Geehrter Herr, ich fand gestern bei mir Ihre Karte vor. Wenn Sie wünschen, wegen der mir zugewiesenen Rolle in Ihrem neuen Lustspiel mit mir Rücksprache zu nehmen, so erwarte ich die Ehre Ihres Besuches, zu dessen Annahme mich mein Beruf verpflichtet, morgen zu der Ihnen bekannten Stunde. Sollten Sie wegen der Verlobung von Mlle. de Villars mit Herrn Vicomte de Palafoy Näheres von mir zu erfahren wünschen, so muß ich Ihnen schon jetzt mitteilen, daß die Nachricht mir selbst eine völlige Überraschung war.

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Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.

Paris, Juni 1750.

Liebe Freundin, ich liebe Sie mehr, wie ich Sie je geliebt, aber ich sage Ihnen Lebewohl. Wenn ich nur an Sie denke, so fühle ich Glück, aber ich muß mich von Ihnen trennen. Alles war ja Glück, was von Ihnen kam, auch das, daß Sie ein Glück für mich zerstörten. In Ihnen habe ich mich vergessen, und mein ganzes Leben habe ich mich danach gesehnt, einmal, nur ein einziges Mal mich zu vergessen, mich, diesen grausamen Tyrannen, der mich quält seit meiner frühesten Kindheit. Wissen Sie noch, im Vorfrühling, im Anfang des März, als das verwesende Gras noch auf dem Rain lag und noch keine jungen Spitzen waren, da sagte ich: »Ich habe keine Scham vor Ihnen«; ich weiß nicht, ob ich es damals nicht im Haß sagte, und sicher habe ich Sie später tief gehaßt darum, daß ich das einmal sagte; aber gestern, als wir uns trennten, als ich Ihre dunkle Treppe leise tastend hinabstieg, vorsichtig tastend Ihre Haustür aufschloß, um den Pförtner nicht zu wecken: da erinnerte ich mich plötzlich an diese Demütigung, diese tiefste Demütigung, die ich je erlitt; und ich war Ihnen dankbar dafür und empfand Glück; denn ich hatte mich verloren, selig verloren, wie eine Welle im wogenden Meer, mein Ich war weit geworden.

Ich habe mein ganzes Leben dem Schicksal geflucht, das mich zum Dichter machte, denn mir war die Kunst eine Qual, eine Krankheit, an der ich litt, ein Alp, der mich bedrückte. Gestern empfand ich es, daß es ein Glück sein kann, ein Dichter sein – das Glück, das höchste Glück. Ich wollte nicht mehr Welle sein, ich wollte das ganze Meer sein, alles spiegeln: den blauen Himmel, den Mond, die Sterne, Ufer mit Bäumen und den Zug der fliehenden Kraniche, alles spiegelnd in meiner Tiefe bergen, eine Insel schaffen und die schmeichelnd umspülen. Meine Brust hätte ich weit machen mögen, denn so viel Glück umschloß sie, daß sie nun alle Leiden umschließen wollte; alles wollte ich fühlen, fühlend alles genießen, die Leiden nicht weniger wie die Freuden.

War ich einmal hart gegen Sie, war ich grausam? Gegen mich war ich es, und weil Sie schon in mir waren, war ich es gegen Sie. Habe ich gegen Sie gekämpft? Gegen mich habe ich gekämpft, die junge Saat des Glückes in mir ließ ich zertreten durch die rohen Hufe wilder Gedanken. Aber heute fliegen meine Gedanken wie Tauben blitzend im Sonnenschein um einen Kirchturm und ihre erstaunten Augen trinken die Weite, die sonnig ist.

Wie ganz anders ist die Welt geworden! Ich wußte ja stets, daß sie ist, was ich sehe; aber ich wußte es nur, ich glaubte es nicht. Ich war ja steinern geworden; als Sie mir Emiliens Selbstmord erzählten, als Sie mir aus ihrem Brief vorlasen, daß sie sich töte, weil sie fürchte, ihr Mann könne beginnen, seine Liebe zu bereuen, da rief ich lachend: »Ich glaube nur dem Menschen, ich zweifle an seinen Taten, mißtraue seinen Worten, und traue nie seinen Empfindungen.« War das ich, der das sagte? Habe ich Emiliens Schönheit nicht empfunden? Erst mußte ich meinen Stolz vergessen, erst mich in meiner Liebe verlieren, erst mich des Dichters freuen, bis mein Herz mitschlagen konnte bei Emiliens Empfindungen.

Früher hätte ich gesagt: ein Dichter darf nicht vornehm sein, er muß ein gemeiner Mensch sein; heute liebe ich den Buchenwald, in dem die Zweige sich oben vereinen und eine weite Halle decken, die getragen wird von befreundeten Stämmen; wie heiter ist diese leichte Halle, wie glücklich geht das Reh – und ich hasse den Fichtenwald und die starren, himmelstrebenden Stämme; die jeder einzeln sein wollen und sich wehren mit Nadeln; die zu einer Spitze aufragen.

Ja, ich weiß nun, was Glück ist, und ich bin zufrieden, daß ich es einmal erfahren habe; es wäre doch merkwürdig: älter werden und sterben, und wie ein Farbenblinder sterben kann ohne zu erfahren, daß er nie die höchste Trunkenheit des Auges erfahren hat; zu sterben, ohne wissen, was Glück ist.