Aber wie der junge Offizier sich derart ganz allein zwischen diesen drei Menschen fühlte und seine Sorge ihm mit Schwere auf das Herz fiel, stieg es ihm heiß in die Augen, und zwei Tränen rannen ihm über die Backen und in die Winkel des zuckenden Mundes. Hierdurch wurde die Schwester aufmerksam, und indem ihr nun seine früheren Worte in klares Bewußtsein traten, fragte sie erschreckt, ob seine Schuldenlast vielleicht sehr hoch sei; er aber war so bekümmert, daß er nicht zu reden vermochte, und so nickte er nur mit dem Kopfe. Dann, während sich inzwischen unter den Eltern ein Streit entspann um ein silbernes Salzfaß, das die Mutter vermißte, klagte er mit abgerissenen Worten der Schwester, daß es ihm an Mut fehle, um seinem Leben ein Ende zu machen, denn das sei ja doch der einzige Ausweg. Als er das sagte, schrie sie laut auf und verhüllte ihr Gesicht; der Vater wendete sich langsam zu ihr und fragte sie nach der Ursache ihres Schreiens, und indem er an den Wortwechsel über das Salzfaß dachte und in seinen trüben Gedanken meinte, daß es sich bei diesem um etwas Wichtiges handle, das auch seine Tochter schwer betrübe, suchte er mit der alten Gewohnheit liebenswürdiger Gesinnung sie zu trösten, indem er sagte, daß dieses Salzfaß sich schon noch wiederfinden werde, und sie als ein Kind brauche sich nicht solche Sorgen zu machen wie die Erwachsenen. Bei diesen Reden wurde dem jungen Ivo der Zustand seiner Eltern endlich ganz klar, und er verspürte mit Erschrecken, daß er zu seinen eignen verworrenen Verhältnissen nun auch noch das Bedenken der Familienangelegenheiten auf sich nehmen müsse, und nur geringer Trost war es ihm, daß er jetzt die Möglichkeit in der Hand habe, seine Lage in die Richte zu bringen, denn es ahnte ihm wohl, wie arg alles verwickelt war. Indessen besprach er sich nun mit der Schwester, was zu tun sei, und beruhigten die beiden die Eltern und brachten die mit Schonung dahin, daß sie ungestört von ihnen blieben und sich mit Ruhe beraten konnten.
Die ganze Nacht brannte in dem Arbeitszimmer des alten Grafen eine schlechte Lampe ohne Glocke, die sie sich aus der Küche hatten heraufbringen lassen; bei ihrem Schein lasen sie Aufzeichnungen, Ausgabenberechnungen, Einnahmenverzeichnisse und allerhand Aufstellungen über die Vermögensverhältnisse, und als letztes fiel ihnen das Blatt Bolkos in die Hand und die Urkunden über die Unterhandlungen mit dem Wucherer. Es war den Ungeübten nicht möglich, ein klares Bild aus dem Wirrwarr zu gewinnen, in dem sich der alte Herr selbst ja schon seit langen Jahren nicht mehr zurechtgefunden hatte; aber eine recht deutliche Vorstellung von ihrer Lage gewannen sie doch vornehmlich aus einem Schreiben, in welchem der frühere Vermögensverwalter um seine Entlassung bat, der eine andre Stellung angenommen hatte. Indessen drängte die Zeit, denn Ivos Hauptschuld war fällig, und er hatte seine Ehre verpfändet, und so ersparte die Notwendigkeit eines schnellen Entschlusses ihnen die Verzweiflung, die sie überfallen hätte, wenn sie sich länger hätten bedenken können, und es blieb kein weiterer Ausweg, als daß sich Ivo an den Wucherer seines Vaters wendete, da dieser die Verhältnisse am besten kannte und deshalb am leichtesten geneigt sein mußte zur Aushilfe. Was dann weiter geschehen sollte, insbesondere mit dem Vater, und wie Ivo die Ordnung und Verwaltung der Geschäfte in die Hand nehmen würde, das mußte man nachher bedenken.
Eine kurze Zeit war noch bis zur Abfahrt des Wagens für den Zug, den Ivo benutzen mußte. Er trat zu seiner Schwester, und sein Gesicht, das gestern noch leichtfertige und leere Züge aufgewiesen hatte, erschien gealtert und männlicher geworden; und indem er ihre Hand erfaßte, sprach er zu ihr in einem neuen und tiefen Ton, den sie bis dahin nicht von ihm gehört.
„Liebe Schwester, wir sind die letzten von einem alten Geschlecht, zu dem viele Menschen durch Jahrhunderte aufgesehen haben. Nun gehe ich einen schweren Weg, denn ich weiß nicht, ob ich bekommen werde, was ich suche; bekomme ich es aber nicht, so muß ich sterben, denn wenigstens liegt mir das ob, zu achten, daß unser Name nicht in Unehren erlischt. Du bleibst dann allein zurück, aber ich habe um dich keine Sorgen, denn du wirst schon eine Stelle für dich finden in der Welt; das sehe ich jetzt mit ruhigen Augen, denn seit mir offenkundig geworden ist, vor welcher Entscheidung und Ernsthaftigkeit ich stehe, habe ich plötzlich einen neuen Blick bekommen, Leben und Menschen zu betrachten, über die ich vorher gar nicht nachgedacht. Ich weiß, daß mein Bruder meinte, unsers verfehlten Lebens Ursache seien unsre Eltern, und ich selbst habe wohl dieser Meinung beigepflichtet in Stunden, wo das Gewissen mich mahnen wollte; aber dabei wußte ich doch immer im Herzen, daß ich nur eine schlechte Ausflucht meiner Angst suchte, und im Innern wußte ich mit großer Furcht, meines verfehlten Lebens Ursache sei ich selbst, denn ich gab mich hin an schlechte Menschen und war gedankenlos und überlegte nicht meiner Schritte Folgen, und alles, was ich tat, verstrickte mich immer mehr in das Netz, dessen Maschen mich nun so eng umschnüren; und schon daraus, daß ich bisher immer mehr gefesselt wurde, würde ich annehmen, wie auf die Stimme eines Dämons hörend, daß mein Suchen vergeblich sein wird und meines Lebens Ende unabwendbar nahe ist. Nicht wenig aber hat die heimliche Gewissensangst selber zu meiner Verstrickung beigetragen, denn sie selbst machte blind, und gleicherweise das Streben, ihr zu entgehen, indem ich sie mir leugnete, machte blind. Nun aber, in dieser Nacht der Verzweiflung, habe ich ein neues Licht gesehen, und ich weiß nun, daß niemand eine Schuld hat, nicht meine Eltern und nicht ich, sondern wir sind getrieben durch eine Macht zu dem Ende, das sie gewollt hat, und ich glaube, daß ihr Wille gut und nützlich ist. Denn wenn die Macht den Willen hat, daß einer ins Licht kommen soll und sein Geschlecht in die Höhe führen, so ist der pflichtlos und heiter, sorgt nicht und ringt nicht, und ohne sein Zutun wächst er, wie der Baum wächst, hoch wird und breit, und seine Form ist ebenmäßig; aber wer ringt, und wessen Gewissen kämpft, und wer will und wessen Verstand ein Ziel sieht, der ist ein Mensch, der zerfällt, denn er hat sein Band nicht mehr; und was er auch tut, das gereicht ihm alles zum Unsegen; und zum schlimmsten Unsegen gereicht es ihm, wenn sein Gewissen ein eifriger Mahner ist. Den andern aber treibt es ruhig und in Kraft zur Höhe, durch kluge Handlungen und törichte, und durch gute Taten und schlechte. Und nun ist das sonderbarste, daß mir jetzt plötzlich die Fähigkeit geworden ist, durch meinen Blick die Menschen zu unterscheiden, ob sie von dieser Art sind oder von jener; denn zwar hat unsre gegenwärtige Weise des Lebens die Kraft, die Menschen stärker zu zersetzen und aufzulösen wie frühere Zeiten, und so entgehen auch die zum Glück Bestimmten nicht solchen Jahren, wo es scheint, als haben sie ihr Band nicht mehr, und ihre Gedanken klagen einander an, und ihre Handlungen scheinen keinen guten Ausgang zu haben; aber dennoch kann ich diese Guten deutlich unterscheiden von den Geringen; und indem ich die Augen schließe, sehe ich deutlich vor mir, wie meine Freunde und Bekannten sich teilen in die beiden Lager. Diese Worte wollte ich dir hinterlassen zu einer Erinnerung an mich, und auch als einen Trost, wenn du über mein Schicksal bekümmert sein solltest, was ich zwar nicht denke, denn ich habe dir nichts erwiesen, aus dem du eine Liebe gegen mich hättest schöpfen können, und nun ist es ja für solches zu spät. Aber denke nur, daß ich ohne Bekümmernis und in Ruhe den Pfad schreite, der mir vorgeschrieben ist.“
Nach dieser Rede ging Ivo und machte denselben Weg, den sein Vater gemacht zwei Tage vorher; aber wie er vorausgesehen, hatte sein Suchen nach Geld keinen Erfolg. Und so kam die Kunde in die Heimat, daß der zweite Sohn seinem Leben selbst ein Ende gemacht habe, und mit dieser Kunde kam eine verwirrte Erzählung von einem Mädchen, die zu derselben Zeit in den Tod gegangen sei. Das war ein blutjunges Wesen, das kaum zur Jungfrau herangereift war, die wohnte mit ihrer Mutter in einem kleinen Stübchen, das ein schräges Dach hatte und ein einziges Mansardenfenster, aus dem man über die Dächer und in den rauchverhängten Himmel der Großstadt sah. Zwei weiß bezogene Betten, ein ärmlicher Tisch und zwei schlechte Stühle waren in dem Kämmerchen, und ein herrlicher großer Spiegel aus geschliffenem Glas in kunstvollem Glasrahmen aus Venedig, der das Licht tausendfach widerblitzte.
Die Kleine war eine Schauspielerin, die zu einem großen Theater gehörte, aber wegen ihrer Jugend, und weil sie sich auf der Bühne befangen und eckig zeigte, erhielt sie keine großen Rollen, sondern wurde immer nur zu ganz unbedeutenden Nebenfiguren verwendet, und meistens zu Dienstboten, wo sie dann einige unwichtige Worte zu sprechen hatte. Es lebte aber eine große Sehnsucht in ihr nach der Kunst, und es berauschte sie, wenn sie an die Lampen dachte und an den dunkeln Zuschauerraum, und an eine Leidenschaft, die ihr das Herz überfließend machte, daß sie hätte die Arme öffnen mögen, und an den schönen Klang voller und tiefer Worte. Deshalb lernte sie eifrig für sich und studierte, und wenn sie einen Abend frei hatte, so zündete sie Lichte an, daß der herrliche Spiegel blitzte und funkelte, und trat im Kostüm ihrer Rolle vor den Spiegel und spielte, was sie am meisten liebte; vornehmlich aber war das die Ophelia. Da trug sie ein weißes Kleid, das durch einen goldenen Gürtel gehalten wurde, und ihre gelben Locken flossen über ihren zarten Nacken. So stand sie vor dem blitzenden Spiegel und sprach:
„Da ist Rosmarin, das ist zur Erinnerung: ich bitte Euch, liebes Herz, gedenket meiner! Und das Vergißmeinnicht, das ist für Liebestreue. Da ist Fenchel für Euch und Aklei, da ist Raute für Euch, und hier ist welche für mich, wir können sie auch Reue, Gnadenkraut nennen — Ihr könnt Eure Raute mit einem Abzeichen tragen. Da ist Maßlieb — ich wollte Euch ein paar Veilchen geben, aber sie welkten alle, da mein Vater starb. Sie sagen, er nahm ein gutes Ende.“
Währenddem stand die alte Mutter in der Ecke, und Tränen des Glückes liefen über ihr blasses Gesicht, und sie freute sich der lieblichen und schön klingenden Stimme und der gelben Locken und zarten Gestalt. Und die Tochter umarmte sie, küßte sie und fragte: „Wann werde ich die Ophelia spielen dürfen? Meinst du, noch diese Spielzeit?“ Und vor Sehnsucht und Glück weinte auch sie klare Tränen.
Und an dem Abend, da Ivo auf seiner einsamen Stube saß und an sie einen Brief schrieb voll schmerzlicher Worte des Abschiedes und der Sehnsucht nach Glück, und dann holte er seine Waffen hervor und machte sie bereit, da geschah es ihr, daß Hamlet gegeben wurde, und kurz vor dem Aufziehen des Vorhanges fiel die Darstellerin der Ophelia, die eine berühmte Künstlerin war, über einen vergessenen Bohrer, und verletzte sich den Fuß derart, daß sie nicht auftreten konnte; und wie der Inspizient und die Schauspieler in großer Verlegenheit standen, denn durch einen besonderen Zufall war die Darstellerin, der die Rolle sonst in der zweiten Besetzung anvertraut wurde, für den Abend krank gemeldet, da trat die Kleine mit klopfendem Herzen vor und bot sich an, und in der allgemeinen Kopflosigkeit nahm man ihr Anerbieten an, das in einem ruhigen Augenblick wohl lächelnd abgewiesen wäre. Und nun stellte sich die Kleine vor die Lampen und den dunklen Zuschauerraum, im weißen Kleid mit dem goldenen Gürtel, wie sie so oft vor dem strahlenden Spiegel gestanden. Wie Laertes sie ermahnt: „Schlaf nicht, laß von dir hören“, antwortet sie in süßer Verwirrung ihr „Zweifelst du daran?“ Und in den drei Worten klang ihre Angst und Hoffnung, ihre Liebe und Furcht so wunderbar an die Ohren der Hörenden, daß alle zusammenzuckten, als in Ahnung des angeknüpften Unheils dieser lieblichen Gestalt; und in einem Nu war ein Faden gesponnen zwischen ihrem Munde und den Herzen der Zuschauer, den spürte sie immer stärker werden, wie sie dem Bruder ihre kindliche Ermahnung gibt und ihrem Vater antworten muß, bis zu dem „Ich will gehorchen, Herr.“ Da war erst eine atemlose Stille, wie der Zwischenvorhang fiel, und ihr schien, als müßten alle ihre Herzschläge hören, und dann kam ein sonderbares Geräusch, das sie erst gar nicht verstand, wiewohl sie schon oft den Beifall für andre gehört hatte, und wie sie noch so zweifelnd harrte, da ging der Vorhang wieder in die Höhe und ihre Mitspieler führten sie mit dankbarer Verbeugung vor die Rampe. Dann sprachen andre mit ihr, und sie antwortete und fühlte, daß sie beglückwünscht wurde, und trat wieder auf, und das Stück hatte seinen Fortgang, und auch die Stelle sprach sie: „Da ist Rosmarin, das ist zur Erinnerung: ich bitte Euch, liebes Herz, gedenket meiner! Und da ist Vergißmeinnicht, das ist für Liebestreue.“
Schwankend und mit unsicheren Schritten ging sie nach Hause, wo ihre Mutter sie erwartete, die noch nichts ahnte; und wie sie in das helle Kämmerchen trat, wo das dürftige Abendbrot auf dem Tische stand und die Mutter fleißig an einem Kleid für sie nähte, da konnte sie sich zuerst gar nicht verständlich machen, aber die Mutter erriet schon und jubelte, und eine Lustigkeit kam ihr über das verhärmte Gesicht, und sie wurde beweglich und geschwätzig als eine alte Schauspielerin, die freilich nie zum Höheren gekommen war, und indes die Tochter munter aß, erzählte sie alte Bühnengeschichten und die Legenden, wie diese entdeckt war und jener seinen ersten Erfolg gehabt hatte, fragte dazwischen und beantwortete selbst ihre Fragen, und hatte endlich in allem ein so wunderliches Wesen, daß die Tochter zuletzt in ein lautes und herzliches Lachen ausbrechen mußte.