Über dem allen waren nun Jahre vergangen, und das Kind hatte zugenommen an Größe und Verstand und sich zu großer Ähnlichkeit mit seinem Großvater entwickelt, war auch recht brav in der Schule und saß immer als einer der Ersten. So kam nun die Zeit heran, daß ihr Sohn entlassen werden mußte aus dem Zuchthause, dem Jungen hatten sie aber erzählt, er sei in Amerika. Und wiewohl der Vater ihn noch einmal gesprochen nach seiner Verurteilung und sie sich Briefe schrieben, so wußten sie nicht, ob er zu ihnen kommen werde, und hatten zwar große Sehnsucht nach ihm, aber der Vater wagte doch nicht, nach dem Orte seiner Strafe abzureisen und ihn dort zu empfangen, denn er fürchtete, daß ihm das wieder mißfallen möchte und ihn wieder verhärte. Deshalb waren jetzt ihre Herzen gespannt in Furcht und Hoffnung, denn gleich nach den Feiertagen waren die Jahre abgelaufen. So hatte nun dieses Weihnachtsfest für sie eine besondere Bedeutung. Und wie es oft geschieht, daß guten Menschen Not und Sorge das Herz offen machen für andere, wie bei bösen sie es verschließen, so sprach die Frau zu dem Mann, er solle zu dem Mieter hinübergehen und den einladen zu ihrem Weihnachtsbaum, denn sie hatte wohl gemerkt, daß er ein einsamer Mensch war, um den sich niemand kümmern mochte an diesem Abend. Aber als der Mann nun in seiner festlichen Kleidung anklopfte und endlich die Tür öffnete, da fand er Hansen ohne Besinnung im Zimmer auf dem Boden liegen, und neben ihm lag das geöffnete Kistchen von der Mutter, welches ein paar Schuhe enthielt, Strümpfe und Taschentücher, und ein Stück Honigkuchen.
Wie der Arzt kam, erkannte der schweres Nervenfieber, und ordnete an, daß Hans gleich in ein Krankenhaus gebracht wurde. So geschah, und war Hans die ganze Zeit besinnungslos, wie er im Krankenwagen gefahren wurde, und nur für einen Augenblick hatte er eine gewisse Klarheit, wie man ihn durch einen langen Gang trug, an vielen Türen mit Nummern vorbei. Der Mann zu seinen Füßen war ganz weiß gekleidet, und wie er sich umwendete, sah er, daß der andre Mann ebensolche Tracht hatte; das war ihm wunderbar, was das bedeuten mochte. Auch standen da zwei Krankenschwestern, von denen sagte die eine: „Und nicht einmal am Weihnachtsabend hat man Ruhe, das ist hier wie im Gefängnis.“ Da vergingen ihm die Sinne wieder, aber um das Wort „Gefängnis“ bildeten sich allerhand wirre und unfaßbare Phantasien, die ihm eine große Angst einflößten.
Nach seiner bestimmten Zeit kam Hans wieder zur Besinnung, aber da war sein Körper sehr schwach, und lag in großer Mattigkeit in einem Bett; seine Seele indessen war erfüllt von Bangigkeit, Reue und Angst, und erschien ihm sein Leben nutzlos verschleudert, und er meinte, daß er mit allem am Ende sei.
Dieses merkte die Pflegerin, die ihn besorgte, daß er nicht die friedliche und ruhige Stimmung des Gemütes hatte, die nach einer schweren Krankheit uns trösten soll und wieder ganz gesund machen. Deshalb fragte sie ihn, weshalb er sich verzehre, und hörte mit Geduld, wie er sich selbst anklagte. Da antwortete sie ihm, daß er sich aufrichten müsse und den Willen haben zu Kraft und Freude, und um ihm Mut zu machen, sagte sie, daß er sie selbst betrachten solle, wie sie ruhig sei und in Ordnung ihre Pflicht erfülle, und habe doch Schweres in ihrer Vergangenheit begangen, das sie ihm erzählte.
Ihr Vater war ein einfacher Mann gewesen, der in seiner frühen Jugend weit in die Welt gekommen war, und hatte da manches gesehen, davon in seiner Heimat niemand etwas bekannt war. Deshalb kehrte er nach Hause zurück mit einem wenigen von Geld, das er in der Fremde verdient, und tat sich mit einem reichen Bürger seines Ortes zusammen, einem Schlächtermeister, und mutete auf Kohlen. Und so hatte er Glück und fand reiche Kohlenlager, und war auch weiterhin verständig, indem er sich nichts abschwatzen ließ, sondern mit seinem Genossen sein Gefundenes selber ausbeutete, und gelangte auf diese Weise zu großem Reichtum, daß er viele Zechen besaß und auch Eisenwerke baute und Bahnen anlegte; und ward seine Heimat durch ihn ganz verändert aus einem grünen und frischen Lande, wo Holzhauer wohnten und Gebirgsbauern, zu großen Orten mit düsteren Häusern und Straßen voll schwarzen Staubes und zu Luft voller Qualm der rauchenden Schlote, und zogen viele fremde Leute zu, und auch die Einheimischen arbeiteten bei ihm in Schächten und Hütten, mit Verdrossenheit und Unmut. Er selbst aber ward ein schweigsamer und stiller Mann, der des Morgens in der Frühe in seine Arbeitsstube ging, Briefe las und Antworten diktierte, und wenn er einen ansah von seinen Leuten, so war sein Gesicht seltsam zerstreut, denn er dachte an eine Zeche oder eine Schwankung der Preise; und seine Erholung war, daß er am Abend in das Klubhaus ging, wo auch seine studierten und feinen Angestellten sich erfreuten, da setzte er sich allein in eine bestimmte Ecke und hatte vor sich ein Glas eines bestimmten Weines, und saß stumm da, spielte etwa einmal mit seinen Fingern. Dann ging er nach Hause und wanderte lang auf und ab in seiner Wohnstube, und am Ende legte er sich schlafen in seinem Schlafzimmer, das war eingerichtet mit fürstlicher Pracht. Er hatte als junger Bursche geheiratet, ein Mädchen seines Standes, die war an zehn Jahre älter wie er; von der hatte er zuerst keine Kinder, aber später bekam er mit ihr eine Tochter. Nun war er selbst mit der Zeit in Aussehen und Benehmen ein Mann geworden, wie wenn er immer in seiner jetzigen Lage gelebt hätte, und hatte auch auf seiner Wanderschaft fremde Sprachen gelernt und redete seine Muttersprache fast ohne Dialekt; die Frau aber konnte sich nicht recht in die neuen Zustände passen, denn nur, daß sie prunksüchtig wurde und zänkisch, sonst behielt sie alle ihre alten Gewohnheiten und Sitten bei. Das hatte den Mann nicht sehr gestört, solange das Kind nicht da war, denn er lebte wenig mit ihr zusammen; wie jedoch das Kind geboren war und einige Jahre alt wurde, da schied er sich von ihr, und sie zog weit weg, er aber behielt das Kind.
Nun wurde das Mädchen erzogen von teuren Erziehern, und am Mittag, wenn gegessen wurde, sah sie der Vater immer, denn sie mußte ihm gegenüber sitzen, sonst sah er sie aber nicht, weil er zu viel zu bedenken hatte. Da wuchs denn das Kind auf, wie es mochte, denn die Erzieher wagten nicht, streng zu sein, und der Vater erfüllte ihr alle Wünsche, weil er sie so wenig sah und doch wollte, daß sie ihn lieb hätte, und wie er nicht mehr wußte, was einem Kinde recht und passend ist, so schenkte er ihr viel kostbares Spielzeug. Hierdurch gewöhnte sich das Kind, daß alles seinen Einfällen gehorchen mußte, und daß es teure Dinge für nichts achtete und keine Grenze fand für seine Wünsche, und das ganze Leben erschien ihm langweilig. So wuchs das Mädchen heran zu einem schönen Fräulein, und ihre Erzieherin redete ihr allerlei vor von der Liebe und von vornehmen Heiraten. Da kamen auch bald Freier von allerlei Art. Es wollte aber der Vater gern, daß sie einen jungen Mann ehelichte, der bei ihm diente in seinem Geschäft und tüchtig war in aller Hinsicht. Diesen ladete er oftmals zu Tisch ein und fragte seine Tochter, wie er ihr gefalle; da antwortete sie, daß sie ihn sich gar nicht recht angesehen habe; und wie er ärgerlich wurde über diesen Hochmut und ihr sagte, daß er selbst ein armer Arbeitsjunge gewesen, der mit einem Schnupftuchbündel in der Hand in die Fremde gezogen sei, da zuckte sie nur die Achseln, und er vermochte nichts weiteres über sie, denn er mußte zu viel an seine Geschäfte denken und konnte deshalb ihr Wesen nicht erfassen.
Nun drängten sich um sie viele glänzende und vornehme Herren und schmeichelten ihr, und da sie unerzogen war und nicht bedachtsam, weil sie niemals auf Festes gestoßen war, so glaubte sie wörtlich alles, was ihr Schönes gesagt wurde, und ward noch hochmütiger; lieb gewinnen aber konnte sie niemand, in der Art, wie ihre Erzieherin ihm das geschildert hatte, die ein häßliches und armes Mädchen gewesen war, das immer sehnsüchtig zur Seite gestanden hatte; und am Ende dachte sie, daß sie ein Wesen von ganz besonderer Art sei, das beglücken könne, wen sie wolle, wie der Zufall aus den vielen Mitspielern einer Lotterie einen herausgreift, blindlings und ohne Grund. Da war nun in dem Kreise ein junger Offizier, der ganz arm war und von bürgerlicher Herkunft und nicht besonders ansehnlich, aber er hatte ein braves Gemüt und einen rechtlichen Charakter; der durchschaute wohl ihr Wesen, und weil er zudem bei so vielen glänzenden Bewerbern doch gar keine Aussichten zu haben schien, so hielt er sich ganz still und ruhig im Hintergrunde und bekümmerte sich nicht um sie. Diesen nun, weil er allein von allen abseits stand, suchte sie gerade aus, denn für so hochstehend hielt sie sich, daß seine Unansehnlichkeit und der Glanz der andern vor ihren Augen ein ganz gleiches Verdienst hatten. Der Jüngling, der zuerst glaubte, daß sie nur mit ihm spielen wolle, zog sich noch mehr zurück, wie er ihre Annäherungen bemerkte, und das wiederum machte sie nur hartnäckiger, so daß er am Ende verspüren mußte, es sei ihr Ernst mit ihrem Entgegenkommen. Da verfiel er der menschlichen Schwachheit, daß die Hoffnung, welche derart in ihm erweckt wurde, ihm einen glänzenden Schleier vor ihrem Bilde ausbreitete, daß er die Fehler und Mängel nicht mehr sah, die er früher recht scharf bemerkt, denn er war auch stolz und kannte seinen Wert in seinem geringen Äußern, und es schien ihm ein Besonders von ihr, daß sie ihn unter den andern nun herausgefunden hatte; so meinte er denn, daß sie in einer glücklichen und redlichen Ehe ihr voriges Wesen bald ändern werde, das ihr ja nur äußerlich angeflogen sei. Und auch ihr Vater wurde getröstet über ihre Wahl, denn er hoffte, daß er aus diesem jungen Mann sich werde einen Nachfolger erziehen können. Derart wurde dann die Hochzeit der beiden gefeiert; aber schon an dem Tage der Feier und vor der Trauung kam zwischen den beiden der erste Streit, um eine geringe Kleinigkeit, und die Braut, die schon festlich geschmückt war und nur noch des Kranzes harrte und des Schleiers, zog den Ring vom Finger und warf ihn auf die Erde. Da wendete sich der Bräutigam und wollte zur Tür hinausgehen; aber schon hatte er eine zu große Liebe gefaßt, daß er nicht mehr sich trennen konnte, deshalb kam er zurück, hob den Ring auf und gab ihn ihr wieder mit bittenden Worten.
Nun führten die beiden eine recht unglückliche Ehe, denn der Mann war ernsthaft und wollte lernen, damit er später alles leiten könnte, wenn sein Schwiegervater einst tot wäre; die Frau aber verspottete und kränkte ihn, und er war ganz weich in ihrer Hand und konnte ihr nicht antworten, wie er gemußt hätte; und sie selbst war dabei ohne Tröstung und langweilte sich, weil sie nicht wußte, was sie wollte. Ihr Vater indessen gewann mit der Zeit den Mann lieb wie seinen Sohn, denn er war viel um ihn, und waren beide vom gleichen Schlage; deshalb sagte er ihm, er solle sein Weib gehen lassen, wie sie wolle, denn es sei ja auch eine Torheit, wenn man sich Ruhe wünsche und Zufriedenheit, weil kein Mensch die erreichen könne, außer etwa in ganz jungen Jahren, wo man nur seine Sehnsucht vor sich habe und nicht die Wirklichkeit. So wurde denn der Mann zu einem Menschen wie der Alte war.
Inzwischen waren noch viele Verehrer um die Frau, die wohl sahen, daß sie unglücklich war, und ihr weiter schmeichelten und sich kränken ließen von ihr. Da fiel es ihr ein, aus Hochmut und Überdruß, und weil sie ihren Vater und Mann beleidigen wollte, daß sie sich einen Liebhaber aussuchte; das war ein windiger junger Mensch, der ein groß Wesen machte von sich, aber von Schulden lebte und von niemand geachtet wurde; mit dem ließ sie sich ein, denn es war ihr recht, daß er sie in wunderlicher Weise vergötterte, wie es wohl in törichten Büchern beschrieben wird. Ihr Mann und Vater merkten nichts von dem Wesen, trotzdem sie recht offen war, denn die hatten ihre Arbeit und dachten nicht an weiteres, sie aber trieb es so weit, daß sie ein Kind bekam, und ihr Mann meinte, es sei sein Kind, und freute sich über das Söhnchen, und ihr Vater hoffte, daß es auf einen von ihnen beiden schlagen möge und nicht auf die Mutter. Danach entzweite sie sich mit dem leichtfertigen Menschen, denn der wurde von den Gläubigern gedrängt und war in seiner beständigen Angst gegen sie nicht mehr so aufmerksam gewesen wie vorher; lieb gehabt aber hatte sie auch ihn nicht.
Nun geschah es, daß die beiden Männer eine Erholung haben wollten von ihrer schweren Arbeit, kauften sich eine Lustjacht und machten mit der Frau und dem Kinde eine Seereise. Wie sie unterwegs waren, bezog sich an einem Nachmittag der Himmel und kam Regen und stürmisches Wetter, so daß sie alle nach unten gingen in die Kajüte, indessen die drei Leute, welche das Schiff bedienten, auf dem Deck arbeiteten. In der engen und dumpfen Kajüte aber befiel sie alle eine eigne Gereiztheit, und sie begannen sich untereinander Vorwürfe zu machen, indessen draußen die Wogen wunderlich gingen; da warf der Vater der Tochter vor, daß sie an nichts Freude habe und keinen Menschen liebe, und die Tochter sprach gegen den Vater, daß er immer nur an sein Geschäft denke und sich nicht um sie bekümmere, und wie der Mann gut zureden wollte, da höhnte sie den, daß er nichts verstehe, wie in seiner Schreibstube sitzen, und auch der Mann wurde heftig und sagte, daß er ihr Herr sei; inzwischen war der Knabe, der damals dreijährig sein mochte, ängstlich geworden und schmiegte sich an den Vater; die Frau aber geriet in einen maßlosen Zorn und schrie, niemand sei ihr Herr, und indem der Mann das Kind halten wollte, weil das Schiff sehr schaukelte und er Furcht hatte, der Sohn möchte fallen und sich verletzen, da rief sie, das Kind gehöre ihr und nicht ihm, denn sie habe es von einem andern.