Nach diesem Gespräch war ein neues und andres Leben zwischen Hans und die Mutter gekommen; er war freier gegen sie und offen, wiewohl er ihr auch früher nichts Besonderes verheimlicht hatte; aber er hatte das Gefühl, daß er jetzt zu ihresgleichen herangewachsen sei, gleichwie er vor Jahren zu Dorrel herangewachsen und ihr gleich, bald dann auch ihr überlegen geworden war. So blieb jetzt nur noch der Vater über ihm. Gegen den Vater hatte er noch die alte kindliche Scheu; gegen die Mutter aber hatte er eine neue Scheu bekommen, wie er sie etwa gegen seine Braut gehabt hätte, und eine neue Liebe seit jener Bewegung im Herzen, die mehr zärtlich war wie früher. Solches sind die Ringe unsrer wachsenden Seele; und wenn unsre Seele in Gesundheit und Kraft zunimmt, so setzt sie solche Ringe einen nach dem andern an, und unser innerer Kern wird immer heimlicher und verborgener vor dem Ahnen der andern Menschen.
Aber wie die Mutter mit Hans gesprochen hatte, da nahm ihn auch Dorrel mit sich auf ihr sauberes Dachkämmerchen, wo ihr hochaufgetürmtes Bett stand mit rot und weiß gewürfeltem Bezug, und ein blankgescheuerter hölzerner Stuhl, und ein großer Koffer, mit bunten Blumen bemalt.
Den Koffer öffnete sie, zeigte ihm, was darinnen war, und sprach, daß er einst erben solle, was sie besitze, denn sie habe nur einen Bruder gehabt, der sei nach Amerika gegangen und habe dort eine Bauernstelle erworben, seit langen Jahren aber habe sie nichts mehr von ihm gehört und wisse gar nicht, ob er noch lebe und Kinder habe; in fremde Hände aber solle ihr Gespartes nicht fallen. „Aber wenn du einmal heiratest, so schenke ich dir dieses Tischtuch und zwölf Servietten; dazu habe ich den Flachs selbst gesät, gezogen, gebrochen, gehechelt und gesponnen, und vom Weber habe ich ihn mir weben lassen mit künstlichen Figuren von Bäumen und Tieren und einem Jäger. Jetzt ist das Leinen zwar noch hart und sieht grau aus, aber wenn es erst ein Jahr lang im Gebrauch gewesen ist, so wird es weich, weiß und glänzend. Nur hüte dich vor den faulen Wäscherinnen, die in der Apotheke fressende Gifte kaufen, die verderben dir deine gute Leinwand, und du hast am Ende nur Lumpen.“ Danach zeigte sie ihm ihr Sterbehemd, das hatte sie auch selbst gesponnen und mit schönen Spitzen besetzt und wollte sie mit ins Grab nehmen; ihre übrige Wäsche aber, die gebraucht ist, welche er nicht behalten wollte, sollte er verschenken, einem armen und ordentlichen jungen Dienstmädchen, das sich noch nichts hat anschaffen können, und dem damit geholfen ist; „aber es muß ein ordentliches und fleißiges Mädchen sein, die meine Sachen trägt mir zu Ehre und sie sauber hält, nicht so ein faules Bettlergesindel, das in Lumpen umhergeht.“
Am Ende zog Dorrel noch ihre besonderen Kostbarkeiten hervor, an denen ihr Herz am meisten hing. Da war erstlich ein gestickter Tabaksbeutel, den hatte ihre Mutter ihrem Vater einst als Braut geschenkt und hatte derzeit zwei Taler gekostet, war auch nie gebraucht von ihrem Vater, aus Ehrfurcht, weil er so teuer gewesen. Den hatte ihr Bruder damals mitnehmen wollen nach Amerika, aber sie hatte ihn nicht hergegeben, weil sie dachte, in Amerika könne er in schlechte Hände kommen und zu Leuten, die nicht verstünden, wie kostbar er ist. Er war aber aus grüner Seide gehäkelt und waren Rosen, Vergißmeinnicht und Veilchen aus Perlen darauf, und in der Mitte war ein Wort „Souvenir“, das war auch aus Perlen, aber aus goldenen; gefüttert war er mit guter Schweinsblase. Dorrel sagte, wenn Hans erst Pastor sei, dann werde er sich das Rauchen aus einer langen Pfeife angewöhnen, und natürlich hätte er dann seinen Tabak in einem Kasten, aber wenn er einmal auf Besuch gehe, dann müsse er einen Tabaksbeutel haben, da solle er dann diesen nehmen; denn für einen Pastor schicke sich wohl so ein teures Stück, aber nicht für einen Tagelöhner, und eigentlich sei es ein rechter Unsinn gewesen von ihrer Mutter, ein solches Geschenk zu machen. Dann zeigte sie ihm einen geschnitzten Stockknopf aus Knochen. Der stammte desgleichen von ihrer Mutter her, welche als Mädchen in einem großen Hause gedient. Der Knopf hatte auf einem Rohr gesessen, das der Herr zu tragen pflegte, und wie das Rohr einmal zerbrochen war, wurde der Knopf mit fortgeworfen, Dorrels Mutter aber hatte sich ihn ausgebeten, abgeschraubt und sorgfältig aufgehoben. Jetzt sollte ihn nun Hans kriegen, wenn er erst eine Pfarre hatte, und da sollte er sich ein gutes Meerrohr mit ordentlicher Zwinge beim Drechsler kaufen und an den Knopf andrehen lassen; denn der Knopf war zwar altmodisch, aber von guter Arbeit, und weil die Mode sich immer ändert, so kommt es gewiß auch einmal wieder auf, daß die Männer von Ansehen solche Art Stöcke tragen.
Zuletzt hatte sie noch einen Hund aus Gußeisen, der für einen Briefbeschwerer dienen sollte, und hatte noch eine ganz andre Geschichte.
Auch Dorrel war einmal ein hübsches junges Ding gewesen mit prallen Backen und lustigen Augen, aber brav und ordentlich war sie auch schon, wie sie erst ihre achtzehn Jahre hatte. Da war da ein junger Knecht bei der gräflichen Herrschaft auf dem Hofe, der verliebte sich in sie und sie in ihn, und wie Kirmes war, tanzten sie viel zusammen, und er bezahlte für sie Himbeerwasser, und weil sie sich so recht glücklich fühlten, wollten sie sich etwas schenken, was sie später einmal brauchen konnten in der Wirtschaft. So kaufte Dorrel ihrem Schatz eine Samtweste, die mit bunten Blumen bestickt war, und er kaufte ihr den eisernen Hund, denn er sagte, wenn sie sich später erst etwas gespart hätten, so müßten sie sich einen Glasschrank kaufen, und in dem würde sich der eiserne Hund gar prächtig machen. Wie sie aber nach Hause ging, hatte sie schon Angst vor ihrer Frau, denn sie war damals schon bei Hansens Großmutter von der mütterlichen Seite, was die zu ihrer Liebschaft sagen würde; und in Wahrheit bekam sie auch starke Schelte, und die Frau hielt ihr vor, daß sie selbst nichts habe, und er habe zehn Geschwister, und wenn sie heirateten, so komme Hunger und Kummer zusammen, vornehmlich, wo sie sich so läppisch zeigten und sich so einfältige Geschenke aufschwatzen ließen von den Krämern, denn wenn die Dummen zu Markte gehen, so lösen die Krämer Geld. Darum solle sie ihr nicht wieder kommen mit einer Liebschaft, ehe sie nicht fünfundzwanzig Jahre alt wäre. Da seufzte und weinte Dorrel die Nacht durch, aber bedachte sich doch, daß die Frau recht hatte, und daß ihr Liebster erst noch zu den Soldaten mußte. Deshalb sagte sie zu ihm, was die Frau zu ihr gesprochen, und versprach, daß sie auf ihn warten wolle, und sie müßten ihre Zeit ausharren und sich erst anschaffen und sparen. Da schimpfte der Mann wohl recht auf ihre Frau und sagte, die solle ihm nur einmal in den Weg kommen, der wolle er schon die Wahrheit sagen, aber am Ende mußte er sich geben, sah auch wohl ein, daß Dorrel recht hatte. Weil er indessen wohl ein guter Kerl war, aber einen leichten Sinn hatte, ließ er sich mit einer andern ein; als er in der Stadt bei den Soldaten stand, heiratete die auch, zog fort und kam nachher in großes Elend. Dorrel aber brauchte lange, bis sie die Gedanken an ihn verwand; und wie sie wieder so weit war, daß sie dachte, sie möchte wohl heiraten, da schien ihr keiner recht, denn sie war inzwischen etwas altjüngferlich geworden, hatte große Besorgnis, daß dieser liederlich werden möchte und jener krank und der dritte faul; später hätte sie wohl auch einen Witmann bekommen können, aber da bedachte sie, daß sie es doch zu lange gut gewohnt war bei ihrer Herrschaft und fürchtete sich vor den Sorgen und der Not; und so geschah es, daß sie ledig blieb und die Liebesgeschichte mit dem Knechtlein, wo sie den eisernen Hund geschenkt kriegte, war ihre einzige.
Diesen Hund nahm sie nun hervor, wickelte ihn sorgfältig aus dem Papier und reichte ihn dem Hans, indem sie sagte, weil er jetzt als Student so viel schreiben müsse, so solle er den Briefbeschwerer gleich haben, denn sie schreibe ja doch nicht, weil sie niemand habe in der Welt. Die Geschichte erzählte sie ihm zwar nicht, wie sie zu dem Hund gekommen, aber wie sie an die alte Zeit dachte, da kamen ihr die Tränen in die verrunzelten Augen; sie war aber auch gerührt, weil sie sich recht lebhaft vorstellte, wie es erst wäre, wenn Hans nicht mehr am Sonnabend nach Hause käme, da streichelte sie ihm mit ihrer rauhen Hand seine Backe, und die Hand zitterte; dem Hans aber stieg das Wasser auch in die Augen, wiewohl er sich schämte und unwillig war; und so brummte er etwas, schlug seinen eisernen Hund wieder ins Papier und stolperte die Treppe hinunter.
Den Koffer nahm ein Holzfuhrmann mit nach der Stadt und gab ihn bei der Eisenbahn ab, indessen Hans selbst den Weg zur Bahnstation zu Fuß machen wollte; so verabschiedete er sich von der Mutter und von Dorrel, und der Vater warf die Büchse über die Schulter und sagte, er wolle ihn eine Strecke begleiten.
So gingen die beiden. Sie sprachen über die neue Art von Tannen, die der Graf hatte kommen lassen, welche ein sehr schnelles Wachstum haben sollten, und der Förster zweifelte, ob das Holz so wertvoll sein werde, wie die gegenwärtigen Arten, das zu Fußbodendielen zersägt wurde, weil es besonders fest war durch das langsame Wachsen der Bäume auf dem felsigen Boden. Hans wunderte sich, daß sein Vater so mit ihm sprach.
An einem Seitenwege machte der Vater Halt, weil er zu seinen Arbeitern mußte, gab dem Jungen die Hand und sagte: „Sei fleißig und schreibe bald. Wenn dein Geld nicht reicht, so mußt du schreiben.“ Dann wendete er sich zur Seite, und Hans ging weiter.