Dann verging wieder eine endlos lange Zeit, und es war Karl, als verrauschten vor ihm Jahre, während er angstvoll an seiner vorgeschriebenen Stelle stand und sah; denn wiewohl die Wesen stumm waren und ohne Bewegung schwebten, und ihre Gesichter rührten sich nicht wie bei toten Menschen, und wiewohl er bei allem innerlich wußte, daß diese Gesichte nur Trugbilder eines Rausches waren, den der betäubende Rauch in seinem Gehirn erzeugt; ja er dachte sogar, daß andre solcher betäubenden Mittel die Vorstellung eines schnellen Fahrens durch die Lüfte verschaffen; trotzdem wußte er als ganz gewiß, daß zwischen den beiden Wesen etwas geschah, und daß Entsetzliches zum Ende kommen mußte.
Siehe, da richtete das Wesen Johanna langsam, wie vom Tode erwachend, die haßerfüllten Augen auf das schwache Wesen Luise; und erst ging der Strahl der haßerfüllten Augen neben ihr vorbei, und dann streifte er sie, und endlich traf er sie ganz, und das Wesen Luise erzitterte wie ein Bild im Teiche, schwankte und wollte sich auflösen. Da durchfuhr es Karl, daß er sie retten müsse, und er stürzte vorwärts mit erhobener Faust auf den Schemen Johanna. Ein sehr lauter Schlag erscholl, dann fielen Glasscherben klirrend auf die Erde, und das Fenster war gänzlich zersplittert, auch die oberste Scheibe. Karl sah auf die Scherben vor seinen Füßen und wußte nicht, wie ihm geschehen. Der andre suchte mit zitternden Fingern das Licht anzuzünden. Durch das offene Fenster drang kühle Nachtluft, und plötzlich wurde ihnen bewußt, daß der Betrunkene unten auf dem Hofe lärmte, das war genau so wie vorhin; und mit einem Male fiel auch das Jammern der Frau ein, genau so, wie sie es schon gehört hatten, und der Mann antwortete dasselbe wie vorhin. Karl sah nach der Uhr; noch nicht eine Minute konnte verflossen sein, seitdem Roch das Pulver aufgeschüttet, und doch war es ihm wie vor einer ganz langen Zeit.
Schweigend stiegen die beiden die Treppe hinunter; der Zank des Betrunkenen und der streitenden Frau verfolgte sie Wort für Wort, wie sie ihn schon kannten. Karl erschauerte und hielt sich am Geländer fest, auch des andern Kniee zitterten. Und nachdem sie lange durch belebte Straßen gegangen waren, sprach am Ende Karl: „Ich weiß, was ich gesehen habe, und es ist Übernatürliches dabei, aber ich kann es doch nicht glauben.“ Roch schwieg lange, dann antwortete er: „Das eben ist das Grausigste bei diesen Dingen, daß man immer zweifeln muß, ob man nicht ein Betrüger ist oder ein Selbstbetrüger. Auch dies hat das Mittelalter gewußt, das gesagt hat, daß der Teufel ein Lügner und Betrüger ist. Aber ich muß tiefer hinein, wiewohl ich weiß, daß ich immer nur Lüge finden werde und Selbstverachtung, und ich weiß es nicht, ob mich nicht das treibt, daß ich mich nach der Selbstverachtung sehne, denn in der liegt die tiefste Wollust beschlossen.“
Roch sagte nicht näher, was er mit diesen Worten meine, auch erzählte er nie, was er selbst gesehen hatte. Und wie es oft geschieht, daß wir eines Menschen Leben in einem für uns beide wichtigen Punkte kreuzen und dann wieder so schnell von ihm gehen, wie wir ihn trafen, so kam Karl recht schnell wieder mit ihm auseinander, durch ein Gefühl der Unruhe und Nichtbefriedigung; für Karl war dieser einzige Versuch genügend gewesen, mit den unterirdischen Mächten in Beziehung zu treten, der andre aber verstrickte sich immer tiefer und fand endlich seinen Kreis, für den er geschaffen war, in einer Anzahl gleich Zerstörter, die nicht an Gott glaubten und eine Satansgemeinde gegründet hatten.
Um Luise schloß sich immer enger der Ring des Todes. Wir wissen ja nicht, durch welche Kräfte am letzten Ende die entscheidende Willensrichtung gebildet wird, deshalb ist uns auch in den menschlichen Dingen so vieles unbegreiflich, nämlich alles das, wo wir nicht auf irgend eine Weise Gründe unterbauen können. Deshalb kann ein Erzähler in solchem Fall nur die Ereignisse berichten, die ihm irgendwelche Bedeutung gehabt zu haben scheinen.
Es lebte damals ein früherer Gutsbesitzer mit seiner Frau und einzigem Sohn in Berlin, der Offizier war. Der alte Mann hatte in jungen Jahren sein Gut in fröhlicher Hoffnung übernommen, nachdem er seine Geschwister ausgezahlt und eine brave und schöne Frau geheiratet. Nun war aber damals eine Zeit, wo der Weizen und die Wolle immer billiger wurden und die Arbeitslöhne immer stiegen, so daß die Ausgaben sich erhöhten und die Einnahmen sich minderten. Er ging lange mit sich zu Rate, was er bei dieser Erscheinung wohl tun könne, fragte auch seine Nachbarn, die zwar sich in ähnlicher Lage befanden, und zuletzt las er selbst Bücher, wie wohl er sonst wenig studiert, sondern hatte seine Universitätszeit vielmehr mit lustigen und treuen Freunden in Heiterkeit ohne sonderliches Arbeiten verbracht; aber auch aus den Büchern fand er keine Auskunft, die er nicht zuvor schon selbst verworfen gehabt hätte. Nun half er sich wohl mit großer Sparsamkeit, und seine treue Frau war sehr fleißig, daß sie aus ihrer Wirtschaft herauszog, was möglich war, aber mit der Zeit kam es sogar dahin, daß die Einnahmen geringer wurden wie die Ausgaben für den Betrieb und Zinsen. Da gelangte er in seiner Not zu Borgen und Wechselschreiben, und weil nun auch sein Gewissen schlecht wurde, denn er wußte nicht, wie er den Wucherer einmal bezahlen sollte, so schloß er die Augen und überlegte gar nichts mehr, sondern lebte wie einer, der morgen sterben soll und Mut hat und sich heute noch freut; er beruhigte sich aber immer, indem er sich sagte, daß der Wucherer schon selbst wissen werde, wie er wieder zu seinem Gelde komme.
Aus dieser Betäubung riß ihn die Rede eines leichtfertigen Handwerkers. Er mußte nämlich an einem Stall Reparaturen machen, der erst vor nicht allzu langer Zeit gebaut war, aber weil der Zimmermann betrüglicherweise frisches Holz genommen, so waren einige Balken stockig geworden. Wie er den Menschen nun zu Rede stellte und ihn in scharfen Worten an seine Handwerkerehre erinnerte, erwiderte der patzig, dafür sei ja der Bauherr da, aufzuachten, daß alles ordnungsgemäß gemacht werde. Diese Worte gingen dem alten Mann sehr nahe, denn er dachte bei sich, daß er selbst ja ebenso vernünftelt habe wie dieser unredliche Handwerker, und dabei war er ein vornehmer und adeliger Mann, der Stolz hatte. Deshalb fuhr er gleich in die Stadt zu dem Wucherer und erzählte dem alles, der heftig erschrak und nach Art solcher gemeinen Menschen in häßlichen Worten ihm Vorwürfe machte. Indessen gelang es doch, das Gut vorteilhaft zu verkaufen an einen wohlhabenden Herrn aus der Großstadt, dessen Vater viel Geld verdient hatte, und der sich zu diesem ererbten Gelde nun eine gesellschaftliche Stellung verschaffen wollte; so blieben dem alten Herrn sogar noch mehrere tausend Mark übrig.
Mit diesem geringen Gelde zog er nun nebst seiner Frau nach Berlin, wo sein Sohn schon früher lebte als ein frischer und unbefangener junger Offizier, der mäßig war und sehr verständig an seine Zukunft dachte. Die Frau beschloß, eine große Wohnung zu mieten und Fremde bei sich aufzunehmen um Geld, welcher Plan ihr auch gelang, da sie manche Familienbeziehungen hatte, der alte Mann aber, welcher einsah, daß er dergestalt keine Tätigkeit für sich selbst fand, durch die er zum Unterhalt der Familie beitragen konnte, wollte nicht durch seiner Frau Arbeit leben, und mühte sich so lange, bis er eine Anstellung bei der Pferdebahn erhielt als ein Aufseher über die Schaffner, damit die immer ordentlich alles Geld abliefern und nicht betrügen. Und wiewohl sein Körper schon gebrechlich war und dieser Dienst ihn recht anstrengte, so fühlte er sich doch nunmehr glücklich und zufrieden und erzählte seiner Frau des Abends vieles über die verschiedenartigen Charaktere der Schaffner, indessen die mit einer Küchenarbeit für das Mittagessen des nächsten Tages beschäftigt war.
Bei diesen Eltern lebte der junge Offizier, und weil er gesund und rotwangig war, auch vor seinen Vorgesetzten angenehm und bei seinen Kameraden beliebt, so dachte er, daß er wohl eine Heirat machen könne, durch die er seine Glücksumstände wieder aufbesserte. Und wie in Berlin alle verschiedenen Kreise der Gesellschaft sich in der wunderlichsten Weise berühren, so hatte er bei einer gewissen Gelegenheit Luise kennen gelernt und durch ein lange geführtes Gespräch liebgewonnen, denn bis dahin hatte er nur solche jungen Damen gekannt, die mit ihm über Beförderungen und Rangliste sprachen. Nun bedachte er zwar, daß sie eine Jüdin war und wenig angenehme Eltern hatte, auch blieb es ihm nicht unanstößig, daß sie Studentin gewesen, wenn schon ihr Benehmen nichts Auffälliges zeigte; indessen wußte er doch, daß sie eine große Mitgift erhoffen konnte, auf die er ja angewiesen, und dann hoffte er, daß der Umgang mit den Damen vom Regiment sie bald zu einer richtigen Offiziersfrau machen werde; über das alles hinaus gab bei ihm aber den Ausschlag, daß er eine große Zuneigung zu ihr gefaßt hatte, was freilich verwunderlich schien in Anbetracht der sonderlichen Verschiedenheit zwischen den beiden. So entschloß er sich denn und schrieb ihr einen wohlgesetzten Brief, in dem er sie fragte, ob er ihren Vater um ihre Hand bitten dürfe.
Ihre Eltern hatten aus Anzeichen schon vorher die Werbung geahnt, die von der Mutter begünstigt wurde, der Vater aber, der früher oftmals heftig gegen reiche Glaubensgenossen gesprochen, die ihre Töchter an Christen gaben, war der Verbindung feindlich gestimmt, und so wurde schon lange bevor der Brief ankam, in der Familie lebhaft und nicht mit Würde über das Kommende gesprochen, unter tiefem Leiden Luisens, die den jungen Mann wohl ganz gern sah als einen gesunden und tüchtigen Menschen, aber keine weitere Neigung zu ihm verspürte; denn durch diese Gespräche wurde ihr, als werde ihr Innerlichstes und Heimlichstes ans Licht gezogen und vor den Menschen zu Schau ausgebreitet. Und wie nun der Brief wirklich ankam, da hatte sie eine heftige Angst vor den Gesprächen und Reden, die noch folgen würden, und zudem wurde der Überdruß, den sie schon lange empfunden, plötzlich sehr viel heftiger; so beschloß sie, daß sie aus dem Leben gehen wollte, ohne daß sie eigentlich einen augenscheinlichen Grund gehabt hätte. Ehe sie aber ihre Tat ausführte, schrieb sie noch einen Brief an Hans, der ihrer Seele wohl am nächsten gestanden haben mochte. In dem sagte sie ungefähr folgendes: