Auch die kurze Frühstückspause, während deren man in Gruppen zusammensaß, ließ mich viele Einblicke thun. Die Stunde des Mittagsessens, das ich für geringen Preis in Arbeiterkneipen einnahm, führte mich täglich in nahen Verkehr mit den jungen unverheirateten Leuten meiner und andrer Fabriken. Auch die Abende verbrachte ich selten allein und daheim, häufig auf den Straßen unsers Arbeiterviertels, die um diese Zeit bei schönem Wetter von den Anwohnenden, gleichviel ob jung oder alt, zahlreich belebt zu sein pflegen, oder in den Sitzungen des sozialdemokratischen Wahlvereins, in denen ich nie fehlte, oder — und dies je länger desto mehr — in den Familien der Arbeiter, denen ich allmählich näher gekommen war. Die Sonntage trafen mich entweder auf einem Ausfluge mit mehrern jungen Schlossern oder als Teilnehmer der dort sehr beliebten sozialdemokratischen Arbeiter- und Kinderfeste; am Sonntagsabende war ich ständiger Besucher der öffentlichen Tanzsäle, die ich fast nie vor Schluß, also vor Mitternacht verließ.
Nur die Nächte gehörten mir. Ich hatte gleich nach meinen Herbergserlebnissen den Plan, mich als Schlafbursche in einer Arbeiterfamilie einzumieten, aufgegeben. Ich sah, daß es einfach über meine Kräfte gehen würde, nach so ungewohnter Tagesarbeit auch noch mehr oder weniger schlaflose Nächte durchzumachen. Auch brauchte ich die späten Abendstunden sehr notwendig, um unbeobachtet die Eindrücke des Tages klären und meine Notizen machen zu können. So begnügte ich mich damit, mir mitten in einer Arbeitervorstadt bei einer schlichten Familie ein kleines Stübchen zu mieten, das vor mir erst ein Schlosser, dann ein Kaufmann bewohnt hatte, von derselben ganz einfachen Art, wie sie junge Arbeiter auch sonst mitunter bewohnen.
Um aber den Schlafstellenjammer doch wenigstens etwas kennen zu lernen, verließ ich Mitte August die Fabrik und verwendete — als Arbeitsloser — die nächste Zeit meist auf die Besichtigung von freistehenden Schlafstellen. Der tägliche Wohnungsanzeiger des „Chemnitzer Tageblattes“ wies mir die Wege. Eine Düte mit Zuckerzeug hatte ich auch stets in der Tasche, und wo immer ich Kinder traf, teilte ich daraus mit. Das öffnete mir Herz und Mund der Mütter und gestattete, daß ich mitunter ziemlich lange in einzelnen Familien zubrachte. So habe ich im ganzen doch etwa sechzig Schlafstellen wenigstens gründlich gesehen. Ein Sozialdemokrat hat in einer öffentlichen Versammlung zu Göttingen diese Methode, „das Schlafstellenwesen durch Mietsvorspiegelungen und Erregung irriger Hoffnungen zu rekognoszieren,“ als „unwürdig“ hingestellt. Ich erkläre hiermit, daß es jedem frei steht, zur Vermietung angebotene Wohnungen sich anzusehen, und daß ich keine Familie bei meinem Weggang darüber im Unklaren gelassen habe, daß ich die betreffende Schlafstelle nicht annähme.
Schließlich packte ich abermals mein Bündel und zog, wieder Handwerksbursche, von Chemnitz aus ins Vogtland hinein. Aber ich kam nicht mehr weit. Ich fühlte, daß meine Elastizität zu Ende war. So brach ich, wohl allzu plötzlich, ab und kehrte Ende August nach Hause zurück.
Soviel zur Orientierung über meine äußern Erlebnisse, über den Weg, den ich bei diesen Untersuchungen ging. Nunmehr diese selbst und ihre Resultate.
Zweites Kapitel
Die materielle Lage meiner Arbeitsgenossen
Wir waren etwa fünfhundert Mann in unsrer Fabrik beschäftigt, denen allen ich selbstverständlich nicht gleich nahe gekommen bin. In täglicher intimer Berührung war ich eigentlich nur mit 120 bis 150 Mann, von denen die meisten mit mir einer Abteilung, dem Werkzeugmaschinenbau, angehörten. An diesen habe ich vornehmlich die Erfahrungen gemacht, die ich mitteile.
Unter ihnen wiederum war die überwiegende Mehrzahl Sachsen, soviel ich habe herausbekommen können, 70 bis 75 Prozent. Ich bitte, diese Thatsache für alle folgenden Erörterungen im Auge zu behalten und meine Erfahrungen nicht, wider meinen Willen, unbesehen auch auf andere Stämme zu übertragen. Der Rest von 25 Prozent verteilte sich etwa auf 10 Prozent Norddeutsche, 5 Prozent Süddeutsche, 10 Prozent Österreicher und einige Schweizer. Die hohe Ziffer der Österreicher erklärt sich leicht aus der Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze. Übrigens waren sie zumeist Deutschböhmen und bereits in Sachsen naturalisiert. Unter den Sachsen überwog wieder das eingeborene Element, geborene Chemnitzer, oder aus der nähern und weitern Umgebung der Stadt, oder wenigstens aus dem Erzgebirge und Vogtlande.[*] Aus den übrigen drei sächsischen Kreisen war die Zahl der Eingewanderten verhältnismäßig gering, kaum 15 bis 20 Prozent. Dagegen war das einheimische Element in der Chemnitzer Wirk- und Webindustrie viel stärker als bei uns, im Gegensatz wieder zum Baugewerbe, wo die Österreicher, speziell die tschechischen Arbeiter, ein überraschend großes Kontingent stellten.
Über das Einkommen meiner Arbeitsgenossen nun kann ich nicht ganz sichre Zahlenangaben machen. Denn ich habe sie selbstverständlich nur von den Leuten selbst und kann darum für ihre genaue Richtigkeit nicht bürgen. Es war ungemein schwer, hierüber die volle Wahrheit zu erfahren. Jeder suchte seinen Verdienst vor dem andern zu verheimlichen, der eine, der mehr verdiente, um durch seinen Lohn nicht in den Geruch eines Schleichers und Günstlings zu kommen oder die Mitarbeiter nicht zu einer gleichhohen Lohnforderung zu veranlassen; der andre, der weniger verdiente, aus Scham und Furcht vor dem Spott und der Hänselei unvernünftiger Mitarbeiter.
Die damaligen Löhne standen offenbar unter dem Drucke der verfehlten Maifeier und der nahenden MacKinley-Bill. Dann einmal wurden neu Eintretende mit niedrigerm Stundenlohn als der vorhergehende eingestellt, und dann wurde jede Bitte um Lohnzuschlag zurückgewiesen. Wer mit seinem bisherigen Verdienst nicht zufrieden war, wurde entlassen.