Geehrter Herr, Ihr Brief ist mir nicht verständlich geworden; nur weiß ich, daß er auf jeder Zeile eine Kränkung für mich enthält. Aber ich verstehe jetzt besser Ihr Leben: Sie hatten recht, sich von den Menschen abzuschließen; denn ein solcher selbstsüchtiger Hochmut muß jeden zurückstoßen, der sich Ihnen in Güte nahen will. Hoffentlich kennt Mlle. de Villars nicht Ihre Pläne; wenigstens wird sie vermutlich den Gesprächen des Vicomte de Palafoy mehr Geschmack abgewinnen.

Über Emilie denken Sie vielleicht anders, wenn Sie den beigeschlossenen Brief gelesen haben; ich bitte Sie, ihn mir zurückzusenden.

Frau de Saint-Cyr an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Anmey, Mai 1750.

Verehrtes Fräulein, Ihre häufig mir bewiesene Güte ermutigt mich, nach langer Zeit mich Ihnen wieder zu nähern. Ich bin Emilie, das damals so unglückliche Mädchen, dem vielleicht nur Ihre Freundlichkeit und Großmut ein furchtbares Leben erträglich machte. Heute bin ich Gattin des Mannes, von dem ich Ihnen erzählte, des edelsten und besten Mannes, den ich je sah, dem ich vielleicht nur einen Fehler vorwerfen kann: daß er sich keine würdigere Lebensgefährtin gewählt hat.

Sie haben meine Beichte entgegengenommen; Sie wissen, daß ich vor meinem Glück fliehen wollte – nur zu laut rief freilich mein Herz nach diesem Glück; und in Stunden, wie diese ist, wo mein ganzes Leben wieder vor mir steht und die schöne Gegenwart verdeckt, klage ich oft meine Sehnsucht und Hoffnung an, die meinen Gatten zu mir riefen gegen meinen Willen, die ihn zu seinem Schritt führten, den ich nie billigen kann, auch wenn er mich namenlos glücklich machte. Seit zwei Jahren sind wir vermählt; und meine ehrfürchtige Liebe ist nur größer geworden.

Aber nicht im Glück brauchen wir unsere Freunde, wir haben sie im Unglück nötig; und ich ahne ein nahendes Unglück. Mein Gatte hat seit einiger Zeit die Bekanntschaft eines Herrn de Voisenon gemacht, der in der Nachbarschaft begütert ist. Er erwähnte einmal, daß er auch Sie kennt; wissen Sie etwas von ihm? Ich fürchte von ihm, und diese Furcht ist die Ursache meines Schreibens.

Er ist gewiß kein guter und einfacher Mann; nie sah ich eine so harte Selbstsucht, eine so rücksichtslose Verachtung aller andern Menschen und ihrer berechtigten Wünsche. Vielleicht ist er nicht eigentlich schlecht, aber auch der schlechteste und gemeinste Mensch, den ich bisher sah, schien mir nicht so unmenschlich wie er. Meinen Mann hat er wie bezaubert, sodaß der nur noch mit seinen Augen sieht – und was sind das für Augen! Ich möchte sagen: er sucht überall sein Unglück, und in seinem Gesicht steht geschrieben, daß er es überall gefunden hat. Sicher hat er nie etwas geglaubt, nie einem Menschen vertraut, nie einen Menschen geliebt; bis jetzt wußte ich nicht, daß es möglich ist, der Liebe gänzlich unfähig zu sein. Aber ich weiß noch nicht einmal, ob das alles richtig ist, was ich sage, denn er scheint nur aus Widersprüchen zu bestehen. Er will Kriegsdienst nehmen, obgleich er stark lahmt; nur das Kriegswesen scheint ihn zu interessieren, und wiewohl bei seinem Körperfehler doch eine soldatische Laufbahn ausgeschlossen sein müßte, wiewohl er schon an die Dreißig zu sein scheint, erstrebt er sie doch mit aller Leidenschaft, die diesem phlegmatischen Menschen möglich ist. Für alles Geistige hat er eine tiefe Verachtung, und insbesondere die Dichtung scheint er geradezu zu hassen, obschon er ein sehr lebhaftes Interesse für sie zu besitzen scheint.

Ich habe keine Kinder und wünsche nicht, welche zu haben. Ich weiß genau, daß mein Charakter unedler ist wie der meines Mannes, daß nur in meinem Gefühl zu ihm das Gute, dessen ich fähig bin, zutage kommt, vielleicht auch sogar erst gebildet wird; und ich würde unsagbar betrübt sein, wenn unsere Kinder Eigenschaften von mir hätten, nicht ganz Abbilder meines edlen Mannes wären. Durch einen unglücklichen Zufall kam das Gespräch auf Kinder, und statt mich zu schonen, statt auf eine Ablenkung einzugehen, die ich versuchte, stellte er die unerhörtesten Behauptungen auf: nur als Mutter werde das Weib liebenswert, nur gegen ihre Kinder zeige sie ihre Schönheit, und man müsse ein Weib hassen, das keine Kinder gebären könne. Als ich weinend aufstand und mein Mann einige verlegene Worte sprach, entschuldigte er sich und sagte, er habe nur mit Worten gespielt, und seine eigene Ansicht sei vielmehr: nur die kinderlose Frau könne die Freundin des Mannes sein und ihn in seinem Wesen ergänzen, und erst durch eine solche Beziehung entstehe ein vollkommener Mensch. Ich konnte mich nicht halten und rief ihm zu: »Wer nicht an das Gute glaubt, der wird es nie erleben.« Er verbeugte sich und sagte ironisch: »Sie haben recht.«