Während diese Dinge nun solchergestalt liefen neben den Dingen der Erwachsenen, die meinten, daß ihre Dinge wichtiger seien, spitzte sich in der Heimlichkeit eine andre Sache in Beziehung auf Johanna zu.
In Hansens Klasse war ein Schüler, dessen Jahre weit über den Durchschnitt seiner Mitschüler hinausgingen, und der von diesen nicht sonderlich geachtet wurde wegen seines törichten Wesens, denn er ahmte in geckenhafter Weise die Erwachsenen nach in seiner Tracht, Haltung und Benehmen; so hatte er dem Religionslehrer abgesehen, daß er eine große Silbermünze an der Uhrkette trug, was damals neu und elegant war, und hatte sich einen steifen Hut gekauft, wie die jungen Kaufleute haben, und trug Stege an den Hosen. Sein Vater war ein reicher Gutsbesitzer, der wenige Stunden von der Stadt entfernt wohnte, und von dem erzählt wurde, daß er habsüchtig sei und Geld auf hohe Zinsen ausleihe.
Als Hans an einem Morgen in die Klasse kam, sah er, wie dieser Mensch allein auf seinem Platze saß und scheinbar eifrig in einem Buche studierte; alle seine Nachbarn waren von ihm gewichen, und in einer Ecke des Schulzimmers wurde von einigen heftig gestritten und erzählt; von denen erfuhr Hans, daß Ecker, denn so hieß jener, bei einem Freunde einen Ring gestohlen habe, der dessen Mutter gehörte; und diese, in der Meinung, daß ein Dienstbote die Tat begangen, habe der Polizei Nachricht gegeben, und als Ecker den Ring beim Goldschmied zum Verkauf bringen wollte, sei er festgehalten und erkannt worden. Wie der Lehrer in die Klasse trat, gingen alle schnell auf ihre Plätze; der Lehrer aber rief Ecker an und sagte, es sei bereits Meldung über ihn eingelaufen, und er solle bis auf weiteres aus der Schule bleiben. Da richtete sich Ecker auf mit einem blassen und verzerrten Gesicht, daß alle erschraken, denn sie hatten ihre Blicke auf ihn gewendet, und machte sonderbare Bewegungen mit den Händen und stieg unbeholfen auf die Bank und den Tisch; und indem noch alle erstaunt waren, was dieses bedeuten solle, da zog er ein Terzerol aus der Tasche, wie es wohl Jungen heimlich für ihr Taschengeld kaufen, setzte sich das auf die Brust, schoß ab und stürzte vornüber auf die Bänke und Tische hin, wo die andern entsetzt wegstoben, ehe sie noch wußten, weshalb sie erschrocken waren.
Hans war es, als höre er einen Fall eines schweren Geschirrstückes auf die Erde, denn er hatte die Handbewegung nicht verstanden, und wie Ecker fiel, wußte er noch gar nicht, was das bedeute. Als ihm das aber klar wurde, stieß er einen lauten Schrei aus vor Entsetzen, und nach einer kurzen Weile schrie er nochmals und anhaltend. Viele versammelten sich um ihn, und er wurde nach Hause gebracht.
In den nächsten Tagen wurde erzählt, wie alles zusammenhing. Der Tote hatte allabendliche Zusammenkünfte mit Johanna gehabt in der schlechtesten Straße des Städtchens, und hatten sie Leute da zusammen stehen und sprechen sehen. Um diese Liebe hatte der junge Mensch allerhand Ausgaben gemacht, die an sich wohl gering waren, aber doch sein Vermögen überstiegen, und so war er zu dem letzten verzweifelten Streich gekommen.
Für Hans war es, als ob er das alles in einem schweren Traum erlebe, bei dem man das Bewußtsein hat, daß doch nichts Wirkliches geschieht, sondern nur Erträumtes, und daß alles wieder in Ordnung ist, wenn man aufwacht. Und kam ihm zwar nicht zu rechter Klarheit, was innerlich bei ihm vorging, aber es ward ihm bewußt, daß alle Neigung zu Johanna plötzlich erloschen war, und ihm geschah, wie wenn ein verschönender Schleier plötzlich von ihrem Gesicht weggenommen war; so fiel ihm als häßlich auf, daß sie über dem Nasensattel kleine Sommersprossen hatte, die sie vorher ihm besonders liebreizend gemacht, und klang ihm auch ihre Stimme mit einem Male scharf und widerwärtig. Sie besuchte seine Wirtstochter und sprach wieder mit ihm, daß über sie viel gelogen werde, und sie sei jetzt nach jenem Todesfall so allein, deshalb dürfe er sie nicht auch verstoßen. Aber ihm war das alles abscheulich und ganz kalt.
Wie oft die Letzten untergehender Geschlechter zeigte Johanna das unheimliche Auftauchen längst vergessener Triebe der Urzeiten, denn nicht gestorben ist ja in uns das Blut unserer Vorväter, die im Steinalter und in der Bronzezeit düstere Höhlen bewohnten und mit bodengesenkten Blicken auf Raub und Vernichtung zogen, und es wird immer wieder regsam in uns selbst zu gewissen Zeiten, wenn die klare Vernünftigkeit schwach ist, die unsre Vorfahren errungen im jahrtausendlangen Kampf um das Freie, Hohe und Gute, und manche Menschen erfüllt es gänzlich; die wissen dann nichts von sittlichen Geboten und folgen einer Sehnsucht, die wir nicht glauben, geben plötzlich sinnlos und ohne Gedanken einer auftauchenden Begier nach und machen uns vielleicht verwundern durch die Schärfe ihrer Sinne und die merkwürdige Kenntnis der Regungen in andern Menschen, wie durch die Fähigkeit, diese Kenntnis zu ihrem Nutzen zu verwenden.
Hans war dem geheimnisvollen Zwange der Natur unterlegen, welche die ehrbaren und braven Menschen treibt, daß sie sich an solche unehrlichen und schlechten hängen müssen, und scheint in der frühen Jugend, wo die Liebe noch ganz geistiger Art und dunkle Sehnsucht der Seele ist, dieser Zwang noch ärger zu sein wie im späteren Alter der zwanziger Jahre. Deshalb muß man wohl sagen, daß Liebe etwas Furchtbares und Grausiges ist, und der Mensch ist glücklich zu preisen, den das Geschick davor behütet, in ihre Tiefen zu sehen. Aber bei Hansen war das nicht ein Sehen oder ein Verstehen, sondern ein ganz tiefes, heftiges Gefühl, das stärker war wie alle klare Äußerung des Geistes; und so tief in ihm war der Kampf vor sich gegangen, daß ihm nichts davon in sein Bewußtsein kam und er vielmehr erstaunte, daß seine Meinungen, Gedanken, Träume und Liebe so plötzlich umgeschlagen hatten. Aber mit einem Male überfiel ihn nun das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit in der Welt. Das war den Sonntag vor seiner Einsegnung.
Da wurde ihm zum ersten Male klar, daß wir zwischen den Menschen wandeln wie zwischen den wesenlosen Larven, welche die Wüste erfüllen; sie weichen zurück, wenn wir auf sie zugehen, und wenn wir ihre Hände drücken wollen, so fühlen wir bloße Luft; und ist nichts in der großen Wüste lebendig, denn wir allein.
Es geschah aber in einem Wäldchen, weil er sich sammeln wollte und ohne Reden der Menschen sein, daß ihm diese Klarheit kam, und geschah, wie er eine Ameise betrachtete auf dem Wege, die sich abmühte um etwas, das für ihn selbst ein Nichts war. Da dachte er an sein Losungsbüchlein, welche Losung ihm das geben müsse für diesen Tag; und siehe, da stand geschrieben: „Ich wache und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.“ Über diese Worte kamen ihm die Tränen und stürzten in großen Mengen aus seinen Augen, und faltete die Hände, und wiewohl er keine Worte zu sagen wußte oder denken konnte, so betete er doch, und im Bitten schon hatte er noch Tröstung, Sicherheit und Ruhe.