Die alte Dorrel faßte seine Hand mit beiden Händen und streichelte sie, dabei fielen ihr die Tränen aus den Augen, denn sie freute sich, daß er so groß und stattlich geworden war, und beseufzte, daß sie daraus ihr Alter erkannte. Dann erinnerte sie ihn, wie sie zusammen Kartoffeln gerodet hatten, und dabei ging ihm zum ersten Male das Herz auf, und es war, als ob sich der Panzer lockere, der ihn fest umfing. Aber nur einen Augenblick war das, dann hatte er wieder das Gefühl, daß er nun an die Stelle der Eltern treten mußte, die im Absterben waren, und daß er doch das nicht konnte, denn er fühlte sich noch als ein Kind, das geleitet wird, und das Leben erschien ihm übermäßig schwer, daß er es gar nicht tragen konnte. Das kam ihm aber vornehmlich vom Vater, denn der tat wohl scheinbar alles wie sonst, aber alles, was er tat, hatte einen seltsamen Anblick fast gespenstiger Art, denn es ging aus einer zwecklosen Unruhe hervor und nicht aus bedachten Absichten; so stand er morgens lange vor Tag auf und ging in den Wald, vieles vergessend und sich um Kleinigkeiten erregend, und kehrte zu wechselnden Zeiten nach Hause zurück, eine zerstreute Ratlosigkeit mit sich führend. Und indem Hans seiner Eltern Leben überdachte, fand er, daß sie immer ehrlich und redlich ihre Pflicht getan, für ihr Kind gesorgt und auch andern Menschen geholfen hatten nach ihren Kräften. Und wenn nun solches das Ende war, welchen Sinn und welche Bedeutung hatte dann wohl überhaupt das Leben? Da überkam ihn eine Furcht, und es wurde ihm klar, daß er bis dahin gewandert war wie ein Träumender auf einem hohen Gebäude, und jetzt war er aufgewacht und sah ein, daß man sich in die Tiefe stürzen muß. In der Nacht stand die Mutter mit dem Licht an seinem Bett, denn der Anfall des Vaters, wegen dessen sie ihn hatte kommen lassen, war wiedergekehrt. Da lag der alte Mann in dem engen Bett, unbeweglich, und ein Auge war geschlossen und war tief eingefallen und das andre rollte in der Höhle hin und her, als wolle er jeden besonders ansehen, er konnte aber auch nicht sprechen. Am Fußende stand die Mutter und weinte still, und in der Tür stand Dorrel, die schluchzte, und das Auge des Sterbenden rollte stumm in seiner Höhle. Es war, als ob jetzt ganz besondere Gedanken in dem Vater waren, an die er sonst nie gedacht, die ganz neu und unerhört waren, und seinem Sohne mußten sie eine besondere Aufklärung geben. Aber die Zunge war gelähmt, und nur einmal rief eine besondere Anstrengung ein unverständliches Murren hervor. Kurze Minuten dehnten sich endlos aus, und das flackernde Licht erzeugte hüpfende Schatten an der geweißten Wand. Dieser Mann war nun alt und wollte sterben. Und nun war Hans ein Mann geworden und war so, wie er selbst vor langen Jahren seinen Vater gekannt hatte, der nun ein alter Mann war und sterben wollte. Grauenhaft war das. Denn es waren doch auch nur wenige Jahre, dann war er selber gleichfalls so alt wie dieser Mann, der jetzt im Sterben lag, und dann mußte er gleichfalls sterben. Da war es ihm, als verstehe er innerlich, was der Vater dachte und wollte, kniete nieder vor der niedrigen Bettstelle und legte seinen Kopf auf das Kissen neben den Kopf des Vaters, und das rollende Auge beruhigte sich, und Hans verspürte, wie aus seines Vaters Herzen eine heiße Liebe zu ihm herüberströmte, und die Mutter kniete auch vor dem Bett und hatte seine Hand gefaßt, und auch auf die Mutter strömte Liebe und freundliches Wohlwollen. Und Hansens Herz erwiderte die Liebe, und er fühlte deutlich, daß er zu seinem Vater gehörte, denn alles andre, was ihm geschienen, war falsche Äußerlichkeit gewesen. Wie er sich dergestalt glücklich fühlte, ging von dem Sterbenden ein erleichtertes Seufzen aus, und eine Bewegung ging durch den ganzen Körper; da erhob sich die Mutter und drückte ihm das Auge zu.
Er lag mit einem friedlichen und beruhigten Gesichte da, und war, als habe er in den letzten Minuten nicht nur etwas Schönes empfangen, sondern auch eine große Weisheit, die ihn in ein gläubiges Erstaunen versetzte und seine Züge hell machte. Hans sprach: „Mutter, ich kann nicht weinen, denn er ist sehr glücklich geworden.“ Die treue Dorrel aber kam an das Bett, nahm die Hände ihres Herrn und faltete sie; und dann faltete sie ihre eigenen Hände, die von vieler harter Arbeit zeugten, und betete leise. Hans sprach zu seiner Mutter: „Ich habe es nicht um ihn verdient, daß er mich so geliebt hat, aber ich will sein Andenken lieb haben.“
Viel dachte Hans darüber nach, woher es gekommen sein möge, daß seines Vaters Liebe erst in den letzten Minuten zu ihm sprach, und daß die Tage vorher so wunderlich verwirrt gewesen, und am Ende fand er darin eine Erklärung, daß seines Vaters Jugend zu schwer gewesen war und ohne Glück. Es muß aber jegliches Lebensalter auch das seiner Art entsprechende und gebührende Glück haben, sonst gedeiht der Mensch nicht zu seiner Vollkommenheit, sondern wird wie ein Baum, der in seiner Jugend nicht nach allen Seiten hat frei wachsen dürfen. Und wie er weiter nachdachte, fand er, daß dieses Glück viel weniger von der äußeren Gelegenheit abhängt, wie vom Menschen selber, ob er es aus sich herausbilden will, so daß also ein Mann wie sein Vater doch in seinem Innern einen Fehler gehabt hat. Aber diesen Fehler hatte er auch selber, und glich wohl sehr seinem Vater; das wollen wir bedenken, da unser Hans doch von deutscher Art und Sorte ist.
Als ein sehr veränderter Mensch kehrte Hans nach Berlin zurück, und es schien in Wahrheit, als ob er durch den Tod seines Vaters viel älter und ein Mann geworden sei, und besonders zeigte sich das, indem seine Gefühle gegen Personen, die ihm bis dahin nahegestanden, plötzlich ganz anders waren, ohne daß er einen Grund wußte. Am ersten kam es zu einem Bruch mit Heller. Der war längst in der früher beschriebenen Art verheiratet und hatte sich ein kleines und bürgerliches Leben begründet, indem er seine Anschauungen in Zeitungen verbreitete, die von Arbeitern und kleinen Leuten gelesen wurden. Hans besuchte ihn, wie er einen heftigen Einsamkeitsgram hatte, und traf ihn in seinem ärmlichen und sauber eingerichteten Zimmer, wie er in einem großen und gestickten Schlafrock am Schreibtisch saß; er hatte etwas an Umfang zugenommen, und im Gesicht war ein Ausdruck eines herablassenden Wohlwollens ständig geworden, der sehr aufreizend wirkte. Da verspürte Hans zu seiner großen Verwunderung, wie er ihm die Hand gab, eine tiefe Verachtung gegen den alten Freund, und ihm war, als sähe er eine unerträgliche und widerwärtige Maske, die ganz hohl war und unbewegte Züge hatte, und alles ärgerte ihn, der Schlafrock und der anspruchsvolle lehrhafte Ton, und besonders einige hochtrabende Worte. Und wie ihm Heller am Ende erzählte, daß er beabsichtige, sich für den Reichstag aufstellen zu lassen, und daß sein Wahlkreis ziemlich sicher sei, da entfuhr es Hans, daß er grob wurde und Heller einen Intriganten nannte, und das Sonderbare kam ganz gegen seinen Willen und auch gegen seine vorherige Meinung; aber die Bezeichnung hatte den wunden Punkt des andern getroffen, den Hans nur unbewußt geahnt hatte, denn er antwortete sehr gereizt, und das Ende war, daß Hans fortging mit dem klaren Bewußtsein, daß er für immer mit Heller auseinander war.
Nicht lange währte es, da hatte er einen ähnlichen Vorfall mit Krechting; der sagte ihm, er sehe aus ganz andern Augen wie früher und zeige einen besonderen Stolz, und aus diesem erkenne er, daß sich sein Wesen geändert habe und ein starkes Wollen in ihn gekommen sei, und so würden wohl ihrer beiden Wege jetzt auseinandergehen. Denn wir erwürben uns Freunde und zehrten diese innerlich aus, und hierdurch wie durch anderes würden wir mit der Zeit neue Menschen; dann seien diese Freunde geschmacklos für uns geworden und wir würfen das Geringe, das von ihnen übrig sei, gleichgültig zu anderm Unrat, der sich aus unsrer Vergangenheit um unsre Hütte ansammle; und etwa wie ein neugieriger Gelehrter die Küchenabfälle vorgeschichtlicher Völker durchwühle, so könne einmal ein Seelenforscher, wenn einer von uns einmal für einen solchen interessant wird, den Abfallhaufen studieren und aus ihm die Geschichte des Mannes erraten.
Krechting saß in seiner Stammkneipe an seinem gewohnten Tisch, und wie er mit seinem unglückseligen und verkümmerten Körperchen dasaß in seiner Ecke und verbissen vor sich auf sein Glas sah, da wurde Hans von tiefem Mitleid ergriffen, der andre aber verspürte seine Bewegung, und sein Hochmut machte, daß er sich deren schämte, und so wurde seine Stimme plötzlich heiser und rauh, wie er fortfuhr, daß er keinerlei Empfindungen von Hans wünsche, denn er selbst habe vielleicht nur einen gewissen Neid auf ihn, weil er für sich immer an der Seite stehen werde und bittere Urteile aussprechen, indessen andre sich zu handelnden Menschen bildeten; aber im Grunde wolle er ja dieses Leben; und nach einem Jahrzehnt werde Hans ihn immer noch hier in dieser Ecke sitzen sehen und in der gleichen Weise sprechen wie jetzt, und werde inzwischen eine neue Anzahl jüngerer Freunde mit ihm zusammengekommen sein und nach ihrer bestimmten Zeit ihn wieder verlassen haben, und so werde es gehen, bis er zu alt sei für junge Freunde. Alles das sei ihm ganz klar, und es müsse wohl so sein; nur grüble er vergeblich, welches doch der Grund eines solchen Zustandes sein möge; aber wahrscheinlich habe auch der bezauberte Merlin nicht gewußt, aus welchem Grunde er in seiner Rosenhecke träumen müsse.
So zeigte Krechting doch wider seinen Willen seine Schwachheit, und dadurch bewies er, daß er in Wahrheit eine Liebe zu Hans gehabt, die sich freilich nie geäußert hatte. Aber Hans verspürte das Nichtgesagte, und eine wunderliche Wehmut befiel ihn, eine Art Gefühl, als trenne er sich von einer warmen und treuen Heimat, um auf das hohe Meer zu gehen, und doch wußte er, daß Krechting ganz recht hatte, und es war besser für beide, daß sie sich in Freundschaft und Ruhe trennten, denn sonst wäre bald ein Streit zwischen ihnen ausgebrochen, und sie hätten sich gegenseitig tiefe Wunden geschlagen zum Abschied.
Inzwischen hatte Weiland noch mehrmals seine Stadt gewechselt, weil er überall durch die Nachforschungen der Polizei und auch durch Ausweisungen vertrieben wurde, bis er endlich nach gut zwei Jahren in Süddeutschland einen ruhigen Aufenthaltsort fand, zu dem er hoffte, seine Familie nachkommen zu lassen, die er in der ganzen Zeit nicht gesehen; und schon begann sich sein Gemüt wieder zu erheitern durch die Hoffnung auf ein friedliches und anständiges Leben. Zu Hause aber war seine Frau mit jenem Zimmerherrn, von dem schon berichtet, immer näher gekommen.
Das war eine ganz ruhige und einfache Entwicklung gewesen, deren Ende beiden unerwartet kam; denn der einsame und stille Mann, der bei seinen Arbeitsgenossen in der Fabrik und im Wirtshaus nicht Gelegenheit hatte, von dem zu sprechen, was ihn bedrückte, fand in der engen und sauberen Küche der Frau, wo das Kindchen auf der Erde spielte und sich auch wohl an seinem Knie hochrichtete, eine Wärme und Zuneigung, und so berichtete er sein Leben und hörte ihre Geschichte, die sie unter häufigem Weinen erzählte, und bald teilte sie ihm aus ihres Mannes Briefen mit von den vielen fehlschlagenden Hoffnungen und Versuchen, und er tröstete sie und freute sich an der Entwicklung des Kindes; dann machten sie ab, daß die Frau für ihn kochen sollte, und mit der Zeit besorgte sie alle seine Angelegenheiten, und wie sie nun immer mehr wirtschaftliche Dinge gemein bekamen, die besprochen werden mußten, zu den andern Angelegenheiten, die sie sonst schon besprachen, da geschah es, daß er die ganze Zeit über, wenn er zu Hause war, bei ihr in der Küche saß. Sie schrieb in ihren Briefen an ihren Mann vieles von dem Fremden und rühmte ihn sehr, bis ihr endlich ihr Mann einmal in neckischem Tone antwortete, sie solle sich nur nicht in den andern verlieben, denn er selbst sei doch so lange von Hause fort. Über diesen Scherz wurde sie sehr nachdenklich, und wie sie sich alles überlegt hatte, sagte sie zu dem Fremden, daß die Leute im Hause Übles reden könnten, wenn sie so oft zusammen seien, deshalb scheine es besser, wenn er nicht zu häufig zu ihr komme. Aber schon hatte die Gewohnheit einen zu tiefen Eindruck gemacht, und wenn der Mann abends nach Hause kam, hatte sie immer etwas, das sie mit ihm bereden wollte, und so kam sie jetzt zu ihm auf sein Zimmer.
Aber doch hatte sie nun ein Bewußtsein, daß sie etwas tat, das nicht recht gehörig war, und deshalb fing sie an, sich selbst Entschuldigungen zu machen; auch erwähnte sie des Fremden nicht mehr in ihren Briefen. Ihre Hauptentschuldigung aber, die sie sich machte, war die, daß sie noch jung sei und ihr Leben genießen wolle; denn in dieser kindischen und offenherzigen Art wissen die Leute sich ihre Vergehen darzustellen. Und auch der Fremde, der ein braver und ordentlicher Mensch war, hatte bis dahin aus allem kein Arg gehabt; aber nun, wie ihn die Frau öfter besuchte und in ihrem geheimen Schuldbewußtsein einen wunderlichen und verführerischen Reiz ausübte, den sie vorher gar nicht gezeigt, da kam auch er zu Nachdenken und Verlangen; und so steigerten sich beide unbewußt immer gegenseitig, bis der Mann eine leichte Zärtlichkeit wagte, die zwar anfänglich zurückgewiesen wurde, aber wie es denn geschieht, in solcher Art, daß er Mut bekam für einen neuen Versuch, und bald ahnten sie jeder, daß sie auf brüchigem Eis wandelten.