Die europäische Invasion und der Monotheismus haben diese Spuren einer einst hohen Kultur verwischt. Wenn die Tahitianer heutzutage ein Monument errichten, zeigen sie Wunder von schlechtem Geschmack – wie in der Art des Grabmals des Pomare. Sie haben ihre ursprünglichen Instinkte verloren, die in dem steten Verkehr mit der Tier- und Pflanzenwelt in so reichem Maße bei ihnen entwickelt waren. Im Umgang mit uns, in unserer Schule sind sie erst wahrhaft „Wilde“ in jenem Sinne geworden, die der lateinische Okzident diesem Worte unterlegt. Sie sind schön geblieben wie Kunstwerke, aber sie sind (wir haben sie) moralisch und auch physisch unfruchtbar gemacht.

Es existieren noch Spuren der Maraës. Sie waren von Mauern umgebene Vierecke, die durch drei Öffnungen unterbrochen wurden. Drei Seiten bestanden aus Steinmauern von vier bis sechs Fuß, eine weniger hohe als breite Pyramide bildete die vierte. Das Ganze hatte eine Breite von etwa hundert und eine Länge von vierzig Metern. – Bildnisse von Tiis schmückten dies einfache Bauwerk.

Der Mond nimmt einen wichtigen Platz in der metaphysischen Anschauung der Maories ein. Daß ihm zu Ehren ehemals große Feste veranstaltet wurden, ist schon gesagt worden. Hina wird in den überlieferten Erzählungen der Aréoïs oft genannt. Jedoch ist ihre Mitwirkung an der Weltharmonie, ihre Rolle darin eine mehr negative als positive.

Dies geht deutlich aus dem oben angeführten Gespräch zwischen Hina und Tefatou hervor.

Den Exegeten würden solche Worte den schönsten Stoff liefern, wenn sich die australische Bibel auffinden ließe, um sie auszulegen. Vor allem würden sie darin die Lehren einer Religion auf der Verehrung von Naturkräften aufgebaut sehen – ein gemeinsamer Zug aller primitiven Religionen. Die Mehrzahl aller maorischen Götter sind eigentlich eine Personifikation verschiedener Elemente. Aber ein aufmerksamer Blick, der nicht von dem Wunsch abgelenkt und beeinflußt ist, die Überlegenheit unserer Philosophie über die jener „Völkerschaften“ zu beweisen, wird in diesen Legenden sicherlich interessante und eigentümliche Züge finden.

Ich möchte zwei davon anführen – aber ich begnüge mich, darauf hinzuweisen. Es ist Aufgabe der Gelehrten, die Richtigkeit dieser Hypothesen zu bestätigen.

Vor allem ist es die Klarheit, mit der die beiden einzigen und allgemeinen Grundideen des Lebens sich unterscheiden und offenbaren. Die eine, Seele und Intelligenz, Taaora, ist das Männliche, die andere, gewissermaßen Stoff und Körper des nämlichen Gottes, das Weibliche, und dies ist Hina, Ihr gehört die ganze Liebe des Menschen, ihm seine Ehrfurcht. – Hina ist nicht nur der Name des Mondes; es gibt auch eine Hina der Luft, Hina des Meeres, eine Hina des Inneren, aber diese beiden Silben charakterisieren nur die untergeordneten Teile der Materie. Die Sonne, der Himmel, das Licht und sein Reich, sozusagen alle edlen Teile der Materie – oder vielmehr ihre spirituellen Elemente sind Taaroa. Das geht deutlich aus mehr als einem Ausspruch hervor, in dem die Definition von Geist und Materie wieder zu erkennen ist. – Oder was bedeutet wohl, wenn wir es bei dieser Definition bewenden lassen, die Grundlehre der maorischen Schöpfungsgeschichte:

Das Weltall ist nur die Schale des Taaroa –?

Bestätigt diese Lehre nicht den Urglauben an die Einheit des Stoffes; wie die Definition und die Trennung von Geist und Körper die Analyse der zwiefachen Manifestation dieses Stoffes in seiner Einheit! So selten solch ein philosophisches Vorausempfinden bei den Primitiven auch sein mag, darf doch dessen Wahrscheinlichkeit nicht bestritten werden. Es ist wohl zu erkennen, daß die australische Theologie in den Handlungen des Gottes, der die Welt erschuf und sie erhält, zwei Ziele im Auge hat: die erzeugende Ursache und die befruchtete Materie, die treibende Kraft und den verwandelten Gegenstand, Geist und Materie. Ebenso muß man in den beständigen Wechselwirkungen zwischen dem leuchtenden Geist und der empfänglichen Materie, die er belebt, in den aufeinander folgenden Verbindungen des Taaroa mit den verschiedenen Hina-Gestalten, den fortwährenden und wechselnden Einfluß der Sonne erkennen, wie in den Früchten dieser Verbindungen die durch eben diese Elemente hervorgerufenen Wandlungen von Licht und Wärme. Aber hat man dieses Phänomen, von dem aus die beiden Hauptströmungen sich vereinigten, erst einmal vor Augen, so verschmelzen in der Frucht die zeugende Ursache und die befruchtete Materie, in der Bewegung die treibende Kraft und der verwandelte Gegenstand, im Leben Geist und Materie, und das eben erschaffene Weltall ist nichts als die Schale des Taaroa!

Aus dem Zwiegespräch zwischen Hina und Tefatou geht hervor, daß Mensch und Erde untergehen, während der Mond und die Wesen, welche ihn bewohnen, fortdauern. Wenn wir uns erinnern, daß Hina die Materie vorstellt – in der sich einem wissenschaftlichen Ausspruch nach „alles verwandelt und nichts vergeht“ –, werden wir annehmen müssen, daß der alte maorische Weise, von dem diese Sage stammt, ebensoviel davon wußte wie wir. Die Materie vergeht nicht, das heißt, sie verliert ihre sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften nicht. Der Geist dagegen und die „spirituelle Materie“, das Licht, sind Wandlungen unterworfen: es gibt Nacht und den Tod, wo die Augen sich schließen, von denen Helle auszustrahlen schien, die sie zurückwarfen. – Der Geist, oder die höchste aktuelle Manifestation des Geistes ist der Mensch. Und der Mensch muß sterben ... Er stirbt, um nicht mehr zum Leben zu erwachen. – Wenn aber der Mensch und die Erde, die Früchte der Verbindung von Taaroa mit Hina, auch untergehen, ist doch Taaroa ewig, und uns wird verkündet, daß Hina, die Materie, fortfahren wird zu sein. In alle Ewigkeit werden nun Geist und Materie, das Licht und der Gegenstand, den es zu erhellen strebt, von dem gemeinsamen Verlangen nach einer neuen Verbindung erfüllt sein, aus der ein neuer „Zustand“ der unendlichen Evolution des Lebens hervorgehen wird.