Aber der Hund, den der Förster an der Leine führte, hatte aus allen früheren Anstalten gemerkt, daß etwas Besonderes geschehe und Hans auf länger fortging wie sonst; so legte er sich auf den Boden, stemmte sich mit aller Kraft fest und begann zu winseln. Der Förster zog ihm das Ende der Leine über, aber der Hund winselte nur mehr und ließ sich nicht von der Stelle ziehen. Da wendete sich der Vater zurück und rief hinter Hans her: „Der Hund will Abschied nehmen.“ Da tanzte der Hund bellend und winselnd auf den Hinterbeinen, und wie Hans zurückkam, leckte er dem ungestüm die Hände, heulte und bellte. Hans liebkoste ihm den Kopf und mußte sich zusammennehmen, daß er nicht weinte. Am Ende sprach der Vater: „Nun gehe, du versäumst den Zug“, und da wendete sich Hans und ging; der Hund aber wich auch jetzt nicht von der Stelle, bis Hans durch eine Biegung des Weges unsichtbar wurde, dann beschnupperte er noch einmal seine Fußspur und dann erst folgte er seinem Herrn auf den Nebenweg und war traurig und niedergeschlagen.
So schritt nun Hans seine Straße fürbaß. Das war die alte Straße, die er so manchen Sonnabend heimwärts gegangen war frohen Mutes und in Trauer stadtwärts Montags früh, wenn die Vögel ihr Morgenlied sangen. Eine gute, feste Chaussee war es; zu den Seiten standen Ahornbäume, deren Laub färbte sich schon herbstlich, und Quitschen mit roten Beeren; im Winter fressen die Drosseln diese Beeren und bekommen davon ein angenehm schmeckendes Fleisch. Und auf der Chaussee fuhren Holzwagen; an einem sehr großen Stamm kam Hans vorbei, den zogen zwei schwere Pferde mit Mühe und war wohl bestimmt zu einem Mastbaum; der sollte auch in die weite Welt hinaus. Der Fuhrknecht in manchesternen Kniehosen und blauem Kittel grüßte.
Nicht weit von der Straße war die Elsgrube, Hans bog ab und ging dahin. Die kleinen, schiefgeschnittenen Äcker waren abgemäht, und die Stoppeln sollten noch umgepflügt werden; der Kartoffelacker war umgewühlt, und in der Mitte war ein runder Aschenfleck, wo das Kartoffelfeuer gebrannt hatte. Merkwürdig trostlos sah das alles aus. Das stille, kreisrunde Wasser glänzte grün inmitten des kahlen Wesens; einige geknickte Binsen hielten sich am Rande. Hans dachte, wie gern er als Kind nahe gegangen wäre an das Wasser, um vielleicht in der Tiefe den Turm der versunkenen Burg zu sehen; jetzt hätte ihm niemand verboten, so nahe an den Rand zu treten, wie er wollte, aber er hatte keine Sehnsucht mehr nach dem Turm in der Tiefe. In kindischem Tiefsinn dachte er: „ja, das ist ein Symbol unsers Strebens“; und er meinte, das sei wahrhaftig seine Ansicht. Aber seine wirklichen Gedanken waren ganz anders.
Die waren wie die Tannen, die sich den steilen Bergabhang in die Höhe strecken gleich einem Heer, das eine feindliche Befestigung stürmt; mannhaft stehen sie in Reih und Glied, klammern sich mit ihren Wurzeln über Felsen und Steine. Nach oben streben sie, nach Sonne, Freiheit und Licht; ihre unteren Zweige lassen sie trocken werden, denn sie mögen nichts mehr zu tun haben mit dem Dunkel, wo Ameisen geschäftig laufen. Eilfertig plätschert ein kleines Wässerlein den Berg hinab, aufblitzend in einem verlorenen Sonnenstrahl; das muß ihre Wurzeln tränken. Aber tiefer dringen ihre Wurzeln, sind nicht zufrieden mit des muntern Bächleins klarem Wasser; sie gehen bis zu der Tiefe, von wo die Bergquelle in die Höhe steigt. Die schaut aus der Erde zwischen Moos und Tannennadeln, wie ein dunkles Auge, und kleine Sandkörnchen tanzen in dem quellenden, kristallklaren Dunkel. Rührend ist es, wie diese Sandkörnchen da tanzen, unermüdet. Wenn man ruhig harrt und hört das leise Rauschen und Plätschern, so spürt man, wie der Wald wächst, im Herzen spürt man es, und man weiß, daß man zusammengehört mit dem Wald und aus einem herauswächst mit ihm, und alles ist eins und gehört zu einem, die leise wankenden Tannenwipfel und das dunkle Auge des Bergquelles, der moosbewachsene Felsblock und das spritzende Wässerlein und das heimliche Wesen der Wälder mit seiner starken, gesunden Luft. Eine Minute nur währt solche Verzückung; aber für den inneren Menschen bedeutet die Zeit ja nichts, denn Jahre können träge vorübergehen, ohne daß sie uns einen Eindruck machen, aber der Eindruck jener Minute ist immer noch in unsrer Seele. Die Straße ging in Windungen bergab bis zum Städtchen, wo die Bahnstation war; da wartete der Zug, der bestand aus zwei Personenwagen und vielen Wagen mit Brettern, Wellen, Stempeln und Balken, denn Holz war die Hauptware, die von hier verschickt wurde. Ein häßlicher Kohlengeruch lag über dem Bahnhofe und stumpfe und schmutzige Farbe, aber für einen Augenblick drang der Duft des frischgeschnittenen Holzes durch, daß Hansen ein heftiges Heimweh ergriff.
Da fuhr der Zug; und er fuhr erst durch Täler, auf deren Grund Wiesen waren, die in der Mitte, wo Wasser floß, noch Grün zeigten, sonst aber schon grau und braun schienen, und auf den Höhen standen Wälder, aber nur noch vereinzelte Tannen, denn nun begann der Buchenbestand; und schon waren die Blätter farbig, und eine vereinzelte Eiche leuchtete rot aus dem stumpferen Braun. Bald aber wurde das Tal breiter und die Hügel flacher, die Wälder verschwanden, und es zogen sich Stoppelfelder in die Höhe und ab und zu winkte ein Dörfchen mit einem Kirchturm.
Dann tat sich die Ebene auf, die ganz weit war und durch die Trübe des Himmels begrenzt wurde. Hier war die Station, wo Hans den Zug verlassen mußte; die Wagen mit den Brettern und Stämmen blieben zurück, das letzte von der Heimat; und nun wurde alles anders und wurde fremd, denn selbst die Wagenabteile waren größer wie die früheren, und es schien, als wenn in den andern noch etwas heimische Luft und Helligkeit gewesen sei; dazu sprachen die Leute eine andere Sprache, redeten über andere Dinge, und ihre Gesichter waren Hansen nicht mehr vertrauter Art.
Dahin raste der Zug. Die Telegraphendrähte an der Seite flogen auf und ab, die Stangen blitzten vorüber, und lange, schmale Felder tanzten, wie wenn sie sich im Kreise um einen Mittelpunkt bewegten, der in Hansens Wagen lag. An großen Rübenbreiten kamen sie vorbei, wo eine Herde Polenmädchen in nackten roten Beinen mitten in der Nässe stand und Rüben herausholte, und Wagen mit breiten Rädern wurden beladen, schwere Pferde zogen mit Anstrengung durch den nassen Acker, und der Wagen hinterließ eine tiefe Spur. Nun kamen wieder ganz andere Menschen in den Wagen, Leute, die sich breit machten und über Hansen wegsprachen und unhöflich drängten. Sehnsüchtig blickte er zum Fenster hinaus, dachte bei sich, er hätte doch lieber mögen zu Hause bleiben, im Wald, und mit der Flinte auf dem Rücken gehen, und alle Menschen kannte er da und alle Wege, und in der Fremde war ihm das Herz schwer und wußte auch nicht, was eigentlich die Universität war, und was er tun sollte, wenn er nun auf dem Bahnhof stand in Berlin. Immer weiter eilte der Zug und fuhr über Sandboden, wo häufige Kiefernwälder kamen, die schienen Hans natürlich zu sein; dann kamen wieder Äcker und große flache Seen, daß es war wie eine Überschwemmung; solche Art von Wasser kannte er nicht, das war so glatt und flach. Bald senkte sich auch die Dunkelheit; ein Reisender zeigte ihm in der Ferne eine schwere Dunstwolke in der Luft, das war Berlin. Das war Berlin, was unter dieser Dunstwolke lag. Wie er das sah, war ihm das Heimweh plötzlich vergangen.
Nun hielt der Zug, die Türen der Abteile wurden hastig geöffnet, und alle Menschen liefen schnell und hastig, eilten, drängten und stießen sich, und Hansen überholten sie alle, daß er als letzter eine ungeheuer breite Treppe hinunterschritt, die von einem Stein war, der Hansen Granit schien, und waren die sehr breiten Stufen immer aus einem Stück geschlagen, was sehr teuer gewesen sein mußte. An Hans vorbei eilten andre in die Höhe, hinter ihm kam ein neuer Menschenstrom herab, und unten in der Vorhalle wimmelte und kribbelte es von eilfertigen Menschen. Diese Vorhalle war außerordentlich hoch, aber eine häßliche Luft war da, und schien alles schmutzig, so daß Hansen ein plötzlicher Ekel ankam, denn ihm war, als sei auch er mit einem Male ganz schmutzig.
So stand er am Ende draußen auf dem Platz, und vor ihm war Berliner Leben.
Einen Rock trug er, den der Schneider in der kleinen Stadt verschnitten hatte, denn er war ihm vorn zu eng; auch sahen seine langen und knochigen Hände weit aus den Ärmeln, und sein Hut war von ganz alter Mode, denn er hatte ihn sich bei einem kleinen Hutmacher zu Hause gekauft, und Kragen und Schlips paßten nicht zueinander und verschoben sich beständig, und seine Füße waren in großen, plumpen Stiefeln, und die Hose hatte ausgeweitete Knie. In der einen Hand trug er einen baumwollenen Regenschirm, in der andern eine gestickte Tasche, auf der stand: „Glückliche Reise“; sein Großvater hatte sie gekauft, wie er als junger Mensch zum ersten Male von zu Hause weg mußte. So beschaffen waren Hans Werthers Kleider, wie er zum ersten Male auf dem Berliner Pflaster stand. Dazu war seine Gestalt unglaublich mager, lang und knochig, und aus seinem hageren Gesicht, das mit langen, blonden Stoppeln dicht besetzt war, starrten ratlos zwei hellblaue Augen. Im Bergwald war Hans eine schöne und jugendlich männliche Erscheinung; aber hier, auf der Königgrätzer Straße, sah er recht komisch aus.