Über die Kleidungsverhältnisse meiner Arbeitsgenossen habe ich natürlich weniger zu sagen. In der Fabrik war die Kleidung selbstverständlich primitiv und schmutzig. Ein festes, wenn auch durch langen Gebrauch abgeschabtes, glänzig gewordenes Beinkleid, eine Weste und darüber ein blauer Leinwandkittel war das übliche Kostüm. Mit Vorliebe zog man in der Fabrik die Stiefel aus und Holzpantoffeln an. Wenn man die Stiefel anbehält, schmerzen die Füße nach dem elfstündigen Stehen und Gehen auf dem Ziegelpflaster zu sehr. Nur wenige arbeiteten mit unbedecktem Kopfe; die meisten trugen teils des herumfliegenden Staubes und Schmutzes wegen, teils aus alter Volksgewohnheit eine leichte billige Mütze oder den alten abgenutzten Hut, den sie auch auf den Gängen von und zur Fabrik aufhatten. Außerdem banden wir Handarbeiter und noch einige andre, die viel zu heben und zu transportieren hatten, noch eine aus altem Sackleinen meist selbst gefertigte Schürze vor. War es, wie an manchen Tagen des vergangenen Sommers, besonders heiß und darum trotz allen Wassersprengens, wozu dann drei Mann von uns kommandiert waren, erstickend dunstig in den mit schwitzenden Menschen erfüllten Räumen, so zog man gern die Westen aus, krempelte die Ärmel der Bluse hoch auf und schlug vorn Hemd und Bluse weit zurück, daß die Brust weit offen lag. Unterbeinkleider trug man selten, dagegen meist wollene Strümpfe und wollene bunte Hemden; bunte Leinenhemden sah ich wenig, ganz vereinzelt grobe weiße nur bei einigen Tischlern und Zimmerleuten. Wollene Kleidungsstücke wurden überhaupt, wo es anging, mit Vorliebe sowohl von Männern wie von Frauen, auch ohne Professor Jägers Sanktion, doch in längst erprobter Kenntnis von dem, was richtig an seinem „System“ ist, getragen.

Es war allgemein Sitte, daß die üblichen blauen leinenen Blusen allwöchentlich gewechselt wurden, und es fiel geradezu auf, wenn Montag morgens einer wieder die altwaschene mitbrachte. Nur ein bestimmter Arbeitsanzug aus starkem blauem englischen Lederstoff, den man bei einem einhändigen Expedienten unsers Büreaus mit Erlaubnis der Direktoren auf Abzahlung billig und preiswert kaufen konnte, der schwer zu waschen war und auch nicht so leicht schmutzte, wurde länger, zwei bis drei Wochen ohne Anstoß getragen.

So alt und bleiglänzig auch die ganze Kleidung meist war und sein mußte, so wurde doch durchschnittlich darauf gehalten, daß sie nicht zerrissen war. Wo das der Fall war, namentlich bei Verheirateten, wurde es gar wohl bemerkt. Man machte mich bei ein paar solchen Leuten geradezu darauf aufmerksam mit den halb entschuldigenden, halb bedauernden Worten: „Na, es kann ja auch nicht anders sein; seine Frau ist eben eine Schlumpe.“

Nur wenige befolgten bei uns die Sitte, die nach Erzählungen einiger junger Schlosser in Berlin unter den jungen Leuten mit gutem Verdienste sehr üblich sein soll, daß man nach Schluß der Arbeitszeit gleich in der Fabrik das Arbeitszeug aus und gutes anzog; die meisten von uns gingen im Arbeitsanzuge nach Hause, über die blaue Bluse nur einen alten ehemaligen Rock oder eine Jacke gezogen, den Blechkrug, in dem man sich gewöhnlich morgens Kaffee mitbrachte, in der Hand. Ab und zu kam es aber doch vor, daß man wenigstens die Beinkleider wechselte oder doch während der Arbeit über die bessern leinene blaue zog.

Das gerade Gegenteil dieser eben geschilderten Werktagskleidung pflegte der Sonntagsanzug zu sein. Dieser war fast bei allen höchst anständig und modisch, oft so sehr, daß ich viele der Arbeitskollegen nicht wieder erkannte, als ich sie zum erstenmale des Sonntags sah. Namentlich die jungen, unverheirateten legten den größten Wert auf diese Sonntagskleidung. In dem einen der besten Säle, wo Sonntag abends junge Offiziere in Zivil, Referendare, Kaufleute, Handwerker und Fabrikarbeiter mit eleganten Ladenmädchen und vornehm gekleideten Dirnen zum öffentlichen Tanz zusammen zu sein pflegten, waren sie in den meisten Fällen von ihren Tanzgenossen aus höhern Regionen kaum, höchstens an den größern, derbern Händen und dem Mangel eines Klemmers zu unterscheiden. Ebenso ließen es auch die Verheirateten nicht an Schmuckheit in der Sonntagskleidung fehlen. Aber es trat dies Streben bei diesen doch natürlich und desto mehr zurück, je besonnener, sparsamer, schlichter einer war, je größere Familie er hatte, je mehr er auf sie hielt und wendete; auch trug sich immer derjenige, der vom Lande war oder wohl gar noch dort wohnte, selbstverständlich nicht so modisch wie der Städter und Vorstädter. Gleichwohl war auch unter ihnen auf diesem Gebiete die Nivellierung weit vorwärts geschritten. Rote Schlipse und jene gewaltigen Turnerhüte, die einen so unsäglich komischen Eindruck namentlich auf Köpfen mit noch ganz jugendlichen bartlosen Gesichtern machen, waren weniger in Gebrauch, als man annehmen sollte. Abschließend ist zu sagen, daß sich fast alle über ihre Verhältnisse hinaus gut kleideten. Was sie dieser spezifisch sächsischen Neigung opferten, sparten sie sich dann am Essen, am Leibe ab.

Über die Ernährungsverhältnisse der Arbeitsgenossen ist nun manches zu sagen. Zunächst: wir hatten in der Fabrik nur zwei Eßpausen. Früh 8 bis 8 Uhr 20 Minuten war Frühstückszeit, 12 bis 1 Uhr Mittagszeit. Sonst wurde die beinahe elfstündige Arbeitszeit, von früh 6 bis abends 6 Uhr nicht unterbrochen. Nachmittags 4 Uhr durften allein die Lehrlinge ein halbstündiges Vesper machen; wer von den übrigen Bedürfnis hatte, aß mitten in der Arbeit ein paar Bissen. Die früher allgemein übliche Vesperpause war unter Billigung der Leute beseitigt worden, sodaß sie schon um 6 Uhr Feierabend haben konnten.

Das Frühstück wurde von beinahe allen in der Fabrik selbst eingenommen; nur wenige, die in allernächster Nähe wohnten, gingen dazu nach Hause. Wenige setzten sich auch in den der Fabrik benachbarten Budikerladen, wo man guten Käse billig kaufte und in der vollgepfropften Wohnstube des Besitzers oder in dem Laden zum mitgebrachten Butterbrot verzehrte. Einigen andern brachten auch die Frauen das Frühstück oder schickten es durch die Kinder, meist mit peinlicher Pünktlichkeit.

Die allermeisten aber nahmen das bereits am Morgen mitgebrachte Brot in der Fabrik ein. Hier verteilte man sich nun dabei ganz nach freiem Belieben. Sobald das Wetter einigermaßen schön war, setzte man sich ins Freie, d. h. in den geräumigen Fabrikhof, an den Lattenzaun, der ihn von einer vorüberführenden Eisenbahn trennte. Aus alten Kisten, Brettern, Eisenteilen baute man sich da schnell seinen Sitz. Ein Teil frühstückte auch im Speisesaale, einem großen, hellen Raum zu ebener Erde, mit nüchternen, kahlen Wänden, langen hölzernen Tischen und Bänken, einem Wärmeofen und dem Schanktisch des Kantinenverwalters, der zugleich der Kutscher der Fabrik war. Junge Schlosser blieben wohl auch gleich an ihrem Arbeitsplatze und ließen es sich da schmecken.

Das ganze Frühstück ging ohne viel Umstände vor sich; an vorheriges Toilettemachen war natürlich nicht zu denken. Die Kürze der Zeit verbot selbst eine gründliche Reinigung der schwarzen Hände am Waschtroge. So begnügten wir uns damit, sie an der selbst schmutzigen Schürze, an Putzfäden, Sägespänen oder sonst etwas flüchtig abzuwischen. Ich kann nicht sagen, daß uns das den Appetit auch nur im geringsten verdorben hätte, der gerade um 8 Uhr bei allen stark vorhanden war. Es schmeckte uns allen niemals besser als bei diesem zweiten Frühstück, nach zweistündiger Morgenarbeit.

Es wurde sehr stark gegessen: ein großes Butterbrot und stets etwas dazu, Wurst, rohes Fleisch, Käse, ab und zu gekochte Eier, saure Gurken. Je weiter der letzte Lohntag zurücklag, desto mehr herrschte der Käse vor. Und die Zukost war außer bei den Handarbeitern und andern mit besonders wenig Verdienst und vielen Kindern gesegneten reichlich und immer gut bemessen. Stets auch wurde dazu etwas getrunken, was infolge unsrer Beschäftigung eben so notwendig war wie gutes Essen. Man trank gleich häufig kalten oder warmen Kaffee oder Buttermilch, ein bei der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung allgemein beliebtes, eben so nahrhaftes als billiges Sommergetränk. Nur in seltenen Fällen habe ich beobachtet, daß die Wohlhabendern sich auch bairisch Bier leisteten, und dann auch nur in den ersten Tagen nach der Löhnung. Dagegen war der Genuß von einfachem Bier, wovon die Flasche sieben Pfennige kostete, in stetem Zunehmen und verdrängte immer mehr und mehr den Schnapsgenuß. Eine Hauptursache dazu ist wohl die Erfindung des allbekannten Patentverschlusses gewesen. Denn der Arbeiter, der früher die Schnapsflasche in der Tasche hatte, nimmt jetzt die ebenso transportable Bierflasche mit. So wird eine kleine technische Erfindung von großer sozialethischer Bedeutung — hier einmal in günstigem Sinne — und wirkt mehr als viele moralisierende Reden und andre Reformversuche.