Hierauf fuhr das junge Paar zu den Eltern zurück; der Freiherr und seine Gemahlin erwarteten sie am Tore, umarmten und küßten sie, der Rittmeister mußte gleich vom ersten Abend an die Wirtschaftsbücher durcharbeiten, und es war alles gut.

Da nun in dieser Zeit die Friedensunterhandlungen begannen, so hielt es der Rittmeister für erlaubt, um seinen Abschied einzukommen, der ihm auch in Gnaden bewilligt wurde. Er wandte sich nunmehr ganz auf die Bewirtschaftung des Gutes und lebte mit seinen braven Schwiegereltern und seiner jungen Frau recht fröhlich und zufrieden, indem er wohl wußte, daß er vor dem abenteuerlichen Sinn seiner Frau doch immer auf der Hut sein müsse.

Nun kam noch mancherlei wechselnde Einquartierung und sonstiger Besuch, infolge des Friedens, der Rückmärsche und Verabschiedungen. So erschien eines Abends spät ein verabschiedeter preußischer Offizier und bat um Obdach. Er war ein geborener Franzose, stellte sich als Marquis vor und machte auf den Rittmeister einen sehr abenteuerlichen und stark abgerissenen Eindruck. Durch seine Lustigkeit und gewandtes Benehmen wußte er sich bei den alten Leuten und der jungen Frau so beliebt zu machen, daß er sich gänzlich einnisten konnte und auch nach Wochen nicht an eine Weiterreise dachte. Dem Rittmeister fiel wohl auf, daß seine junge Frau ihm immer mit den Augen folgte und mit großem Eifer seine Geschichten aufnahm, auch wenn sie offenkundige Lügen und Aufschneidereien waren. So beschloß er, dem Unwesen ein Ende zu machen, ehe es zu spät wurde. Er gab vor, daß er auf einen Tag nach Breslau reiten wolle und verbarg sich heimlich im Hause. Wie es gegen Mitternacht war, holte er die Kette und das Laken hervor, die seine Frau damals in seinem Zimmer gelassen hatte, wie sie zum ersten Male als Geist bei ihm war, kleidete sich an wie sie damals gekleidet war, und ging kettenrasselnd durch den Gang zu ihrem Schlafzimmer, öffnete es, trat vor ihr Bett, die sich grausend aufgerichtet hatte und ihn mit großen Augen sprachlos vor Angst anstarrte, und drohte ihr stumm mit dem Finger. Dann wandte er sich und verließ das Zimmer wieder, indem er klirrend den Gang langsam zurückschlürfte.

Sobald er angeblich von der Reise zurückkam, zog ihn seine Frau zur Seite und klagte ihm, daß der Fremde so sehr lange bei ihnen bleibe und daß ihr seine Gegenwart wegen seines vielen Redens sehr unangenehm sei. Er antwortete ihr, daß er das wohl gemerkt habe, wie lästig ihr der Mensch werde; und da sie es wünsche, so wolle er ihm einen Wink geben. So sprach er denn mit ihm, sagte ihm, daß er ihm die Sehnsucht nach seinem Vaterlande wohl angemerkt habe, und wenn er sein Anerbieten nicht unfreundlich auffassen wolle, so wolle er ihm als Freund und alter Kriegskamerad, der wohl wisse, wie man in zeitweilige Not kommen könne, das Geld leihen, das er zur Rückreise brauche. Damit drückte er dem überraschten Franzosen ein Päckchen mit einigen Dukaten in die Hand und ließ ihn; und der Franzose reiste denn auch wirklich sofort ab, mit vielem Dank und Einladungen auf sein heimatliches Schloß in der Gascogne.

Nach diesem Erlebnis war es lange Zeit ruhig bei den beiden; und es kamen Kinder, die Eltern starben, die Kinder wurden größer; und das Leben floß unaufhaltsam hin.

Als der älteste Sohn zehn Jahre alt war, wurde ein fröhliches Fest gefeiert, zu dem auch alle Gutsnachbarn eingeladen waren. Der Tag war recht mühsam für die Mutter; aber sie fühlte sich glücklich und froh; und als ein ganz alter Herr von den Gästen ihr sagte, sie gleiche jetzt ganz ihrer seligen Mutter, als die noch jünger gewesen sei; und als sie im Spiegel gesehen hatte, daß sie in Wahrheit nicht mehr so schlank und biegsam war wie früher, sondern eine breite Taille hatte, da wurde sie in glücklicher Weise nachdenklich. Am späten Abend fuhren alle Gäste fort; die Kinder lagen längst in ihren Betten und schliefen; in der Küche klapperten und schwatzten noch die Mägde. Da stand sie mit ihrem Mann am Fenster und sah in die Mondnacht hinaus, und erzählte ihm, wie einst ihre Liebe zu ihm einmal wankend geworden sei durch den lustigen Franzosen, und wie sie damals eine Erscheinung des Ahnherrn gehabt, sie wisse nicht, ob im Traum oder im Wachen; er habe aber genau so ausgesehen, wie sie selbst vorher ihn gespielt hatte mit einem Mut, den sie heute nicht verstehen könne; der habe sie gewarnt; da sei ein Schrecken über sie gekommen und sie habe eingesehen, daß sie auf unrechten Wegen gehe und habe ihn gleich den andern Tag gebeten, den Franzosen zu entlassen. Da nickte ihr Mann und sagte, durch dieses Geständnis sei sie ihm doppelt lieb geworden; und wir Menschen können nicht alle Geheimnisse enträtseln und sollen uns in Ehrfurcht beugen vor dem Unbegreiflichen.


Das hölzerne Becherlein

Von einem alten König in Asien wird erzählt, daß er ein sehr barmherziger und mildtätiger Herr gewesen ist.