So lebte Karl, und von seiner früheren Welt erfuhr er fast nie mehr etwas, nur einmal kam zu ihm eine Nachricht über seine geschiedene Frau. Johanna hatte nach der Trennung ihren Kreis von alten Freunden beibehalten und auch durch neue vermehrt, und hatte ein Ansehen in ihrer Gesellschaft, daß viele auf ihre Meinung hörten und sie selbst hochhielten als eine Vorkämpferin und Befreierin. Alle in diesem Kreise lobten unsre heutigen Zustände und sagten, daß in unsern Tagen zum ersten Male das Individuum die Möglichkeit gänzlicher Freiheit erhalten habe, denn indem die Gesellschaft nicht mehr die volle Person in Anspruch nehme, sondern nur Betätigungen der Person verlange, so könne sich jeder zu dem entwickeln, was er werden wolle und unterliege keinem äußeren Zwange; und so dachten sie, daß aus jedem von ihnen ein Eigner und Besondrer werden müsse. Indem Johanna in diesen Anschauungen beharrte, schloß sie einen Liebesbund mit einem jungen Mann aus ihrer Gesellschaft und lebte mit ihm, und nach einiger Zeit sagten die beiden einander, daß ihre Liebe erloschen sei, und daß sie unsittlich handeln würden, wenn sie nun noch länger zusammenlebten, und so gingen sie in Freundschaft voneinander. Dann folgte eine neue Liebe, und in solcher Weise führte sie ihr Leben.
Es geschah aber, daß sie sich in diesen Umständen in Hoffnung fühlte, und hatte ein Kind. Da sagte der Vater zu ihr, daß sie nun sich gesetzlich heiraten müßten, weil die heutige Welt, obschon sie im Grunde wohl ganz neu sei, doch noch die alten Formen bewahrt habe, und deshalb sei in ihr kein Ort für eine solche Gruppe wie er, sie und das Kind, wenn sie keine Ehe nach der gebräuchlichen Form bildeten. Sie antwortete ihm jedoch, daß sie ihre Freiheit bewahren wolle und keinem Zwange unterliegen, und wolle ihr Kind auch allein aufziehen; und so tat sie auch, lebte für sich und besorgte das Kind, indem sie allen erzählte, daß sie eine geschiedene Frau sei, und das Kind habe sie von einem Freund; sie wurde aber sehr stolz und froh, wie sie verspürte, daß sie von vielen deswegen übel angesehen wurde, und meinte, daß alle Erlöser der Menschen beständigen Undank geerntet hätten, bis man später erst ihre Tat richtig erkannt. Dann begann sie und beschrieb ihr Leben von Kindheit an, und sagte, daß sie genau alles erzählen wolle, wie es in Wahrheit gewesen sei, und nichts wolle sie verschleiern, und dieses Buch dachte sie dann herauszugeben, damit jeder es lesen könne.
Die Komtesse Maria bewohnte ein kleines Stübchen, das auf einen stillen Hof hinausging, mit Möbeln, welche der Vermieterin gehörten, und hatten wohl deren gute Stube geschmückt, als der Mann noch lebte. Das Mahagoni, das die über ein Menschenalter gepflegt, war von einer gewissen Traulichkeit, und die Komtesse hatte durch allerhand kleines Wesen das Behagliche noch erhöht; so empfing eine gewisse Wärme des Frauenhaften Hansen beim Eintritt und erzeugte in ihm eine freundliche und friedliche Stimmung.
Es war einen Augenblick lang, wie sie aus der Kanne in seine Tasse goß; sie hatte eine nicht allzugroße Figur, und in ihrer Bewegung war etwas Hausmütterliches; er stand aufrecht da und schien groß und energisch; einen Augenblick lang hatten sie beide ein Gefühl: wie es wäre, wenn sie einander angehörten als Mann und Weib, und dieses wäre ihr Heim, das die Frau freundlich und friedlich machte, damit der Mann Ruhe fände, und der Mann erhielte es, und die Frau hätte bei ihm Sicherheit. Aber schnell verschwand das Gefühl durch Demut und Stolz, denn sie meinten jeder, der andere sei höheren Glückes wert, und er wolle nicht unbescheiden sein.
Dann erzählten sie sich. Zuerst war das Gespräch recht zaghaft, denn als Menschen, die viel für sich gelebt, verstanden sie nicht die Kunst der leeren Worte und scheuten sich, formelhafte Reden zu gebrauchen, bei denen sie nichts empfanden; aber bald wurden sie recht eifrig, denn sie waren auf etwas gestoßen, dafür sie beide Wärme hatten, nämlich auf gelesene Bücher.
Da ereignete sich etwas Wunderbares. Sie sprachen von diesem Buch und jenem, und beide hatten dieselben Bücher gelesen und waren auf die gleichen Fragen gekommen und hatten die gleichen Gedanken gehabt. Sie vertieften sich ganz im Zeigen und Wiedererkennen, und vergaßen sich, und im Eifer geschah es Hans, daß er zu der Gräfin sagte „Du“, worüber sie rot wurde, er aber merkte nichts. Und dann wieder kam ihnen das Märchenhafte zum Bewußtsein, daß sie sich gesehen hatten als kleine Kinder vor vielen Jahren, und jetzt waren sie beide erwachsene Menschen, und in der Zwischenzeit hatten sie ihre Köpfe über dieselben Schriften gebeugt, hatten dieselben Lehren ihren Geist erschüttert, dieselben Fragen sie umhergetrieben, und hatte doch keiner vom andern gewußt, als daß sie einmal zusammen gespielt im Heu und im alten kleinen Forsthause im Walde. Und jedem war gewesen lange Jahre hindurch, als sei er allein in der Welt, und die Menschen waren ihm nur Schatten und Geräusche und lebten nicht, und nun zeigte es sich, daß es noch einen Menschen gab, der alle diese Gedanken und Gefühle gehabt hatte; und plötzlich war es jedem, als sei die Welt nun lebendig geworden aus einem Zauber, und alle Menschen hätten Seelen bekommen. Hans hatte wohl viele Menschen getroffen, die ähnlich sprachen und dachten und ähnliches studiert hatten wie er, aber die waren ihm doch tot gewesen, das wußte er jetzt. Denn was das Lebendige zwischen ihnen schuf, das merkten sie beide nicht in Harmlosigkeit, nämlich, es kam zu den gleichen Meinungen und den gleichen Büchern, daß er ein Jüngling war und sie eine Jungfrau, und daß sie an seiner Brust liegen konnte und er sie umschlungen halten konnte. Das war ein Glück in ihnen, das sie noch nie gespürt. Sie überhasteten sich in ihren Reden, fragten und erwarteten keine Antwort, machten Pläne, nahmen sich Vorsätze vor, und lachten, ohne daß sie einen rechten Grund hatten.
Noch vor einer Stunde waren sie einander fast fremd gewesen, und nun schien es ihnen, als ob sie zueinander gehörten, so hatten sie ohne Scheu ihre natürlichen Bewegungen, und Maria legte ihre Füße auf einen kleinen Schemel, wie sie gewohnt war, ohne daran zu denken, daß sie einen fremden Herrn zum Besuch hatte, nicht einen Bruder oder Gatten; plötzlich fiel ihr die Unschicklichkeit auf, und sie errötete. Wie ein kleines Mädchen errötete sie, und so glücklich sah sie aus, wie ein kleines Mädchen in ihrer Schwesterntracht und glattgestrichenem Haare. Durch ihre Bewegung wurde er aufgeschreckt, sah nach seiner Uhr und fand mit großer Bestürzung, daß er ganz unschicklich lange geblieben war, so stand er hastig auf, und mit einer gewissen Befangenheit trennten sich die beiden.
Als Hans sie das zweite Mal besuchte, waren sie verlegen und kalt, und in ihre Worte wollte keine Wärme kommen, und was sie sagten, sagten sie nicht aus Liebe und Überfluß, sondern um ein schleppendes Gespräch zu erhalten; und weil alles, was vorher so rosig erschien, jetzt grau war, so prüften sie nach bei sich und fanden, daß sie eine eigentliche Belehrung doch das vorige Mal nicht voneinander empfangen hatten, und daß sie ein jeder das schon gewußt, was besprochen war; aber weder er noch sie warfen die Schuld davon auf den andern, sondern meinten jeder, der Grund liege bei ihnen selbst; so trennten sie sich sehr früh.
Nachher machten sie sich schwere Gedanken, wußten sich nicht zu erklären, woher die Kälte und Verlegenheit gekommen, und meinten jeder, er selbst sei schuld daran, indem er das erste Mal aufdringlich gewesen sei. Denn schon hatte in der Zwischenzeit die Liebe ihre seltsame Arbeit in ihren Seelen ausgeübt, nämlich den Geliebten verschönt und erhöht und so geschmückt, daß er ein ganz andres Wesen wurde, aus einem kleinen Menschenkinde mit seiner Angst und Verlegenheit ein zürnender Engel, der unnahbar ist durch seinen Glanz und Größe. Und so sagte Hans bei sich, daß er von niederem Herkommen war und später selten vornehme Leute getroffen, denn die meisten Bekannten und Gleichstrebenden waren ähnlicher Abkunft wie er, deshalb wußte er manches nicht, was schicklich war, etwa ob man die Beine übereinanderschlagen durfte, denn in einem Buche über den feinen Anstand, das er durchstudiert, war das verboten, und vielleicht habe er die Komtesse durch solche Nachlässigkeit beleidigt, und sie denke etwa nicht, wie man sie erklären müsse bei ihm, sondern meine, weil sie Krankenpflegerin geworden sei und ihren Stand verlassen habe, so glaube er, daß man in solchen Dingen ihr gegenüber nicht so sorgfältig zu sein brauche, und solche Ansicht müsse sie natürlich kränken. Und Maria dachte, daß Hans schnell alles spürte, was unsittlich oder unschicklich sein mochte, denn sie kannte auch seinen Vater gut und sah ihn in ihrem Geiste neben ihrem Vater hergehen; da schien ihr, daß sie nicht weiblich gewesen sei, und er könne meinen, sie sei nicht zurückhaltend, und sie fürchtete, er halte sie für schamlos.