Wie sie nun in diesen Gesinnungen sich von dem Jüngling ferner hielt wie sonst, da kamen auch diesem neue Gedanken, und es wurde ihm bewußt, daß auch er seinerseits eine Neigung gefaßt habe, und so erklärte er sich die Zurückhaltung der Geliebten so, daß er meinte, sie habe etwas von seiner Neigung verspürt und sei etwa gekränkt und beleidigt, und über diesem Gedanken wurde er recht unglücklich und härmte sich ab mit Vorwürfen. Und wie sie beide auf solchem Wege waren, da geschah es nach einiger Zeit mit Notwendigkeit, daß sie zueinander sprachen, und am Ende wuchs dem Jüngling die Kühnheit, und er gestand mit Worten seine Liebe. Da erhob sie sich, sah ihn zärtlich an und ging von ihm auf ihre Stube und hatte da einen Dolch heimlich verborgen, eine altertümliche Waffe, die sie einmal in Italien gekauft hatte aus Freude an dem kunstvollen Griff und in romantischer Spielerei, den stieß sie sich in die Brust, und sie stieß ganz sicher, und um ein Haar wäre sie da gleich gestorben, aber durch einen glücklichen Zufall und später durch die Kunst eines geschickten Arztes blieb sie doch am Leben und genas langsam wieder, indem sie in ihrem Stübchen am Fenster saß und sehnsüchtig in die frühlingsblühenden Bäume vor ihrem Hause blickte. Und war in dieser Zeit ihr Mann sehr gut zu ihr, brachte ihr viele Geschenke von kostbaren Kleiderstoffen und schönem Schmuck und klagte, daß er sich ihr nicht so widmen könne, wie er möchte, weil seine Arbeit ihn festhielt; von dem jungen Vetter aber erzählte er nie, der war fortgezogen in eine andere Stadt.
Wie sie nun wieder ganz gesund war, setzte sich der Mann öfter mit ihr zusammen und besprach mit ihr solche Dinge, über die sie mit dem Jüngling geredet hatte, mit ihm aber früher nie, denn mit ihm hatte sie nur Kindereien getrieben. Aber er war viel klüger und erfahrener wie der junge Mann und stammte aus einer älteren Zeit, die einen andern Glauben hatte, und so stimmten seine Worte nicht zu den Worten seiner Frau und waren wie die eines Lehrers zu einem widerwilligen Schüler. Hierüber kam es, daß sie einen neuen Entschluß faßte und aus ihres Mannes Haus ging bei der Nacht und in die Stadt reiste, wo der Neffe lebte in einem Studentenstübchen unterm Dach. Den suchte sie auf in seiner Wohnung und sprach, sie wolle mit ihm leben.
Es wurde nun viel Übles geredet, und das Gericht schied sie von ihrem Manne, und sie dachte, daß sie jetzt den Geliebten heiraten wolle, auch war alles schon vorbereitet für dieses Ende. Da geschah es, daß sie an einem Abend mit ihm ausging, und er führte sie an seinem Arm, sie gingen aber eine breite Straße, wo viele Geschäftsläden waren, in denen große Spiegel stehen, welche die Auslage sollen reicher erscheinen lassen; und die Spiegel stehen häufig so, daß man sich in ihnen ganz genau erblickt, wenn man vorbeigeht, und es ist, als komme man sich selbst entgegen. So sah sie auch sich selbst am Arm ihres Geliebten, und durch einen Zufall erblickte sie neben dem ein sehr schönes Mädchen, das etwa einen Schritt vor ihm ging. Da fiel ihr auf, daß sie älter war wie der Mann, und dachte, daß sie ein Unrecht tue, indem sie ihn heiraten wollte, und er werde die Heirat später bereuen. Sie sagte aber nichts, sondern ging ruhig weiter; nur machte sie sich zu Hause heimlich zurecht, schrieb ihm einen Brief zum Abschied und reiste von ihm fort, und weil sie nirgendshin wußte, denn alle hatten sie ausgestoßen, so ging sie in eine Gesellschaft von Krankenschwestern, lernte bei denen mit großem Eifer und war nun am Ende in das Haus gekommen, wo Hans jetzt krank lag.
Diese hatte eine ganz andere Gemütsart wie jene erste, denn sie lebte in beständiger Gewissensnot und tat viel um ihrer Seele willen. Es kam aber wohl alles, was sie tat, aus ihrer Güte und Liebe, und deshalb übte es eine gute Wirkung; sie selbst aber hatte dabei immer das Ende vor sich, daß sie eine Qual und Überwindung haben wollte, deshalb ging sie zu denjenigen Kranken, welche die widerwärtigsten schienen, und so hatte sie eine wahrhafte Buße.
Weil nun Hans doch seine Seele gesund machen wollte, so sprach er auch mit dieser über seine Furcht und Gedanken. Da antwortete sie ihm, daß sie ruhig sei und keine schweren Gedanken habe, wenn sie etwas Mühseliges und Widerstehendes tue, das in Wahrheit ein Opfer sei; wenn sie aber äußerlich wohllebe, so könne sie nach einiger Zeit ihre Gedanken nicht mehr aushalten, die sich untereinander anklagen und verteidigen.
Hierdurch wurde es Hansen klar, daß auch diese Frau wohl den Weg gefunden habe, der für sie selbst gangbar sei, aber für einen andern Fuß war der nicht geschaffen, denn es war ja klar, daß diese Frau ihre Geschichte nicht verwinden konnte wie die erste, sondern sie vermochte sich nur für eine Zeit zu betäuben; er aber wollte ein freier Mensch werden, der nicht von Furcht, Hoffnung und Geschichte abhing, sondern jede Handlung wollte er immer als ein Neuer und Frischer tun; nur konnte er zu diesem Wesen nicht auf die Weise kommen wie die erste Frau, sondern es mußte eine besondere Weise für ihn geben. Wie er in dieser Verfassung lag und vieles grübelte hierüber, besuchte ihn der alte Mann, bei dem er gewohnt, und der ihn hatte einladen wollen zu seiner Weihnachtsfreude, als er ohnmächtig in seiner Stube auf dem Boden lag. Der erzählte allerlei mit fröhlichem Gesicht, was sich ereignet unter den kleinen Leuten, die in dem Hause lebten; und am Ende konnte er es nicht mehr verschweigen, was er vornehmlich auf dem Herzen hatte und doch nicht gleich zu Anfang sagen wollen, aus Bescheidenheit, weil er sich nicht mit seinen eignen Angelegenheiten vordrängen mochte, denn sein Sohn war zurückgekommen aus dem Zuchthaus, wo er Wolle gesponnen hatte, und hatte einen kahlen Kopf gehabt und ein rasiertes Gesicht, und hatte sehr blaß ausgesehen, und die Augen lagen ihm tief. Er war eingetreten, und die Eltern hatten ihn zuerst nicht erkannt, da sagte er: „Wollt Ihr mich denn verstoßen?“ Da erkannten sie ihn an der Stimme und sprangen auf vom Stuhl und freuten sich, ihm aber rollten große und runde Tränen aus den Augen über die abgehärmten Backen, und mußte sich auf das Sofa setzen, und die Mutter lief gleich in die Küche und kochte ihm Schokolade, die hatte er als Kind immer gern getrunken, und der Vater sprach mit ihm von den Ernteaussichten und klagte über die Fleischpreise, denn er wollte sich anstellen, als sei nichts Bedeutsames geschehen. Dann kam der Knabe aus der Schule, und wie der seinen Vater sah, der so lange in der Fremde gewesen war, da freute er sich und kletterte an ihm in die Höhe, denn er war ein dreister Junge, und von seines Vaters Schande wußte er nichts. Alles das erzählte der alte Mann und freute sich über seines Sohnes Heimkehr, der im Zuchthaus gesessen hatte und hatte Wolle gesponnen, und mehrmals sagte er: „Er hat uns doch nicht vergessen in den Jahren, und alles wußte er noch, wie es früher gewesen war, als wir ihn noch bei uns hatten.“
Das war Hansen wunderlich, daß der alte Mann sich so freute und gar keinen Vorwurf hatte, sondern nur zu rühmen und zu loben wußte. Da fiel ihm das Evangelium vom verlorenen Sohn ein, der hatte die Säue gehütet und machte sich auf und kam zu seinem Vater. Wie er aber noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und jammerte ihn, lief, und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn. Und als Hans an dieses dachte, da ging es ihm wie Schuppen von den Augen und sank ihm wie eine Last von den Schultern und sein Herz ward leicht, und er wußte, daß wir einen Vater im Himmel haben, der uns lieb hat und sich freut, wenn wir zu ihm kommen, keinen Vorwurf sagt, sondern uns rühmt und lobt und spricht: „Laßt uns fröhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden.“ So geschah in einem Augenblick die Wendung in Hansens Leben und wurden seine Jünglingsjahre abgeschlossen, denn nun sah er einen ebenen Weg vor sich, der durch Tage ruhiger Arbeit zu einem friedsamen Alter führt. Da wußte er, daß auch die Not und Sorge nötig gewesen war, und aller Irrtum und das überflüssige Grübeln, nicht zu dem Ende freilich, das er damals gemeint hatte, zu einer abschließenden Erkenntnis zu kommen, denn was half es ihm, daß er wußte: Nach der letzten Denker Meinung ist mein Ich kein Wesen, sondern ein Geschehen, eine Beziehung, eine mittlere Linie aus subjektlosen Willensenergien; sondern zu dem Ende, daß er gänzlich die jugendbegehrliche Vorstellung von Gott abstreife, als einem Wunschwesen, von dem man allerlei erbittet, und die neue gewann, daß er so wenig Wesen ist wie ich selber, und doch mein lieber Vater im Himmel ist, der sich freut über meine Heimkehr.
Und wie das scheinbar zufällige äußere Wesen das innere umhüllt als sein rohes Abbild, so kamen nun auch die äußeren Ereignisse, die den Übergang zum Mannesalter bestimmen.
Die Tröstung, die Hans gewonnen hatte aus dem Evangelium vom verlorenen Sohne, wirkte darauf, daß er sich schnell kräftigte und von Tag zu Tag zunahm an Stärke und Freude. So geschah es, daß er bald sein Krankenstübchen verlassen konnte, dessen Wände eng waren mit einer ganz hohen Decke, und ging in den allgemeinen Saal hinunter. Hier saß er in einer seligen Müdigkeit am offenen Fenster, und frische Luft wehte an seinem lächelnden Gesicht vorbei in das große Zimmer, wo viele saßen und leise miteinander sprachen.
Da öffnete sich die Tür gegenüber, und in dem Luftzug blähte sich die Gardine auf, und wie Hans zur Seite blickte, sah er in der Türöffnung eine Krankenschwester stehen in der schwarz und weißen Tracht, die einen Blick hatte, der über vieles Nahe und Kleine hinweg in die Ferne zu schauen schien. Für einen kurzen Augenblick traf dieser Blick in seine erstaunten Augen, dann wendete sich die Schwester langsam und war wie unschlüssig und ging wieder zurück, woher sie gekommen, und die Tür schloß sich hinter ihr; auf deren weißen Fläche aber hob es sich deutlich ab wie ein leichter Schatten der Entschwundenen, welcher in dem Geiste Hansens gewesen war und nun von den körperlichen Augen gesehen wurde.