In der Zentralherberge pflegte uns ein junger Mensch abteilungsweise zu Bette zu bringen, hager, bleich, bartlos, in schäbiger modischer Kleidung, mit ungekämmtem Haar und einem Klemmer auf der Nase. Er redete nicht mit den Herbergsgästen, gab eine Art Hausknecht ab, putzte das Eßgeschirr und hing morgens die Betten zum Ausdünsten an die Luft. Man sagte, daß es ein früherer Handlungskommis wäre. Er machte einen unsäglich traurigen Eindruck; leider war er auch mir unzugänglich.

Deutliche sozialdemokratische Regungen habe ich unter dieser Wanderbevölkerung, wie auch erklärlich, bis auf einen Vorfall nicht wahrgenommen. Das war, als einer ein aus der Chemnitzer sozialdemokratischen „Presse“ früher einmal von ihm ausgeschriebenes Gedicht über die Maurer zum Gaudium aller und unter Neckereien des Maurers vorlas. Drei bis vier Mann schrieben es sich hernach ab.

Aber mein Herbergsaufenthalt war doch nur Mittel zum Zweck. Einen Teil jedes Tages benutzte ich darum, um, vielfach in Gesellschaft eines Westfalen, Arbeit in einer Fabrik zu suchen. Wir bekamen sie nirgends. Überall fanden eher Entlassungen als Neueinstellungen von Arbeitern statt. Die MacKinley-Bill warf schon damals ihre Schatten voraus. Außerhalb der Fabrik war auch für den gänzlich Fremden eher Arbeit zu finden. So konnte ich sofort bei einem Brunnenmeister antreten. Aber das war nicht mein Wille. Ich mußte, um meine Absicht auszuführen, in eine größere Fabrik.

So blieb nichts übrig, als mich doch einem Fabrikanten zu entdecken. Gleich die ersten, die ich anging, die Direktoren einer großen Maschinenfabrik, waren auf das Uneigennützigste bereit, meinen Wunsch zu erfüllen. Ich wurde als gewöhnlicher Handarbeiter eingestellt. Außer den beiden Herren, die mir strengste Verschwiegenheit zusicherten und ihr Versprechen treulich gehalten haben, wußte niemand sonst in der Fabrik, wer ich war. Auch sie behandelten mich, meiner Bitte gemäß, wie jeden andern Arbeiter.

Es ist hier der Ort, meine ehemaligen Arbeitsgenossen über die ihnen vielleicht auftauchende Besorgnis zu beruhigen, daß ich den Herren meine täglichen Beobachtungen in der Fabrik etwa mitgeteilt haben und ihr Zuträger gewesen sein könnte. Es war jedoch gleich bei meinem Eintritt in die Fabrik zwischen uns als selbstverständlich vereinbart worden, daß dies nicht geschehen dürfte. Zum Beweis, wie gänzlich unmöglich dies überhaupt war, führe ich an, daß ich nach meiner Einstellung nur noch einmal mit den Herren längere Zeit gesprochen habe. Das war, als ich mich von ihnen verabschiedete. Auch da haben wir uns nur über Arbeiterverhältnisse im allgemeinen unterhalten.

Ich wurde in der Abteilung für Werkzeugmaschinenbau beschäftigt und war einer Kolonne von fünf Handarbeitern zugeteilt, die überall da zugreifen mußten, wo Not am Manne war. Dadurch sah ich mich, was äußerst wertvoll für mich wurde, nicht an einen bestimmten Platz gefesselt, sondern hatte volle Bewegungsfreiheit und stets Gelegenheit, mich fast jedem der Hundertzwanzig mehr oder weniger zu nähern.

Es war schwere, mir ungewohnte Arbeit, die wir zu verrichten hatten. Da mußten eben aus der Gießerei gekommene Eisenteile der verschiedensten Form und Größe und oft viele Zentner schwer abgeladen, gewogen und zu den einzelnen Arbeitern sowie wieder zwischen diesen hin und her transportiert werden, je nachdem sie gerade zu bearbeiten waren. Dann hieß es ganze schwere Maschinen mittelst Krahnes und Walzen zum und vom Probiersaale schaffen, Maschinen aus einander nehmen helfen, ihre einzelnen beim Probieren ölig und schmierig gewordenen Teile wieder reinigen; dann wieder Kohlen holen, Eisenspäne wegfahren, diese und jene Bestellung machen. Mitunter wurde man auch aushilfsweise in der Schlosserei verwendet und hatte z. B. in starke Eisenteile Löcher von verschiedener Tiefe zu bohren. Wenn ich so in der ersten Zeit täglich fast elf Stunden mit der Handbohrmaschine, oft in der ungemütlichsten Haltung, liegend oder gebückt oder auf einer Leiter stehend gebohrt hatte, vermochte ich manchmal des Abends vor Schmerzen in den Armen kaum einzuschlafen.

Wir waren mit einem Worte die Diener für alle, auf jeden Wink, jedes Pst gewärtig. Selbst kleine Schlosserlehrlinge beehrten den Handarbeiter, freilich meist unter Protest der Ältern, mit Aufträgen. Häufig ging es von einem schweren Dienst zum andern; dann kostete es mich alle Kraft, hier auszuhalten. Heute bin ich froh, es durchgesetzt zu haben. Ich habe damit bewiesen, daß mein ganzes Unternehmen keine bloße Spielerei und Abenteuerei, sondern bitterer Ernst für mich war.

Aber es kamen auch bessere Zeiten: Stunden, halbe und ganze Tage, wo es nicht viel oder nur leichte Arbeit gab. Solche Zeit wurde von mir stets doppelt fleißig zum Verkehr mit meinen Arbeitsgenossen ausgenutzt. Dann ging ich von dem einen zum andern, und während dessen Maschine rasselte, lenkte ich unser Gespräch von dem zu jenem Gegenstande, worüber ich gern sein Urteil haben wollte. Oder ich hörte einfach zu, wo sich eine Gruppe gebildet hatte und sich eifrig über allerhand Fragen unterhielt, sich neckte oder stritt. Wenn ich einem oft eine Stunde lang etwa eine eiserne Welle oder einen Hebel halten oder sonstwie zur Hand sein mußte, so war das für mich stets erwünschte Gelegenheit, seine Gesinnung, seine Ansichten zu hören. Ja fast jede gemeinsame Arbeit, jede Handreichung bot so günstigen Anlaß zu interessanten Studien. Ich machte aus meiner religiösen Überzeugung kein Hehl, und das rief den Widerspruch hervor. Ich ließ erkennen, daß ich über manches nachgelesen und nachgedacht hatte, und das wurde für viele die Ursache, die verschiedensten und mitunter wunderlichsten Fragen an mich zu richten. Bald hieß ich der „Doktor,“ der „Professor.“ Einer meinte, an mir wäre ein Pastor verloren, ein andrer hielt mich für einen heruntergekommenen Studenten, ein dritter machte mir Aussicht, einmal Reichstagsabgeordneter zu werden. Daß irgendwem eine richtige Ahnung von meiner Person und meinen Plänen aufgegangen ist, glaube ich trotz alledem nicht, habe jedenfalls keinen Anhalt dafür, es anzunehmen. Der Gedanke, daß ein Gebildeter selbst nur auf Zeit auf allen Komfort, seinen Beruf und seine immerhin hohe Lebensstellung freiwillig und um ihretwillen verzichten könnte, kam den Leuten nicht, war für sie wohl einfach undenkbar.