„Ich sterbe, weil ich auf keinerlei Weise sehen kann, wie ich zu leben vermöchte, und weiß auch nicht, wie andre Leute leben können. Lange habe ich nachgedacht, denn ein jeder hat doch einen Willen zu leben; und vielleicht wäre es am besten für mich gewesen, ich hätte jung geheiratet und Kinder gekriegt; denn nachdem wir für uns selbst an das Ende gekommen sind, daß wir nichts mehr zu erstreben sehen, haben wir dann noch Ziele für die Kinder und ihr Größerwerden. Und so ist meine törichte Liebe zu Peter wohl noch das klügste gewesen in meinem Leben, die ich durch zu viele Klugheit zerstört habe, weil ich geistig hochmütig war und keinen Glauben fassen konnte zu einem Mann. Wenn du einmal heiraten solltest und Töchter haben, so erziehe sie nicht so, daß sie viel wissen, denn schon Männer macht das unfroh, aber Frauen vermögen dann nicht zu leben, weil sie nicht mehr sehen, wie sie das können.“
Diesen Brief erhielt Hans am Weihnachtsabend, als er allein in seiner Stube saß und über sein bisheriges Leben nachdachte. Da fand er, daß er war wie ein Baum im Herbstwinde, denn wie trockene Blätter waren die Freunde abgefallen, und der Wind trieb sie hierhin und dorthin. Und als er den Brief gelesen, dachte er sich, daß dieses das Ende aller sei, und nur einige wenige Jahre waren doch vergangen, daß so viele junge Leute zusammengewesen waren und Kraft gehabt hatten und einen starken Willen zu allem, was das Schicksal ihnen auch aufgeben mochte; und nun saß er selbst am Weihnachtsabend einsam in seiner Stube und dachte nach, wie Luise nachgedacht hatte, denn auch er hatte einen Willen zu leben; aber er fand nicht, wie das alles so gekommen sein konnte.
Und indem er angestrengt nachdachte, und es schien ihm zuweilen, als sehe er ganz von weitem das letzte Ende des Gedankens, den er erreichen wollte, da öffnete sich die Tür und jener Russe trat ein, den er gleich in der ersten Zeit seines Berliner Aufenthaltes kennen gelernt; später war er immer in Beziehung zu ihm geblieben, aber er mochte ihm nicht wieder so nahe kommen wie in jener Nachtstunde. Dieser trat jetzt ein, begrüßte ihn und sagte, er habe ein belastetes Herz und suche einen Mann, zu dem er sich aussprechen könne. Dann erzählte er folgendes:
Vor Jahren, wie er noch in Rußland lebte, hatte er einen Freund, der ein stiller Mensch war, der von den revolutionären Wünschen und Gedanken ihres Kreises nichts wissen mochte, sondern sein Studium liebte, nämlich die Mathematik. Dieser lebte mit seiner Schwester zusammen, einem sehr schönen Mädchen, das aus Liebe zu einem andern Studenten philosophische Schriften las und bedachte.
Nun war damals ein neuer Polizeimeister in Petersburg eingesetzt, der eine heftige Verfolgung solcher Personen begann, die ihm politisch verdächtig schienen. Bei dieser Gelegenheit wurden auch das junge Mädchen und ihr Bruder verhaftet, und weil man bei ihr verbotene Bücher gefunden hatte, so untersuchte man sie besonders genau, und befahl der Polizeimeister, daß die Jungfrau in seiner Gegenwart nackt ausgezogen werde, damit man nachsehen könne, ob sie nicht noch heimlich an ihrem Körper etwas verborgen hatte. Hierüber und wie sie die lüsternen Augen des Polizeimeisters sah, ward sie von so heftiger Scham ergriffen, daß sie ein Messer nahm, das da auf dem Tische lag zum Spitzen der Bleistifte, und es sich in die Brust stieß; und weil sie gerade auf die Stelle des Herzens getroffen hatte und der Stoß nicht durch Kleider abgeschwächt wurde, so sank sie gleich um und verschied in wenigen Augenblicken.
Wie der Bruder, dem nichts Verbotenes nachgewiesen werden konnte, aus dem Gefängnis entlassen war, bereitete er eine Rache vor, denn seine frühere Gesinnung hatte sich durch dieses Ereignis gänzlich in ihr Gegenteil verwandelt, und da er die notwendigen chemischen Kenntnisse besaß, so gelang es ihm leicht, ein Sprengwerkzeug zu machen, durch das er den Polizeimeister töten wollte. Er hatte aber das Mißgeschick, wie er das Kästchen sorgsam über die Straße trug, daß die Masse sich vorzeitig entzündete und ihm einen Arm wegriß und beide Augen blendete. So wurde er vom Pflaster aufgenommen und durch geschickte Ärzte wieder geheilt; dann aber klagte man ihn seines Versuches wegen an und verurteilte ihn zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe.
Die hatte der Mann nun abgebüßt, und zwar zum Teil in Einzelhaft, und dann war er aus Rußland fortgegangen und nach Berlin gekommen. Solches Geschick aber hatte ihn jedoch zu einem ganz merkwürdigen Menschen gemacht; denn er war damals achtzehn Jahre alt gewesen; und zwar in seinem Fach recht tüchtig, sonst aber etwas unreif und kindisch. In den zehn Jahren, die er seitdem in Finsternis und ohne alle Möglichkeit der Bildung verbracht, war sein Geist dann nicht älter geworden, und auch seine Erfahrungen hatten sich nicht vermehrt; nur zweierlei war in seinem Innern geschehen, nämlich erstens, er hatte die revolutionären Gedanken, die er damals ohne Interesse angehört, in sich befestigt und in einer Art von mathematischem Sinn und ohne Verständnis für die Wirklichkeit in sich gestaltet, und zweitens, er hatte sehr viele und lebhafte Träume gehabt und konnte in seiner Erinnerung nicht mehr unterscheiden zwischen Erlebtem und Geträumtem; und indem er auch jetzt noch derart träumte, und zwar häufig Vorgänge in solcher Weise, wie er sie sich wünschte, so befand er sich in Wahrheit in einer ganz andern Welt wie seine Umgebung; denn wenn ihm ein Wunschgebilde dieser Art abgestritten wurde als nicht wirklich, so hielt er den Menschen für erträumt, der gegen ihn stritt, nicht aber seine Vorstellung, weil diese sich bereits ganz mit seinem gesamten Weltbilde verschmolzen hatte.
Wie dieser Mann nun eine kleine Weile in dem Kreise der russischen Freunde in Berlin gelebt hatte, die fleißig zusammenkamen auf ihren Zimmern und viel disputierten, stellte sich das wunderliche Wesen heraus, daß er auf alle Mädchen und Frauen des Kreises eine große Anziehungskraft ausübte, trotzdem er schauerlich anzusehen war durch die Verstümmelungen an seinem Körper und im Gesicht, und wollten ihm alle dienen und helfen. Er aber hatte sich besonders an des Erzählers Frau angeschlossen, bei dem er auch wohnte und aß.
So verging nun eine Zeit, während welcher die Frau nachdenklich und schweigsam war; dann aber sagte sie zu ihrem Mann, daß sie ja doch beide sich von den Vorurteilen der bürgerlichen Gesellschaft befreit hätten und sich als Pfadsucher der neuen Menschheit wüßten, die, wie sie das oft besprochen, auch eine andre Form der Ehe bringen werde; in dieser solle die Freiheit der Persönlichkeit gewahrt bleiben; und da die Persönlichkeiten sich heute immer verschiedenartiger entwickelten, so werde die neue Ehe viele voneinander abweichende Typen aufweisen. Nun wisse er wohl, daß sie ihn liebe, aber es sei zu dieser Liebe eine neue Zuneigung in ihr Herz gekommen, nämlich für ihren gemeinsamen Freund; und anfänglich habe diese Erscheinung sie recht beunruhigt, denn da die Gefühle zu ihm als ihrem Mann noch immer die alten seien, so habe sie ihn doch nicht verlassen mögen um den neuen Geliebten; am Ende aber habe sie sich gedacht, daß auch solches in der künftigen Gesellschaft möglich sei, daß eine Frau mit zwei Ehegatten lebe, wie umgekehrt ein Mann mit zwei Ehefrauen, was wir ja beides auch heute schon bei barbarischen Völkern in der Wirklichkeit sehen; und da sie doch die künftige Gesellschaft in ihrer Lebensführung vorbilden wollten, so schlage sie ihm vor, daß der Freund in ihren Ehebund als Gleichberechtigter aufgenommen werde.
Auf diese Rede konnte der Mann nichts erwidern, da sie aber eine Angelegenheit von großer Bedeutung für die künftige Ordnung der Menschheit betraf, so entschloß er sich, daß er alles seinen Freunden unterbreitete, damit vorher eine gründliche Besprechung über die soziologischen und sittlichen Fragen stattfinde, die diesen Fall betrafen. Dies geschah nun alles, und nach einer sehr genauen Prüfung kamen die Freunde zu dem Urteil, daß die Frau recht habe und nach ihrer Rede geschehen müsse. Dem Spruch fügte sich der Mann, und so begannen die drei ihre neue Ehe.