Nach diesen Worten geschah nur noch Unbedeutendes; und so trennten sich am Ende die beiden, nachdem einer den andern sonderbar beeinflußt hatte und dessen Leben in eine neue Bahn geleitet.
Bei Karl kam es in den folgenden Wochen, daß eine dichterische Begabung, die sich bis dahin nicht hatte zu äußern vermögen, einen ihr angemessenen Ausdruck fand. Freilich war seine Dichtung nicht ein Kind der Kraft und Gesundheit und ein freiwilliges Überfließen, sondern wie bei so vielen Menschen unsrer heutigen Zeit war sie ein Kind der Schwäche, die hier dem Seelenunkundigen durch scheinbar scharfe Wiedergabe der Natur gerade als Stärke zu erscheinen vermochte. Zu jener Zeit kam aus dem Auslande der Einfluß gleichgestimmter Seelen, und weil der leere Nachton früherer Kunst, der bei uns damals vornehmlich zu hören war, die Ohren und Geister nicht gegen die fremden Klänge einzunehmen vermochte, so geschah es, daß gerade die Dürftigen und Schwächlichen zu einer besonderen Entfaltung kamen und ein seltsames Gaukelspiel vortäuschen konnten. Karls Geschick wollte, daß er mit in diese Bewegung geriet. Aber weil er ein schwacher Mensch war, so hatte er nicht die Liebe zu den Dingen und Menschen, die ein Dichter haben muß, der die Welt in sich aufnimmt in Heiterkeit und Ruhe und sie vergoldet durch seine Freude, Hoffnung und Willen zum Guten und dann wieder aus sich heraus stellt in einen Rahmen, damit die Menschen das Bild anschauen mögen und glücklicher und besser werden, sondern er beobachtete das einzelne und zerfaserte es und wollte aus den untersuchten Stücken des Leichnams wieder lebendige Körper schaffen, und zerfaserte sich selbst in Hochmut und Selbstverachtung und wollte neue seelische Wahrheiten bilden aus diesen Quellen der Eitelkeit. Und dieses alles bedeutete für die Geschichte seines Wesens einen weiteren Schritt in die Auflösung. Wie aber eine Frucht, die sich aus der Blüte entwickelt hat zum Fruchtansatz und allmählich gereift ist zum rotbackigen Apfel und dann vom Baum gepflückt wird und aufgehoben im dunkeln Raum, wie solcher Frucht alles weitere Geschehen als eine weitere Entwicklung erscheinen muß, nicht nur, daß sie noch reift auf dem Stroh und schmackhafter wird, sondern auch, daß sie endlich vom Kernhause aus zu faulen beginnt und die Fäulnis sich immer mehr ausdehnt, bis der ganze Apfel verfault ist und der Schimmel ihn bedeckt, so muß auch solchem Menschen seine Auflösung als eine Weiterentwicklung erscheinen, und er mag sich sogar als einen Erstling preisen der künftigen Zeiten, wo eine neue Art Menschen leben wird, die ihm gleich sind, da er doch nur ein fauler Apfel ist und nicht mehr wert, als daß ihn die Hausfrau ausliest und wirft ihn auf den Mist.
Es ist schon früher berichtet, daß die Gräfin viele Jahre lang bettlägerig gewesen ist. Welche Krankheit sie haben mochte, das konnten die Ärzte nicht bestimmt sagen, denn es wechselten die Schmerzen und die Stellen des Leidens und alle Anzeichen, und nur das war immer das gleiche, daß sie nicht ihr Bett verlassen konnte.
Sie war eine harte Frau und hatte einen unruhigen Verstand, der zu allen Dingen schweifte, und seit ihrer Krankheit vornehmlich aber zu den verschiedenen Angelegenheiten des Haushaltes. Diesen wollte sie beständig von ihrem Lager aus leiten, und die Dienstboten mußten ihr alles genau berichten und erklären, und indem sie in ihrer Einsamkeit nach diesen Antworten und Erzählungen sich ein vollständiges Bild von allem machte, befahl sie ihnen genau alles bis in das geringste, was getan werden sollte. Aber da die Dienstboten sich sehr häufig nicht an ihre Befehle kehrten und nach ihrem Belieben wirtschafteten und ihr dann später trügerischerweise Falsches berichteten, bildete sie sich doch eine unrichtige Vorstellung von allem, was vorhanden war und was geschah. Dann kam es, daß die Leute ihre früheren Lügen vergaßen und nach dem wirklichen Stande erzählten, auch sonst sich Widersprüche herausstellten zwischen ihrem Bilde, das sie sich gemacht, und den wirklichen Zuständen. Hierüber geriet sie immer in großen Zorn, schalt viel und klagte dann das Geschehene ihrem Mann, der sich hierdurch noch mehr von ihr entfremdete, als ohnedies durch ihre Krankheit geschah. Wie sie das verspürte, machte sie ihm Vorwürfe und trieb sich und ihn immer weiter in den Unfrieden hinein.
Die beiden Söhne, die mit alten und in der Familie erblichen Namen Bolko und Ivo genannt wurden, hatten sich inzwischen in der bereits früher geschilderten Art entwickelt und waren von Hause fortgekommen als Offiziere. Die ganze Zeit über verlangten sie von ihrem Vater immer sehr viel Geld, der zwar für sich selbst leichtfertig und unbedacht war, für seiner Söhne zielloses Leben aber doch einen klaren Blick hatte; auf seine Ermahnungen freilich hörten sie nicht, sondern hielten ihm keck sein eignes Beispiel vor; und indem er Furcht hatte, über seine Verhältnisse selbst klar zu werden, vermochte er ihnen auf diesen Einwurf nicht eindringlich zu antworten, denn sie lebten in der Meinung, daß das elterliche Vermögen viel größer sei, als es in der Tat war. So war er dahin gelangt, daß er schon Geld auf Wechsel genommen hatte, und war in die Hände der Wucherer geraten; nun befiel ihn zuzeiten eine heftige Angst und sinnlose Reue; und während solche Stimmungen früher von selbst wieder verschwunden waren durch die Wirkung seines leichten Gemütes, kostete es ihn jetzt Anstrengung, sich von ihnen frei zu halten. Die Frau durfte von allen diesen Sorgen nichts erfahren, und wenn sie in ihrer Unwissenheit oft Verfügungen traf, die ihm in seinem Mangel schwierig wurden, so mußte er allerhand Ausflüchte ersinnen, Lügen erzählen und lange Geschichten vorbringen und zuweilen sich gekränkt stellen oder Vergeßlichkeit heucheln.
Die Tochter, die allein zu Hause geblieben war, stand ohne eine rechte Bedeutung an der Seite, denn sie merkte wohl, daß der Vater Geheimnisse hatte, und aus Scheu und Mitleid wurde dadurch ihr Benehmen fremd gegen ihn, was er nach seinem bösen Gewissen ausdeutete, als wisse sie vieles und zürne ihm; und die Mutter hielt sie von den Angelegenheiten des Hauses entfernt aus Eifersucht, weil sie selbst die Leitung behalten wollte, und auch aus geheimer Furcht, daß ihre Unzulänglichkeit aufgedeckt werde. So brachte die junge Dame ein freudeloses Leben hin in Sehnsucht nach einer Tätigkeit und Wirkung.
Indem die Dinge so lagen, kam plötzlich der älteste Sohn Bolko unvorbereitet zu einem kurzen Besuch: der Vater erschrak, als er das Telegramm erhielt, und wie des Sohnes sporenklirrender Schritt auf dem Gange hörbar wurde, stockte ihm das Blut. Er führte ihn zur Mutter, die den Ältesten immer besonders geliebt hatte, indem sie von seinem wahren Leben gar nichts wußte, sondern ihn immer nur kannte, wie er als ein hübscher und schlanker Mensch mit offenem Gesicht ehrerbietig in ihrem dämmerigen Krankenzimmer stand. Sie freute sich mit einem glücklichen Gesicht, wie er ihr die Hand küßte, und mit großer Zärtlichkeit streichelte sie seine blonden Haare. Dann ließ sie sich von ihm erzählen, und er mußte Bälle beschreiben und Schlittenfahrten, und auch von seinen Pferden sprach er. So hörte sie immer mit glücklichem Lächeln zu, und als sie selbst einmal einiges sprach, suchte sie seinen Gedanken eine leise Richtung zu geben, denn sie hatte eine Heirat für ihn im Sinn und hätte gern gewußt, welches seine Meinung sei; und in dieser kurzen Zeit erschien ihr plötzlich ihr eignes Leben gar nicht so unglücklich wie sonst, und ihres Sohnes künftiges Leben war ihr heiter und sonnig. Er lachte aber über ihre Anspielungen und machte Scherze, so daß sie ein wenig gekränkt wurde; aber nur ein wenig, sie verzog den Mund, wie sie als junges Mädchen getan, und ganz schnell wurde sie wieder zufrieden und heiter; seit sehr langer Zeit war sie nicht in solcher Verfassung gewesen. Nach einer Weile stand er auf, um das Zimmer zu verlassen; groß und stattlich war er vor ihr, und sie blickte in ein ungetrübtes und lachendes Gesicht. Da überkam sie eine besondere Zärtlichkeit und gab ihm einen Wink, daß er sich über sie beugen mußte, und sie selbst hob ihren Kopf und drückte ihm einen Kuß auf die Stirn; dabei überflog Röte ihr ganzes Gesicht, und ihre Augen glänzten. Wie er zum Vater zurückkehrte, fand er den in einer Ecke seines großen Lehnstuhls, da sah er ganz verfallen und grau aus; schweigend wies er dem Sohn einen Platz an. Die Furcht vor dem Gespräch lastete auf beiden, und um die Stille zu brechen, sagte der junge Mann endlich gleichgültige Sätze über die Ernte. Der Vater nickte nur, denn ihm verschloß die Angst den Mund noch fester wie dem Sohne, zuletzt aber fragte er doch nach dem Grund des Besuches, unvermittelt. Da schwieg der junge Offizier zuerst lange, und endlich erzählte er, daß er Abschied von den Eltern nehmen wolle, weil er am andern Tage einen Zweikampf habe, in dem er fallen werde. Nichts weiter sagte er, aber der Vater merkte, daß sein Sohn sich schämen mußte über die Ursache, und daß alles unabwendbar war, und saß da mit entsetztem Ausdruck und offenem Munde, und den Sohn überkam ein Ekel vor dem gedunsenen und schlaffen Schlemmergesicht; deshalb fügte er in härterer Sprache hinzu, daß er seine Schulden und andre Verpflichtungen aufgeschrieben habe und ihm das Verzeichnis geben wolle, damit der Vater später alles begleiche.
Da war es, als sei dem Alten das Wichtigste gar nicht klar geworden, und nur das Geringere berühre ihn, und fing an, mit heftigen Worten auf den Sohn zu schelten, daß der Schulden gemacht habe, und in seiner Verstörtheit gebrauchte er ganz gemeine Ausdrücke. Hierdurch geriet der Junge in eine feindliche Erregung und sprang ungestüm von seinem Stuhl auf und erwiderte die Vorwürfe und sagte dem Vater, daß er keine Eltern gehabt habe, und auch sein Bruder habe keine Eltern gehabt und auch seine Schwester nicht; niemand habe sich um sie gekümmert wie bezahlte Leute, denn den Eltern waren sie zur Last, weil die andre Dinge vorhatten; nur wurden sie zuweilen der Mutter vorgeführt in geputzten Kleidern und mit einstudierten Reden; nie haben die Eltern ein Herz gehabt für die Kinder, deshalb seien die nie mit einer Bitte zu ihnen gekommen; ein einziges Mal habe er erlebt, daß die Schwester gebeten, sie möchte gern Kaninchen haben, da sei ihr von der Mutter geantwortet, daß kein Raum vorhanden sei. Viele Vorwürfe habe er sich selbst schon gemacht über sein verkehrtes Leben, das nun jetzt in jungen Jahren zu Ende sei, und er wisse wohl, daß er selbst schuld habe, denn trotz allem hätte er ein andrer Mensch werden können; aber außer ihm selbst seien die Verursacher seines Unterganges sein Vater und seine Mutter. Und nicht lange könne es dauern, dann werde sein Bruder Ivo nach Hause kommen in derselben Weise wie jetzt er. Damit warf er das Verzeichnis der Schulden auf den Tisch und sagte, sein Erbteil müsse hinreichend groß sein, daß diese Summen nur eine Kleinigkeit dagegen ausmachten, und dann ging er aus der Tür; erleichterten Herzens, denn er war ein schwacher und schlechter Mensch und war nun beruhigt in seinem Gewissen, weil er sein Unrecht einem andern aufgeladen hatte. Wie nun die Nachricht kam von dem Tode des jungen Herrn, da ereignete sich das Sonderbare, daß die alte Gräfin plötzlich von ihrem Lager aufstand, auf dem sie fünfzehn Jahre lang verharrt, und war, als sei sie nie krank gewesen. Sie ließ sich die Kleider kommen, die sie damals zuletzt getragen, als sie sich gelegt, und wählte sich ein dunkelfarbiges Gewand aus; es schien aber, als sei sie größer geworden, und ihre Figur hatte sich verschmälert, so daß das Kleid in sonderbarer Weise auf ihr hing, und indem es gleichzeitig unmodern geworden war und für einen jugendlicheren Menschen gearbeitet, machte sie einen seltsam unheimlichen Eindruck in ihrem Aufzug. Mit Leichtigkeit stieg sie die Treppen und besuchte alle Räume und Winkel und betrachtete Vorräte und Einrichtungen und fand alles ganz anders, wie sie es sich auf ihrem Lager gedacht, und geriet in heftige Erregung über die Dienstboten; und so schalt sie im Hause herum und zankte mit Bosheit, während die Leiche des Erstgeborenen gebracht wurde und der alte Herr verstört in seinem verschlossenen und verriegelten Zimmer saß. Nach dem Herkommen wurde der Tote in einem großen Saal aufgebahrt, der mit Tannengrün geschmückt war; in dem Saal hatten seit vielen hundert Jahren die Toten des Geschlechtes gelegen, von Lichten auf alten Leuchtern ihre wachsfarbenen Gesichter beschienen. Die Leute aus der Gegend und die Bedienten und die Arbeiter von den Gütern kamen, die Leiche anzusehen; sie kamen mit ihren Frauen und den schüchternen Kindern und hatten ihre Sonntagskleider angezogen. Da sahen sie die Gräfin in wunderlicher Kleidung, die über die Leiche des Sohnes ausgestreckt lag und schluchzte, daß ihre Gestalt erschüttert wurde. Viele Stunden lag sie so, und wie sie sich erhob, begann sie wieder ihr mißtöniges Schelten mit den erschreckten Leuten und eilte aufgeregt durch alle Räume, Kommodenschubladen aufziehend, in denen sie vor fünfzehn Jahren alte Flicken aufgehoben, in Schränken wühlend und nach längst vertragenen Kleidern forschend, das Porzellan und Glas betrachtend, das die Wirtschafterin mit zitternden Händen auf den großen Ausziehtisch stellen mußte, und das Silber nachzählend, das sie selber putzen wollte.
Der alte Herr hatte mit schweren Sinnen gerechnet und gezählt; zum ersten Male kam ihm jetzt eine Art Klarheit seiner Lage, und er fühlte sich gänzlich hilflos. Mit schweren Schritten ging er die Treppe hinab, und gebeugt bestieg er den Wagen, um nach dem Orte zu reisen, wo sein Sohn gestanden. Hier suchte er den Wucherer auf in seinem Hause, das erst neu gebaut war, denn der Mann war ein Bauunternehmer; eine marmorne Treppe erstieg er, die mit einem teuren Teppich belegt war, und kam in ein prunkvolles Gemach; es war ihm, als verlasse ihn alles Selbstbewußtsein, das ihm sonst immer natürlich gewesen war, wie er dem stiernackigen Menschen gegenüberstand, der seine gewöhnliche und gemeine Art mit Kaltblütigkeit hinter einer eignen Höflichkeit verbarg, welche der Graf in den Kreisen, welche er sonst gekannt, noch nie getroffen hatte; vielleicht war der Mensch erst vor kurzem aus dem Zuchthause entlassen, und trotzdem wußte er sich so zu haben, daß der adelige Mann verwirrt wurde vor ihm. Vergeblich versuchte der in einer vornehmen und nachlässigen Manier zu sprechen, er mußte abbrechen und nach einer andern Weise suchen; am Ende legte er dem andern mit Schüchternheit seine Verhältnisse offen dar, als sei der gegen ihn ein alter und würdiger Herr, dem er vertrauen müsse, und der ihn ermahnen und tadeln, aber auch unterstützen werde. In diesen Minuten, als ihm der künstlich erhaltene Stolz vor der Kraft eines ehrlosen Menschen zusammenbrach, begann in dem Grafen eine Verstörtheit, die ihn am Ende kindisch machte. Der andre, der seinen Vorteil bald bemerkte, wußte ihn zu den Absichten zu bestimmen, die er selbst sich gesetzt, und so wurden die Schulden derart geordnet, daß der Graf ihm kaum je wieder aus den Händen kommen konnte. Ivo, der zweite Sohn, wurde zu der Beerdigung erwartet; er verspätete sich aber in auffälliger Weise und kam erst, als die Träger den zugeschraubten Sarg eben auf die Achseln nehmen wollten. Nachdem die Feierlichkeit beendet war, saßen die vier Familienmitglieder in trüben Gedanken beisammen. Am Ende begann der Sohn mit einem Scheine, als handle es sich nur um Unbedeutendes, daß er den Vater auf andre Gedanken bringen wolle, und habe er in der letzten Zeit Unglück im Spiel gehabt, und brauche er bis zum übernächsten Tage eine bestimmte Geldsumme, die ihm der Vater gewiß geben werde; absichtlich brachte er die Bitte in Gegenwart der beiden Frauen vor, weil er dachte, daß für das erste sein Anliegen dadurch geringfügiger erscheinen müsse.
In dem alten Herrn wurden durch diese Worte längst vergessene Erinnerungen lebendig, und deren Drang übertäubte in seinem geschwächten Geist das Verständnis dessen, das er gehört. So begann er von seiner Jugend zu erzählen, und wie man damals anspruchsloser gelebt habe, denn nur an Königs Geburtstag habe man Wein getrunken, und sonst Kofent, und er selbst habe einmal seinem Vater kleine Schulden beichten müssen, da habe ihn der übel aufgenommen und ihm vorgerechnet, was er selbst arbeite und verbrauche, und habe ihm dann Hausarrest gegeben vier Wochen lang. Heute aber sei die Jugend leichtfertig, und das Eindringen der reichen Bürgerlichen in die Armee habe die Zeiten vornehmer Einfachheit verdrängt. Ivo saß da in großer Besorgnis, denn in Wahrheit hatte er große Schulden und wußte nicht, wie er seines Vaters Reden auffassen sollte. Und wie der Vater geendet hatte, begann die Mutter, schalt auf die heutigen Zeiten, in denen es keine treuen und sorgsamen Dienstboten mehr gäbe, und erzählte weitläufig von ihrer Leinenaussteuer, wieviel Dutzend sie von jeder Sache gehabt, und wie das alles auseinandergerissen sei, so daß sie nichts Vollständiges mehr vorfinde, und das Wenige, das noch in den Schränken liege, sei übel gewaschen. Dabei war, als seien die fünfzehn Jahre ihres Krankenlagers gar nicht gewesen, und sie verwechselte die Zeiten, denn indem sie von einigen Leuten sprach, dachte sie an deren Eltern, die in den Jahren, welche sie im Sinn hatte, so aussahen wie die jetzt. Dem Ivo wurde es unheimlich durch seine eigne Angst und durch das wirre Sprechen der Eltern, und er blickte hilfesuchend auf seine Schwester; die aber hatte ihren eignen Gedanken nachgehangen und seine Bitte überhört, weil sie im Ton nicht auffällig gewesen war, und da sie den Verfall der Eltern allmählich hatte vor sich gehen sehen, so waren ihr auch diese Reden nicht auffällig gewesen. So saß sie da im schwarzen und geschlossenen Kleid, die Hände im Schoße liegend und ins Leere blickend; sie bedachte aber, wie sie es erreichen könne, daß sie diesem Leben entfliehe, denn bis zur Unerträglichkeit hatte sich der Überdruß in ihr gesteigert.