Hierüber war der Frühling ins Land gekommen, und die beiden verabredeten sich zu einem Ausflug am Sonntag und fuhren mit der Bahn in einem überfüllten Zuge zu einem der Orte, nach dem sich diese Ausflüge richten, gingen dort im Walde, der von vielen Menschen belebt war, dann aßen sie in einer Wirtschaft zu Abend und kehrten am Ende zum Bahnhof zurück, um nicht allzu spät wieder in Berlin zu sein. Es war eine schöne und etwas strenge Frühlingsluft gewesen, welche die Nerven anspannt und ein Gefühl in uns weckt, als stehe ein besonderes Glück vor uns. Auf dem Bahnsteig trafen sie einige andre Paare, die gleich ihnen frühzeitig zurückfahren wollten, und war ihnen ein eignes und sehnsüchtiges Gefühl, wie sie so diese heimlich flüsternden und vertraulichen jungen Leute sahen. In dem Zuge, der wegen der Frühe fast leer war, hatten sie ein Wagenabteil für sich, so fuhren sie allein durch das Dunkel nach Hause. Da wurde die Frau von einem neuen bräutlichen Gefühl übermannt, und die Tränen kamen ihr, sie lehnte sich an die Schulter des Mannes, der faßte ihre Hände, und so fuhren sie schweigend.

In der Folge entwickelte sich ein Trotz bei der Frau, weil sie ihr Unrecht fühlte, sie behielt ihren Grund, daß sie ihr Leben genießen wolle, solange sie jung war, und sagte auch, daß die Wohnungsverhältnisse Ursache seien, und endlich fand sie sogar, daß ihr Mann, weil er zu sehr an die Partei gedacht, die Familie vernachlässigt habe. Wie sie aber ihrem Manne von allem schrieb, erwähnte sie von diesen Gründen und Ursachen nichts, sondern sagte nur, daß sie den andern lieber gewonnen habe, und als freier Mensch wolle sie sich von ihm trennen und sich mit dem verbinden.

Dieser Brief kam gerade in Weilands schönste Hoffnungen und machte ihm einen sehr tiefen Schmerz, denn es war ihm, als sei er plötzlich wie eine Pflanze, die aus der Erde gerissen ist, und nachdem er etwa eine Woche in dieser Stimmung verharrt hatte, wurde ihm in seinem ganzen täglichen Leben so trostlos zumute, daß er dachte, es könne so nicht bleiben, sonst werde ihn der Überdruß zum Trinken verführen, deshalb beschloß er, daß er Deutschland gänzlich verlassen wollte, und nach Amerika gehen, um in eine völlig neue Umgebung zu kommen und hier durch die Arbeit der Anpassung vielleicht neuen Sinn zu kriegen, denn er dachte sich, daß er noch jung war und sein Leben noch nicht verloren zu geben brauchte, weil er es ja immer noch ganz von neuem zu begründen vermochte.

Indem er aber vorher noch von seiner Frau und seinem Kinde Abschied nehmen wollte und besonders das Kind noch zum letzten Male sehen, dachte er, erst nach Berlin zu fahren, und zwar war er ja dort ausgewiesen, aber er hoffte, daß die Polizei, wenn er die Reise geheim betreibe, doch nichts von ihm erfahren werde; und zur besonderen Vorsicht ließ er sich den Bart abnehmen und das Haar schneiden, um weniger leicht erkannt zu werden; aber gerade diese Vorbereitung erweckte einen Verdacht, denn da er aus irgend einem Grunde für einen besonders gefährlichen Menschen gehalten wurde, so war er sehr genau beobachtet. So kam er in Berlin an und ging die bekannten alten Wege zu seiner Wohnung, die er früher immer mit großer Fröhlichkeit gegangen war, und klingelte an der Tür, und weil ihn seine Frau nicht gleich erkannte auf dem dunkeln Flur, so hieß sie ihn unbefangen eintreten; da stand er auf der Küchenschwelle, und der Tisch, der damals ganz neu gewesen, hatte auf der Platte seine Farbe verloren durch den Gebrauch; aber es war eine weiße Gardine vor dem Fenster, und plötzlich wurde ihm so wehmütig zu Sinn, daß er hätte weinen mögen. Seine Frau stand in der äußersten Ecke und sah erschreckt auf ihn hin, und das Kind war auf ihn zugeeilt und hatte „Papa“ gerufen, in der Meinung, er sei der neue Vater, aber dann hatte es seinen Irrtum erkannt und war vor dem fremden Manne erschreckt zurückgelaufen und versteckte jetzt sein Gesicht in der Schürze der Mutter. Das erschütterte ihn mehr wie das Entsetzen seiner Frau, daß sein Kind sich vor ihm fürchtete, da rief er mit schluchzender Stimme: „Sehe ich denn aus wie ein Verbrecher, daß ihr vor mir Angst habt?“ Aber die Frau starrte ihn nur immer besinnungslos an, und das Kind machte das Köpfchen etwas los und blickte scheu zurück; da kamen ihm die Tränen, und er wagte nicht, einen Schritt vorzusetzen.

In diesem Augenblick traten Schutzleute durch die Flurtür herein, die in der Aufregung der beiden offen geblieben war, und einer legte die Hand auf Weilands Schulter und erklärte ihn für verhaftet wegen Bannbruchs; zerstreut sah er dem bärtigen Mann ins Gesicht, dann schrie er laut den Namen seiner Frau, der kamen jetzt auch große Tränen über die Wangen, aber sie stand noch immer gelähmt. Vor der Tür draußen sammelten sich neugierige Hausbewohner, ein Murmeln und die befehlende Stimme eines Schutzmannes wurde gehört. Da wendete sich Weiland langsam um und ging die Treppe hinab mit den Männern, die ihn verhaftet hatten, und die Knie zitterten ihm, und seine Frau mit dem Kind waren oben in der Küche.

Wie er zwischen den Polizisten aus der Haustür auf die sonnenhelle Straße trat, in deren Mitte ein Pferdebahnwagen fuhr, da flüsterten Leute hinter ihm, er sei betrunken; da ergriff ihn eine unbändige Wut und eine sinnlose Verzweiflung, daß er sich auf den einen Mann stürzen wollte. Wie er eben die Bewegung begann, hörte er eine scharfe und schneidige Stimme rufen: „Achtung!“ Das durchzuckte ihn, und das alte, bekannte Schlagwort, das er selbst vielhundert Mal gerufen, kehrte in ihn: „Laß dich nicht provozieren.“ So ging er denn ruhig mit, nur die Fäuste hatte er geballt.

Er wurde wegen des Bannbruches zu einigen Wochen Gefängnis verurteilt, und während dieser Zeit hoffte er immer, daß ihn seine Frau noch einmal mit dem Kinde aufsuchen werde, aber die schämte sich und so nahm der Mann von Deutschland Abschied mit Bitterkeit im Herzen. Aber als er vom Schiff aus New York erblickte, wo sich über dem breiten Lager der gewöhnlichen Häuser wie gewaltige Türme des Mittelalters die Riesenbauten erhoben, die mit ihrer obersten Galerie die Wolken streifen und deren Wände doch blitzen von spiegelnden Fensterscheiben, denn nur aus Eisen und Glas sind sie erhoben, da war es, als ob in ihm Begeisterung, Kraft und neue Freude erwachten. Und wie er durch die breiten Straßen ging, wo die Menschen sich rücksichtslos drängten mit willensstark geradeaus gerichteten Blicken und jeder ein Ziel verfolgte und Mut und Hoffnung hatte, da richtete sich auch seine Haltung, nicht in der militärischen Art wie zu Hause, sondern nach amerikanischem Wesen, und ein Einheimischer sah wohl verwundert den Einwanderer mit dem kleinen Bündel an, der gar nicht aussah wie ein gewöhnliches Grünhorn. Und es glückte ihm, daß er gleich Arbeit bekam in seinem Geschäft, und schon nach einem halben Jahre, wie er sich an das Neue gewöhnt hatte, rückte er zu einem Meisterposten auf, dann wurde sein Ehrgeiz immer lebendiger, und nicht lange währte es, da mußte ihn sein Herr, der einst gleich ihm als armer Schustergeselle eingewandert war, mit am Unternehmen beteiligen, und nun hatte er den Weg frei vor sich, der ihn einst zum Reichtum führen mußte. Ganz sonderbar schnell hatte er sich seiner Sprache entwöhnt und waren alle seine Manieren amerikanisch geworden, und weit, weit in den Hintergrund traten ihm seine jugendlichen Bestrebungen und die Erinnerung an Weib und Kind, denn nur zuweilen im Traum kam es ihm, daß er die alten Zeiten sah. Später heiratete er eine amerikanische Frau, die ein schlankes und stolzes Wesen war mit offenem Gesicht, die ihm erschien wie eine Königin, trotzdem sie nur Buchhalterin gewesen war in seinem eignen Unternehmen, und so bereitete er mit die neue Gesellschaft vor, die freilich ganz andrer Art ist wie die einst von ihm geträumte, und die einmal unbarmherzigen Krieg führen wird gegen uns Altväterliche.

In Hans begann jetzt allmählich ein Gefühl der Einsamkeit, denn die Jahre waren vorüber, wo man die Vorstellung hat von vielen unbekannten Freunden, die man nur anreden müßte, auch verliert am Ende der Jünglingsjahre das Bewußtsein gemeinsamer Überzeugungen seine Bedeutung, das leicht Menschen zur Freundschaft zusammenbringt, denn in Wahrheit fängt jetzt das Alter an, wo die Ehe eintreten muß und die erfolgreiche Berufsarbeit, in welcher die Fähigkeiten und Kenntnisse verwendet werden, die suchende Jünglingsjahre erworben haben. Aber weder konnte Hans an eine Ehe denken, auch wenn er eine Liebesneigung gefaßt hätte, denn er vermochte nur eben sich selbst zu ernähren, noch erschien ihm seine Tätigkeit als eine Berufsarbeit für das Leben, denn sein Lehrer hatte es ihm wohl nach seinem Versprechen verschafft, daß er bei einem großen wissenschaftlichen Unternehmen mitbeschäftigt wurde, aber die Arbeit war ihm nur ein gemeiner Broterwerb. Aber welche Tätigkeit er sich aussuchen sollte, das konnte Hans auch nicht sagen, und so machte er sich jetzt oft Vorwürfe, daß er sich früher durch zu vielerlei Interessen zersplittert habe.

Derart sah er nun auch andre Dinge in einem grauen und unerfreulichen Schein, die ihn früher glücklich gemacht hatten, die unreife Begeisterung der Jugend war erloschen, und Erfahrung und Verständigkeit hatten noch nicht ein neues Bild der Welt geschaffen; so wunderte es ihn, wie er in einer Volksversammlung ein ganz neues Bild bekam, wo er eine Rede von Heller hörte, in welcher der gehässig über die höheren Stände sprach und den Arbeitern schmeichelte, und die Versammelten jubelten ihm Beifall; aber der Hochmut und die kindische Art der Leute tat ihm weh, und weil er selbst ein Mensch mit Ehrfurcht war, so kamen sie ihm vor wie freche Knechte. Da erschien ihm plötzlich der Drang nach Gerechtigkeit und der Wunsch auf Gleichheit als ganz unreif und er kam sich vor wie das Kind, das den Ozean mit der Nußschale ausschöpfen wollte, weil er einst geglaubt hatte, er könne durch ein Urteil über Recht und Unrecht in diesen gesellschaftlichen Vorgängen eine Einsicht haben, die doch durch den geheimen Lebenstrieb der gesamten Gesellschaft bestimmt werden; und in Wahrheit hatte er vielleicht die Auflösung und den Tod der Gesellschaft erstrebt durch seinen Drang und seinen Glauben. Ganz neu und unbestimmt kam ihm nun zuerst der Gedanke, daß dieser Maurer oder Zimmermann neben ihm nicht behaglich leben dürfe, wenn er selbst oder ein andrer sollte höher kommen können, nicht zu Behagen, sondern zu höherer Wesenheit, und indem fühlte er plötzlich, daß er diese Menge von dumpfen und selbstzufriedenen Menschen haßte. Aber so einsam war er, daß er von dieser Unruhe und Verzweiflung niemand mitteilen konnte, und er hätte auch ein weibliches Wesen haben müssen, dem er seine Gedanken erzählte. So fühlte er sich nun näher hingezogen zu Luise; die hatte ihr medizinisches Studium beendet und war nach Hause zurückgekehrt, und ihre Absicht war gewesen, nun sich als Ärztin niederzulassen. Aber wie sie das gewollte Ziel erreicht hatte, war plötzlich eine seltsame Müdigkeit und gleichgültiger Sinn über sie gekommen, und sie lebte wochenlang und dann durch Monate untätig, und wie es Menschen in dieser Verfassung geschieht, häuften sich allerhand Schwierigkeiten um sie, als seien sie durch ihre Stimmung herbeigezogen. Hans verspürte nichts von dieser Lage und freute sich nur, daß er ihr manches mitteilen konnte; aber einmal, bei einem recht gleichgültigen Gespräch sprach sie mit ihrer Stimme, die jetzt müde war, von Zwecklosigkeit. Da tat er einen erschreckten Blick in die dunkle Tiefe ihres Überdrusses und ihrer unerklärten Verzweiflung, und für sich selbst wußte er plötzlich, daß er an demselben Überdruß litt. Und wie er sich nun so umsah nach andern, da fand er, daß ihr Bruder ein glücklicher Mensch war. Den hatte er früher immer verachtet, weil er gar keinen Sinn besaß für die Dinge, die Hans und den andern wichtig erschienen, sondern er verharrte nur immer mit unverdrossenem Eifer bei seiner kleinen Gelehrsamkeit. Eben trat er ins Zimmer, als Luise jene Worte gesagt; der Vater hatte ihm zum Geburtstag eine Geldsumme geschenkt, und er hatte sich dafür schmutzige Trümmer eines alten Buches gekauft, ohne Titel und ohne Schluß, das ein Stück eines im siebzehnten Jahrhundert in Venedig gedruckten arabischen Werkes war; sein ganzes Gesicht strahlte von innerer Heiterkeit, liebkosend strich er über den zerfetzten Einband, und Hans wechselte einen schnellen Blick mit Luise, und beide dachten, sie möchten wohl gern solchen Glückes fähig sein, und verwunderten sich, weshalb sie das nicht konnten.

Die Ehe von Karl und Johanna hatte sich immer grausiger entwickelt in Haß und Sehnen; und er gewann bald das heimliche Gefühl des Sieges und wußte, daß er in Kürze frei sein mußte von seiner Kette, und sie war gänzlich ratlos und sah sich von Unverständlichem umgeben. Unmerklich hatte sich eine Wand erhoben zwischen ihnen, deren Wachsen hatte er gesehen und kannte ihre Fugen, sie aber war erstaunt über die neue Mauer, denn ganz plötzlich merkte sie von ihr, dann schlug sie zornig gegen die empfindungslosen Steine, und zuletzt sank sie in sich zurück.