauernhaus, bei dem ein großes, abgezäuntes Weidestück war; weil aber der Frühling eben seine ersten Tage schickte, so lag noch in einem schattigen Winkel etwas schmutziger Schnee, jedoch mitten durch das Stück floß ein Wässerlein, eilfertig und geschäftig, wie diese Wässerlein im frühen Frühling dahinplaudern, und an dessen Rändern war das Gras schon grün und einige Büschel Narzissen standen da, in deren einem eine Narzisse aufgeblüht war, diese Blume, die für den Oberflächlichen kalt und leer scheint und in Wahrheit doch eine fast unheimliche Leidenschaft in sich schließt. Wie Hans diese einsame Blume sah, war es ihm, als bliebe vor einer sonderbaren Wonne sein Herz stehen, und erst viel später, wie er schon erwachsen war, wußte er, daß da damals ein heftiges Glücksgefühl gewesen, und verspürte einen goldenen und sanften Abglanz davon auch nachher immer noch, wenn er in seiner Sammlung die gepreßte Blume betrachtete. Mit geringerer Stärke hatte er solche Gefühle auf andern Gängen, die er einsam machte und für sich; so, wenn er am Waldrand dahinschritt, wo knorrige Wurzeln vorragten und die Zweige sich weit überbogen, indessen das Korn ruhig stand mit Mohn und Kornblumen, oder er wandelte einen schmalen Pfad zwischen den Kornfeldern, und rechts und links streiften ihn die schweren Ähren, die überhingen, und eine Lerche stieg schmetternd in die Höhe aus der Mitte der unbewegten goldenen Frucht und wurde zu einem kleinen Punkte oben im Blau, von dem es herabjubelte; ja selbst der Strohduft in seines Vaters dämmernder Scheune vermochte eine Sehnsucht und glückliche Freude zu erwecken. Der Grund bei allem diesem aber war wohl, daß es ihm schien, weil seine Brust sich weitete, so fließe er zusammen mit dem andern und gehöre zu ihm, so daß alles eins sei.
Nur ein dunkles und drohendes Gefühl stand auch in solchen Stunden immer im Hintergrund, das sich an die Schule knüpfte; da waren unbekannte Gedanken, daß er eigentlich arbeiten müsse, und daß er nicht seine Pflicht erfülle, und daß er niemals das schwere Abiturientenexamen werde bestehen können, denn trotzdem er unter den Ersten saß, war er sich doch bewußt, daß er lange nicht wußte, was man wissen mußte; und allerhand Vorwürfe machte er sich dann, wenn er an seinen Vater dachte, wie fleißig der war und sich keine Freude gönnte, nur damit er selbst lernen sollte. So schwer war diese Last, welche die Schule auf seine Seele legte, daß er auch nach vielen, vielen Jahren sie noch spürte, wie er schon längst erwachsen war und verheiratet und Kinder hatte.
In der Schule hörte er von Lehrern wie von Schülern etwas ganz anderes über den lieben Gott, wie er bisher gehört. Die Religionsstunde hatten die Jungen bei einem Lehrer, dem ein langer, blonder Bart gewachsen war, und der oft einen kleinen, runden Taschenspiegel vorzog, den er auf den Katheder legte und darin seinen Bart betrachtete; auch putzte er sich die Nägel so sorgfältig, daß sie glänzten wie poliert, und wenn er sich setzte, so zog er vorher mit zwei Fingern die Hosenbeine in die Höhe, um sie zu schonen, weil sich die Knie sonst aus den Hosen herausarbeiten. Die andern Lehrer sprachen gar nicht vom lieben Gott, sondern sie redeten so von den Göttern der alten Griechen und Römer, daß es war, als glaubten sie an die, was natürlich bloß so schien. Und die Jungen dachten eigentlich gar nicht an Gott; das war so, daß er sich geschämt hätte, vor ihnen den Namen Gottes zu gebrauchen, denn er hatte das Gefühl, daß das nicht hierher paßte.
Mit Karl hatte er einmal ein Gespräch über diesen Punkt. Da sagte dieser, heute glaubten überhaupt die meisten Menschen nicht mehr an Gott, und die es doch täten, wären entweder Heuchler wie die Pfaffen, oder sie seien Dumme. Wie Hans ihn fragte, was dann sein Onkel sein sollte, verstummte er zuerst, und dann erklärte er, der sei „hinter seiner Zeit zurückgeblieben“. Solche Meinungen schienen Hans ganz schrecklich, und er hatte großes Mitleid mit Karl; der aber lachte und sagte, er wolle ihm ein Buch borgen, in dem sei das alles ganz klar bewiesen. Zuerst wollte Hans das Buch nicht lesen, dann aber meinte er, daß er Karl vielleicht auf bessere Wege bringen könne, wenn er ihm solchen Widersinn klar mache, wie in dem Buche geschrieben sein werde, und deshalb studierte er es durch.
Da war nun aber plötzlich alles anders geworden. Karl hatte recht, in dem Buch war ganz klar nachgewiesen, daß es keinen Gott gab und daß nur die Schlechtigkeit der Menschen, insbesondere der Pfaffen, die von der Dummheit der Menschen ihren Vorteil zögen, noch die falschen Ansichten aufrecht erhielte. Gar nichts konnte man gegen die Beweise des Buches vorbringen. Das fiel ihm nun schwer aufs Herz, denn erstlich sollte er jetzt in einigen Wochen konfirmiert werden und mußte bekennen, daß er an die christliche Lehre glaubte, und das konnte er nun nicht. Wie er Karl fragte, was der tun werde, da konnte ihm der auch keinen Trost geben, sondern meinte, das sei nur eine Formsache mit dem Glaubensbekenntnis und man könne es nicht Lüge nennen, wenn einer dazu sein „ja“ sage, denn jeder wisse ja doch, was von diesen Dingen zu halten sei. Diese Meinung schien Hans nicht richtig und er beschloß deshalb, einen Erwachsenen zu fragen, wiewohl er eine große Scheu hatte, wie wenn er etwas Verbotenes getan habe; aber weil es sein mußte, so überlegte er sich lange, wen er angehen solle, seinen Vater oder den guten Pastor, und er entschloß sich endlich, zu seinem Vater zu gehen. Der aber erwiderte ihm nichts auf das, was ihn bekümmerte, sondern wurde nur ärgerlich und sprach, er solle keine törichten Bücher lesen, sondern sich an seine Schulsachen halten und die ordentlich betreiben, so werde sich alles Weitere später schon von selber finden. Das war das erstemal, daß ihm auf eine Bitte keine Gabe wurde von seinem Vater, wiewohl nur deshalb, weil der ihn nicht verstanden, und von da an verschloß sich das Herz des Kindes vor dem Erzeuger und kam viel Kummer und schwerer Kampf aus solcher Entfremdung. So sehr aber hatte die Antwort ihn zurückgetrieben, daß er nun noch weniger wagte, zu seinem alten guten Pastor zu gehen.
Wohl wußte er, daß der Satan derlei Anfechtungen schickt, daß wir nicht glauben können, und daß wir dann siegen, wenn wir recht heftig zu Gott beten und Gott die Hilfe abringen; aber er sah auch ein, wenn es nun keinen Gott gab, so war ja auch diese Lehre eitel Torheit; und das schien ihm so klar, daß es keinen Gott gab, daß kein Mensch mehr zweifeln konnte, nachdem er das Buch gelesen; es hieß aber „Kraft und Stoff“.