Und die Sorge um die Konfirmation war nur das Nächste. Weiterhin tat sich ihm dann die Furcht auf, wenn er nun die Schule zu Ende besucht hatte, so sollte er Theologie studieren nach dem Willen seiner Eltern; das konnte er aber doch alsdann nicht, denn er wäre doch dann auch einer von denen geworden, die das Volk betrügen und die Wahrheit verhehlen. Auch über diesen Punkt urteilte Karl ganz leichtfertig, indem er meinte, diese Sorge habe noch lange Weile, und vorerst brauche man sich um sie nicht zu bekümmern.
Für einen jungen Menschen bedeutet der Glaube an Gott noch wenig; er hat noch so viel andern Glauben an sich und an die Menschen und an die Zukunft und an die ganze Welt, daß er jenen entbehren kann, ohne daß etwas in ihm zusammenbricht. So empfand Hans seine Wandlung im Grunde gar nicht tief, sondern nur als eine Beunruhigung für seine Ehrlichkeit; erst in seinem späteren Ringen ging ihm wenigstens ein Teil der großen Fragen auf, um die es sich hier handelt. Diese erste Anfechtung fand ihn in der Gedankenlosigkeit, die der glücklichen Jugend eigen ist und geziemt.
Gerade in den Wochen, wo diese Gedanken einander am heftigsten anklagten und entschuldigten, kam noch eine zweite Angelegenheit zu ihrem Höhepunkt. Hans hatte nämlich eine Liebe gefaßt, wie das bei Knaben seines Alters geschieht, und in dieser ereignete sich etwas über alle Maßen Grausiges.
Das Städtchen war bis zum Deputationshauptschluß reichsunmittelbar gewesen; dazu führte bis zu dem großen Umschwung im sechzehnten Jahrhundert hier der Handelsweg vorbei, und die Bürger trieben wichtige und weite Geschäfte bis tief nach Asien hinein. So waren sie reich und stolz geworden und hatten ein Rathaus gebaut noch in den romanischen Zeiten aus den gewaltigen Blöcken des dort vorkommenden Syenitgesteins, das Funken sprühte, wenn man ihm einen Stahl anschlug, und waren in der wuchtigen Wand die kleinen Fenster verteilt, die das Licht von hoch herab in große Säle warfen, und vorn führte eine steile und schwere Freitreppe zum Stock; am Eingang stand ein uralter und ungefüger Steinblock, an dem des Kaisers Schwert und Handschuh hingen. Jetzt spielten Kinder in luftigen Sommerkleidern auf der alten Treppe. Noch andre alte Häuser erhoben sich am Marktplatz, stolz und trotzig wie Burgen wehrhafter Ritter, aber mit hohen Dachräumen, in denen einst reiches Kaufmannsgut gelagert.
Als der Handel damals andere Wege einschlug, hatten die klugen und vorsichtigen Kaufherren einen verständigen Ersatz gesucht im Geldgeschäft und Beteiligung am Bergbau, und war eine zweite Blüte der Stadt gekommen aus diesen Gewinnen, die noch stolzer war wie die erste; aber die großen Staatsbankerotte, die Wandlungen des Metallwertes und die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges hatten diesen Wohlstand von Grund aus vernichtet. Seitdem kamen kleine Bürger auf in den stolzen Häusern, die in Läden Handwerksgeräte, Kleiderstoffe und allerhand geringe Kaufmannswaren verkauften an die Leute aus dem Gebirge oder die Bauern vom Lande, die an den Sonnabenden zur Stadt kamen, hier einzuhandeln, wessen sie bedurften bei ihrem kleinen Wesen. Und außer den alten Häusern zeugten nur noch in der Kirche zu Sankt Blasien alte Wappen in den Fenstern, finstere Familienstühle mit sonderbaren Schnitzereien und prunkvolle Grabtafeln an den Wänden von den stolzen Geschlechtern, die einst hier gelebt, ehe die freisinnig gesinnten Kleinbürger in der Stadt hausten.
Nur eine der alten Familien hatte sich erhalten in sicherem Reichtum an Grund und Boden in den Dörfern; deren Letzte bewohnten noch das alte Haus aus schweren Quadern mit kleinen Fenstern und gewaltigem Giebel, den oben die große eiserne Rolle zierte, mit welcher einst die fremden Warenballen heraufgewunden wurden. In den reichsstädtischen Zeiten war aus diesem Hause immer der regierende Bürgermeister gewählt und der Iktus, aber wie die Freiheit verloren ging, hatten sich die Herrschaften von allem zurückgezogen, und nun führten sie ein hochmütiges und abgeschlossenes Leben, die Männer in Verwaltung ihrer Güter und allerhand verschollener Gelehrsamkeit, die Frauen in Sorge für das Haus, Wohltun und Frömmigkeit; seit dem dreizehnten Jahrhundert wies die Hauptkirche Stiftungen von ihnen auf, angefangen mit einem Stück guten schwarzen Tuches von acht Ellen, für die Armut bei den Beerdigungen als Sargdecke zu nehmen. Damals nun lebte Herr Jobst Riemenschneider mit seiner Frau und einem einzigen Töchterchen Johanna in dem alten Hause. Herr Jobst war ein durchsichtig blasser und feiner Mann mit einem verzehrten Gesicht, der Scheu hatte vor Menschen und alles Geräusch fürchtete, und ganz im verborgensten Winkel des Hauses hatte er seine Studierstube, deren Türen waren gepolstert, damit kein Laut sie durchdringen sollte. Hier forschte er in allen Akten und Archivstücken über die frühere Geschichte seiner Stadt; denn seit langen Jahren schon arbeitete er an einem Werke, das doch nie fertig zu werden schien, weil ihm immer neue Zweifel kamen, wenn er glaubte, er habe etwas festgelegt, und dann mußte er immer von neuem untersuchen. Unterdessen wurde in der allgemeinen Wissenschaft draußen ein heftiger Kampf geführt über die Anfänge des Städtewesens und die ersten Zeiten der Gilden und Zünfte und über die frommen Genossenschaften; das alles betraf seine Arbeiten, aber er verspürte von diesen Kämpfen nichts, denn seit seinen Universitätsjahren hörte er nichts mehr von heutiger Wissenschaft, sondern lebte nur seiner beschränkten Aufgabe, die doch von Jahr zu Jahr luftiger wurde und weniger zu fassen. Die Frau war bei der Heirat ein fröhliches junges Ding, von der niemand wußte, woher sie stammte, und es wurde heimlich erzählt, sie sei eine Schauspielerin gewesen. Damals lebte noch des Herrn Jobst alte Mutter, eine kalte und fromme Frau mit scharfen, grauen Augen. Die mag das junge Ding wohl sehr in die Zucht genommen haben, denn man merkte ihr an, wie sie sich veränderte und traurig aussah und oft verweint. Das einzige Töchterchen, das sie Johanna nannten, wurde ihnen erst nach Jahren geboren. Damals, als Hans seine Berührung mit diesen Menschen hatte, war die Frau schon lange leidend, und es hieß, sie müsse in den Süden gehen. Johanna wuchs auf in dem alten Hause, in dem es noch ein Zimmer gab, das ganz mit blauweißen Kacheln ausgelegt war, auf diesen Kacheln sah sie Schiffe und Windmühlen, Schlösser, Ruinen, Fischer, Kirchtürme, Chinesen und allerhand sonstige Dinge abgebildet, die man sich denken mochte. Dann waren da große, geschweifte Schränke, die vier Türen hatten, und Kommoden mit wunderlichen Griffen, seltsam geschwungene Stühle, uralte Bilder, die ganz dunkel geworden waren und etwa einmal ein gespenstisch blasses Antlitz mit blitzenden Augen sehen ließen; Treppenstufen gingen zu Zimmern in die Höhe; Kronleuchter hingen seit Jahrzehnten eingehüllt, und vergoldete Stühle hatten festgebundene Bezüge. Und auf den Böden stand unter Staub vielhundertjähriges Altertum, eingelegte Truhen, Spinnräder aus Mahagoniholz mit Elfenbein, alte Bücher in Schweinsleder mit messingenen Beschlägen, Rechnungen der Urahnen in Bündeln, Medizinflaschen von längst vergessenen Toten und sonstiges Krankengerät, Wiegen und Kinderspielzeug, darunter ein Puppentheater aus der Rokokozeit und ein großer Ballen sorgfältig gesammelter alter Leinwand, von der an arme Wöchnerinnen geschenkt wurde, wie seit Jahrhunderten schon geschehen in diesem Hause.
Johanna war ein blasses Mädchen mit schwermütigen, dunkeln Augen und langlockigem Haar; ihr Mund war schweigsam, aber ihre Augen vermochten ein tiefes und heftiges Gefühl zu erregen. Als sie Hans zum ersten Male ansah, war es ihm, als überfalle ihn eine ganz schreckliche Angst; über die dachte er lange nach, und zuletzt wurde es ihm sicher, daß er das Mädchen liebe. Wie er darüber klar war, beschloß er, mit Karl zu sprechen; aber kaum hatte er dem den Namen genannt, da machte er ein glückliches Gesicht und begann zu erzählen, wie sie die Tochter seiner Wirtsleute besucht habe, mit der sie zusammen zur Schule ging, denn er wohnte bei einem Oberlehrer, und es sei eines Sonntagnachmittags gewesen, und sie hätten Pfänderspiele gespielt; da hätte sie ihn mehrmals angesehen; und er wisse genau ihren Schulweg und habe eine Rose abgepflückt und sei vor ihr gegangen, daß sie ihn habe sehen müssen, und dann habe er die Rose für sie in einen stillen Winkel hingelegt, und sie habe die Rose genommen, und seitdem lege er ihr jeden Morgen eine Rose hin, und sie nehme und trage die.
Wie Karl das erzählte, schämte sich Hans für ihn, sowohl um die Frechheit, daß er die Rose hingelegt, wie auch, daß er ihm das erzählte, und wurde ihm auch sehr traurig im Herzen, in weiter und unbestimmter Weise. So sprach er nichts mehr und suchte, daß er bald nach Hause kam, ging auf sein Dachkämmerchen und begann heftig zu weinen; der Wirtsleute gutherziges Töchterlein aber, das ein, zwei Jahre älter sein mochte wie er, als sie nebenan das Schluchzen hörte, kam sie zu ihm und wollte ihn trösten, riet auch gleich, daß er wohl verliebt sei. Da sprach sie recht verständig und wie eine ganz erwachsene Person, daß er doch noch ganz jung sei, und verloben könne er sich noch lange nicht, und überhaupt sei das alles nur Unsinn. Wie aber Hans, obwohl er sich schämte wie ein Dieb, doch immer heftiger zu schluchzen anfing, da konnte sie in ihrer Gutmütigkeit sich nicht mehr halten, denn sie hatte nahe ans Wasser gebaut, und fingen auch ihr an die Tränen über ihre runden Bäckchen zu rollen in dicken Tropfen. So saßen die beiden auf Hansens Bettkante; und kam ihr am Ende eine Erinnerung aus einem Buche, das sie gelesen, und sagte sie Hans, sie wolle seine Schwester sein, küßte ihn auf den nassen Mund und ging fort.
Nach wenigen Tagen hatte sie sich schon an Johanna heranzumachen gewußt und wurde mit ihr recht befreundet. Da dachte sie dann, Hansen guten Trost zu bringen, denn Johanna hatte ihr gesagt, sie möge Karl gar nicht leiden und habe Hans viel lieber; aber Hans glaubte ihr nicht, sondern meinte, sie wolle ihn nur trösten durch solche Botschaften. Einmal jedoch besuchte Johanna seiner Wirtsleute Tochter, und da sprach sie auch mit ihm einige Worte und sagte ihm zuletzt, weil es schon so dunkel sei und das Haus so abgelegen, so möge er sie doch eine Strecke begleiten, und wie er das tat, sagte sie ihm auf dem Wege dasselbe über Karl.
Da bekam er einen so wilden Haß auf den, daß er darüber erschrak, denn er hatte ein solches Gefühl noch nicht verspürt, und war es ihm besonders heftig, wenn er Karl lachen sah, denn da hätte er ihn mögen umbringen. Und weil er in diesen Tagen keinen Halt mehr fand in seinem Gebet, so geriet er in Trübsinn und tiefes Unglück, und ihm war, als sei er in einem Tal, aus dem es keinen Ausweg gibt, weil er vorher gemeint, es gebe einen Weg nach oben, der in Wahrheit nicht da war. So geschah es das erstemal, daß er dieses Gefühl hatte, das ja die meisten Menschen durch ihr ganzes Leben begleitet; sie wissen es sich nur zu verbergen, daß sie es haben, denn wenn sie das nicht täten, so vermöchten sie ja nicht zu leben.