Zu diesen Sorgen kamen noch kleine Mißverständnisse und allerhand solche Vorfälle, die bei Liebenden eintreffen; so lebten beide recht unglücklich, wie es ja gewöhnlich ist, auch bei klugen und guten Menschen, in den ersten Liebeszeiten; denn alles ist da noch trübe, unbekannt und unausgesprochen, und erst wenn das klar und geordnet ist und eine ebene Straße sich unter den Füßen hinzieht, kann ruhiges Glück hereinfließen. Aber je selbständiger zwei Menschen sind, desto schwerer ist offenbar ein solches Ziel zu erreichen.
Unter solchen allgemeinen Umständen hatten sie an einem Frühlingstage einen Ausflug gemacht an einen abseits von der begangenen Straße gelegenen Ort, wo ein See lag inmitten des eintönigen Kiefernwaldes, der aus dem dürftigen Boden mit Anstrengung hervorwächst, und in dem ruhigen Wasser spiegeln sich die Kiefern wider und der blasse Frühlingshimmel mit weißen Wölkchen. Unter einer Birke saßen sie, die am Waldrande allein stand und sich an den hängenden Zweigen mit ihren jungen Blättchen schmückte, und wie sich Maria neigte, da wuchsen Leberblümchen, wie zu Hause in dem hohen Buchenwalde, da pflückte sie drei Blümchen ab, und Heimweh ergriff ihr Herz, und um ihr Gefühl zu verbergen, tat sie behutsam die Blumen an ihre Brust. Dabei hatten sie ein Gespräch über etwas andres, aber auch ihm war das Heimweh gekommen, und hinter ihren gleichgültigen Worten teilte sich die Herzensbewegung des einen dem andern mit. Hierüber entstand eine Pause voll Befangenheit, die süß und sehnsuchtsvoll war, und wie sie so schwiegen, kam ein ganz kleiner Schmetterling, der den Winter überlebt hatte, denn er hatte recht abgenützte Flügel, und jetzt hatte ihn die liebe Sonne gelockt aus seinem Versteck, der suchte nach Blumen, und es fror ihn; und in ungeschicktem Fluge kam er zu Marias Brust, setzte sich auf ein Blümchen und schlug freudig und zufrieden seine Flügel zusammen, wie er früher getan hatte in dem warmen Sommer des vorigen Jahres. Sie sah mit glücklichem Gesicht auf das Tierlein nieder und hielt sich ganz still, und durch einen Blick, wie ihn ein Kind haben mag, rief sie ihm, daß er auch sehen solle. Er neigte sich zu ihr, über die Blümchen mit dem Schmetterling, und sein Gesicht kam vor das ihre, und beide verspürten eine Scheu und ein Klopfen des Herzens, da faßte Hans sich Mut und sah zur Seite, und sah, daß ihre Wangen rot waren und in ihren Augen Tränen standen, und hierüber geschah ihm, daß er handelte, ohne sich zu besinnen oder zu überlegen, er legte seinen Arm um sie und küßte sie, und zwar verfehlte er ihren Mund, aber er verspürte doch, wie sie den Kuß erwiderte, und sah, wie ihre Augen sich schlossen. Da tat sich ihm weit, weit das Herz auf und ihm schossen die Tränen in die Augen, und er warf das Gesicht in ihren Schoß und weinte, weinte; der Schmetterling war davongeflogen, und Maria strich ihm sein Haar, leise, mit ihren weichen Händen, und einmal sagte sie „Du Lieber“, mit Anstrengung sagte sie das.
Und wie sein Haupt in ihrem Schoße lag und seine Augen weinten, und sie streichelte ihm das Haar, das hell war und starr, und eine kleine Meise hüpfte über ihnen in dem durchsichtigen Geäst der frühlingsgeschmückten Birke, da kehrte ein in ihnen Zuversicht und Sicherheit und sie wußten, daß sie neu geboren waren wie in einem Stübchen bei ihren Eltern, und daß es nicht mehr Not, Sorgen und quälende Gedanken gab, und alles war einfach und selbstverständlich, und ihre Gedanken waren, als gehörten sie schon lange zusammen, seit vielen, vielen Jahren, und vor undenklichen Zeiten sei etwas Unruhiges und Einsames gewesen, und alles war eins bei ihnen, wie es natürlich ist bei einem alten Ehepaar. Lange verharrten sie so; und es war, als ob alles Glück, nach dem sie sich vergeblich gesehnt, so lange Jahre, jedes allein für sich, als ob das aufgesammelt gewesen sei und nun auf sie herniederregnete in diesen Minuten unter dem durchsichtigen Birkengeäst; und alles war ihnen gleichgültig, ja sie dachten an nichts, und hatten nicht gewußt, ob es Minuten waren oder Stunden, als ihm die Tränen des Glückes aus den Augen flossen, unaufhaltsam, aus der Tiefe seines Herzens, in dem das Glück saß, und sie streichelte sein Haar, das sie lieb hatte, und vielleicht waren es sogar nur Sekunden gewesen, daß sie so gesessen.
Sie besannen sich auch, sahen sich ins Gesicht und lachten, ganz ohne Grund lachten sie, Hansens Backen waren noch naß von Tränen. Plötzlich errötete sie, ein ganz neuer, lieblicher Ausdruck zog sich über ihr Gesicht und sie errötete bis an die Haarwurzel und an den Seiten bis zum Ohransatz, und legte die Hand vor das Gesicht und sagte: „Ach, ich schäme mich.“ Da war er ganz ratlos, und es war ihm, als habe er unrecht gehandelt, daß er sie geküßt, aber sie legte plötzlich ihre Hände um seinen Hals und drückte ihm einen Kuß auf die Lippen, einen frohen und innigen. Dann strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht und sagte: „Ich habe noch keinen Menschen lieb gehabt wie dich.“ Hierüber wurde er wieder verlegen und lachte.
Bald erhoben sie sich und gingen; zuerst schritten sie ganz ohne Gedanken, dann besannen sie sich, daß sie zur Bahnstation gehen mußten, suchten den Weg auf und gingen dann wieder in der vorigen Weise. Plötzlich fiel es Hans ein, daß er Maria den Arm geben wollte, das tat er aber ganz ungeschickt, und darüber lachte Maria, als wäre das etwas sehr Komisches, und Hans lachte auch. Darauf trieben sie ganz kindische Scherze, liefen eine ganze Weile mit untergefaßtem Arm und lachten wieder, bis Maria die Tränen kamen, das waren zwei runde Perlen, die nicht zerliefen, sondern rund blieben. Über diese freute er sich so, daß er sie küßte.
Eine Weile gingen sie dann wieder in Gedanken und still. Da fing Hans plötzlich an, daß er sich besonders darauf freue, wenn sie viele Kinder bekämen. Hierüber wurde sie wieder rot, er aber merkte nichts und fuhr fort in der Ausmalung seines Traumes, wie er dem ältesten Jungen ein Steckenpferd kaufen wollte und dem kleinen Mädchen ein Korallenhalsband, und abends wollten sie mit den Kindern in der dämmrigen Stube sitzen und schöne Lieder singen, und Maria mußte auf dem Klavier begleiten. Auch von der Erziehung sprach er, daß man hauptsächlich fest sein müsse und die Kinder nicht verwöhnen dürfe, denn selbst Härte sei besser wie übermäßige Weichheit. Und allmählich fiel auch Maria ein, und so begannen die beiden fröhlich ihre Luftschlösser zu bauen. Es zeigte sich aber, daß Hans ganz bestimmte Ansichten und Pläne hatte in allen diesen Dingen, über welche sich Maria sehr verwunderte, und wiewohl vieles von diesen Ansichten und Plänen ihren Wünschen nicht entsprach, so empfand sie doch keinen Ärger, wie er so bestimmt war und ganz einfach annahm, daß sie dasselbe wollen müsse wie er, aber sonst war sie immer gleich erbittert gewesen, wenn sie gespürt hatte, jemand wolle, daß sie etwas tue, was ihr nicht einleuchtete. So dachte sie jetzt, er sei wohl etwas tyrannisch, aber sie freute sich heimlich darüber und war gar nicht traurig, hatte auch gar keine Lust, daß sie sich ihre andre Meinung klar machte, sondern dachte nur bei sich: ‚ach, es wird schon schön und recht sein, wie er es meint‘, und er meinte doch viel Törichtes. Plötzlich aber bemerkte sie, daß sie selbst sich vorstelle, wie sie ihre Kinder kleiden wollte, und indem sie gar nicht daran dachte, daß die zuerst ganz klein waren, malte sie sich einen recht schönen Matrosenanzug aus für den Jungen und stellte sich einen Florentiner Strohhut vor für das Mädchen.
So gingen sie auf dem schmalen Weg durch den Wald. Und durch den Wald zog der Atem des Frühlings, herb und streng, die Kiefern reckten sich und hielten sich in Bereitschaft, ihre Kerzen aufzustecken, ein Kreuzschnabel saß auf einem Zweige und sah ruhig das Paar an; das ist ein Vogel, der auf Gott vertraut, denn er baut sein Nest mitten im Schnee, wenn die andern Tiere allen Glauben verloren haben, und im Frühjahr sind seine Jungen schon fast erzogen.
Das Stationsgebäude war ein Haus wie alle diese Häuser, und Menschen warteten da, die sahen gleichgültig und mürrisch aus, wie sie immer aussehen. Aber der beiden Glück machte das dürftige Haus schimmernd und den glänzenden Schienenstrang glückverheißend, der sich gerade hinauszog, weit fort, wer weiß wohin, und alle Menschen, die da warteten und an den Zug dachten und an ihre kleinen Sorgen und Geschäfte, wurden froh und glücklich. Die beiden aber dachten, daß das Leben leicht ist, und wunderten sich, daß sie nicht schon längst das gewußt hatten. Und am merkwürdigsten war, daß alle Menschen ihnen mit Liebe, Freundlichkeit und Schonung zu nahen schienen, und es zeigte sich, daß alle Menschen gut sind. Für den nächsten Tag hatten sie verabredet, daß sie sich im Tiergarten treffen wollten; denn sie mußten einander viel sagen, und vorher wollten sie manches bedenken, weil es doch überraschend gekommen war, wie sie sich gefunden hatten. Hans war zuerst an der Stelle, dann kam Maria, die hatte ein ernstes und ermüdetes Gesicht und begrüßte ihn liebevoll, aber mit sonderbarer Zurückhaltung, und gab ihm einen Brief in die Hand und sprach, während er lese, wolle sie sich auf eine Bank setzen. In dem sehr langen Briefe stand geschrieben, daß sie viel mit sich gekämpft, aber sie sei nun zu dem Entschluß gekommen, daß sie einander nicht angehören dürften; denn gestern habe sie sich durch ihre Gefühle, die sie nicht leugnen wolle, zu einer Übereilung hinreißen lassen; ihr Grund aber sei, daß sie sich zu selbständig fühle, um glauben zu können, daß sie eine gute Gattin sein werde. Dann erzählte sie, wie sie ihre Jugendzeit zu Hause verbracht habe in den großen Sälen, und habe keinen Menschen gekannt, denn mit den Offizieren und Gutsbesitzern, die in ihrem Elternhause verkehrt, habe sie nichts zu sprechen gefunden, außer ganz gleichgültige Dinge; und wie durch die Luft sei es angeflogen, daß sie ganz andere Meinungen bekommen wie alle Leute, die sie kannte, denn sie könne sich nicht entsinnen, daß jemand ihr etwas erzählt über solche Gedanken. Deshalb habe sie auch immer gedacht, ihre Gedanken und Pläne seien unrecht, weil sie niemand gekannt, der sie geteilt, denn erst in ihrem neuen Kreise später habe sie die Menschen getroffen, die ebenso dachten wie sie. Das erzählte sie ihm, damit er sehe, wie ihre Gesinnungen nicht zufälliger Art seien und sich ändern könnten, sondern sie seien aus ihrem Wesen mit Notwendigkeit entstanden, und deshalb könne sie nicht anders werden, wie sie jetzt sei. Dann fuhr sie fort, ihm zu schildern, welche große Anstrengung es sie gekostet, bis sie alle Hindernisse und Vorurteile der Familie überwunden und habe sich in Freiheit bilden dürfen; wenn sie jetzt an diese Zeiten zurückdenke, so begreife sie oftmals nicht mehr, wie das alles möglich gewesen sei. Und nun könne sie das alles nicht mehr opfern und sich einem andern fügen, eine Hausfrau werden und an ganz neue Dinge denken; und wenn sie es doch versuchen wollte, so würde sie selbst unglücklich werden und ihn unglücklich machen, denn der Versuch werde gegen ihre Natur gehen. Darum sei es das beste, er lasse sie, und sie trennten sich jetzt, was zwar ihnen beiden schwer fallen werde; aber da sie nun einmal in solchen unglücklichen Zwiespalt hineingeraten, daß sie einander lieb gewonnen hätten und doch nicht als Gatten zusammenleben könnten, so sei es besser, jetzt Kummer zu leiden und, wenn es möglich, ihre Neigung zu überwinden und dann später in der früheren Art weiter zu leben, wie eine Ehe zu führen, die sicher unglücklich werden müsse und vielleicht ihre gegenwärtige Liebe in Haß verwandeln werde.
Mit großer Trauer las Hans diesen Brief; und wie er ihn zu Ende gelesen, sah er in Mariens Gesicht, das mit einem Ausdruck von unendlicher Liebe zu ihm gewendet war; da lachte er, und sie hängte sich an seinen Arm und fragte schüchtern, was er nun denke, und wie er sagte, es werde alles gut werden, und sie wollten sich trotzdem ehelichen, da drückte sie seine Hand und war glücklich. In diesem Augenblicke wurde ihm in seiner ganzen Weise offenkundig, was sie zum Opfer brachte, nämlich die Freiheit und das Glück eines Blickes von hohen Bergen, und daß sie in Enge ging und kleine Sorgen auf sich nahm, und das tat sie, weil sie ihn lieb hatte, nicht für sich, sondern für ihn. Und er wußte wohl, daß er dieser Liebe unwert war und ihr nicht ein gleiches Opfer bringen konnte, und in Demut sagte er sich, daß alles Herrliche, das wir erhalten, ein unverdientes Geschenk ist, und in Dankbarkeit nahm er sich vor, immer an diese Stunde zu denken. Er freute sich aber, daß er nehmen durfte und dankbar sein, und schämte sich nicht, daß seine Hände leer waren. Solches sind die Werke der Liebe in uns, daß sie unsre schlechteste Eigenschaft überwindet, nämlich den Dünkel, der nichts umsonst empfangen will.
Nachdem die beiden dergestalt zu einem unumstößlichen Entschluß gekommen waren, beredeten sie untereinander, wie sie ihr äußeres Leben bilden würden. Wie die beiden Brüder und die Eltern gestorben, war Maria die Erbin aller Besitzungen der Familie. Solange sie für sich allein lebte, blieb ihr das gleichgültig, und sie hatte die Verwaltung einem Verwandten übergeben, denn sie war zufrieden, daß sie ihren Beruf hatte und ihre Pflicht erfüllen konnte. Nun aber wurde das anders, denn eine Familie will mehr Pflichten wie der einzelne. Hansens Tätigkeit war nicht derart, daß sie ihn selbst auf die Dauer befriedigt hätte, geschweige daß er auf sie hin hätte mögen mit seiner Familie leben. So beschlossen die beiden, daß Hans die Verwaltung der Herrschaft übernehmen sollte, und wußten wohl, wie verschuldet der gesamte Besitz war, so daß er zurzeit im ganzen sogar eine passive Bilanz aufwies, aber freuten sich, daß sie dadurch ein Ziel für frohe Arbeit bekamen, denn sie glaubten, daß wir nur glücklich sein können in einer angestrengten Arbeit, die einen Erfolg hat. Und nachdem sie dergestalt sich über den Plan und die Absichten klar geworden waren, setzten sie schleunigst alles Nötige ins Werk, benachrichtigten die entfernten Verwandten Marias, die zwar den Kopf recht schüttelten, aber doch keine Schwierigkeiten machen konnten, vielmehr recht gütig bei manchem halfen, und dann wurde die Hochzeit bald gefeiert.