Er hatte schon lange geahnt, daß sie ihn nach einiger Zeit vor andern lächerlich machen werde, und nun hatte sie damit begonnen, indem sie über seine Tracht spottete, seine Gangart, seine Art zu sprechen. Und wiewohl sie wußte, daß er sehr litt und sich in ihm Bitterkeit häufte, so fuhr sie doch fort in dieser Weise; aber der Grund war, daß sie die Mauer einreißen wollte, denn sie verspürte wohl, daß sie ihn gar nicht hatte, weil sie nichts von ihm wußte wegen dieser Mauer, und sie wollte ihn ja verzehren. Auch stellte sie in seiner Gegenwart Betrachtungen über seinen Charakter an. So fühlte er zuzeiten deutlich hinter diesen Roheiten ein Flehen zu ihm, eine Sehnsucht, und einen Willen, der ihn halten wollte; das machte ihn glücklich durch befriedigte Rache. Ihr dunkler Trieb suchte weiter und äußerte sich in andrer Form, und dachte, daß Karl vielleicht nach irgend einer andern Seite eine starke Neigung hatte, die ihn unangreifbar machte; deshalb suchte sie mit heftiger Eifersucht in allem, was ihn beschäftigte, und begann Bücher zu hassen, Bekannte zu verfolgen, gegen Gewohnheiten zu schelten, aber fand nichts, das ihr eine Erklärung gab. Da bezwang sie ihre Natur zu Freundlichkeit, zu Entgegenkommen, suchte ihn auf seinem Zimmer auf, indem sie eine andre Absicht vorschützte, und wollte ihn bewegen, zu ihr zu sprechen, ja, sie ging zu ihm, der gebückt über seinem Buche saß, und streichelte ihm die Stirn mit ihrer Hand, und ihre Hand war weich und kühl, und etwas Seltsames floß aus ihr. Aber sein Haß wurde so heftig, daß er sich nicht ruhig halten konnte, und er stand hastig auf und ging fort. Da setzte sie sich und weinte; und wie er zurückkam und sie mit verweintem Gesicht in seiner Stube fand, mußte er sich zwingen, daß er sich nicht auf sie stürzte, um sie zu töten.

So war die Vorbereitung zum Ausbruch. Sie hatte eine große Gesellschaft ihrer Freunde, die ihm alle verhaßt waren, denn er sah in einem jeden von ihnen einen Teil ihres Wesens lebendig vor sich. An jenem Tage erschienen ihm alle Gesichter unnatürlich verzerrt, und wie sie um den runden Tisch sich drängten und verwirrt durcheinander sprachen, da saß er für sich und war zusammengesunken und vergrübelt. So hörte er wie durch einen Schleier eine Weile einzelne Worte aus dem allgemeinen Gespräch, die Johanna mit Krechting wechselte, und langsam wurde es ihm bewußt, daß sie sich auf ihn bezogen, und wie er aufblickte, nahm er einen Blick des Einverständnisses der beiden wahr, das auf seine Kosten ging. Da stand gerade vor ihm ein Tellerchen mit Backwerk, das nahm er und warf es Johanna ins Gesicht. Er warf mit Absicht so, daß es ihr Gesicht flach traf, nicht mit der Kante, damit sie nicht verletzt wurde. Während er das tat, war es ihm, als ob nicht er es sei, der das tue, sondern ein andrer, der ihn gar nichts anging, denn er war ganz ruhig, äußerlich wie innerlich, und wunderte sich, wie er den Teller vor ihrem Gesicht sah. In dem Augenblick, wo er zielte, waren alle stumm geworden und hatten erstarrt auf ihn geblickt. Das Tellerchen traf, und das Backwerk fiel wohl vor ihm auf die Erde, aber das Tellerchen traf sie mitten ins Gesicht. Sie fing es im Herabfallen auf und hielt es in der Hand, ohne Gedanken, indes sie ihn mit großen und erstarrten Augen ansah; mit einem Male schrie sie laut auf und warf es auf den Boden, als sei es glühend. Er aber erhob sich und ging aus der Tür, machte sich in seinem Zimmer straßenfertig und schritt langsam die Treppe hinunter und aus dem Hause. Alles ließ er dort, und nie kehrte er wieder zurück.

Ruhe und Frieden suchte er und etwas, das er nicht nennen konnte. So ging er zu Luise. In ihren Schoß hatte er seinen Kopf gelegt, und langsam stiegen ihm die Tränen in die Augen, denn er hatte nicht sprechen müssen, sondern sie hatte ihn angesehen, und dann hatte er sein Gesicht in ihren Schoß gelegt, und nun streichelte sie ihm die Haare. Ruhig wurde ihm, wie wenn nun alles Meer glatt wäre, und er dachte an nichts, nur fühlen konnte er, und er fühlte, wie Ruhe in sein Herz floß. Dann wußte er, daß er aufstehen mußte, und er stand auf und setzte sich neben sie; und sie sagte mit gütigem Gesicht, daß er älter geworden war. Wie sie das sagte mit gütigem Gesicht, strömte ihm das Blut zum Herzen, und er sah zwei feine Linien um ihre Mundwinkel. Sie lächelte, wie sie seinen Blick bemerkte und scherzte, daß auch sie nun die Jugend verlassen habe. So plauderte sie weiter, und er wußte, daß ihr das schwer wurde, jetzt so sorglos zu plaudern, und einmal fing er einen besorgten Blick auf, den sie auf sein Gesicht warf; aber er selbst hätte nichts sagen können, sondern er hörte nur zu, ihrem leisen und freundlichen Wortfall. Von Bekannten erzählte sie und von Bäumen und Blumen. Er liebte eine Bewegung an ihr, wenn sie mit beiden Händen zurück an das Haar faßte. Seine Seele wiegte sich auf ihren Worten, und er schloß die Augen, damit er nur den Klang allein habe.

Jetzt wußte er, daß er jeden Tag und jede Stunde an sie gedacht hatte, und daß er zusammengeschreckt war, wenn jemand einmal aus Zufall ihren Vornamen genannt hatte. Und nun saß sie neben ihm mit ihrer Güte und wollte ihm Liebes erweisen in Zartheit. Sie hatte die Hände in den Schoß gelegt, und wie er eine zufällige Bewegung machte, berührte ihn ihr Kleid. Sie merkte das, und diese Berührung war ihr peinlich, aber sie beherrschte sich und sah ihn mit gutem Lächeln an, und erst eine Weile nachher nahm sie ihr Kleid zusammen und von ihm weg, mit einem entschuldigenden Blick. Dann ging sie zu ihrem Flügel und spielte, und die Töne fluteten langsam heran und schienen groß, und umgaben ihn weich und hoben ihn, und er fühlte sie um sich, wie sie weich waren. Dann begannen sie in ihn einzudringen, und mit einem leichten Schauer rührte etwas an sein Herz, und dann noch etwas, da wurde es ihm frei im Haupte und leicht, und es war, als ob alles sich im Herzen befinde, in dem war eine süße Lust, und es verschwand auch alles um ihn, weil es unbedeutend war, und er sah nur, wie Luise spielte, und in ihrem keuschen Nacken kräuselten sich dunkle Löckchen.

Von nun an lebte Karl wieder in der Weise wie vor seiner Verheiratung, nur daß auch ihn die Einsamkeit überkam und er viel auf seiner stillen Stube saß, und in seiner Seele bewegte sich herzkränkendes Grübeln, und es war, als sei ihm das Band lockerer geworden, das die verschiedenen Eindrücke, Strebungen und Ausflüsse zu unserm Ich vereinigt, denn hierhin und dorthin begaben sich Teile seines Selbst, und wie von Schmetterlingen flatterte es bunt und willkürlich um sein Haupt. Aber das machte ihn nicht unglücklich, sondern es schien ihm, als ob er zu Frieden und Ruhe wolle, und wie wenn er in einem schweigenden Flusse schwimme und seine Glieder sich lösten in dem Wasser mit leuchtenden Spitzen.

In dieser Zeit wurde er vorbereitet auf das Einfließen eines Neuen in ihn, das schon lange sich um ihn geballt hatte. Denn schon seit einiger Zeit war er, was ein wunderlicher Zufall in einer Großstadt scheint, auf seinen Wegen öfters einem Menschen begegnet, der ihm in eigener Art auffiel, vielleicht hätten ihn andere kaum beachtet; das war ein seltsam linkischer und verlegener Mann, dessen Kleidung nicht absonderlich war und dessen Gesicht, Haltung und Gliedmaßen ebenfalls nichts Merkwürdiges zeigten, und doch war er im ganzen so eigentümlich linkischer und verlegener Art, wie Karl noch nie einen Menschen gesehen hatte. Wie das so geht, schien der Mann umgekehrt auch für Karl ein gewisses Interesse zu haben, denn er sah ihn immer mit einem gewissen Aufleuchten des Gesichtes aus den andern Menschen auf der Straße hervortauchen. An einem naßkalten Novemberabend etwa gegen neun Uhr, wo die entlegene Straße recht einsam war, traf Karl den Fremden, wie er unter dem aufgespannten Regenschirm mit Verdruß eine kalte Zigarre betrachtete, trat zu ihm und bot ihm seine Streichhölzer an; der Fremde dankte mit etwas übertriebener Höflichkeit, und dann begann ein Gespräch daraufhin, daß sie sich so oft schon auf der Straße begegnet waren; und wie ihnen dann die ersten gleichgültigen Worte bald ausgingen, da verspürten sie beide den Wunsch, einander nahe zu kommen, und deshalb setzten sie sich zusammen in eine Wirtschaft; es stellte sich heraus, daß sie Nachbarn waren. Der Fremde, der sich Roch nannte, wußte das Gespräch bald auf einen Weg zu leiten, den Karl mit großer Freude beging.

Er stammte aus einer wohlhabenden und guten Familie und war in wohlerzogenem und bravem Zustande auf die Universität gegangen, um nach dem Willen seiner Eltern Jurisprudenz zu studieren. Es entwickelte sich in ihm damals eine ganz besondere Liebhaberei für Bücher, die fast die Art einer Leidenschaft annahm, über der vernachlässigte er beinahe seine Studien, und um die gewöhnlichen Vergnügungen seiner Altersgenossen und Kameraden bekümmerte er sich gar nicht, so daß er sich zu einem etwas sonderlinghaften Menschen entwickelte. Hierüber war seine Familie nicht sehr vergnügt, die wünschte, daß er sich benehmen solle wie Andere, und ihm auch einige Jugendtorheiten gern verziehen hätte, wenn sie von der gewöhnlichen Art gewesen wären, denn sie befürchteten, daß er als ein wunderlicher Mann später keine glatte Laufbahn haben werde, die ihnen allen als das Erstrebenswerteste erschien. Deshalb wurde er in den Ferien auf Besuch zu einem unverheirateten Oheim geschickt, der in einer kleinen Stadt als Kreisarzt lebte und als ein fröhlicher und allen Lebensgenüssen in Unbefangenheit ergebener Mann bekannt war. Vor dem hätte man ein leichtes Blut wohl sehr gehütet, diesen jungen und allzubraven Mann aber hoffte man durch ihn zu der gewünschten mittleren Art von Führung und Auffassung des Lebens erziehen zu können.

Des Oheims Betragen machte aber einen ganz unerwarteten Eindruck auf den Jüngling; denn der hatte bis dahin ganz treuherzig alles aufs Wort geglaubt, was öffentlich von unserm gesellschaftlichen Leben gesagt wird, und hatte nichts geahnt von den geheimen Veränderungen, durch welche die einzelnen Stände, Berufe, Klassen und Personen diese Meinungen ihren besonderen Bedürfnissen anpassen, und nun machte sich der Oheim, der von altjunggesellenhaftem Zynismus war, einen besonderen Spaß daraus, den jüngferlichen Neffen aus diesen Vorstellungen zu entfernen und begann damit, daß er ihm seine sämtlichen Liebesgeschichten nach der Reihe erzählte. Er war aber ein hochgewachsener schlanker Mann mit schneeweißem Knebelbart, rötlichem Gesicht und blitzenden blauen Augen, der so recht herzhaft aus der Brust heraus zu lachen vermochte über den etwas verkümmerten Neffen. Wie er noch Junge war, wohnte neben seinem Elternhause eine Hebamme, die eine einzige Tochter hatte, in seinem Alter, ein schwarzäugiges, rasches und hübsches Mädchen. Einmal mußte er eine Bestellung ausrichten und traf sie allein in der Stube; da hängte sie sich um seinen Hals, küßte ihn stürmisch ab und bestellte ihn auf den Abend in den Garten, und die war seine erste Liebe gewesen, damals war er zwölf oder dreizehn Jahre alt; eine Art Rührung huschte über das Gesicht des alten Erzählers, wie er davon sprach. Vor wenigen Jahren kam er einmal wieder in seine Heimat; und wie er allein durch das Holz ging, begegnete ihm ein sauberes und freundliches altes Mütterchen, die sprach ihn an und fragte, er kenne sie gewiß nicht mehr, und dann nannte sie sich ihm als diese alte Liebste und sagte seufzend, es seien nun fünfundvierzig Jahre vergangen seitdem, nun sei sie lange Großmutter, und da wolle er gewiß nichts mehr von ihr wissen; aber da sei doch die Jugend noch einmal wieder in ihm wach geworden. Es stand da aber eine schöne alte Buche, die ihre Äste weithin breitete, daß in einem runden Kreise unter ihr kein Unterholz war, sondern nur die gerollten braunen Blätter, zwischen denen einige weiße Blümchen wuchsen.

Dem Jüngling tat sich in diesen Wochen ein zauberischer Garten auf voll herrlicher Früchte, die ihn lockten, daß er sie pflücken sollte, nur dürfe er nicht zu zaghaft sein, sondern müsse ohne Furcht den Fuß über die Schwelle setzen; und so zog eine ganz unbändige und verstandlose Lebenslust in die fast vertrocknete Seele des Jünglings. Es floß aber am Ende des Gartens ein Fluß leise und rasch dahin, der sehr tief war und klardunkles Wasser hatte, und über ihn neigte sich, genau auf der Grenze des Nebengartens, eine alte Weide mit tiefhängenden gelben Ruten, an denen der Frühling kleine helle Blättchen hervorgetrieben hatte. Hier stand der Jüngling oft auf einer vorstehenden Wurzel, hatte den Stamm umfaßt und sah in das still dahinschießende Wasser, denn in seiner Klarheit schwammen kleine Fischchen in einem langen Zuge; sie schwammen gegen den Strom, und oft standen sie unbeweglich, und plötzlich zuckten sie einmal blitzschnell mit den Schwänzen und flohen auseinander. Diesem Spiel sah er lange zu mit behaglicher Freude und ohne sich Gedanken zu machen; denn wie der Frühling unsere Sehnsucht erregt und unsre Lust zum Leben, so spendet er uns auch eine süße und träumerische Mattigkeit, in welcher die Stunden rasch dahinfließen mit leisem und gleichmäßigem Rauschen.

An einem Nachmittage, wie er an diesen Platz gehen wollte, erblickte er auf der Nachbarseite durch das Gebüsch, das noch licht war, ein Mädchen in hellen und zarten Kleidern, das ganz in derselben Stellung stand wie sonst er selbst, denn sie stand auf der äußersten und unterspülten Wurzel des schrägstehenden alten Baumes und hatte den zarten Arm um den ausgehöhlten Stamm geschlungen und die Gestalt mit dem Köpfchen vorgeneigt, und schaute angestrengt in das lautlos fließende Wasser. Wie sie sein Rascheln hörte, blickte sie sich schnell um, und hatte kornblumenfarbene Augen und ihre Gesichtshaut sah aus wie ein Rosenblättchen, und schien verlegen, und es fiel ihm auf, daß unter der Oberlippe, die etwas zu kurz war, weiße Zähnchen hervorblinkten, das ganz wundervoll reizend erschien.