Erst spät gingen die beiden schlafen unter vielen Plänen und Hoffnungen, und früher wie sonst wachten sie wieder auf, wie die helle Wintersonne auf die gefrorenen Fensterscheiben schien. Lachend vor Kälte sprang sie aus dem Bett, heizte schnell den kleinen Eisenofen an und kroch wieder in das warme Lager, um noch in behaglichen Gesprächen abzuwarten, bis das Stübchen sich erwärmte und das dicke Eis des Fensters abtaute. Dann erhoben sich die beiden, kleideten sich an und bereiteten sich das Frühstück; wie sie sich setzen wollten, klingelte der Briefträger; sie kam jubelnd zurück; da war ein Brief von Ivo, der war gewiß gestern im Theater gewesen und hatte gleich geschrieben.
Aber wie sie den Brief aufgerissen hatte, wurde sie totenblaß; hastig kleidete sie sich für die Straße an und eilte in Ivos Wohnung. Da standen schon Neugierige auf der Straße und Schutzleute bewachten den Eingang des Zimmers, damit nicht Unberufene eindringen sollten, aber durch ihren Anblick wurden sie bestürzt und ließen sie durch. Da lag Ivo auf dem Fußboden, unentstellt, denn seine Kugel hatte gut getroffen, und nur die Tischdecke war ein wenig verschoben. Der Pistolenkasten stand auf dem Schreibtisch; sie nahm die andre Waffe heraus, ehe den Schutzleuten ihre Bewegung klar wurde, und indem sie gegen sich abdrückte, fiel sie neben ihrem Geliebten zur Erde.
Wie die Unglücksfälle über die gräfliche Familie hereinbrachen, bemühten sich bereitwillige Verwandte um Hilfe. Ein Vetter erschien, ein älterer und unverheirateter Mann, der als ein Sonderling galt, der ordnete, was zunächst notwendig war, denn die junge Gräfin Maria war zu unerfahren, und die alten Herrschaften schienen beide ihrer Sinne nicht mehr ganz mächtig zu sein. Deren Schicksal war nun bestimmt und unabänderlich, und so bemühte sich der Vetter vornehmlich, für die junge Dame etwas auszudenken.
In der ersten Zeit erschien die recht verschlossen und ohne Teilnahme für irgend etwas, bis an einem Abend der Vetter im Ärger aus sich herausging und sie schalt, daß sie wohl auch nur so sei wie alle, die etwas musizieren, etwas malen, englische Romane lesen und Konversation machen. Auf die Vorwürfe erwiderte sie, daß sie gar keine besonderen Talente gehabt habe und wohl gern die Hauswirtschaft geleitet hätte, aber das habe sie nicht gedurft; aber wenn es möglich sei, daß sie etwas nach ihrem Willen tun dürfe, so möchte sie wohl Krankenpflegerin werden. Hierüber wurde der Verwandte recht erstaunt und fragte sie, ob sie denn fromm sei; das verneinte sie und sagte, sie habe vieles gelesen, und wenn sie sich auch kein Urteil anmaßen wolle, so müsse sie doch sagen, daß sie nicht kirchengläubig sei; und wie der Verwandte weiter forschte, stellte sich heraus, daß sie gänzlich atheistisch gesinnt war, und wollte aber Menschen nützlich sein und eine Beschäftigung haben, die sie befriedigte.
Da wurde der Verwandte gerührt und erzählte, daß er als junger Mann eine große Neigung zur Medizin gehabt, und weil das damals nicht als standesgemäß gegolten, ein solches Studium zu beginnen, so habe er sich von seiner Neigung abwenden lassen; dadurch aber habe er sein Leben eigentlich zugrunde gerichtet, denn indem er zu dem andern, das er nun wirklich getrieben, keine innere Neigung gehabt, sei er nie zu Befriedigung und rechter Arbeit gekommen. Deshalb, weil er selbst das durchgemacht habe, wolle er ihr helfen bei ihrem Vorhaben, und es freue ihn, daß sie ihrem jetzigen Leben entsagen wolle, denn das Leben der Vornehmen werde im Grunde doch nur durch die Furcht vor den Leuten bestimmt, die trotzdem nicht so schlimme Dinge verhüten könne, wie sie eben mit Vater und Brüdern durchgemacht. Nach solchen Worten schloß er sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn; und dann ermahnte er sie nochmals, sie solle bei ihrem Mute verharren, denn der komme aus einem guten Gewissen; und wenn Ängstliche ihr vorstellen würden, daß es ihre natürliche Pflicht sei, daß sie ihre Eltern pflege, so solle sie nicht darauf hören, sondern solle ruhig tun, was sie sich vorgenommen.
Weiland hatte sich bald nach dem letzten Zusammentreffen mit Hans und Karl verheiratet. Um wenigstens äußerlich zu zeigen, welche geringe Bedeutung sie der bürgerlichen Eheform beilegten, waren das Brautpaar mit den beiden Zeugen, welche Freunde von Weiland waren, in Alltagskleidung zum Standesbeamten gegangen; da hatten sie in einem staubigen und leeren Vorzimmer gewartet und waren dann zu dem Beamten eingetreten, der hinter einem gelbpolierten Tisch saß und einen Federhalter im Mund hielt und in der Rechten ein Lineal hatte. Der prüfte die Papiere der Zeugen, nahm die Aushangsbescheinigung zu seinen Akten, füllte das Formular in seinem dicken Buche aus, las dann seine Niederschrift laut vor und ließ die Anwesenden unterschreiben, indem er mit ärgerlichen Worten mahnte, daß sie keine Kleckse machen und nichts durchstreichen, auch ihre Vornamen nicht abkürzen sollten. Dann unterschrieb er selbst, und indem das Paar und die Zeugen noch in Erwartung weiterer Geschehnisse standen, winkte er ungeduldig mit der Hand, daß sie entlassen seien und gehen müßten. Im Vorzimmer wünschten die beiden Zeugen mit verlegenen Mienen Glück, und das Brautpaar lud sie der Verabredung gemäß zum Mittagessen ein. So gingen die vier mit leerem und verwirrtem Gemüt in eine Gastwirtschaft, da bestellte der junge Ehemann nach der Karte das Essen, und die üble Stimmung besserte sich ganz allmählich, indem alle zuerst die Speisen lobten und dann die Unfreundlichkeit des Standesbeamten tadelten; nur die junge Frau blieb fast stumm, und man sah, daß sie sich bezwang, um nicht zu stören. Nicht lange verharrte die Gesellschaft an dem unbehaglichen Ort, sondern nachdem sie gegessen hatten, standen sie auf und gingen, und auf der Straße verabschiedeten sich die Freunde mit Danksagungen und nochmaligem Glückwunsch, und dann faßten die Eheleute sich unter den Arm und gingen ihrem Heim zu, das sie sich schon vorher eingerichtet hatten.
Sie gingen durch die Haustür und über den Hof und sahen die neugierigen Gesichter der Mitbewohner an den Fenstern und erstiegen die schmalen Treppen und gingen an den verschlossenen und mit Namenschildern versehenen Türen der Wohnungen vorbei in die Höhe, und immer niedergedrückter wurden sie, wie sie so immer höher stiegen auf der schmutzigen und ungastlichen Treppe. Nur wie sie vor ihrer Tür ankamen, an der bereits das neue Namenschild befestigt war, hatten sie ein glücklicheres Gefühl, aber wie sie dann aufgeschlossen hatten und in dem engen und dunklen Korridor standen, fiel sie ihm um den Hals, schluchzte und weinte heiße Tränen aus dem tiefsten Herzen herauf, und die Erinnerung an die schmutzige Treppe, die sich eintönig an den gleichmäßigen Türen vorbei in die Höhe wand, bewirkte ihnen beiden eine heftige Vorstellung von dem einförmigen, freudeleeren und gedrückten Leben, das heute armen Leuten bevorsteht, wenn sie ihre Jugend verlassen und die Sorgen der Ehe auf sich nehmen. Und wiewohl sie ja jetzt noch jung waren und selbst die Sorgen noch nicht erlebt hatten, und ein fröhliches Stübchen hatten mit neuen Möbeln und frischen Gardinen, und die Sonne schien hier oben in ihre Fenster, so standen doch vor ihrem Sinn die vielen beladenen, mißmutigen, vergrämten und besorgten Menschen, die sie in ihrem Leben schon gesehen, und sie wußten, daß nicht lange mehr ihre Heiterkeit und roten Backen andauern würden.
Aber wie den armen Leuten gegeben ist, daß sie die Gegenwart zu genießen vermögen, so kamen auch die beiden bald über ihre Verstimmung hinweg, freuten sich ihres Stübchens und ihrer Küche, des neuen Sofas und des Salontisches, auf dem eine Visitenkartenschale stand, und des Vertiko; und wiewohl Sofa, Tisch und Schränkchen, neben dem Teppich und den Stühlen und allem anderen, ja neben den bunten Bildern von Marx und Lassalle an den Wänden, genau gleich waren tausend andern Sofas und Tischen, Schränkchen und Stühlen, die in tausend andern Wohnungen junger Leute standen, so schien ihnen ihr Stübchen doch etwas Besonderes und Schönes zu sein, das kein anderer Mensch hatte; und wenn sie zwar der festen Meinung lebten, daß die Zukunftsgesellschaft auch das häusliche Leben viel vernünftiger ordnen werde, wie es jetzt ist, so waren sie doch jetzt glücklich und zufrieden, wie sie ehrfurchtsvoll vor ihrem Salontisch saßen, auf dem die Visitenkartenschale aus bronziertem Zinkguß in der Sonne blitzte.
So führten sie ihre erste Zeit in harmloser Freude und genossen beide das Glück der jungen Ehe und die Vorstellung von einer besonderen Freiheit in ihr, die sie durch ihre Anschauungen und Gesinnungen hatten, daß nämlich die Frau nicht unterdrückt und ausgebeutet werde, und daß sie so in Wahrheit in freier Liebe lebten.
Derart hatten sie ausgemacht, daß sie des Morgens abwechselnd früher aufstehen wollten, denn beide mußten um sechs Uhr auf ihrer Arbeitsstelle sein, und nun sollte den einen Tag der Mann und den andern Tag die Frau zuerst das Bett verlassen, um für beide den Morgenkaffee herzurichten. Nach dieser Verabredung begann den ersten Tag die junge Frau, und mit sonderbarem Behagen erwachte der Mann von einem leisen Huschen auf den Dielen, da sah er durch die halboffene Tür, wie sie den neuen Petroleumapparat instand setzte und Wasser in das Blechgeschirr mit prasselndem Geräusch aus der Wasserleitung ließ, und während das heiß wurde, maß sie den Kaffee ab in die Mühle, nahm die zwischen die Knie und begann zu mahlen. Dann wischte sie den sauberen Küchentisch noch einmal ab und rückte die Stühle davor, holte den Frühstücksbeutel herein und setzte den Topf mit der Milch zurecht. Und wiewohl das alles nur ganz einfache Dinge waren, die nun von jetzt an jeden Tag geschehen sollten, so kam ihm doch ein sonderbares Glücksgefühl ins Herz, indem er zufrieden in seinem Bette lag.