Wie sie diese Worte in blindem Haß hervorgestoßen hatte, taten sie ihr leid, denn die beiden Männer wurden ganz bleich, aber in dem Augenblick rief das Kind in großer Angst ihren Namen, und da fielen sie alle um von einem starken Stoß und rollten durch die enge Kajüte und konnten sich nur mit großer Mühe wieder aufrichten, aber wie sie sich aufgerichtet hatten, da waren der festgeschraubte Tisch und Stühle über ihren Köpfen in der Luft, und das Geschirr, das auf dem Tisch gestanden, lag auf dem Boden mit samt dem Tischtuch, und nach einer Weile sagte der Vater, daß das Schiff gekentert war. So trieben sie nun auf der See mit dem Kiel nach oben und das Deck war unter dem Wasser, und das Wasser drückte und klopfte gegen die Decke der Kajüte und klatschte gegen die Tür, und in solcher Lage erhielt sich die Jacht durch die eingepreßte Luft, die nicht hatte entweichen können, weil sie so ganz schnell umgeschlagen war, die Männer aber, die oben gewesen, waren fortgeschwemmt und ertrunken. Erst langsam wurde den Eingeschlossenen das klar, denn sie hatten eine große Angst. Es quoll auch bald Wasser von unten, denn das beständige Schlagen der Flut machte die Bretter locker, und so mußten sich denn die Menschen beizeiten umsehen, wo sie sich besser sicherten, und da sie nicht hinausgehen konnten aus dem kleinen Raum, denn vor der Tür war ja Wasser, so blieb ihnen nichts, als daß sie sich recht hoch machten. Deshalb schwang sich der Mann erst auf den Tisch, der oben festgeschraubt war in dem früheren Boden und prüfte die Haltbarkeit, und dann hob er die Frau hoch mit dem Kind und half dem Vater. Wie das geschehen war, suchte er auf dem Boden nach Essen und fand einige Brötchen und Zwiebäcke und ein Töpfchen mit Eingemachtem, das reichte er alles hinauf, und dann las er noch die Messer und Gabeln auf, die herumlagen, denn mit denen wollte er oben eine Diele entfernen, damit sie noch höher kommen konnten in den hohlen Kielraum des Schiffes. So schnitt er erst den Fußteppich durch und machte sich dann daran, mit dem unpassenden Werkzeug die Schrauben herauszuschneiden, welche die Dielen auf den Sparren festhielten; denn aufdrehen konnte er sie nicht, weil er dabei sein Messer zerbrach. Über diesen Anstrengungen verspürten sie, wie das geringe Licht, das von unten durch das runde Fenster im Wasser kam, immer geringer wurde, denn es waren ja auch nur wenige Lichtstrahlen, die durch die schaumbedeckten Wellen bis zu dem Fenster drangen; und dazu stand unten das Wasser in der Höhe von mehreren Fuß in der Kajüte, auf dem lustig eine Schachtel mit Streichhölzern und zwei Korke schwammen; die Luft aber wurde immer verbrauchter und schien immer schwerer zum Atmen, entwich auch an einer Stelle durch den Druck des Wassers unten mit einem leisen Pfeifen, und dadurch stieg das Wasser in dem Raum langsam immer höher. Die beiden Männer arbeiteten fleißig, und der alte Mann hatte einen Überschlag gemacht, daß bis zum andern Morgen die ganze Luft aus dem Raume entwichen sein mußte und das Wasser bis oben stand und sie alle erstickte, wenn sie nicht die Diele bis dahin gelöst hatten und sich in den Kielraum retten konnten, der aber würde wohl immer über dem Wasser bleiben, weil er ja durch das viele Holzwerk unten getragen wurde.
Wie es nun gänzlich Nacht geworden war und sie alle sehr müde waren, beschlossen sie, daß sie eine kurze Weile schlafen wollten, um neue Kräfte zu schöpfen, und der Vater erbot sich zur ersten Wache und wollte inzwischen weiterarbeiten im Dunkeln, und die zweite Wache sollte der Schwiegersohn übernehmen. So taten sie; aber nach einer unbestimmten Zeit schreckte der Mann aus dem Schlafe auf und hörte nicht mehr das leise Geräusch des arbeitenden Messers, das kleine Späne loslöste, da wußte er, daß der alte Mann ertrunken war, und deshalb arbeitete er allein weiter. Es erwachte dann auch die Frau durch große Beklommenheit des Atems, und das Wasser klatschte schon leise an die Platte des Tisches, auf dem sie saßen. Indessen war es dem Manne gelungen, daß er die Schrauben der einen Diele an seiner Seite herausgeschnitten hatte, und nun riß er die Scheuerleiste fort und faßte vorsichtig mit zwei Gabeln von beiden Seiten, um sie zu biegen, bis er sie mit den Händen fassen konnte; und indem die Frau half, gelang es auch, daß sich die Diele so weit bog, und nun ergriff er sie und riß an ihr mit aller Kraft, daß sie in der Mitte abbrach und über ihnen eine schmale Öffnung in den Kielraum wurde. Aber durch das Gegenstemmen hatten sich zwei Schrauben gelöst, durch welche die Tischbeine befestigt waren, und der Tisch glitt schräg ins Wasser. Die Frau hielt sich noch an der Diele über ihnen fest und schwang sich durch die gebrochene Öffnung in den Kielraum, das Kind aber war ins Wasser gerollt, und der Mann wollte das Kind retten und stürzte sich nach, aber er stieß mit dem Kopf gegen etwas, tat einen lauten Schrei und kam nicht wieder, und auch das Kind ist ertrunken.
Nun kauerte die Frau oben im Kielraum vor der Öffnung, und der kalte Hauch des Wassers drang zu ihr empor. Nach langer Zeit kam eine geringe Helligkeit in das Wasser unten; da war es noch höher gestiegen, und wie sie genau zusah, erblickte sie unter sich eine Hand mit gekrampften Fingern.
Wie sie gerettet war und sich erholt hatte von allem, was sie ausgestanden, verspürte sie, daß eine Wandlung in ihr vorgegangen. Vornehmlich hatte sie jetzt den Wunsch, daß sie etwas tun wollte, aber der war ihr nicht gekommen durch Ängste des Gewissens, Reue und Absichten von Buße, sondern ohne einen andern Grund, nur weil sie ein neuer Mensch geworden war. Deshalb überlegte sie sich alles, ihr früheres Leben und seine Bedingungen, da fand sie, daß ganz notwendig alles so geschehen mußte, wie es wirklich geschehen war, und sie selbst hatte keine Schuld und auch andre nicht. Denn ihr Vater konnte nicht leben, wie er wollte, sondern war einem Zwange unterworfen, daß er immer an seine Arbeit denken mußte und keine andern Gedanken haben durfte. Und da er nun in einer andern Klasse der Gesellschaft lebte wie vorher und sein Kind auch in dieser Klasse leben mußte, so konnte er seine Frau nicht behalten; deshalb war es nötig, daß er sein Kind Fremden anvertraute, die aber waren arme Menschen, welche gänzlich von dem Kinde abhingen, deshalb vermochten sie ihm nicht zu widerstehen. So war sie denn zu einem solchen Wesen geworden, wie sie bis dahin war, und nur das blieb zu verwundern, daß sie nicht noch Schlimmeres getan. Nun aber wollte sie einen neuen Weg gehen, und da schien es ihr das beste, wenn sie Krankenpflegerin würde, weil sie da wirklich tätig sein konnte, denn alle Untätigkeit war ihr jetzt ein Ekel. So lebte sie nun schon seit einigen Jahren und war sehr ruhig und genoß dasjenige Maß von Glück, das ihrer besonderen Art bestimmt war und wohl freilich nicht sehr groß sein mochte.
Dieses alles erzählte die Schwester dem Hans, und der wunderte sich sehr über ihren Frieden. Aber nachdem er ihre Geschichte lange bedacht hatte, da fand er am Ende doch, daß sie wohl ein andrer Mensch war wie er; denn wiewohl er sich viele Mühe gab zu Ruhe, so hatte er doch beständig Gewissensbisse und Selbstvorwürfe, und das Leben erschien ihm ganz schwierig. So sah er ein, daß die Gottlosen leichter leben wie die, so an Gott glauben, und ergab sich ihm, daß wir höher kommen sollen dadurch, daß wir an Gott glauben, denn wenn uns das Leben schwierig wird, so steigen wir indessen auf einen hohen Berg, wo die Luft härter und reiner ist, und die Arbeit der Menschen ist tief unter uns, die sie treiben, damit sie ihr fleischliches Leben erhalten.
Die meisten der Pflegerinnen hatten keine Geschichte gehabt und waren nur so gewöhnliche Menschen, die mit Widerwillen ihre Aufgabe erfüllen; aber noch eine andre Schwester wurde für Hans merkwürdig, denn die bildete ein Gegenstück zu jener ersten. Deren Erlebnis war folgendes gewesen:
Sie war als Tochter eines höheren Beamten geboren, und ihre Eltern lebten in beständigen Sorgen, weil ihre Mittel zu gering waren, um den Aufwand zu befriedigen, den sie für nötig hielten. So wurde sie schon frühe gewöhnt, überlegend und sparsam zu sein und nach außen doch eine gewisse Unbefangenheit zu zeigen, und ihr Wunsch war von Jugend an, sie möchte einmal ein recht tüchtiger Mensch werden, damit sie ihrem späteren Mann in ihrer Art behilflich sein könne.
Wie sie noch jung war, bewarb sich ein recht gut gestellter Mann um sie, ein Rechtsanwalt, der sie an Jahren ziemlich übertraf, und auf das Zureden ihrer Eltern heiratete sie den, wiewohl sie keine besondere und außergewöhnliche Zuneigung zu ihm verspürte; aber ihre Mutter hatte ihr in vertraulicher Weise gesagt, daß wohl überhaupt nur wenigen Menschen das Glück einer wirklichen Liebe werde, die man sich vorstelle in der Jugend. Sie gewann mit der Zeit den Mann auch in ruhiger und einfacher Weise lieb, denn er war gut zu ihr und sehr zuverlässig und tüchtig, daß jeder vor ihm Achtung haben mußte. Kinder indessen bekam sie nicht von ihm. Nun stellte es sich aber heraus, daß sie einen verschiedenen Willen hatten über das, was die Frau tun soll, denn sie hatte gemeint, daß sie eine rechte Tätigkeit haben werde in Leitung des Hausstandes, guter Wirtschaft und umsichtiger Fürsorge; er aber, da er keine Kinder hatte und viel verdiente, wollte gar nicht, daß seine Frau so viel Eifer auf diese Dinge verwendete, denn er mochte lieber, daß sie sich schön putzte und darauf sann, wie sie ihm allerhand Spiel und Gaukelwerk vormachte, wenn er von seiner Arbeit kam. Und ferner hatte sie gemeint, daß die Frau mit dem Mann viel Ernsthaftes reden werde und von ihm manches lerne, er aber war nicht zu gründlichen Gesprächen mit ihr aufgelegt, sondern wendete alles zu Scherz und Kurzweil, wenn er mit ihr war. Hierüber wurde sie recht traurig und fühlte sich ohne Glück und Befriedigung und empfand eine große Langeweile und zuweilen sogar einen Ärger über ihren Mann.
Als dieses so ging, kam in das Haus ein Verwandter des Mannes, ein junger Herr, welcher seine Universitätsstudien beendet hatte und auch seine ersten praktischen Jahre und nun als junger Assessor bei seinem geschickten und klugen Oheim noch lernen wollte. Dieser hatte viel Liebe zu aller Art von Kunst und Dichtung und hatte auch über die Fragen unsers gesellschaftlichen Lebens nachgedacht und besonders über die Bestrebungen der Frauen, die heute mehr Selbständigkeit und Beachtung wünschen. Da geschah es bald, daß er mit der Frau in eifrige Gespräche kam, und lieh ihr Bücher, erzählte ihr von allem, was heute geschieht und was viele denken, und sie stritten oft miteinander; und weil sie beide gute und harmlose Menschen waren und auch der Mann ohne Arg war, so dachte keiner von ihnen, was aus diesem entstehen konnte. Am Ende aber kam die Frau als erste zur Klarheit, was ganz plötzlich geschah, es wurde nämlich ihr Mann unvermutet von einer elektrischen Bahn überfahren und in solchem Zustand ins Haus gebracht, daß sie zuerst meinte, er sei tot, da verspürte sie plötzlich, daß sie den Jüngling liebte, und in heftiger Verzweiflung kamen ihr die Tränen aus den Augen; der Mann war aber nur leicht verwundet gewesen und genas wieder nach einiger Zeit. Da beschloß sie, wie er wieder ganz gesund war, daß sie ihm alles sagen wollte, ging zu ihm und erzählte von Anfang an und schloß, daß sie eine Liebe zu dem andern gefaßt habe. Hierüber wurde der Mann sehr bekümmert, wie er aber sah, daß sie selbst so verzweifelt war, tröstete er sie und machte ihr Mut, sagte ihr, daß er sie liebe und schonen wolle, und sie werde die Neigung überwinden, und alles werde wieder gut sein, wie es früher war, und darauf ging die Frau aus dem Zimmer und war in getroster Hoffnung, daß alles so geschehen müsse, wie der Mann gesagt.
Der aber ließ sich alles noch eine Weile durch den Sinn gehen, und dann verblaßte ihm die Rede seiner Frau und schien ihm nach einiger Zeit ganz unwichtig, denn sie schämte sich auch und sprach nie wieder zu ihm von dem vorigen, und ihre Scheu bemerkte er nicht. Deshalb tat er nichts, um das Verhältnis zu ändern, das bis dahin bestanden, sondern ließ alles beim alten, und der Jüngling war nach wie vor in ihrer beider Nähe. Und sie verschloß sich immer mehr innerlich und hatte eine große Angst und fühlte sich einsam und ohne Schutz.