So nahmen sie denn die schwere Last fröhlich und guten Mutes auf sich, zogen in ein kleines Häuschen, das früher eine Beamtenwohnung gewesen war, und richteten sich ganz einfach ein. Wohl hatten sie einen Besitz, der auch nach Abzug der Schulden noch Millionen wert war, und doch lebten sie bescheiden, aber sie waren stolz und froh, daß sie Sparen und Haushalten, Arbeiten und Sorgen vor sich hatten, dessen Ende doch Sicherheit und ordentliches Leben für ihre Kinder wurde; denn wenn der Besitz auch groß und wertvoll war, so blieb ihr Einkommen doch gering und konnte nur durch langsames Abtragen der Schulden wieder groß werden.

Am frühen Morgen ging Hans schon in den Wald, und am späten Abend kehrte er nach Hause. Ein unbändiges Frohgefühl überkam ihn, wenn er zwischen den schweigenden Stämmen wanderte; das alles gehörte ihm, diese gewaltigen Buchen, deren Zweige hoch oben sich wölbten, und die kleinen Bäumchen in der Schonung gehörten ihm, wo ein Strohwisch an einer Stange hing, und das trockne Laub gehörte ihm, und die kleinen weißen Blümchen, und die flinke Eidechse und der Vogel auf dem Zweige, die waren in seinem Walde, den er einst seinen Kindern vererbte. Ihm wuchsen die kleinen einjährigen Pflanzen aus dem Samen, die dereinst über seines Enkels Haupte mächtig rauschen sollten, für ihn saugten die Blätter Sonnenschein ein, Luft und Regen. Deshalb forstete er auch nicht mit Kiefern auf, wo Buchen abgetrieben waren, denn er wollte, daß wieder Buchen wuchsen, wo Buchen gestanden hatten; wenn er alte Bäume mußte schlagen lassen, so war es ihm, als müsse ihm das Herz bluten, und nur, weil er doch Einnahmen wegen der Zinsen nötig brauchte, ließ er abtreiben; dann schlief er nachts nicht, ging ans Fenster und sah im Mondschein seufzend über den stillen Wald hin; mit Freuden aber ließ er jungen Bestand ausholzen, wo Licht und Luft geschaffen werden mußten für die Bäumchen. Abends erzählte er, wie er dies machen wolle und das, wie an kahlen Hängen angepflanzt werden sollte, wenn er erst mehr Geld habe, wie in den Bruch Erlenbestand kommen müsse, und wie ein vernachlässigtes großes Gebiet am besten neu bepflanzt werde.

Seine schlimmste Sorge war, daß die Haupteinnahme aus einem unsicheren Bergwerksertrage floß, und häufig überlegte er, was zu beginnen sei, wenn dieser Ertrag einmal im Jahre geringer ausfalle. Wohl sagte er sich dann heimlich, es sei leichtfertig von ihm gewesen, daß er nicht bei der Übernahme mehr von dem Besitz verkauft, damit er das übrige desto sicherer halten konnte, aber was er sich auch überlegte, nichts von dem, was er besaß, wollte er hingeben; ja die beiden Güter, die er damals fortgegeben, und die nun unter einem tüchtigen und wohlhabenden Besitzer schnell gediehen, reuten ihn oft, und gab ihm einen Stich, wenn er in die Nähe ihrer Felder kam und dachte, daß ihm die auch gehört hatten. Deshalb wußte er keinen weiteren Ausweg, als daß er immer sparsamer zu wirtschaften suchte, immer eifriger und umsichtiger alles beaufsichtigte. Seine Figur änderte sich; er wurde hager und vornübergeneigt, und seine Nase stand mit einem scharfen Haken aus dem Gesicht, und sein Gang wurde schnell und weit ausschreitend. So vergingen Wochen, Monate und Jahre im Rechnen und Arbeiten; aber Rechnen und Arbeiten füllten das Leben der beiden nicht aus. Denn zu seiner Zeit bekamen sie ein schönes und gesundes Kind, ein Knäblein; dem folgten noch andre Kinder bis zu der Zahl von fünf. Für diese alle mußte die Mutter sorgen, ohne große Hilfe, das tat sie heiteren Gemütes und singend, und die Kinder wuchsen heran in Schnelligkeit, und wenn der Vater des Abends nach Hause kam, so umringten sie ihn, klammerten sich an seinen Beinen an und wollten an ihm hochklettern; und Maria begrüßte ihn mit lachenden Augen. Sie war immer froh, auch ohne einen bestimmten Grund, und hatte Beruhigung im Herzen und sichere Gedanken. Und auch Hans war beständig froh und sicher, trotzdem er sich viele Sorge machen mußte um Geld und pünktliches Zusammentreffen von Einnahmen und Ausgaben, was für einen Mann sehr schwer ist, der keine Begabung für Geldgeschäfte hat; bei seinen großen Rechnungen half ihm auch Maria, denn er verzählte und verrechnete sich häufig und geriet dann in große Ängste.

Was aber ganz besonders merkwürdig schien, das war, daß er sich gar nicht mehr Gedanken machte über abstrakte Dinge und Fragen, denn ihm war, als sei alles Grübeln plötzlich abgeschnitten und habe gar keinen Liebreiz mehr, und hätte er sich früher so gekannt, so hätte er sicher geurteilt, er sei beschränkt geworden, und doch war es ihm jetzt, wenn er an sein früheres Wesen dachte, als sei er damals töricht und kindisch gewesen. Und ebenso war es Maria, daß alle ihre Mühe und Arbeit, die sie sich früher gemacht, ihr kindisch vorkam; und wenn es auch gering war, zu bedenken, was ein Kind anziehen sollte und was ein andres essen durfte, und ob an einem Bach Weiden gepflanzt werden sollten für die späteren Korbflechtarbeiten, wenn die Äpfel aus einer neuen Anpflanzung erst versendet wurden, so schien beiden das doch heute viel wichtiger wie solche Fragen nach Freiheit und Verantwortlichkeit und ähnlichem, die sie früher bedacht. Und als sie einmal an einem glücklichen Nachmittag am Sonntag zusammen im Garten saßen und von weitem die jubelnden Kinder hörten und sich über die Wandlung wunderten, kam ihnen eine Zusammenfassung oder Erklärung dieser Erscheinung. Es geschah das aber, indem sie ein Schwalbenpärchen sahen, die Lehm zusammentrugen zu einem Neste für sich und ihre Kinder.

Da sagten sie: Wie die Vöglein, so leben auch die Menschen, wachsen, freien sich, kriegen Kinder, ziehen sie groß, und dann sterben sie; und ihre Kinder tun desgleichen; und so ist die Erde bevölkert mit lebenden Wesen, auf welche die Sonne scheint. Und jedesmal, wenn Kinder heranwachsen, denken sie, das ist etwas ungemein Merkwürdiges, daß wir auf der Welt sind, und es gibt nichts Merkwürdigeres, und mit uns wird alles neu, und vor uns ist nichts gewesen, nach uns aber wird alles das sein, was wir einmal Großes und Wichtiges schaffen werden. In Wahrheit aber erschaffen sie genau so Großes und Wichtiges wie die Menschen vor ihnen geschaffen haben, das sie gar nicht beachten. Und in solcher Gesinnung kommen sie auch zu weiterer Überhebung, daß sie in sich hineinsehen wollen und wollen wissen, wie in ihnen alles zusammenhängt, und woher es kommt, daß ihnen die Welt so erscheint, wie sie ihnen wirklich erscheint; und dann denken sie, daß sie das alles ändern können nach ihrem Wohlgefallen und können bauen, was sie wollen, und einreißen, was sie wollen.

Wenn es nun Gott gut meint mit solchen besonders hoffärtigen Menschen, so setzt er sie mitten in eine einfache und vernünftige Aufgabe; und da sehen sie, daß einer mit dem andern zusammenhängt, und daß die Menschen so leben, wie es ihnen vorgeschrieben ist, und solche Gedanken haben, wie Gott will, daß sie Gedanken haben; ebenso wie diese Schwälblein vielleicht denken, wunder welch ein Werk sie verrichten, und wie merkwürdig es ist, daß sie Mann und Frau sind, und wie wunderbar einst ihre Eier sein werden und wie eigen ihr Nest; und setzen doch bloß Dreck zusammen wie alle Schwalben vor ihnen und nach ihnen, und haben Eier und brüten nach aller Schwalben Sitte, weil so das Geschlecht der Schwalben sich erhält auf der Erde, das Fliegen und Mücken fängt und zum Herbst fortzieht und im Frühjahr wiederkehrt. Solche aber, die zerfahren sind aus Hochmut, finden keine einfache und vernünftige Aufgabe, sondern tun irgend eine widerwärtige Tätigkeit, damit sie ihr Brot verdienen, und wenn sie ihr Tagewerk vollbracht haben, so brüten sie weiter und haben dumme Gedanken über ihre Wichtigkeit und werden immer zerfahrener. Inzwischen geht das Leben vor ihrem Fenster vorbei wie ein schönes Mädchen, und sie merken es nicht, denn sie wissen nicht, daß sie dem Mädchen nachgehen sollten, sie zur Frau begehren und mit ihr leben in Freude und ohne überflüssige Gedanken. Und nachdem sie immer zerfahrener geworden sind, beginnen sie auch immer dümmer zu werden; und zuletzt enden sie in leerem und einfältigem Geschwätz.

In Wahrheit können wir doch nichts wissen, als daß wir hier auf dieser schönen Erde wandeln und brave Menschen sein sollen und uns freuen. Dann werden wir älter in Heiterkeit und Glück, und endlich sterben wir, und im Gedächtnis der Menschen leben wir eine Weile noch als verständige Leute oder als unverständige.

Als sie solche Gedanken hatten, blickten sie nach der Elsgrube hin, denn die konnten sie sehen von ihrem Hause aus und dachten, daß hier einst die alte Burg gestanden hatte, und daß das damalige Herrengeschlecht heruntergegangen war, und ein treuer Diener hatte die letzte Tochter geheiratet und das neue Geschlecht begründet. Das hatte lange geblüht durch vielerlei Zeiten hindurch, die Urzeiten hatte es erlebt und das Lebensalter und die Renaissance, das absolute Fürstentum und die Neuzeit; endlich war es untergegangen durch Untüchtigkeit; und nun gründete wieder ein treuer Mann aus der unteren Gesellschaft das dritte Geschlecht; und vielleicht erlebte das auch durch die Jahrhunderte Wandlungen der Dinge, Verhältnisse und Gedanken, und es zeigte sich, daß jede Zeit meinte, sie habe in allem das Richtige gefunden; und vor Gottes Augen war das alles doch nichts weiter wie die Reihenfolge der Schwalben, die ein Nest unterm Hausdache beziehen; und wenn die Kinder dieses Geschlechtes klug waren, so taten sie dasselbe, was jetzt Hans und Maria taten: arbeiten und sich liebhaben, ihre Kinder erziehen und fröhlich sein.

So waren ihre Gedanken, und die mochten wohl manchem von den andern kleinbürgerlich erscheinen. Aber was wir wert sind, das sind wir ja nicht wert durch unsre Gedanken, sondern dadurch, daß wir die Stelle auszufüllen vermögen, in die wir gesetzt sind; denn wenn wir das können, so bekommen wir Verstand und richtige Gedanken, und für die einen sind diese Gedanken richtig, für die andern jene. Nur ist das eine Weisheit, von der die Leute unsrer Zeit nichts wissen wollen, denn freilich ist sie nicht zu sehen, sondern wir müssen sie glauben. Aber wissen wir dies nicht, daß wir ja gar nicht die wahre Welt sehen, sondern nur einen trügerischen Schein?

In der wahren Welt steht Gott als ein Bauersmann im blauen Kittel vor dem Scheunentor und worfelt Weizen. Er nimmt eine Schaufel voll Weizen und schleudert den in die Scheune. Da fliegen zusammen durch die Luft Korn und Spreu und wissen nicht, wer sie in Bewegung gesetzt hat und wohin sie getrieben werden; doch sie verspüren, daß eine Kraft in ihnen ist, und daß dieselbe Sonne sie blitzend bescheint und daß dieselbe Luft sie klar bestreicht. Da denkt die Spreu hoffärtig: ‚Siehe, wir sind wie diese da, und vielleicht sind wir auch besser, denn uns scheint, wir fliegen höher‘, und die Körner denken demütig: ‚Es ist wohl so, daß wir alle gleich sind.‘ Aber nur einen Augenblick verweilen sie beide in der hellen Luft und unter der blitzenden Sonne; denn was Jahrhunderte sind für uns und unsre Welt des Scheins, das ist ein Augenblick für Gott und für seine wahre Welt. Dann senken sich die schweren Körner zu dem Weizenhaufen, auf den sie fallen sollen, und die Spreu trägt der Zugwind vor dem Scheunentor auf einen andern Haufen zu der früheren Spreu.