Sein Vater war ganz alt geworden, sein Haar war weiß geworden und er sagte ihm, daß er nicht als einzelner auf der Welt dastehe, sondern er sei der letzte eines ruhmreichen Geschlechtes, das immer in Ehren gelebt. Das sei nun schon ein sehr schweres Angehen, daß er nach solcher Tat das Geschlecht nicht fortsetzen dürfe, sondern es müsse mit ihm aussterben, denn wenn ein Dieb Kinder kriege, so werden die noch schlechter wie der Vater, und so müßte der Name ganz in Unehre fallen, wie so vielen alten und vornehmen Namen heute in unsern Tagen geschieht. Deshalb dürfe er aber auch das nicht tun, daß er seine Tat anzeige und vor aller Welt die Buße auf sich nehme, denn wenn die Welt erfahre, daß einer des Namens gestohlen habe, so sei es ganz umsonst, daß die Vorfahren gelebt hätten und hätten Ehre gehabt, denn alsdann ziehe er alle mit sich in seinen Schmutz. Darum solle er eine heimliche Sühne auf sich nehmen, die gab er ihm an, und die war schwerer, wie der Richter sie ihm auferlegt hätte. Denn fünf Jahre lang sollte er in einem Kloster die niedrigsten Arbeiten tun und den andern aufwarten, und dazu mußte er besondere Fasttage halten und hatte ein schlechteres Lager wie die andern, und mußte sich mit einer festgesetzten Zahl von Geißelhieben kasteien.

Dieses alles erfüllte der Jüngling genau, wie es ihm vorgeschrieben war, und nach einer Zeit wurde er ruhig in seiner Seele und kriegte eine neue Freudigkeit. So kam das Ende heran, wo er das Kloster verlassen durfte; aber da hatte er Angst vor der Welt, denn in der Welt hatte er Unrecht gehabt und Mißmutigkeit, und er dachte, er sei zu schwach, um draußen zu leben, deshalb blieb er in dem Kloster und war immer ein zufriedener und heiterer Mensch.

Der andre Freund, den Karl gewann, war ein geborener Protestant, ein Engländer. Der stammte von strengen und gläubigen Puritanern ab, die sich alle Lust verboten und nichts haben wollten im Leben wie Arbeit und Tugend, und reich geworden waren durch harte und kalte Tätigkeit. Von Geburt an war er blaß und kränklich gewesen und hatte als Kind solche Augen gehabt, die in den Himmel zu weisen schienen und sich fortsehnten aus den großen und leeren Stuben seiner Eltern in heitere und hohe Räume voller Luft und Licht.

Schon frühzeitig hatte er eine besondere Lust zum Zeichnen bewiesen, und nicht nur traf er immer mit großem Geschick die Ähnlichkeit, die er wollte, sondern es war auch ein Reiz von Schönheit und Anmut in seinen kleinen Bildern, der aus den Beziehungen der Linien kam und der Verteilung des Schwarzen und Weißen. Seine Eltern aber verboten ihm diese Übungen, wie sie seine heftige Leidenschaft sahen und wollten ihn zu einem klugen und gebildeten Kaufmann erziehen, der Gewinn finden konnte, deshalb betrieb er seine Künste im Verborgenen, unter häufigen Gewissensbissen, aber zuzeiten, wenn er es nicht mehr ertragen konnte, daß er sich Vorwürfe um seinen Ungehorsam machte, erzählte er seinem Vater von seiner Verfehlung, und dann wurde er streng bestraft; dann nach einer Weile konnte er seiner Lust doch nicht weiter widerstehen und verschaffte sich auf eine neue Weise die Möglichkeit, daß er sie befriedigte, und zeichnete was er mochte, denn die vorige Weise, die er seinem Vater gestanden hatte, war ihm unmöglich gemacht.

So wuchs er heran zum beginnenden Jünglingsalter, da veränderte sich plötzlich die Art seines Zeichnens und seiner Vorwürfe. Denn vorher hatte er Menschen, die er kannte, auf dem Papier abgerissen und sie verschönt, so daß sie einen himmlischen Ausdruck bekamen und edler schienen wie im Leben, und am liebsten hatte er ganz reine weibliche Gesichter gezeichnet, auf denen Gedanken zu lesen sein mochten, wie sie ein Engel ihnen in seltenen Augenblicken ins Ohr flüstert. Nun aber wendete sich alles Himmlische ins Teuflische, und in demselben Gesichtsschnitt war statt Reinheit und Klarheit wüste Unreinheit und gemeine Begierde, und nicht auf einfach Sinnliches ging das, sondern auf etwas Schmerzensvolles und wider alle Natur Scheußliches. Er selbst aber beharrte in seinem bisherigen Leben und war fleißig in seiner Arbeit, die ihm aufgezwungen war durch die Eltern, und keine Handlung beging er von unkeuscher oder unreiner Art; vielmehr war er vor Mädchen und Frauen von seltsamer Befangenheit und Furcht, und oft errötete er im Gespräch mit ihnen und schlug die Augen nieder; nur, daß er seinem Vater nichts mehr gestand von seinen heimlichen Kunstübungen, und so verborgen trieb er die, gelehrt durch die früheren Jahre und ihre Heimlichkeit, daß der Vater gar keinen Argwohn mehr hatte und ganz fest glaubte, sein Sohn habe das Zeichnen endlich aufgegeben. Daß er aber seinem Vater nichts mehr gestand, war seit dem ersten Bilde in seiner neuen Art.

Nun trieb es ihn indessen immer weiter in seiner eingeschlagenen Richtung und dachte sich aus, daß er nackte weibliche Körper zeichnen wolle in wunderlichen Bewegungen, und sollte etwa eine solche Figur Handschuhe tragen oder einen Schnürleib und strengte seine Gedanken ganz stark an, daß er sich ein solches Bild denken konnte, indem er nachts heimlich in seiner Kammer sich nackt auszog und vor dem kleinen Spiegel über dem Nachttisch seinen eigenen Körper betrachtete, der schmal war und ganz unreif, und in einem japanischen Bilderbuch, welches er verborgen aufhob, studierte er die nackten Frauenleiber, und auf der Straße achtete er auf die Frauen, die ihm begegneten, besonders wenn etwas Wind war und ihr Körper sich durch die Gewänder beim Schreiten abzeichnete, und entkleidete sie in seiner Vorstellung, daß sie nackt dahergingen; und in alledem war eine schmerzliche Sehnsucht und eine tiefe Lust.

Unter diesem Studieren und Arbeiten bekam er eine Sammlung von Heiligengeschichten in die Hand, die las er sehr eifrig, und besonders die Geschichten von den heiligen Frauen, wie der heiligen Katharina von Siena und der heiligen Rosa von Lima. Denen ahmte er nach in den Kasteiungen und beschaffte sich eine Kette, schlang sich die um den Leib, und die Kette rieb ihn blutig und drang ihm ins Fleisch, aber die Schmerzen taten ihm wohl, und damals wäre er glücklich gewesen, wenn es ihn nicht zu gleicher Zeit nach dem andern gedrängt hätte; so zeichnete er die heilige Rosa, wie sie als ganz junges Mädchen auf einer Wiese steht und von vielen Schmetterlingen umflattert wird, die in ihrer Heimat Peru wunderbare große Flügel und herrliche Farben haben, und ein ganz großer Falter hatte schwarze und weiße Flügel, der setzte sich auf ihre Schulter, und das war eine Berufung für sie, welchem Orden sie angehören sollte. Dieses Bild zeichnete er, aber die heilige Rosa hatte er ganz nackt gemalt, als ein dürftiges weibliches Wesen mit langen Haaren, die in sonderbaren Schlangenlinien gingen, und um ihren Mund spielte es wie eine schmerzliche Wollust und zugleich eine Unfähigkeit zur Lust. Solche Bilder aber mußte er immer zeichnen und seine seelische Unkeuschheit wurde immer stärker.

Am Ende wurde er sehr leidend, und wie ihn die Ärzte untersucht hatten, sagten sie, daß seine Lungen erkrankt seien und er müsse nach dem Süden gebracht werden. Da ließ ihn sein Vater gen Italien reisen, und wie er eine Weile an der Riviera gelebt hatte und gesünder geworden war, erfuhr er, daß sein Vater plötzlich gestorben sei. Da machte er sich gleich auf und ging zu dem Kloster und lebte dort eine Weile, bis er es endlich erlangte, daß er in die Zahl der Mönche aufgenommen wurde.

Außer diesen zwei Männern waren in dem Kloster nur Brüder, die keinerlei Geschichte gehabt hatten. Ein ruhiges und fröhliches Leben führten sie unter allerhand sonderbaren Sachen; da hatten sie ein Schränkchen, das war ganz mit Ruinenmarmor ausgelegt und eine Sammlung von Stücken aller Holzarten besaßen sie, die geschnitten und behobelt waren wie Bücher, auch ein Stück Zedernholz vom Libanon war darunter; eine besondere Kostbarkeit schien aber ein Bildnis der Muttergottes, das aus bunten Vogelfedern hergestellt war, und ein Kirschkern, auf dem ein Bruder die ganze Leidensgeschichte geschrieben hatte, daß man sie mit der Lupe lesen mußte, und fehlte kein Buchstabe.

Sehr selten geschah es, daß Fremde das Kloster besuchten, die alte Wandbilder aus Giottos Schule betrachten wollten; dann sprachen die Brüder bei Tische viel darüber, aus welchem Lande die Reisenden wohl stammen mochten und ob sie Protestanten waren oder Katholiken, wunderten sich auch, daß sie so wenig Freude an dem Kirschkern und dem Muttergottesbild zu haben schienen. Zuweilen wurde dann wohl darüber gestritten, ob die Protestanten bald zur Kirche zurückkehren würden oder noch lange in ihrer Verstocktheit beharren.