Nun zeigten sich aber bald Unzuträglichkeiten, die sich aus dem Wesen des zweiten Gatten ergaben. Durch seine Eigenart war er nämlich allen Vorstellungen unzugänglich, die bezweckten, ihn zu etwas seinem Willen Entgegengesetzten zu bewegen; und nachdem zuerst aus Schonung alles nach seinen Wünschen gegangen war, herrschte er nachher hierdurch vollständig, zur großen Beschwernis des ersten Mannes. Und während sonst das neue Verhältnis wohl hätte Dauer haben können, wurde es ihm nun unerträglich, so daß er aus der Familie ausschied, denn die Frau hing mehr an dem zweiten Manne wie an ihm. Derart lebte er nun schon seit Wochen allein. Hans wußte auf diese Bekenntnisse wenig zu antworten; aber da jemand, der sein Herz erleichtern will, denn der Mann hing noch an seinem Weibe und sehnte sich nach ihr, nicht verlangt, daß man viel zu ihm spricht, sondern er ist froh, wenn er selbst ohne Störung seine Beichte beenden kann, so fiel das dem andern nicht auf.
Nach einer Weile fuhr der fort, nachdem er nun dergestalt allein lebe, habe er wieder mehr für die Verbreitung ihrer gemeinsamen Ideen tun wollen. Und da sei ihm Hans eingefallen, daß er es in der Hand habe, der Sache einen wichtigen Dienst zu leisten.
Er wisse nämlich, daß er gelegentlich noch jenen Kurt besuche, den Schwager Hellers, den er gleichfalls an jenem ersten Abend kennen gelernt. Wenn er nun dem auf seiner Schreibstube einmal sage, er wolle telephonieren bei ihm, so werde er und der andre den Raum verlassen, und er, nämlich Hans, bleibe allein. Dann könne Hans auf einer Wachstafel Abdrücke der Schlüssel machen, nach denen er selbst, der solche Künste gelernt habe, Nachschlüssel anfertigen werde; und wenn dann einmal gelegene Zeit sei, so würde er mit einem Freunde des Nachts das ganz unbewachte Geschäft öffnen und aus dem Geldschrank eine Summe nehmen, die seine Freunde in Rußland brauchten, um eine Druckerei anzulegen; und da keinerlei Spuren eines Einbruchs zu bemerken wären und man nicht erfahren könne, auf welche Weise das Geld verschwunden sei, so müsse dieser Plan ganz sicher auszuführen sein. Bedenken sittlicher Art aber werde er, Hans, doch wohl nicht haben, da man doch nur einem Ausbeuter nehme, was er zu Unrecht besitze, und das verwende für die Befreiung der Menschheit.
Wie Hans diese Rede hörte, wurde ihm wie durch einen Blitz sein eignes Leben und das Leben aller dieser Menschen erleuchtet, und wurde von tiefem Entsetzen fast geschüttelt, und war ihm, als müsse er den Russen niederschlagen in Entrüstung; und so sehr konnte er sich nicht bezwingen, daß der andre nicht seine Verfassung gemerkt hätte; die war aber derart, daß er in Angst geriet und verlegen wurde und dann plötzlich ging. Wie der andre fort war, kamen dem Hans die Tränen über sein Leben, er legte das Gesicht auf seine Arme und weinte bitterlich.
Aber noch nicht war die Zahl der Boten zu Ende, die ihm an diesem Weihnachtsabend geschickt wurden, nämlich der Brief der toten Luise, und dieser Mensch, der sich eben vom Narren zum Verbrecher entwickelte; es kam noch ein Wort von der treuen Dienstmagd seiner Eltern, und das traf ihn am tiefsten.
Die Mutter schickte ihm zur Bescherung aus der Heimat ein Kistchen, in das sie allerlei gepackt, was sie nützlich für ihn meinte, denn Überflüssiges zu schenken war ihrer sparsamen Art zuwider, und auf dem Boden lag der Brief, der fest zusammengefaltet war; in dem schrieb sie, daß Dorrel gestorben war, und erzählte die Art ihres Hinganges, und was sie ihr aufgetragen für ihn. Denn nachdem sie ihrer Frau alle ihre Habe nochmals gezeigt und gesagt, daß dies alles Hans erben solle, sagte sie: „Wie er zuletzt hier im Hause war, zum Tode seines Vaters, da fiel mir auf, daß sich sein Wesen verändert hat und daß seine Augen anders sind wie früher. Hierüber habe ich eine große Angst bekommen, aber als eine ungebildete Dienstmagd, die keine Kenntnis hat von einer Gelehrsamkeit, wagte ich ihm nichts zu sagen. Nun ich aber fühle, daß ich sterben werde, und ich hoffe, daß unser himmlischer Vater mich zu sich in sein Reich nimmt um seines Sohnes willen, so will ich versprechen, daß ich oben fleißig Fürbitte tun will für ihn bei Gott, damit der sich seiner erbarme und recht bald ihn frei mache aus seiner jetzigen üblen Verfassung.“
Es wohnte Hans bei braven und ordentlichen Leuten, die gleich ihm ein trübes Weihnachten feierten. Der Mann war ein Zuckerbäcker gewesen und als ein fleißiger und ordentlicher Mann, der auch eine sparsame und häusliche Frau hatte, war er in seinen Verhältnissen recht vorwärtsgekommen. Die beiden hatten einen einzigen Sohn, den sie mit vieler Liebe erzogen, und vielleicht waren sie allzu nachsichtig gegen ihn gewesen. Sie hatten ihn auf die gute Schule getan, wo er als ein begabter und leicht auffassender Junge anfänglich rasche Fortschritte machte, aber wie er in die höheren Klassen kam, wurde er träge, hielt sich zu den leichtsinnigen und schlechten Schülern, und durch Rauchen und Trinken vergnügte er sich in einer Weise, die seinem Alter noch nicht zukam. So geschah es, daß er die Schule nicht beenden und dann studieren konnte, wie die Eltern gedacht, sondern er mußte aus der Sekunda abgehen. Da ließen sie ihn eine mittlere Beamtenlaufbahn ergreifen und brachten ihn bei der Steuerverwaltung unter, und waren sehr stolz, wenn er sie in seiner schmucken dunkelgrünen Uniform besuchte, zahlten auch viel Geld für ihn, denn er machte große Ausgaben, weil er immer fein und vornehm erscheinen wollte. Dann heiratete er frühzeitig die Tochter eines andern Beamten, die ein sehr schönes Mädchen war, und es wurde erzählt, sogar ein Offizier habe um sie anhalten wollen. Die war nun freilich nicht vermögend und wußte nicht gut hauszuhalten, sondern hatte ihre größte Lust am Putz und Vergnügen; aber da ihre Art der seinigen zusagte, so lebten sie doch recht unbekümmert und fröhlich zusammen.
Die alten Eltern gerieten in große Sorgen, wie sie dieses Leben sahen und die großen Ausgaben merkten, und nachdem sie lange mit sich zu Rate gegangen, wie sie dem abhelfen könnten, besuchte am Ende der Vater seufzend seinen Sohn, ermahnte ihn zur Sparsamkeit, warnte ihn und sagte am Ende, wenn er vielleicht Schulden gemacht habe, so solle er sie ihm nennen, denn er wolle lieber für ihn bezahlen, als daß er ins Unglück komme. Und über die herzlichen Worte war der Sohn fast gerührt geworden, wie es leichtfertiger Leute Art ist, aber im Nebenzimmer hatte die Schwiegertochter alles gehört, die kam herein und schalt auf den alten Mann, sagte ihm, daß er ihr Leben nicht verstehe und sie beide beständig kränke und fügte noch viele bittere Worte hinzu über ihre vornehmere Herkunft und besseren Gewohnheiten. Über dieses alles wurde der Sohn beschämt, teils wegen seines Vaters, daß ihm der ins Gewissen geredet, teils wegen seiner Frau, weil die ihre Geburt gegen seinen Vater hervorhob; der Zorn aber, der aus dieser Beschämung entstand, richtete sich gegen seinen alten Vater, als der es gut gemeint hatte, und so wurde er heftig und verbot dem am Ende sein Haus. Da ging der gute alte Mann wortlos aus der Stube, küßte noch einmal den Enkel und es flossen ihm Tränen über die Backen, und dann mied er seinen Sohn; dieser aber, da er sich schuldig fühlte, mied ihn gleichfalls.
Nun geschah es nach nicht langer Zeit, daß in der Kasse, welche der junge Beamte verwaltete, Unterschleife entdeckt wurden, denn weil sein Einkommen bei weitem nicht ausreichte für sein Leben, so hatte er erst Schulden gemacht, und wie die Schuldleute drängten, hatte er fremdes Geld angegriffen. So wurde er denn gleich verhaftet und ihm der Prozeß gemacht und zu Zuchthaus verurteilt. Die junge Frau, die doch mitschuldig an seinem Verbrechen war, gebärdete sich wie irrsinnig, beschimpfte ihren Mann vor andern Leuten und ließ sich von ihm scheiden als von einem Ehrlosen. Dann brachte sie das einzige Kind zu den Schwiegereltern und sagte denen, sie wolle eines solchen Mannes Sohn nicht erziehen, denn der schlage gewiß nach seinem Vater, und sie selbst wolle nun ein neues Leben anfangen, nachdem ihr früheres zerstört, nämlich sie habe eine große Begabung für den Gesang und wolle Künstlerin werden. Dann ging sie aus dem kleinen Orte fort, und es wurde erzählt, daß sie Sängerin in einer großen Stadt in einem jener Häuser geworden sei, wo die musikalischen Darbietungen nur andre Dinge verbergen sollen.
Auch die Eltern verließen ihre Stadt, in der sie jung gewesen waren und gearbeitet hatten und alt geworden waren, und nahmen den Enkel mit sich, denn sie konnten die Schande nicht ertragen und meinten, in der Großstadt vermöchten sie sich am besten zu verbergen, daß sie niemand sähe, der sie gekannt, und daß das Kind ohne Vorwurf um seinen Vater aufwüchse.