Fortunatus schüttelte das Haupt und sprach mit leiser Stimme: »Ich will Priester bleiben und ein frommes Leben führen, gleich dem heiligen Remigius, dessen Sarg ich bewache. Er war der Sohn eines Grafen wie ich, wurde Priester und ist nun ein Heiliger; und auf seine Gebeine legen wir die Hand, wenn wir schwören, und er hat solche Macht, daß er den tötet, der falsch schwört über seinen Gebeinen.«
Austregisil sprach: »So willst du auch als Priester kein Weib nehmen, damit ich Enkel sehe aus meinem Blut, welche erben, was ich mir erworben?«
Fortunatus schüttelte wieder den Kopf.
Da sprach Austregisil: »Ich werde mir neue Söhne erzeugen. Ich bin unschuldig an dem Mord; aber aus demselben Grunde wie mein Sohn Landegisil mich, klage ich ihn an; denn außer mir und meinen beiden Söhnen hatte niemand Zutritt zu Pelagia; und ich weiß, daß mein Sohn eine Neigung zu ihr hatte. Und ich will meine Anschuldigung beweisen im Schwertkampf gegen diesen, der aus meinen Lenden entstammt.«
Der Älteste der Beisitzer erhob sich und sprach: »Es ist nicht erhört bis heute, daß Vater und Sohn einander mit dem scharfen Schwert gegenüber gestanden haben. Und wenn das geschähe, so habe ich Furcht, daß Gott eine Strafe auf unsere Völker sendet, so groß wäre das Verbrechen. Deshalb ist mein Rat, lieber bleibe der Mörder unbekannt und die Tat ungesühnt, als daß ein so schändlicher Kampf von dem König angeordnet werde.« Die anderen Männer murmelten beistimmend.
Es hatte sich ein schweres Gewitter am Himmel zusammengezogen, ein Frühlingsgewitter. Während der König ruhig überlegend verharrte und eine große Stille im Saal war, kam plötzlich ein heftiger Donnerschlag zugleich mit einem leuchtenden Blitz; die an der Wand aufgehängten Waffen klirrten. Erschrocken sprangen die Beisitzer auf, denn sie dachten, der Blitz habe im Raum eingeschlagen, dann flehten sie den König an, der Meinung des Alten beizustimmen.
Der König sprach: »Der Blitz darf mich nicht erschrecken, und es wäre ebensolche Sünde, den Mord ungesühnt zu lassen, als wenn Vater und Sohn sich mit tödlichen Waffen schlügen. Aber ich habe einen andern Weg gefunden, die Wahrheit zu treffen. Dieser Priester sagte, daß die Reliquien eines Heiligen hier im Hause sind. Vater und Sohn sollen auf diese Reliquien schwören, daß sie unschuldig sind an dem vergossenen Blut. Ist der Heilige so mächtig wie der Priester sagte, so wird er denjenigen von den beiden bestrafen, welcher der Meineidige, Mörder und falsche Ankläger seines nächsten Verwandten ist.«
Der König erhob sich langsam und schritt zur Kapelle. Die andern folgten.
Der Vater gürtete sein langes Schwert ab, legte es zur Seite und stieg die Stufen des Altars empor. Auf dem Deckel des Sarges war in dem blanken Metall eingeritzt und mit Niello ausgelegt die Figur des Heiligen, ruhend, mit geschlossenen Augen, die Hände über die Brust gelegt. Der Graf erhob die Schwurfinger der linken Hand, legte die rechte Hand auf das Haupt des Heiligen und sprach mit lauter und fester Stimme die Worte des Schwurs nach, welche ihm Fortunatus, am Fußende des Sarges stehend, vorsagte. Alle schwiegen, als er geendet; und in der tiefen Stille ging er mit schweren Schritten die Stufen wieder herab.
Nun machte sich Landegisil bereit, und in die Stille kam von außen ein leises Rollen des Donners, als ziehe das Gewitter ab. Die Stimme des Fortunatus war noch leiser wie vorhin, Landegisil sprach ruhig und laut nach. Als er die Worte fast beendet hatte, erfüllte plötzlich das Licht eines Blitzes die Kapelle, daß alle die Augen schließen mußten, und unmittelbar folgte ein entsetzlicher Donnerschlag. Als die Männer wieder aufblickten, stand nur noch Landegisil aufrecht, die Hand auf dem Haupt des Heiligen; Fortunatus lag tot am Fußende des Sarges.