Ich fragte sie, was sie wohl dächten, ob ich zu jetziger Zeit in Chemnitz Arbeit in einer Fabrik bekommen könnte. Sie hielten das für wohl möglich, der Schneider jedoch nicht, und mit Recht, wie es sich hernach zeigte. Er riet mir vielmehr, in das Zwickauer Kohlenrevier zu gehen und unter der Erde Arbeit zu suchen.

Das thun viele, die keine Arbeit hier bekommen, sagte er sehr bezeichnend. Aber freilich ist es kein Zuckerlecken. Es ist der letzte Ausweg, aber besser als Hungern.

Er schlug mir vor, morgen mit einander ins Vogtland hinein zu wandern. Jedoch gegen drei Uhr nachmittags ging er plötzlich weg und ward nicht mehr gesehen.

Ich vermißte ihn nicht mehr zu sehr. Ich hatte nun schon neue Freunde, zu denen ich mich hielt. Vor allem den Maurer und den Steinmetz, zwei kluge, stille und anständige Menschen, ohne jede Spur von der Roheit, die man so gern für den Arbeitertypus hält. Durch sie vor allem wurde ich auch mit den andern schnell bekannt und rasch in der ganzen Herberge heimisch.

Ich lernte bald drei bestimmte Klassen von Herbergsbesuchern unterscheiden. Die erste, wohl zahlreichste sind die jungen, siebzehn-, achtzehnjährigen Gesellen, die eben ausgelernt haben und sich gewöhnlich auf ihrer ersten Wanderschaft befinden. Sie sind mit Kleidung gut ausgestattet, meist auch mit Geld hinreichend versehen, kommen erst am Spätnachmittag in kleinen Trupps an, halten sich still und schüchtern von den übrigen zurück und bringen mit wenig Ausnahmen immer nur einen Abend und eine Nacht auf der Herberge zu.

Die zweite Kategorie setzt sich aus den eigentlichen „Kunden,“ den Bummlern von Profession zusammen. Sie sind im Durchschnitt nicht unter dreißig und oft über fünfzig Jahre alt, Säufer und vielfach Stammgäste einer oder mehrerer Chemnitzer Herbergen. Sie haben ganz bestimmte Reviere, die sie „abkloppen“ und dabei besonders die immer wieder freigebigen Geistlichen und Lehrer auf dem Lande mitnehmen, über deren Gutmütigkeit sie sich dann in der Herberge lustig machen. Mitunter arbeiten sie auch einmal halbe und ganze Tage: laden Steine ab, spülen Flaschen, tragen Kohlen ein u. s. f. Ich arbeite höchstens zwei Tage in der Woche, sagte einmal einer in einer andern, der verrufenen Maurerherberge, das ist genug und langt zum Leben. Die andern Tage lasse ich andre arbeiten. Ein Teil von ihnen stand bei dem Vorsteher der Herberge, dem „Vater,“ sichtlich gut.

Zwischen diese beiden ausgeprägten Klassen schiebt sich die dritte. Sie rekrutiert sich meist aus zwanzig- bis dreißigjährigen, kraftvollen Gestalten, die schon weit in der Welt herumgekommen sind, vielfach etwas Ordentliches gelernt haben und augenblicklich freiwillig oder unfreiwillig arbeitslos sind. Dehnt sich diese Arbeitslosigkeit lange aus, so stehen sie in der größten Gefahr, zu gewohnheitsmäßigen Bummlern herabzusinken, und sind dann der Gesellschaft meist für immer verloren. Ein besonders hervortretender Charakterzug an ihnen, wenigstens an denen, die mir begegneten, ist eine unerschütterliche Ruhe und Sicherheit und große Erfahrung.

Sonst sind am Orte in Arbeit stehende junge Leute, namentlich die häufig blau machen und ihre Arbeitsstätten oft wechseln, auf Stunden Gäste der Herberge, ohne sich jedoch mit den Wandernden besonders abzugeben. Sie hielten sich denn auch meist im vordern, reservierten, bessern Zimmer auf und wurden vom Herbergsvater gern gesehen.

Über acht Tage lang habe ich mich in dieser Zentralherberge herumgetrieben, meist auch die Nächte hier zugebracht, für mich fürchterliche Nächte in dem gemeinsamen Schlafraume mit schmutzigen, stinkenden Betten, Stickluft und vielem Ungeziefer. Auch in der Herberge zur Heimat übernachtete ich einmal; aber ich schlief auch nicht besser als dort. Doch ist seitdem ein andrer Hausvater eingezogen.